Kommentar
kontertext: Utopisch denken wäre so einfach
Dichtung kann Bilder, die von Medien inflationär gebraucht werden, durch neue Kombinationen, durch archivarische Sprachsondierung so arrangieren, dass für andere Realitäten sensibilisiert wird, dass sich etwas eröffnet, was man so noch nie gesehen, nie so wahrgenommen hat.
Oder auch aufdecken, vermeintlich sinnwidriges, unterschwellig Gärendes, um Störungen zu sichten und zu verdichten. Was daran ist utopisch?
Utopisches Denken sei letztlich eine Abfolge von Status quo und Wunschrealität, zwei Ebenen, die parallel zueinander verlaufen, sich teils gegenseitig auslöschen, dann wieder voneinander absetzen, sich polarisieren, fokussieren, ja, die utopische Lyrik sei wählerisch. So schreibt Björn Hayer, der Literaturkritiker und Herausgeber des Lyrikbandes «Aus einer geschützten Ecke heraus / läßt du den Raum entstehen». Er selbst habilitierte sich 2020 mit dem Thema: «Utopielyrik. Möglichkeitsdimensionen im poetischen Werk».
Lyrik muss nicht plotten
Was die Prosa ausformulieren muss – sie wird neuerdings regelrecht dazu gedrängt oder entspricht Trends und einem gesellschaftlichen Bedürfnis, utopische Gesellschaftsentwürfe zu plotten –, darf die Lyrik bloss andeuten. Leserinnen und Lesern wird überlassen, eigene Utopien anzudenken und ihre individuellen Möglichkeitsräume zu erweitern. Doch offenbar scheint es leichter, sich in düstere Aussichten zu flüchten, die derzeit in sämtlichen künstlerischen Disziplinen ausgereizt werden. So findet sich denn auch viel Dystopisches in dieser Lyrik-Anthologie, und Kurt Drawert bleibt bloss zu konstatieren: «Die Tage verbrennen sich selbst / Es bleibt (wirklich) fast nichts übrig.»
Wie können sich Verlustängste zu Optimismus aufschwingen? Wenn der Abgesang einem im Hals stecken bleibt (Thomas Weiss)? Denn wer kennt schon die Mittel zur Schmerzlinderung, nur weil er den Schmerz kennt? Nathalie Schmid zweifelt, denn was wird, wenn alles zusammenfällt, kein Milan mehr über dem Feld kreischt und: «man sich fragt was war / was das letzte wort war»? Damit schlägt sie gleichsam einen Bogen zurück zu einem Anfang, der ein Versprechen barg.
Geschattete Utopie
Die Utopie in diesem Band ist vielfarbig und geschattet. Kapitel wie «Melancholie als utopischer Quell» oder «Vom Dazwischen zum Ort» sind weniger strukturierend als thematisch einsammelnd. Neben brutalen Dystopien steht die Suche nach einem Sehnsuchtsort, der eben aus einer Ecke heraus, aus der Distanz beobachtet, beschrieben wird – abgeschrieben wird, wie bei Marion Poschmann. Oder Sozialutopisches wird entworfen, wenn die Kassiererin eines Supermarkts sich zur Königin des Scherenschnitts aufwirft, denn nichts anderes sind die Barcodes, und die Welt ist ausser Rand und Band, schreibt Ulrike Almut Sandig. Bestenfalls lässt sich aus Beständen, z.B. in Bibliotheken, etwas herausfiltern, weiterführen, wenn Vergangenes gärt und kompostiert.
Utopie muss im Anthropozän notwendigerweise vor dem Hintergrund von Klimakrise, Umweltzerstörung, Artensterben entfaltet werden. Nur wie, um nicht als plakative Forderung zu ermüden? Zwar erobern Flora & Fauna die Welt zurück in Silke Scheuermanns «Skizze vom Gras», und doch brechen Realitäten immer wieder ein, glücklicherweise ist das Gras nicht nachtragend. Wenn die Welt horizontal gedacht wird, wäre sie dann vielleicht noch zu retten? Was bleibt: ein letzter vorzeitlicher Fisch (Mirko Bonné) oder ein letztgültiger Aufbruch, ein Wind im Bug eines Schiffs (Esther Kinsky).
Das Ineinander von Utopie und Dystopie
Können Utopie und Dystopie zusammengehen? Ein Ineinander sei zu erkennen, so der Herausgeber, auch wenn die Utopie gelegentlich ins Ideologische und Autoritäre abgleitet, holen die inszenierten Dystopiefantasien sie wieder zurück. Wer schliesslich das Schlechtmöglichste zu erkennen vermag, könnte immerhin dazu beizutragen, schon in der Gegenwart Neujustierungen vorzunehmen, um die grosse Tragödie zu verhindern. Denn «hoffnungschlimmer» geht es immer (Manon Hopf). Dann besser gleich gar nicht geboren werden, so Nancy Hünger, damit die fünf ungeborenen Töchter nicht fragen können, was versäumt wurde. «… hast du alberne Gedichte geschrieben / und die Tage am Schreibtisch verwaltet»? Dennoch bietet sich gerade diese Lyrikanthologie an, richtiggehend durchgeackert zu werden, um sich die sprachlichen Möglichkeiten der lyrischen Utopie zu erschliessen.
Die Möglichkeiten des Konjunktivs
Doris Runge reizt beispielsweise diese Möglichkeiten mit der konsequenten Verwendung des Konjunktivs aus. Auch andere suchen nach weiter greifenden Formulierungen, so gilt es, besser dünne Fäden zu knüpfen, statt Bündnisse glatt zu bügeln (Alexander Graeff). Geradezu genial, so einfach wie bestechend, ist das Denken in Alternativen nach dem Erzählprinzip was-wäre-wenn in Dominik Dombrowskis epischem Gedicht «Die Entfaltung». Steht am Anfang der Wunsch, keinen Stein mehr ins Rollen zu bringen – womit der Dichter womöglich die daoistische Vorstellung vom Wu Wei, dem Nichtstun insinuiert –, kann sich das lyrische Ich dem Handeln doch nicht verweigern: Es schlendert eine Strasse entlang, sieht zwei Schnecken, geht weiter, bleibt abrupt stehen und trägt in der Pose eines Marionettenspielers die Tiere in eine Baulücke, vermutlich eine Brache. Dreht sich um, sieht einen Lieferwagen heranfahren, unter dessen Reifen die Schnecken zermalmt worden wären, hätte er sie nicht gerettet. So allerdings gibt es weder das Krachen der zermalmten Schneckenhäuser und also auch die Zerstörung nicht, weil jemand einfach innehielt, umgekehrt ist, sich hineindenkt in die Zukunft einer Welt und weiter überlegt, was denn gewesen wäre, wenn der schnauzbärtige, Braunauer Choleriker nicht von der Wiener Kunstakademie abgelehnt worden wäre, er hätte die Ärsche der Welt gemalt, so what? Denn «die Wirklichkeit / kann ja auch eine Träumerei sein».
So einfach könnte es sein. Zurückgehen, etwas anderes denken, ausprobieren – denn Unmöglichkeit ist nur ein Wort.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Alice Grünfelder ist Schriftstellerin, Übersetzerin, Lektorin und sitzt neuerdings am liebsten nur da (发呆) und schaut den Wolken zu.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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