Grünfärberei bei der Schweizerischen Nationalbank © SNB/is

Grünfärberei bei der Schweizerischen Nationalbank

Wie die Nationalbank ihre Klimabilanz schönt

Markus Mugglin / 11. Jul 2018 - Die SNB präsentiert sich als Umwelt-Pionierin, generiert aber mehr CO2-Emissionen als die ganze Schweiz. Wie geht das zusammen?

Zwischen Selbstbild und Fremdbild gibt es oft Unterschiede. Im Fall der Nationalbank und ihrer Klimabilanz klaffen Selbst- und Fremdbild geradezu sensationell auseinander. Die SNB behauptet in ihrem im August vergangenen Jahres publizierten «Umweltbericht 2016», jährlich nur 1530 Tonnen CO2-Äquivalent auszustossen. Die von «Artisans de la Transition» in Zusammenarbeit mit «Fossil-Free» im April dieses Jahres publizierte Studie «Prädikat klimaschädlich» rechnet hingegen vor, dass die SNB über ihre Kapitalanlagen bei Unternehmen 48,5 Millionen Tonnen CO2 generiert. Selbst- und Fremdbild stehen also in einem krassen Missverhältnis zueinander. Kein Wunder, fallen die Wertungen äusserst unterschiedlich aus. Die SNB spielt sich in ihrem Umweltbericht 2016 «als Pionierin» in Umweltmanagement auf. Ihre Kritiker werfen ihr hingegen vor, «eine katastrophale Temperaturerwärmung» zu befördern.

Der Widerspruch ist eklatant. Der vielfach geäusserte Satz «traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast» drängt sich einem auf. Oder etwas prosaischer: Was die Statistiken aussagen ist das eine, was sie verschweigen aber viel wichtiger.

Was wird ausgewiesen, was nicht?

Die SNB bildet in ihrer Statistik ab, was sie direkt an Treibhausgasen ausstösst: in den betrieblichen Liegenschaften in Zürich und Bern, im Ferien- und Ausbildungszentrum Hasliberg, in den Vertretungen in sechs Schweizer Städten und in Singapur. Sie misst die durch den Flug- und den Strassenverkehr, den Strom- und den Wärmeenergieverbrauch verursachten Treibhausgas-Emissionen. Sie gibt darüber Auskunft, wie sie durch die Umstellung auf Ökostrom Treibhausgase reduziert. All das zusammengezählt ergibt 1530 Tonnen CO2-Äquivalent. Stolz vermerkt die SNB noch, dass sie einen Viertel weniger als vor zehn Jahren ausstosse. Sie stehe sogar noch besser da, weil sie Treibhausgasemissionen kompensiere. Die SNB erklärt sich deshalb sogar als treibhausgasneutral.

Kein Thema sind im gepflegt gestalteten, mit bunten Grafiken geschmückten Umweltbericht die Klimafolgen des Anlagegeschäfts. Vor knapp zehn Jahren, als die Bank ihr bis 2016 gültiges Umweltleitbild formuliert hatte, mag das noch verständlich gewesen sein. Damals machten die Devisenbestände mit weniger als 50 Milliarden Franken nur einen Bruchteil von heute aus. Davon waren weniger als 10 Milliarden in Unternehmen investiert. Das war vor der globalen Finanzkrise. Die Bank agierte noch nicht im Krisenmodus. Sie musste nicht intervenieren und durch den Kauf von Wertpapieren in Fremdwährungen gegen die Frankenaufwertung ankämpfen. Auch öffentlichen Druck, Gelder klimaschonend anzulegen, gab es kaum.

Alls das hat sich radikal verändert. Die Nationalbank hat ihre Devisenbestände bis Ende 2017 massiv erhöht auf 790 Milliarden Franken. Ein Fünftel davon, also ungefähr 160 Milliarden Franken waren in Aktien angelegt. Die Bestände sind fünfzehnmal höher als in den ruhigen Zeiten vor dem Beinahe-Kollaps der Finanzmärkte.

Ob das für die Klimabilanz der Bank Folgen hat, damit befasst sich die die SNB in ihrer Umweltberichterstattung nicht. Mit Verweis auf die Richtlinien der Global Reporting Initiative verspricht sie zwar, nicht nur die direkten, sondern auch die indirekten Emissionen auszuweisen. Einen Hinweis auf den indirekt mitverursachten Ausstoss von Treibhausgasen durch Vermögensanlagen sucht man aber vergeblich.

Die klimaschädliche Realität

Was die SNB ausblendet, legt die Studie «Prädikat klimaschädlich» offen. Sie hat die SNB-Anlagen in Aktien und Unternehmensobligationen auf ihre Klimawirkung analysiert – zumindest jene, die sie dank den Informationen ausländischer Finanzmärkte hat erfassen können. Das sind längst nicht alle, aber immerhin 60 Prozent der von der SNB getätigten Anlagen bei Unternehmen. Allein damit würden Emissionen von 48,5 Millionen Tonnen CO2 verursacht. Sie fördern gemäss Studie eine Klimaerwärmung von vier bis sechs Grad, was schlecht zum Bild der «Pionierin» in Umweltmanagement passt. (Siehe dazu auf Infosperber «Nationalbank soll klimafreundlicher anlegen».)

