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Ein neues Rezept gegen das Rindvieh als Klima-Sündenbock

Christa Dettwiler / 26. Mai 2020 - Ein Schweizer Unternehmen bringt einen Futterzusatz für Rinder auf den Markt, das den Methan-Ausstoss erheblich verringert.

Mit einem Scanner in der Hand wartet die Wissenschaftlerin für Tierernährung Deepashree Kand darauf, dass die englische Kuh mit Namen Peaches rülpst. Die Tierfutter-Forscherin Kand ist im Auftrag des Schweizer Agritech-Unternehmens Mootral unterwegs. Auf der Brades-Farm nahe dem Lake District will sie herausfinden, ob der von Mootral entwickelte Futterzusatz, beziehungsweise das «Ergänzungsfuttermittel» den Ausstoss von Methan bei Nutztieren verringern kann.

Methan ist eines der treibhauswirksamsten Gase. Wären Rinder ein Land, stünden sie an sechster Stelle der weltgrössten Treibhausgas-Emittenten, noch vor Brasilien, Deutschland und Japan. Das besagen Daten des unabhängigen Forschungsunternehmens Rhodium Group.

Futterzusatz senkt Methan-Ausstoss um bis zu einen Drittel

Das Problem der rindviehbedingten Treibhausgase ist seit Jahren bekannt. Die Entwicklung einer umweltverträglichen und finanzierbaren Lösung läuft auf Hochtouren. Das Forschungsziel: Ein Futterzusatz, der die Verdauungschemie der Kühe verändert und den Ausstoss von Methan verringert. Das in Waadtländer Rolle ansässige Unternehmen Mootral ist an vorderster Front dabei: Es hat einen Futterzusatz in Form eines Wirkstoffpulvers entwickelt, das aus Knoblauch und Flavonoiden aus Zitrus besteht, und dem normalen Futter beigemischt werden kann. Die Resultate sind vielversprechend. Der Futterzusatz senkt den Methan-Ausstoss nach Angaben von Mootral um bis zu einem Drittel – abhängig von Alter, Rasse, Haltung und Fütterung der Tiere.

Angesichts der weltweit rund 1,4 Milliarden Rinder und der prognostizierten Zunahme um eine Milliarde bis 2050 wäre diese Abnahme nicht unwichtig. Jede Kuh stösst jährlich Methan aus, das einem Äquivalent von zwischen 1,5 und 2,5 Tonnen CO2 entspricht. Das ist etwa die Hälfte des CO2-Ausstosses eines Autos während eines Jahres.

Noch sind einige Fragen offen. So muss Mootral nachweisen, ob sein Produkt bei allen Viehrassen und unter verschiedenen klimatischen Bedingungen funktioniert. Dazu wird der bisherige Erfolg in gemässigten Zonen nun in heisseren Ländern überprüft. Auch muss getestet werden, ob das Mootral-Produkt auch bei Massentierhaltung funktioniert.

Gerhard Breves, Direktor des Instituts für Physiologie und Zellbiologie an der tierärztlichen Hochschule Hannover, hat einen der ersten unabhängigen Versuche mit Mootrals Produkt durchgeführt: «Als wir anfingen, war ich skeptisch. Doch ich kenne kein anderes Präparat, das einen derart signifikanten Effekt hat, ganz ohne negative Nebenwirkungen.»

Die Corona-Krise ist auch an Mootral nicht spurlos vorbeigegangen. Eine für März geplante Investitionsrunde musste aufgeschoben werden. Dennoch ist die New York Times überzeugt, falls es Mootral gelingt durchzuhalten, könnte sein Produkt eine der einfachsten und schnellsten Methoden sein, eine wichtige Treibhausgasquelle einzudämmen.

Die Aussichten für Mootral scheinen gut: So sollen im nächsten Jahr rund 300'000 Kühe den Nahrungszusatz einnehmen, 2024 sollen es 7,5 Millionen sein. Vorgesehen ist, dass Mootral seinen Zusatz für rund 50 Franken pro Kuh und Jahr auf den Markt bringen kann.

