Mit erhobenem Zeigefinger gegen gerechte Sprache

Barbara Marti © zvg

Barbara Marti /  Selbst renommierte Medien machen mit Emotionen Stimmung gegen gerechte Sprache. Auf der Strecke bleiben sachliche Argumente.

Beispielhaft ist der Artikel «Die neue Sprachdiktatur» von Redaktor Christoph Zürcher, der diesen Sommer im Magazin der Sonntagsausgabe der «Neuen Zürcher Zeitung» erschienen ist. Zürcher kritisiert den Genderstern, meint aber, dass die Welt damit «tatsächlich viel weiblicher» werde. Doch dann hebt er den Zeigefinger: Wenn es statt Sexist Sexist*in heisse, sei dann auch der «weibliche Opferstatus» dahin. «Was viele Frauen noch nicht ganz realisiert zu haben scheinen: Mit mehr Macht kommt auch mehr Verantwortung.»

Pauschale Diffamierung

Zürcher outet sich damit als Mann, der meint, Frauen die Welt erklären zu müssen (Mansplaining). Mit «Sprachdiktatur» übernimmt er ein emotionales Schlagwort der Gegner gerechter Sprache und ist damit typisch für eine Vielzahl ähnlicher Artikel, die meist aus den Tastaturen von Männern stammen und die Vorschläge «der» Feministinnen oder «der» Frauen pauschal diffamieren. 

Differenzen

Eine sachliche Auseinandersetzung mit gerechter Sprache würde zum Beispiel darüber informieren, dass Kritikerinnen und Kritiker des generischen Maskulinums nur das Anliegen eint, mehr Menschen sprachlich sichtbar zu machen. Über das Wie gehen die Meinungen weit auseinander. Einige Feministinnen lehnen beispielsweise den Genderstern ab, wenn er das Femininum in drei Teile zerreisst und damit die weibliche Form zum Anhängsel macht (Sexist*in). Das führt zu Kontroversen mit queeren Menschen, welche die renommierte Linguistin Luise F. Pusch kürzlich in der «Emma» beschrieben hat: «Die Benutzung des Binnen-Is oder des Gendersterns wird zur Zeit immer mehr zum Bekenntnis für das eine oder andere Lager, hier die feministische, dort die Queer-Bewegung. Aus Sprachpolitik ist Identitätspolitik geworden. Ich finde, die beiden Protestbewegungen sollten zusammenarbeiten – aber vielleicht ist das politisch naiv angesichts zunehmender Beschimpfung mit der Keule ‘transphob’ gegen feministische Anliegen wie Schutzräume für Frauen gegen Männergewalt.» 

Feministische Kritik am Genderstern

Pusch meint, dass auch queere Menschen ein Recht auf sprachliche Sichtbarkeit haben, dass dies aber nicht auf Kosten des Femininums gehen darf. «Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es viele Möglichkeiten. Der Genderstern ist okay, sofern er nicht das Femininum in drei Teile zerreisst: männlicher Wortstamm, Genderstern, weibliche Endung. Dass wir Frauen in solchen Gebilden mit der Endung abgespeist werden sollen, ist unakzeptabel.» Pusch schlägt schon länger das generische Femininum vor, das Männer mit meint. Das generische Maskulinum könne man allenfalls beibehalten: «Die Sprachbenutzerinnen können wählen zwischen beiden Generika und sich damit als Konservative oder als Progressive outen.» Zweitbeste Lösung ist für Pusch das grosse I (SexistIn), weil es dem generischen Femininum am nächsten komme. 

Status Quo verteidigen

Das Beispiel zeigt: Es gibt unterschiedliche Vorschläge für gerechte Sprache. Doch renommierte Medien wie die NZZ scheint dies nicht zu interessieren. Es ist halt bequemer, den Status Quo zu verteidigen, alles in einen Topf zu werfen und diesen mit emotionalen Schlagworten zu garnieren.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Die Autorin ist Herausgeberin und Redaktorin der Online-Zeitschrift FrauenSicht.
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