Schweizer Treibhausgas-Inventar: Sprunghafte Froschperspektive © J.I./flickr
im Millionen ttonnen CO2-Equivalent © Bafu

Wie Frosch und Storch den Klimawandel sehen

Hanspeter Guggenbühl / 16. Apr 2020 - Das klimapolitische Ziel 2020 ist greifbar. Das ist die Froschsicht. Frösche sind sprunghaft. Wohin aber fliegt der Storch?

«Schweizer Treibhausgasemissionen 2018 nur leicht gesunken.» Unter diesem Titel publizierte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) gestern Mittwoch sein neustes Inventar und prophezeit am Schluss der dazu verfassten Medienmitteilung etwas gewunden: «Basierend auf dem Treibhausgasinventar 2018 geht das Bafu davon aus, dass die Schweiz, bei gleichbleibendem Trend, ihr Reduktionsziel gemäss CO2-Gesetz von minus 20 Prozent Treibhausgasausstoss bis 2020 gegenüber 1990 insgesamt verfehlen wird.»

Die Frosch- und die Storchensicht

Beim neusten Inventar handelt es sich um den jährlich erscheinenden Etappenbericht. Er zeigt und bewertet die Entwicklung der Emissionen von CO2 und weiteren klimawirksamen Gasen in der Schweiz vom Ausgangsjahr 1990 bis zum Jahr 2018 (siehe gelbe Säulen in obiger Grafik), immer gemessen am Ziel im Jahr 2020. Das Ziel (blaue Säule) steht im CO2-Gesetz und lautet, die Treibhausgas-Emissionen müssen 2020 um 20 Prozent unter das Niveau von 1990 sinken.

Das Zwischenresultat fürs Jahr 2018 zeigt nun: Der Ausstoss aller Treibhausgase hat gegenüber 1990 erst um 13.6 Prozent abgenommen. Um das Ziel im Jahr 2020 zu erreichen, bleibt also noch eine Differenz von 6,4 Prozent. Diese Lücke lasse sich «bei gleichbleibendem Trend» nicht schliessen, erwartet also das Bafu. Soweit handelt es sich um die kurzfristige Froschsicht.

Das nationale CO2-Gesetz orientiert sich an der globalen Anforderung, welche die Regierungen 2015 an der Klimakonferenz in Paris beschlossen, nämlich: Die weltweite Klimaerwärmung ist auf «weniger als 2 Grad, möglichst auf 1,5 Grad» zu begrenzen. Um diese Forderung zu erfüllen, so zeigen die Resultate der Klimaforschung, muss die Menschheit ihre klimawirksamen Gase stetig und steil senken, bis spätestens 2050 auf Null. Diese übergeordnete globale Perspektive (die der Bundesrat unter dem Druck der nationalen «Gletscherinitiative" ebenfalls übernommen hat) nenne ich hier, um beim Bild zu bleiben, die Storchensicht.

Wenn der Corona-Virus den Frosch pickt

Bleiben wir vorerst bei der pessimistischen Froschsicht des Bafu. Beim vorausgesetzten «gleichbleibendem Trend» dürfte das Ziel 2020 tatsächlich verfehlt werden. Doch das Bafu lässt ausser Acht, dass der Frosch sprunghaft ist – etwa dann, wenn ihn ein Virus pickt. Konkret: Die aktuellen Massnahmen gegen die Corona-Epidemie dürften der Schweizer Wirtschaft im laufenden Jahr eine happige Rezession bescheren. So rechnet die neuste Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einem Rückgang des Schweizer BIP um sechs Prozent.

Damit dürften Energiekonsum und CO2-Ausstoss, die erfahrungsgemäss eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft sind, 2020 ebenfalls stark abnehmen. Ob das reicht, um die verbleibende Lücke von 6,4 Prozent Treibhausgasen gegenüber 2018 zu schliessen, wird sich erst im April 2022 zeigen, wenn das Inventar übers Jahr 2020 veröffentlicht wird. Doch schon heute lässt sich sagen: Dank Corona-Epidemie ist das Schweizer Zwischenziel 2020 – entgegen dem Trend und früheren Erwartungen – in greifbare Nähe gerückt.

