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Westliche Unternehmen streichen hohe Margen ein – auf dem Rücken der Teepflückerinnen in Indien.

Teeplantagen: Konzerne profitieren auf dem Rücken von Arbeitern

Tobias Tscherrig / 27. Okt 2019 - Eine Oxfam-Studie zeigt, wie Arbeiter auf indischen Teeplantagen ausgebeutet werden. Davon profitieren westliche Unternehmen.

In komplexen Lieferketten legen Lebensmittel lange Lieferwege zurück, bis sie schlussendlich in unseren Supermärkten landen. Die Entwicklungsorganisation «Oxfam» analysiert diese Ketten seit Jahren, so zum Beispiel bei Wein, Ananas oder Bananen. Immer wieder liefert die Organisation Beweise, die zeigen, wie entlang der Lieferketten Menschenrechte und Umweltstandards nicht eingehalten werden.

In der neuen Studie «Schwarzer Tee, weisse Weste» zeigt Oxfam, wie Arbeiterinnen und Arbeiter auf indischen Teeplantagen ausgebeutet werden und wie westliche Unternehmen davon profitieren. Das Hauptaugenmerk der aktuellen Studie liegt auf deutschen Unternehmen.

4 Cent für Arbeiterinnen und Arbeiter

Die Kernaussage der Analyse: Vom Verkaufspreis von Assam-Tee behalten Teehändler und deutsche Supermärkte rund 86 Prozent. Die Arbeiterinnen und Arbeiter erhalten nur rund 1,4 Prozent, das sind umgerechnet knapp vier Cent von einer Packung Tee, die im Verkauf drei Euro kostet.

Aufgeschlüsselt sehen die Zahlen noch krasser aus: Von den drei Euro Verkaufspreis bleiben 2,60 Euro bei Supermarkt und Herstellern. 20 Cent gehen an die Zwischenhändler, 16 Cent erhalten die Plantagenbesitzer. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter bleiben also 4 Cent, ein Anteil, der seit 14 Jahren stagniert. Durch dieses Ungleichgewicht ist eine Tee-Produktion zu menschenwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen nicht möglich. So zeigt die Studie: Wer auf den Teeplantagen arbeitet, muss oft auf ein menschenwürdiges Leben verzichten.

Ausbeutung auf mehreren Ebenen

Die Erkenntnisse der Oxfam-Studie beruhen auf den Aussagen von mehr als 500 Männern und Frauen, die im indischen Bundesstaat Assam, der weltweit als einer der wichtigsten Anbauregionen für Tee gilt, auf insgesamt 50 untersuchten Plantagen arbeiten. Oxfam hatte das Tata Institute of Social Sciences (TISS) der Forschungsuniversität Mumbai mit der Befragung betraut. Das Forschungsinstitut «Bureau for the Appraisal of Social Impacts for Citizen information» (BASIC) hatte für Oxfam ausserdem Daten zu Handel und Marktkonzentration in den Wertschöpfungsketten für Tee aus Assam analysiert.

Die Forschungsergebnisse liefern ein erschreckendes Bild. Sie zeigen, wie extrem Arbeiterinnen und Arbeiter von Plantagenbesitzern abhängig sind und wie sie auf mehreren Ebenen ausgebeutet werden:

