Ob Klimaanlagen wirklich keine Viren übertragen ist nicht ganz klar. © Pixabay / Gerd Altmann

Ob Klimaanlagen wirklich keine Viren übertragen ist nicht ganz klar.

Coronaviren und Klimaanlagen – es ist kompliziert

Monique Ryser / 11. Mär 2020 - Ob das neue Virus die Klimaanlage überlebt, ist nicht sehr wahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen.

Infosperber hatte bereits im März auf das Problem der Klimaanlagen in Zusammenhang mit der Verteilung des Coronavirus hingewiesen. Ein deutsches Forschungsteam aus Greifswald und Bochum hatte aus aktuellem Anlass bei der Auswertung verschiedener Studien gefolgert: (Journal of Hospital Infection), Zwar lässe sich nicht ganz ausschliessen, dass sich das Virus über Klimaanlagen verbreite, aber das Risiko sei bei Klimaanlagen mit Filter relativ klein, da die Tröpfchen, an denen die Viren hängen, in den Filtern zurückgehalten würden.

Nach heutigem Stand des Wissens ist aber ebenso wichtig, dass Frischluft eine eventuelle Konzentration mit Viren oder Aerosolen in der der Luft verringert. An der TU Berlin untersucht ein Forscherteam wie sich SARS-CoV-2-Virus in der Raumluft verhält. «Für das Verhalten von Viren in der Luft ist die Größe der Träger-Aerosole entscheidend, aber ebenso das Raumklima, die Luftwechselrate und die Art und Weise, wie gelüftet wird. Größere Partikel sinken schneller zu Boden. Kleinere Partikel folgen dem Luftstrom und können lange in der Luft verbleiben», erklärt Forschungsleiter Martin Kriegel. Ganz klar sei aber schon folgendes, so Kriegel: «Ganz grundsätzlich kann man festhalten, dass bei typischen Luftwechselraten in Wohn- und Bürogebäuden die Erreger über Stunden im Raum verbleiben. Die Sinkgeschwindigkeit und auch die Lufterneuerung dauern sehr lange. Jede Erhöhung der Außenluftzufuhr ist daher generell sinnvoll.»

Das Konsumentenmagazin Kassensturz von SRF hat nun die Probe aufs Exempel gemacht und hat mit dem Gebäudetechniker und Lüftungsexperten Christian Stäuble verschiedene Geschäfte besucht. Dabei stellten sie fest, dass in den meisten der besuchten Räumen Umluftgeräte im Einsatz sind. Diese saugen die Raumluft an und blasen sie gekühlt wieder aus. Im Raum zirkuliert aber immer dieselbe Luft. Das sei beunruhigend, sagte Stäuble. Er empfiehlt, Umluftgeräte im Mindesten mit UVC-Strahlen nachzurüsten, die mit UV-Strahlung die Luft keimfrei machen könnten.Der Gebäudetechnikverband suissetex empfiehlt denn auch seinen Mitgliedern, Umluft-Klimageräte nicht mehr zu betreiben.

Auch der von «Kassensturz» befragte Walter Zingg, Spezialist für Infektionsprävention und Spitalhygiene am Unispital Genf sagt: «Ein Umluft-Klimagerät, welches die Luft nicht reinigt und eher austrocknet, welches die Luft dazu noch kühlt – das sind alles Faktoren, die eine Aerosol-Übertragung noch begünstigen.»

Experten entwarnen, auch wenn sie nicht ganz ausschliessen können, dass sich das COVID-19 auch über Klimaanlagen verbreiten kann. Was sicher ist: Das Coronavirus kann relativ lange aktiv bleiben, wie ein deutsches Forschungsteam aus Greifswald und Bochum aus aktuellem Anlass bei der Auswertung verschiedener Studien herausgefunden und im Journal of Hospital Infection veröffentlicht hat. Die ausgewerteten Arbeiten, die sich unter anderem mit den Erregern Sars-Coronavirus und Mers-Coronavirus befassen, ergaben zum Beispiel, dass sich die Viren bei Raumtemperatur bis zu neun Tage lang auf Oberflächen halten und infektiös bleiben können. Im Schnitt überleben sie zwischen vier und fünf Tagen. Kälte und hohe Luftfeuchtigkeit steigern ihre Lebensdauer noch.

Ob sie aber durch eine Klimaanlage verbreitet werden können ist nicht klar. Wie der Arzt Klaus Stadtmüller, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin, erklärt, werden die Coronaviren – wie auch Grippeviren – über Tröpfcheninfektion verbreitet. Zwar sind die eigentlichen Viren noch kleiner als Bakterien, da sie aber immer an einem Träger haften, sollten sie in den Filtern der Klimaanlage hängen blieben. «Tests bei der Lungenkrankheit SARS haben ergeben, dass eine Übertragung durch die Klimaanlage nicht möglich ist – ausser unter ganz speziellen Umständen.» Stadtmüller weist darauf hin, dass das Wissen über das Coronavirus COVID-19 noch sehr klein sei. Es gelte aber in jedem Fall, dass eine Klimaanlage gut gewartet und die Filter gemäss Hersteller regelmässig ausgetauscht werden sollten.