Vielleicht wird dann das Schule machen, was die Brades-Farm, wo die Kuh Peaches zusammen mit 400 Artgenossinnen lebt, bereits tut. Sie verfüttern den Mootral-Zusatz täglich zusammen mit dem normalen Futter. Der Zusatz macht rund ein Prozent der täglichen Futtermenge aus. Bauer Edward Towers vermarktet Fleisch und Milchprodukte mit dem Label «arm an Treibhausgasen» und verkauft sie als klimafreundliche Alternative überall in Grossbritannien. Auf der Milchflasche steht: «Less CO2W Burps». Zu deutsch: Weniger CO2W Rülpser.

Noch geheimer Zusatz in Dänemark

Die Firma Mootral ist nicht die einzige, welche an einer Nahrungsergänzung für das Rindvieh forscht. Im November 2019 erklärte Mette Olaf Nielsen von der Universität Aarhus (Dänemark) auf einer Landwirtschaftskonferenz in Herning: «Es gibt einen Stoff, den man dem Futter beifügen kann – und es gibt anschliessend überhaupt kein Methan mehr. Nichts!» Bisherige Versuche in einem Labor in Kopenhagen seien ausgesprochen vielversprechend verlaufen. Der Stoff, der noch geheim gehalten wird und deshalb auf der Konferenz nur «Substanz X» genannt wurde, soll laut der Forscherin bereits von der EU akzeptiert worden sein. Die EFSA, Europas Behörde für Lebensmittelsicherheit, habe ihn zugelassen. Doch marktreif sei das Produkt noch nicht.

Das grosse Problem der Massentierhaltung, Fleischkonzerne beziehungsweise des Fleischkonsums

Die Massentierhaltung trägt mit rund 15 Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. Bei der Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch fallen etwa gleich viele Treibhausgase an wie bei einer 200 km langen Autofahrt. Zwar ist der Methanausstoss aus Nutzvieh-Mägen hoch, aber die Emissionen rund um die Massentierhaltung fallen viel stärker ins Gewicht. So etwa die Emissionen, die mit dem Einsatz von Stickstoffdüngern bei der Futtererzeugung entstehen. Schwer wiegen auch die Abholzung von Wäldern, vor allem Regenwäldern, und die Trockenlegung von Feuchtgebieten, um Platz für Weiden oder Anbauflächen für Tierfutter zu schaffen. Dazu kommen der hohe Wasserverbrauch sowie Transporte rund um die Welt.

2019 ergab eine Studie des «Institute for Agriculture and Trade Policy» dass die fünf weltgrössten Fleisch- und Molkereikonzerne zusammen für mehr Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind als jeweils die drei grössten Ölkonzerne ExxonMobil, Shell und BP.

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8 Meinungen

Es dürfe ein grösseres Problem sein, diesen Futterzusatz auf die Weiden auszubringen.
Geht wohl nur bei Kraftfutter und somit sind wir wieder bei der Massentierhaltung.
Wieder so ein «klimafreundliches» Alibi.
Rudolf Lattmann, am 26. Mai 2020 um 11:09 Uhr
Das Problem liegt wie immer bei den Menschen, nicht bei den Kühen.
Eine Kuh kann nicht mehr Kohlenstoff in die Natur lassen, als sie zu sich nimmt. Solange Kühe nur Futter erhielten, dass in der Region wächst, in der sie leben, wären die Kühe kein Problem. Das Problem beginnt, wenn sie noch importiertes Soja und Kraftfutterverdauen müssen. Dass der Warentransport seine Klimakosten bei weitem nicht deckt, ist nicht das Problem der Kühe.
Ueli Feller, am 26. Mai 2020 um 15:36 Uhr
Noch 2018 hat Mette Olaf Nielsen diese Ergebnisse vorzeigen können: https://curis.ku.dk/portal/files/210015452/Poster_Seaweed_conference_HHHFINAL2.pdf
Fraglich ist nun wirklich, welches und ob ein Geheimprodukt nun zu einer hundertprozentigen Reduktion führen soll. Auch hoffe ich, dass die unmündigen Testtiere keinen (langfristigen) Schaden davon nehmen.