Diese Froschperspektive ist allerdings wenig relevant, wenn es um langfristige Entwicklungen wie den Klimawandel geht. Denn der weitere Verlauf und die Ausbreitung der Corona-Epidemie sind aus heutiger Sicht schwer kalkulierbar. Verebbt die Epidemie schnell, kann der Frosch schon 2021 wieder zurück hüpfen – und den kurzfristigen Rückgang der Treibhausgase ganz oder teilweise kompensieren.

Wohin aber fliegt der Storch? Zwei Wege in die Zukunft

Relevant für den Wandel von Wirtschaft und Klima ist deshalb die übergeordnete Entwicklung – oder mit dem Bild aus dem Tierreich: Wohin leiten die Sprünge des Frosches den Flug des Storchs? Zwei völlig unterschiedliche Wege, hier kurz und damit zwangsläufig unvollständig skizziert, stehen offen:

1. Durchstarten: Die Epidemie flaut ab. Die Regierungen heben die Einschränkungen schnell auf und kurbeln die Wirtschaft mit Subventionen, Förderprogrammen sowie lockerer Geldpolitik wieder an. Die Haushalte holen den Konsum nach, der ihnen während den Epidemie-bedingten Beschränkungen verwehrt blieb, oder den sie aus Angst vor dem Virus unterliessen. Umweltgesetze werden nicht verschärft oder sogar verwässert mit dem Argument, man dürfe die Aufholjagd der Wirtschaft nicht bremsen. Weil die Förderung der Wirtschaft mit Schulden erkauft wird, investieren Staat und Private weniger Geld, um die Energieeffizienz zu steigern oder auf erneuerbare Energie umzusteigen. Der Umwelt- und Klimaschutz bleibt damit auf der Strecke.

2. Neue Wege: Die Behörden lockern die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beschränkungen langsam. Sie entschädigen zwar Firmen und Bürger, die wirtschaftlich unverschuldet in Not gerieten, aber sie verzichten auf zusätzliche Massnahmen, um das Wachstum der Wirtschaft zu fördern und zu subventionieren. Der zunehmenden Arbeitslosigkeit begegnet die Politik mit allgemeinen Arbeitszeit-Verkürzungen sowie der Förderung von Teilzeitarbeit. Ökonomen entwickeln Modelle, welche die Wirtschaft vom Wachstumszwang befreien. Konsumenten und Bürgerinnen haben die Qualitäten eines geruhsameren Lebens erkannt, das ihnen der Staat vorübergehend aufgezwungen hat, und setzen dieses geruhsamere Leben freiwillig fort. Sie geniessen die Musse, konsumieren weniger, sparen mehr und sorgen damit vor, statt von der Hand in den Mund zu leben. Damit bleibt auch mehr Geld übrig, um den schnellen Umstieg auf eine weniger umweltbelastende Wirtschafts- und Lebensweise zu finanzieren.

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Wehret der «Verzichtskultur»!

hpg. So schön und leicht, wie ich sie hier in einigen Sätzen hingepinselt habe, sind die Neuen Wege selbstverständlich nicht. Die Wirtschaft warnt bereits vorsorglich davor, solche Wege zu begehen. Das illustriert etwa ein Blog-Beitrag, den Kurt Lanz, Umweltbeauftragter und Geschäftsleitungs-Mitglied der Wirtschaftsorganisation Economie-Suisse, am 9. April unter dem Titel «Besseres Klima dank Corona» veröffentlichte.

Einleitend bestätigt Lanz zwar die ungewollt positive Wirkung der Epidemie mit den Worten: «Indem das Corona-Virus das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben lahmlegt, trägt es zu einem besseren Klima bei – », schränkt aber im gleichen Satz schon ein, «allerdings auf eine Art und Weise, wie wir es lieber nicht möchten.» Seinen Text beendet Lanz mit einer Absage an jegliche Verhaltensänderungen, für die er typischerweise das negativ besetzte Wort «Verzichtskultur» verwendet.