  • Arbeiterinnen und Arbeiter verdienen pro Tag zwischen 137 und 170 indischen Rupien. Umgerechnet sind das zwischen 1,73 und 2,14 Euro. Laut Oxfam ist das nicht einmal die Hälfte dessen, was in Assam ein existenzsichernder Lohn wäre.
  • Mehr als die Hälfte der Arbeiterinnen und Arbeiter haben nicht ausreichend zu essen. Mehr als ein Viertel bekommt pro Tag weniger als 1800 Kilokalorien. Die Hälfte der Befragten erhält Essenskarten von der Regierung, die ausschliesslich an Familien ausgegeben werden, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Gemäss Oxfam kommt dies einem offiziellen Bekenntnis gleich, dass Teearbeiter und -Arbeiterinnen nicht genug zum Überleben verdienen.
  • Auf den Plantagen werden keine oder schlechte Schutzkleidungen ausgegeben. Da die Arbeiterinnen und Arbeiter mit Pestiziden in Kontakt kommen, klagen mehr als die Hälfte aller Befragten über Augenreizungen, Allergien und Atemwegserkrankungen.
  • Auf den Plantagen gibt es keine Toiletten, ausserdem ist die Versorgung mit sauberem Trinkwasser mangelhaft. Die Arbeiterinnen und Arbeiter müssen in vielen Fällen verunreinigtes Wasser trinken. Fast jeder zweite Befragte hat schon unter Krankheiten wie Typhus, Cholera oder Gelbsucht gelitten.
  • Auf der Mehrheit der untersuchten Plantagen gibt es keine Ärztinnen und Ärzte und zu wenig anderes medizinisches Fachpersonal. Und: Im Fall von Arbeitsunfällen oder Erkrankungen, die zum Jobverlust führen, haben Arbeiterinnen und Arbeiter keinerlei soziale Absicherung.
  • Die Plantagenbesitzer sind zuständig für den Zugang zu Bildungs- und Gesundheitsdienstleistungen sowie für die Bereitstellung von Wohnraum. Das führt zu extremer Abhängigkeit: Verliert ein Familienmitglied seine Arbeit auf der Plantage, verliert die ganze Familie nicht nur ein Einkommen, sondern auch das Dach über dem Kopf, den Zugang zu Bildung und zu Gesundheitsversorgung.
  • Von den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen sind vor allem Frauen betroffen. Auf den Feldern stellen sie die Mehrheit, die Männer arbeiten häufig in Teefabriken, wo die Arbeit etwas besser bezahlt wird.
  • Zusätzlich übernehmen Frauen meist die unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit und leisten daher pro Tag rund 13 Stunden körperliche Arbeit. Der Druck auf Frauen, während der Schwangerschaft und Mutterschaft zu arbeiten, ist hoch. Schwangere bekommen keine leichtere Arbeit und Frauen kehren meist kurz nach der Geburt zur Arbeit zurück. Temporär Beschäftigte haben zudem keinerlei Anspruch auf Mutterschutzleistungen. Die Müttersterblichkeit ist in den Tee-Anbaugebieten deutlich höher als im Rest Indiens.

Unser Konsum beruht häufig auf Ausbeutung

upg. Bequem in Polstersesseln geben wir uns der Illusion hin, wir hätten mit dem wirtschaftlichen und sozialen Elend nichts zu tun. Wir wehren uns nur dagegen, wenn es Elendsflüchtlingen gelingt, sich bis nach Europa durchzuschlagen.

Tatsächlich aber sind wir Reichen mitverantwortlich für die Ausbeutung der Ärmsten nicht nur in indischen Teeplantagen, sondern auch für sklavenartige Arbeitsverhältnisse in den beiden Kongos, Burkina Faso, Sambia, Vietnam, Myanmar und vielen andern Ländern. Ohne Ausbeutung wären viele Produkte bei uns nicht so spottbillig zu haben.

  1. Was wir bei den eigenen Bauern nie zulassen würden, muten wir den Kaffee- und Kakaopflanzern zu: Ihre Einkommen hängen von spekulativen Ausschlägen an den Rohstoffbörsen ab.
  2. Wir importieren Kupfer, Gold, Uran und andere Rohstoffe, die unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut und gefördert werden, ohne die Rohstoffkonzerne zur Verantwortung zu ziehen.
  3. Wir kaufen billige Kleider und Lederwaren, welche Konzerne unter ausbeuterischen Bedingungen produzieren lassen.
  4. Wir helfen der reichen Oberschicht armer Länder, ihre durch Korruption und Ausbeutung erlangten Vermögen diskret auf unsere Banken zu verschieben und vor dem Fiskus und der Öffentlichkeit zu verstecken.

An Armut, Elend, Ausbeutung und Kriegen sind wir mitverantwortlich. Frei nach dem Kategorischen Imperativ des Philosophen Immanuel Kant hätten wir unsere Gesellschaft und unser Leben so einzurichten, dass alle Menschen auf unserem Planeten in absehbarer Zeit so leben können wie wir. Das geht nur, wenn wir uns von unserer Wachstums-, Konsum-, Wegwerf- und Ausbeutungsgesellschaft verabschieden und wir die Konzerne zu Sorgfaltsprüfungen in ihren Lieferketten verpflichten.

Menschenrechtsverletzungen trotz Zertifikat

Teehandelsunternehmen und deutsche Supermärkte setzen bei der Überwachung ihrer Lieferanten auf Zertifizierungen, die in Assam in erster Linie von der Organisation «UTZ/Rainforest Alliance» kommen. Die Recherchen von Oxfam zeigen aber einmal mehr, dass der Ansatz von Zertifizierungen nicht wirkt: Viele der Rechtsverletzungen ereigneten sich auch auf zertifizierten Plantagen. Oxfam bilanziert: «Deutsche Unternehmen dürfen sich daher nicht primär auf Zertifizierung verlassen oder diese als Lösung darstellen.»