Keine klare Antwort von der deutschen Bahn

Ob gefilterte Luft im Büro, im Zug oder im Flugzeug – der Wissensstand über Viren und deren Verbreitung über Klimaanlagen ist noch ungenügend. Das deutsche Magazin «Spiegel» hat bei der deutschen Bundesbahn nachgefragt: Zur Funktionsweise der Klimaanlagen, die in den Zügen im Einsatz sind, habe die Bahn auf Nachfrage des «Spiegels» keinerlei Angaben gemacht. «Eine Ausbreitung des Coronavirus über die Klimaanlage ist nach gegenwärtigem Wissensstand unwahrscheinlich», sagte eine Unternehmenssprecherin gegenüber dem Magazin. Sie berief sich dabei auf eine Einschätzung der Betriebsmediziner, sagte jedoch nicht im Detail, auf welchen Erkenntnissen diese beruht. Auch der vom «Spiegel» angefragte ICE-Hersteller Siemens gab der Redaktion keine klare Antwort. Weil die Lufthygiene in Schienenfahrzeugen eine wesentliche Rolle spiele, gebe es «nationale und internationale Normen für Klimaanlagen bezüglich der Filtrierung und Reinhaltung», teilte Eva Haupenthal, Sprecherin von Siemens Mobility, dem «Spiegel» mit. «Diese Normen werden auch in den Fahrzeugen der ICE-Flotte eingehalten.»

Kreuzfahrtschiffe sind ungesund

Kreuzfahrtschiffe hingegen sind gefährlicher, da Klimaanlagen die Luft dort oft vor allem umwälzen. Für Qingyan Chen, einen Experten für Ventilationssysteme der US-amerikanischen Purdue Universität, ist denn auch klar: «Auf Schiffen kann die Luft nicht genügend gefiltert werden.» Dies sagte er während der Quarantäne des Kreuzfahrtschiffes Diamond Princess gegenüber «BuzzFeed News». Gesundheitsexperten hatten schon lange vor dem Ausbruch der Coronavirus-Krise vor den sanitarischen Gefahren auf Kreuzfahrtschiffen gewarnt.

Zwei Wochen nachdem ein Passagier positiv auf das Cornoavirus getestet worden war, hatten sich auf der Diamond Princess zehn Passagiere angesteckt. Als die Passagiere nach zwei Wochen in Japan an Land gehen konnten, gab es rund 700 Infizierte. Ein japanischer Arzt, der das Schiff betreten hatte, kritisierte aber auch, dass die erkrankten Passagiere nicht sauber abgetrennt worden seien.

In Singapur hat die Regierung übrigens dazu geraten, Klimaanlagen abzustellen. Allerdings nicht wegen der Gefahr durch eine Übertragung der Viren, sondern wegen des Milieus, in dem sich die Viren wohlfühlen: Im tropischen Inselstaat ist es in aller Regel über 30 Grad heiss und diese hohe Temperatur scheint dem Virus weniger zu behagen als kühlere Temperaturen. Experten waren sich einig, dass das gesündeste wäre, sich gleich draussen aufzuhalten.

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DOSSIER: Coronavirus: Information statt Panik

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4 Meinungen

Die Gefahr einer Verbreitung von Viren, insbesondere also Coronaviren, durch Klimasnlagen scheint mir kein wirkliches Problem zu sein, da sich Viren im Gegensatz zu Bakterien ausserhalb von Wirtszellen, also ausserhalb tierischer oder pflanzlicher lebender Organismen nicht vermehren können.
Hansruedi Baetschmann, am 11. März 2020 um 13:54 Uhr
Sehr geehrte Frau Ryser

Ich bin der Meinung, dass COVID-19 die durch das Virus verursachte Krankheit ist (D steht für Disease) und das Virus die Bezeichnung SARS-CoV-2 trägt.

Freundliche Grüsse
Marc Tschan
Marc Tschan, am 11. März 2020 um 15:04 Uhr
Die grössere Hälfte fehlt. Die meisten Klimaanlagen, dh fast alle Klimaanlagen in Gebäuden, wälzen die Luft nicht um. Also können sie nichts zur Verbreitung beitragen. Im Gegenteil durch die Abluft könnten einige Viren abgeführt werden. Theoretisch könnte man betroffen sein, wenn man bei Ausblas der Fortluft ausserhalb des Gebäudes steht. Nur müsste man dort sehr nahe stehen, was man in der Regel wegen des Zuges nicht macht. Ausserdem hat sich der Virus wahrscheinlich schon im Kanal, im meist vorhandenen Abluftfilter oder kurz nach dem Ausblas abgesetzt.
Beat Schärer, am 11. März 2020 um 19:28 Uhr
Es gibt rotierende Wärmetauscher in Minergie Anlagen die Feuchtigkeit von der Abluft in die Zuluft übertragen.
Es ist schwer vorstellbar, dass Viren bis zu diesem Wärmetauscher kommen. Trotzdem: Wie kann man diese desinfizieren?
Stefan Forster, am 14. März 2020 um 10:34 Uhr

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