Niedriglöhner: Erntehelfer verdienen nur rund die Hälfte des geforderten Mindestlohns © unevallée/Flickr/cc

Einäugige Mindestlohn-Ökonomie

Markus Mugglin / 14. Mai 2014 - Unternehmen sollten höhere Löhne nicht nur als Last sehen. Denn: Wer mehr hat, gibt auch mehr aus. Und Konsum schafft Wachstum.

Wie sagte doch einst der grosse US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Samuelson: «Als Gott uns zwei Augen gab, so machte er das mit einem bestimmten Ziel.» Wir sollten nicht nur ein Ding beobachten, sondern mit dem einen Auge die Seite des Angebots und mit dem anderen die Seite der Nachfrage.

Doch der vor fünf Jahren verstorbene Grossmeister Samuelson ist aus der Mode gekommen. Wenn es noch eines Beleges dazu bedurft hätte, die Expertise der Schweizer Ökonomie liefert sie im Vorfeld der Abstimmung über die Einführung des Mindestlohns von 4000 Franken.

Nicht überraschend sorgt sich «Avenir Suisse» nur um die Angebotsseite. Je höher der Mindestlohn, desto spürbarer die negativen volkswirtschaftlichen Folgen, heisst es hier. Wie bei den Flügen gelte auch bei der Arbeit: Bei starkem Preisanstieg gehe die Nachfrage zurück. Die Unternehmen fragten tendenziell weniger Arbeit nach, stellten also weniger Leute ein.

Schreckgespenst Stellenabbau

Und damit es wissenschaftlich tönt, werden sogenannte Lohnelastizitäten bemüht. Demnach führe eine Stundenlohnerhöhung von 3.10 Franken für die 330'000 Personen, die jetzt weniger als den geforderten Minimallohn erhalten, zu einem Stellenabbau von mindestens 11'000 bis maximal über 50'000.

Nicht nur die konzernnahen «Avenir Suisse»-Ökonomen sehen die Lohnseite einzig als Last. Auch die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich blickt nur mit einem Auge auf die Mindestlöhne. Sie schafften «einen Anreiz, niedrig qualifizierte Arbeitskräfte durch Maschinen oder besser qualifizierte Arbeitskräfte zu ersetzen oder die Produktion ins Ausland zu verlagern». Das zweite Auge bleibt verschlossen. Es wird nicht gefragt, ob höhere Löhne die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen erhöhen könnten.

In der hiesigen Volkswirtschaftslehre geht meist vergessen, dass Mikroökonomie nicht mit Makroökonomie gleichzusetzen ist. Was für den einzelnen Unternehmer gut ist, ist nicht unbedingt vorteilhaft für die gesamte Wirtschaft.

Hohe Löhne sind hohe Kosten für das Unternehmen, das sie bezahlen muss. Doch tiefe Löhne bremsen die Wirtschaft, weil sie wenig Nachfrage schaffen. Ein Erfolgsrezept sind tiefe Löhne jedenfalls nicht. Mit dem grossen Blick über die letzten anderthalb Jahrhunderte Wirtschaftsgeschichte hat das die Bestsellerautorin Ulrike Herrmann in «Der Sieg des Kapitals» überzeugend analysiert und prägnant zusammengefasst: «Nicht durch niedrige Löhne wird der Kapitalismus angetrieben, sondern durch hohe.»

Das tönt verwegen für hiesige Ökonomen. Samuelson ist abgehakt, war ja auch ein Keynesianer.

Gute Löhne schaffen Kaufkraft

Doch die Wirklichkeit schert sich wenig um weltfremde Theorien. Und um Theorie handelt es sich bei jenen, die meinen, der Arbeitsmarkt funktioniere wie ein Supermarkt. Dort lässt sich Billigware erfolgreich vermarkten. Die Nachfrage steigt. Der Bäcker kann mehr Brote verkaufen, der Metzger mehr Fleisch, der Kleidershop mehr Blusen und Hosen. Doch was im Supermarkt so wie im Lehrbuch funktioniert, gilt nicht für den Arbeitsmarkt. Das zeigt ein Blick auf die Statistiken der Euro-Krisenländer.

Dort wurden die Löhne massiv zusammengestrichen. Trotzdem aber werden nicht mehr Leute eingestellt, sondern sogar weniger. Die Zahl der Arbeitslosen ist massiv gestiegen. Warum sollen die Unternehmen Leute einstellen, wenn keine Kaufkraft vorhanden ist, um mehr Dienstleistungen und Produkte zu kaufen? Unternehmen produzieren nur mehr, wenn sie auch mehr verkaufen können.

Wen das Beispiel Südeuropa noch nicht überzeugt, blicke in die Billiglohnländer. Die sehr tiefen Löhne gehen auch dort häufig mit hoher Arbeitslosigkeit einher.

Trotz unterschiedlicher Verhältnisse gilt auch in der reichen Schweiz: Gute Löhne sind gut für die Wirtschaft, weil sie Kaufkraft schaffen. Ein höherer Minimallohn kann zwar dazu führen, dass in einigen Betrieben Arbeitsplätze verloren gehen. Doch insgesamt garantieren höhere Löhne auf der untersten sozialen Stufe mehr Nachfrage, weil diese Schicht einen dringenden Konsumbedarf hat. Wenn dagegen die höchsten Einkommen weiter steigen, heizt dies den Inlandkonsum nur wenig an.