Weil grosse Unternehmen ihre Lieferketten nicht offenlegen, ist es für den Endverbraucher schwierig bis unmöglich festzustellen, unter welchen Bedingungen ihr Tee angebaut wurde. Statt transparent auszuweisen, woher der Tee stammt und unter welchen Bedingungen er angebaut wurde, tragen die Packungen von Assam-Tee Aufschriften wie «hergestellt in Deutschland» oder Hinweise wie: «Die Tees […] kommen aus aller Welt – dabei sind die Gegebenheiten vor Ort sehr unterschiedlich. Beim Einkauf achten wir auf faire Entlohnung und gute Arbeitsbedingungen.» Oxfam kritisiert: «In Anbetracht der flächendeckenden Rechercheergebnisse aus Assam ist jedoch nicht anzunehmen, dass die Unternehmen dies tatsächlich gewährleisten.»

Lieferkettengesetz als mögliche Lösung

In Deutschland fordern Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, Gewerkschaften und kirchliche Organisationen seit Langem ein Lieferkettengesetz. Dazu müssten die Unternehmen unter anderem eine Grundsatzerklärung zur Achtung der Menschenrechte abgeben und sich zur Transparenz verpflichten. Ausserdem müssten sie selber nachteilige Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeiten ermitteln, Massnahmen zur Abwendung derartiger Auswirkungen ergreifen und diese immer wieder auf ihre Wirksamkeit überprüfen. Weiter müsste ein funktionierender Beschwerdemechanismus aufgebaut werden.

Gemäss Oxfam würden Unternehmen damit für die Zustände entlang der Wertschöpfungskette ihrer Produkte zur Verantwortung gezogen. Denn immerhin würden diese Firmen auch am meisten profitieren.

Laut der Oxfam-Analyse wird in Deutschland über die Hälfte allen Tees über Supermärkte verkauft. Oxfam weist aber daraufhin, dass der Tee aus Assam nur ein Beispiel von vielen sei. «Oxfam und andere Organisationen haben immer wieder eklatante Missstände bei einer Vielzahl von Produkten aus aller Welt dokumentiert. Trotz dieser oftmals belegten Missstände tun viele deutsche Unternehmen zu wenig, um dafür zu sorgen, dass in ihren Lieferketten Arbeits- und Menschenrechte eingehalten werden.»

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Infosperber-Artikel zur Thematik:

DOSSIER: Die Macht der Konzerne

Konzernverantwortungsinitiative – klare Sache oder was?

Konzerne provozieren internationale Kritik

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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3 Meinungen

"Konzerne profitieren auf dem Rücken von Arbeitern» na so eine Neuigkeit - das hätte ja keiner vermutet.
Sehr geehrter Herr Tobias Tscherrig, haben Sie den Namen MARX schon mal gehört? Könnte es sein, dass man dessen Werke sich mal ansehen sollte - auch wenn sie schon mehr als 100 Jahre alt sind? Jede Uni die etwas auf sich hält, hat diese Werke in der Bibliothek vollständig vorhanden und selbst bürgerliche Ökonomen verweisen in ihren Studien immer wieder auf Marx.

ALLE Konzerne - nicht nur bei der Teeproduktion - profitieren auf dem Rücken ihrer Arbeiter, die sie auspressen wie Zitronen, besser bis aufs Blut. Das Geschwafel der sogenannten «Sozialpartnerschaft» ist nur für Sozialdemokraten, und Gewerkschaften zur Ruhigstellung der Mitglieder. Seit vielen Jahrzehnten steigen die Zahlen der Arbeitsproduktivität und der der das mit seinen Knochen absichert, bekommt von diesem Kuchen nur Bosamen - wenn überhaupt. Haben Sie eventuell schon einmal gehört, dass die Schere zwischen Am und Reich immer größer wird? Sie haben sich mit der Überschrift selbst die Antwort dafür gegeben - obwohl sie selbst daran nicht zu glauben scheinen. Sehr zweifelhafter Artikel
Günther Wassenaar, am 27. Oktober 2019 um 14:24 Uhr
Konzernverantwortungsinitiative unterstützen!
Alex Schneider, am 28. Oktober 2019 um 05:41 Uhr
Ja, die Konzernverantwortungsinitiative birgt die Chance an sich, endlich in Richtung Kreislaufwirtschaft einzuschwenken.
Nur wenn die Aufmerksamkeit immer wieder und mit Nachdruck auf die Lösungen gelenkt werden, eröffnen sich auch die entsprechenden Chancen zu notwendigen Veränderungen.
Barbara Vögeli, am 28. Oktober 2019 um 17:07 Uhr

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