Die SNB kümmert es offensichtlich nicht, dass das Pariser Klimaabkommen von Ende 2015 nicht nur einen maximalen Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius beschlossen, sondern auch klimaverträgliche Finanzflüsse gefordert hat. Für einen Grossinvestor sollte das besonders gelten, zu dem sich die SNB – wenn auch ungewollt – entwickelt hat. Sie verfügt über Kapitalanlagen wie nur wenige der weltweit grössten Staatsfonds.

Andere Zentralbanker haben die Botschaft des Pariser Klimaabkommens verstanden. Mark Carney, der Chef der Bank of England bereits vor der Konferenz. Er warnte als erster Notenbanker vor Investitionen in Öl- und Kohleunternehmen. Ende vergangenen Jahres haben die Zentralbanken der acht Staaten Frankreich, die Niederlande, Grossbritannien, Deutschland, Schweden, China, Singapur und Mexiko das «Central Banks and Supervisors Network for Greening the Financial System» geschaffen. Das Netzwerk ohne Schweizer Beteiligung will zur Umsetzung der Pariser Klimavereinbarung und zur Bewältigung der mit der Klimaveränderung verbundenen Risiken beitragen, aber auch helfen, Kapital für eine grüne und kohlenstoffarme Entwicklung zu mobilisieren.

Die SNB hält in ihren letztmals 2015 revidierten Anlagekriterien zwar fest, dass sie auf Investitionen in Unternehmen verzichte, die «systematisch gravierende Umweltschäden verursachen». Sie investiert trotzdem in Erdöl. Im Januar dieses Jahres war sie mit mehr als zwei Milliarden in Aktien von ExxonMobil und Chevron investiert («Finanz und Wirtschaft», 07.02.2018). ExxonMobil zählte in den letzten Jahren zu den eifrigsten Zweiflern an der menschgemachten globalen Erwärmung. Chevron hat im Amazonasgebiet von Ecuador grosse Schäden angerichtet. Laut der Studie «Prädikat klimaschädlich» ist die SNB auch in den Ölkonzern Royal Shell Dutch investiert, der in Nigeria für gravierende Umweltschäden verantwortlich gemacht wird. Wie die SNB solche Investitionen mit dem Versprechen in ihrem Umweltleitbild vereinbart, dem Klimaschutz «besondere Beachtung» zu schenken, ist ihr Geheimnis.

Verdacht «Greenwashing»

Der Kontrast zwischen dem Selbstbild «Pionierin in Umweltmanagement» und dem Fremdbild «klimaschädlich» steht geradezu exemplarisch für den oft ausgefochtenen Streit über den Wert der von Unternehmen publizierten Nachhaltigkeitsberichten. «Greenwashing» lautet der Vorwurf jeweils. Die Situation wird besser präsentiert als sie tatsächlich ist.

Man darf gespannt sein, wie der nächste Umweltbericht über die Klimawirkungen der SNB informieren wird. Wird er alle «relevanten Treibhausgasemissionen» ausweisen, wie es die von der Nationalbank anerkannten Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI) postulieren? Also auch die indirekten, weil sie, wie im GRI-Leitfaden nachzulesen ist, bei manchen Organisationen deutlich höher sind als die direkten Emissionen? Folgerichtig wäre es auch deshalb, weil die Nationalbank gemäss diesen Richtlinien insbesondere auch jene indirekten Emissionen berücksichtigen sollte, die «von Stakeholdern als kritisch eingestuft werden» – also etwa von klimapolitischen Organisationen.

Für diesen Sommer ist der nächste Umweltbericht angekündigt, der neu «Nachhaltigkeitsbericht der betrieblichen Bereiche» genannt werden soll. Die Namensänderung weckt Erwartungen. Wird der Bericht das Postulat der Pariser Vereinbarung für klimaschonende Finanzflüsse zur Kenntnis nehmen? Er wird jedenfalls zeigen, ob sich die Nationalbank am fast-globalen Konsens orientiert oder in Anlehnung an den klimapolitisch abtrünnigen US-Präsidenten auf «SNB first» setzt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung

Die Nationalbank investiert gemäss ihren Anlagerichtlinien nicht in Unternehmen, die systematisch gravierende Umweltschäden verursachen. Trotzdem investiert sie in die grossen Erdölkonzerne, die zu den grössten Treibern der Klimaerhitzung gehören. Was verursacht systematisch gravierende Umweltschäden, wenn nicht der Ausstoss von Treibhausgasen? Vertraut die Nationalbank den Klimalügnern und der Desinformationskampagne der Erdöllobby mehr als der Wissenschaft?
Christian Lüthi, am 11. Juli 2018 um 14:46 Uhr

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