Die Schweizer Wirtschaft hat in den letzten Jahren im europäischen Vergleich nicht zuletzt deshalb gut abgeschnitten, weil bei uns auch die tiefen Löhne gestiegen sind. Wo sich hingegen die Zahl der schlecht Entlöhnten vermehrt hat und die Löhne stagniert haben, wie im zuweilen hochgelobten Deutschland, nahm auch die Nachfrage nicht zu. Seit einem Jahrzehnt kam die deutsche Binnenkonjunktur nicht vom Fleck. Deutschland boomt dank der Exporte.

Lohnschere als Wachstumsbremse

Was die Wirtschaft überdies bremst, ist eine wachsende Kluft zwischen tiefen und hohen Einkommen. Davor warnen neuerdings selbst der Internationale Währungsfonds und die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD. Organisationen, die mit Sicherheit nicht im Verdacht stehen, gewerkschaftliche Positionen zu favorisieren.

Die Warnung geht auch die Schweiz an. Haben sich die untersten Löhne bis vor kurzem positiv entwickelt, so sieht es neuerdings nach einer Trendwende nach unten aus. Zwischen 2010 und 2012 sind die Löhne der untersten zehn Prozent gemäss Bundesamt für Statistik real gesunken, während die obersten zehn Prozent weiter stark zugenommen haben.

Von Europas Krise lernen heisst aber, die unteren Löhne anheben. Für den einzelnen Unternehmer sind sie zwar eine Belastung. Doch für die Gesamtheit der Unternehmer schaffen sie erst die Nachfrage, die es braucht, damit sich Gewinne realisieren lassen und Investitionen lohnen.

Warum wollen das die Mainstream-Ökonomen nicht wahrhaben? Auch dafür mag Altmeister Paul Samuelson hilfreich sein. «Die Wirtschaftslehre war nie eine Wissenschaft, sie ist es heute noch weniger als vor wenigen Jahren», stellte er einst illusionslos fest.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Markus Mugglin war Leiter der Sendung «Echo der Zeit» von SRF. Er ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik, SGA.

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5 Meinungen

Ich verstehe noch imme nicht, warum der Mindestlohn Arbeitsplätze vernichten soll. Wenn es dem Profit dienen würde die Billiglöhner durch Maschinen zu ersetzen, wäre es schon längst geschehen. Oder. Sind die Arbeiten die die Billiglöhner verrichten überflüssig und der Unternehmer stellt die entsprechenden Leute aus sozialer Verantwortung ein? Oder ist sein Betrieb nur rentabel mit staatlicher Unterstützung, oder sind diese Betriebe einfach Sozialschmarotzer. Die menschenunwürdige Ausbeutung sollte doch der Vergangenheit angehören!
Hermann K.J. Fritsche, am 14. Mai 2014 um 14:15 Uhr
In der Tat: Mit einem höheren Lohn steigt die Kaufkraft der Arbeitnehmer. Aber diese Kaufkraft wird nicht aus dem Nichts erschaffen. Weil die Lohnerhöhung auf die Preise überwälzt wird, nimmt die Kaufkraft der Konsumenten (inkl. Rentner) im selben Umfang ab. Ein Nullsummenspiel - ausser für jene, die dadurch ihren Job verlieren.
Marco Salvi, am 14. Mai 2014 um 14:25 Uhr
Was spricht gegen einen Mindestlohn? Solange bei uns Menschen leben, die von ihrem Arbeitslohn nicht leben können, stimmt etwas im Sysem nicht. Jedoch frage ich mich, wie das bei den Seniorinnen ist. Viele von ihnen müssen mit AHV und Pension mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 4000 Franken auskommen, bezahlen aber für ihren Lebensunterhalt gleich viel wie die Erwerbstätigen. Können sie davon ausgehen, dass, falls die Initiative angenommen wird, auch die AHV und/oder die Pension um die Differenz bis 4000 Franken angehoben wird?
Christa Stahel
Christa Stahel, am 14. Mai 2014 um 19:07 Uhr
Es gibt viele gute Argumente für den Mindestlohn. Die klassischen Wachstumsparolen gehören nicht dazu.
Hans Steiger, am 15. Mai 2014 um 08:22 Uhr
Löhne sind aus Arbeitgebersicht Kosten. Wenn die Kosten für einen Produktionsfaktor steigen, dann werden die Arbeitgeber weniger davon nachfragen. Die Kapitalintensität steigt dann zu Lasten des Faktors Arbeit. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten. 1. Der Mindestlohn liegt unter der Grenzprodukt der Arbeit. In dem Fall geschieht nichts. Der Mindestlohn hat keine Wirkung. ». Der Mindestlohn liegt genau auf dem Grenzprodukt der Arbeit. Auch hier geschieht nichts und 3. Der Mindestlohn liegt über dem Grenzprodukt der Arbeit. Dann wird die Arbeit derer für die das zutrifft nicht mehr nachgefragt. In der Regel sind dies schlecht ausgebildete, Junge und Behinderte. Der Mindestlohn ist nichts anderes als eine Umverteilung von den ärmsten zu denen, die etwas besser dran sind. Fazit, Mindestlöhne sind im Höchstmass unsozial.
Dirk Faltin, am 08. März 2015 um 15:32 Uhr

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