Wieder einmal zeigt sich, dass der Faktor Mensch nur die einfache Entkoppelung als Ausweg aus der Klimakrise bevorzugt. Ich sehe schon den Rebound-Effekt auf uns zukommen, wenn Supermärkte mit «CO2-Reduziertem-Fleisch» werben.

VG
Johannes
Johannes Rottenkolber, am 26. Mai 2020 um 16:01 Uhr
Fleischkonsum reduzieren- Fleischproduktion reduzieren- Methan reduzieren usw.
Ingrid Berta Weilbächer, am 26. Mai 2020 um 16:06 Uhr
Wäre es nicht viel gescheiter den Fleischkonsum halbieren statt die Tatsachen künstlich zu verdrehen??
Wie blöd sind wir nur schon geworden? Unser Foot müsste auch langsam Zusätze haben!!!
Marion Theus, am 26. Mai 2020 um 17:09 Uhr
Jede Reduktion, insbesondere von Methan ist natürlich gut, was mich aber bei jedem Artikel in diesem Zusammenhang stört, ist der Vergleich mit Autos oder Flugzeugen.
Denn dieser ist natürlich nicht sinnvoll. Auch wenn Kühe Methan ausstossen, stammt der Kohlenstoff dafür nicht aus fossilen Quellen, was den Vergleich zu Oel verbrennenden Maschinen nicht sinnvoll macht.

Ja, natürlich spielt die Haltung und die Produktion der Futtermittel eine grosse Rolle. Trotzdem sind das keine fossilen Kohlenstoffausstosse und damit nicht zu vergleichen.
andreas burger, am 26. Mai 2020 um 19:30 Uhr
Es ist für mich schon erstaunlich wie mit Dingen Diskutiert wird von denen man wenig weiß. Wie ist es bei den Kühe? Vor ca 30 Jahren hatten wir Milchleistungen von durchschnittlich ca 5000 l / Kuh. Heute ist es kein Problem 10000 l zu ermelken. Der CO2 Ausstoß hat sich somit mindestens halbiert, denn die Kühe fressen nicht mehr. Woran liegt das? was hat sich geändert? Es erscheint auf den ersten Blick das man die Tiere Powert. In der Praxis haben sich aber ganz andere Dinge ergeben. Hat man früher Gras Morgens und Mais Abends gegeben, und ein Gemisch aus Getreide und Eiweiß konzentriert, Gibt der moderne Landwirt dieses in eine Art «Thermomix» Mischwagen genannt. Somit bekommen die Tiere Ihre Nahrung gemischt in gleicher Zusammensetzung. Dieses führt zu mehr Nährstoffe für Milch und Fleischbildung. Und schließlich zu mehr Leistung. Ohne Zusatz von diversen Zutaten. Einziger Wermutstropfen, die Weidehaltung wird schwierig. Werden den Tieren aber Stallungen zur Verfügung gestellt in denen sie sich frei bewegen können, wie heute bei Neubauten üblich, haben die Tiere nicht nur in den Sommermonaten Auslauf, sondern 365 Tage im Jahr Bewegung, Und gleichzeitig wird weniger Methan in die Umwelt abgegeben. Die Landwirte sind hier schon wesentlich weiter als die Kritiker meinen. Und das gilt auch für andere Produktionen, nur man kann es nicht Medienwirksam darstellen. gez. Klaus Behmenburg
klaus Behmenburg, am 27. Mai 2020 um 08:45 Uhr
Methan ist ein starkes Klimagas, d.h. es bewirkt wie das verbotene FCKW und das CO2 den Treibhauseffekt. Alle diese Treibhausgase müssen reduziert werden.
Stefan Forster, am 01. Juni 2020 um 00:11 Uhr

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