Nachstehend eine Leseprobe seiner Argumentationslinie, die uns in den nächsten Monaten wohl oft begleiten wird: «Wenn die Corona-Krise irgendwann überstanden ist, der Wirtschaftsmotor wieder läuft und die Leute wieder ihrem gewohnten Lebensstil nachgehen, werden die Emissionen wieder ansteigen. Damit werden auch die grossen Forderungen in der Klimapolitik wieder auf den Tisch kommen (…) Der Absenkpfad bezüglich CO2-Emissionen bleibt entsprechend auf der Agenda und auch die Wirtschaft wird sich nach der Krise wieder verstärkt diesem Ziel widmen – und gleichzeitig einer Verzichtskultur entgegenwirken.»

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Weitere Beiträge zum Thema auf Infosperber:

- "Schweizer Klimaziel 2020: Vom Verlauf der Epidemie abhängig"

- "Wie die Epidemie den Stromkonsum und CO2-Ausstoss senkt"

- DOSSIER: "Die Klimapolitik - kritisch hinterfragt"

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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4 Meinungen

Die Kinder des Storches werden die Folgen der Coronakrise einzig und allein so beurteilen: Wurden neue Wege gefunden oder haben sich die Ewiggestrigen schon wieder auf der ganzen Linie durchgesetzt.
Stefan Hugi, am 16. April 2020 um 12:22 Uhr
Das Geschwätz vom Wachstum

Von Markus Zimmermann-Scheifele, CH 6047 Kastanienbaum, 19. 2. 2007
in Anlehnung an das gleichnamige Buch von U. P. Gasche und H. Guggenbühl

Wenn uns’re Wirtschaft gut floriert,
Läuft die Gesellschaft wie geschmiert
Und jeder will vom grossen Kuchen
Das beste Stück für sich aussuchen.

Es tönt der Ruf nach Wachstum laut.
So werden „Links“ und „Rechts“ vertraut.

Wir setzen Wachstum uns als Ziel
Und denken aber gar nicht viel
Darüber nach, was Wachstum bringt,
Was für Ressourcen es verschlingt.

In dem begrenzten Lebensraum
Ist ew’ges Wachstum nur ein Traum.

So steuern wir gerad’wegs los
Auf ein gewaltiges Chaos,
Wenn wir uns nicht sehr bald besinnen
Und diesem Wachstumszwang entrinnen.

Es ist das alberne Geschwätz
Vom ew’gen Wachstum wirklich lätz(1).


(1) schweizerisch für falsch
Markus Zimmermann, am 16. April 2020 um 20:54 Uhr
Guter Artikel, pragmatisch das Für und Wider beleuchtend.
Aber: die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich mach mir nichts vor, aber trotzdem bleibe ich optimistisch, auch wenn nur 10% der Bevölkerung in Europa und weltweit die Chancen von Corona begreifen und das kann sich exponentiell ausbreiten, kann es in die Richtung gehen, die Natur und Umwelt heilen von den Schäden, die schon seit Jahren zerstörerisch wirken. Vertrauen wir ganz einfach auf die höheren Mächte, die unsichtbar helfen und für die menschlich gezählte Jahre irrelevant sind, seit ewigen Zeiten.
Annalisa Gehring, am 17. April 2020 um 01:07 Uhr
Ob Sicht Frosch oder Sicht Storch, Herr Guggenbühl, die steuernde und handelnde Kraft ist in Ihren Szenarien immer «die Politik». Aber wer ist «die Politik"? Frosch: Economy Suisse, Ruedi Noser & Co. Storch: Trump, EU, Johnson, Orban & Co. Corona könnte ja nun bewirken, dass wir Bürger diese «Politik» auswechseln müssen. Mit einer «Politik» die die Exponentialfunktion versteht und beherzigt, die versteht, dass schwerölgetriebene Riesenliner und Safaris kein Menschenrecht sind. Politiker, die verstehen, dass der Mensch die einzige Spezies ist, die den Planeten gefährdet. Und das wichtigste: dass Politiker zur gleichen gefährlichen Spezies gehören. Steht alles im Büchlein von Ihnen und Hr. Gasche! Wie lange schon?
Walter Schenk, am 17. April 2020 um 11:57 Uhr

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