Sie fressen kein Gras   und scheissen nicht: Diese Autos sind besonders klimafreundliche Rindviecher © J.Weiss

Sie fressen kein Gras und scheissen nicht: Diese Autos sind besonders klimafreundliche Rindviecher

Wenn Öko-Bilanzierer Kühe mit Autos vergleichen

Jakob Weiss / 14. Jan 2020 - Die manische Suche nach berechenbarer Umweltbelastung und Klimarelevanz führt zu absurden Resultaten. Eine satirische Betrachtung.

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), beheimatet im aargauischen Fricktal, verschickte im September 2019 einen Brief an seine «Freundinnen und Freunde» und stellt in der Überschrift die Frage: Darf man noch Fleisch essen und Milch trinken? Nach einleitenden Bemerkungen zum Klima und zur heute angeschuldigten Landwirtschaft steht im ersten Abschnitt der Satz: «In der Schweiz gibt es immerhin 700'000 Kühe und eine Kuh belastet das Klima gleich stark wie die Nutzung eines Autos».

Diese fürs Tier wenig schmeichelhafte Aussage wird im zweiten Abschnitt relativiert: Die Menschheit, insbesondere die Hirten im Horn von Afrika, könne trotzdem nicht auf die Nutzung der Grünlandflächen verzichten. Jedoch, das Problem der Graslandnutzung durch Kühe bedürfe dringlich weiterer Forschung, insbesondere am schweizerischen FiBL. Der Brief schliesst mit einem stillen Wink des Zaunpfahls im Sinne von: Wer noch Fleisch essen und Milch trinken wolle, möchte doch bitte spenden.

Den zitierten Satz müsste man noch weiter differenzieren. Doch was im Kopf bleibt, ist die einfache Formel: 1 Kuh = 1 Auto. Damit ist zugleich gesagt: Beides gleich schädlich.

Das Zitat spiegelt den zur Zeit offenbar ganz normalen Stand, wie über die Dinge in unserem Leben gesprochen und wie mit Ökobilanzen umgegangen wird. Für alles und jedes scheint es eine Berechnung zu geben, die zeigt, wie schlecht es für die Welt ist. Und die daraus resultierenden Zahlen, häufig in CO2-Einheiten umgerechnet, kann man miteinander vergleichen, denn sie wirken wie über den gleichen Nenner geschlagen.

Dass mit dieser wissenschaftlich daherkommenden Schadensrechnerei eine Tendenz zum Totalitarismus gefördert wird, stört anscheinend erst wenige. Ich halte sie menschlich wie politisch für gefährlich und erst noch der Sache abträglich, weil damit das Gefühl für die lebendige Umwelt verdrängt wird.

Die Logik der Öko-Bilanzierer ...

Wie ist es so weit gekommen? Schlüpfen wir zuerst in die Logik der grassierenden Ökobilanziererei und brechen die Gleichung auf. Sind vier Beine der Kuh gleich wie vier Felgen mit Pneu? Entsprechen der Einfüllstutzen zum Benzintank sowie der Auspuff dem wiederkäuenden Maul einer Kuh und ihrem so oft defäktierenden Anus? Da ergibt sich rasch ein Vorteil fürs Auto, weil es beim Beschleunigen nichts Sichtbares kackt, während die Kuh für ihre Milchproduktion viel Scheisse loswerden muss. Doch wie rechnet es sich, wenn der Motor dem Herz und die Lunge dem Ansaugsystem gleichgesetzt wird? Das Skelett dem Chassis und die Kuhhaut dem Autolack?

Weiter sollte man aber auch auf den Nutzen schauen, den man von den verglichenen Dingen hat. Da stehen dann automobil zurückgelegte Arbeitswege und Ferienreisen dem Quark, Käse und Siedfleisch gegenüber. Und letztlich wäre die Fläche der Autobahn mit jener der Weide parallelzusetzen, und die Autogarage entspräche dem Kuhstall.

Spätestens an dieser Stelle wird man unsicher, wie viel Gescheites selbst ein Grossrechner aus der Gleichung eine Kuh = ein Auto herauskitzeln könnte. Leider ist das alles auch gar nicht lustig, denn die Logik führt noch weiter. Entspricht der von einer Kuh angerichtete Schaden etwa der achtfachen Schadensleistung eines Menschen (wenn man auf das Gewicht schaut)? Oder ist ein Mensch halb so schädlich wie eine Kuh (wenn man die Anzahl Beine nimmt)? Oder vielleicht nur ein Siebzigstel so schädlich (wenn man die Futtermenge misst)? Für uns Nicht-WiederkäuerInnen wäre die Rechnung eine Kuh = siebzig Menschen günstig. Einzig beim Ausstoss von Methan liesse sich ein noch besseres Verhältnis herausrechnen, jedenfalls können wir uns so beim vorzeitigen Ableben jeder «Klimakillerin» etwas entlastet fühlen.

… und was sie in unseren Köpfen anrichtet

Treiben wir die grauenhafte Perspektive nicht weiter und lassen viel ungünstigere Darstellungen der Seite Mensch weg. Doch kehren wir nochmals zurück zur vom FiBL gemachten Gleichung. Diese wollte bestimmt nichts zur Umweltschädlichkeit der Menschen aussagen. Sie bewirkt vielmehr, dass wir auf einer Zugfahrt von Freiburg nach Lausanne, beim Blick durchs Fenster, jetzt ständig denken müssen: Da (g)rasen schon wieder 25 Autos in der Landschaft. Dort drüben bestimmt nochmals 50!

Und wenn Grossbauer Bourquin sogar 80 oder 100 Milchkühe im Stall und auf der Weide hält (gute mittelklassige Kühe mit einer Leistung zwischen 180 und 210 Kilowatt in der vierten Laktation bei einem Drehmoment von 370 Newtonmeter), dann fragt man sich als gewöhnlicher Zugfahrer und Nichtbauer schon: Warum sollte ich mir nicht ein bis zwei Autos leisten dürfen? Über den sogenannten Ressourcenverbrauch des Autos bis zu seiner Abwrackung und die Geburt eines Kalbes bis zur sogenannten Verwertung der Kuh im Schlachthof braucht man gar nicht mehr nachzudenken.

Der ökologische Fussabdruck …

Ich erinnere mich, wie gut mir das Bild vom «ökologischen Fussabdruck» gefiel, als der neue Ausdruck in den 1990er Jahren dank Arbeiten und Vorträgen von Mathis Wackernagel (und William Rees) den Weg in die schweizerische Öffentlichkeit fand. Die Sache ist einfach: Wir haben nur eine Erde und niemand darf mehr davon beanspruchen, als ihm oder ihr – ökologisch nachhaltig betrachtet – zusteht.

Lebten alle Menschen auf so grossem Fuss, wie wir heute in der Schweiz, bräuchte es mittelfristig mindestens drei Planeten (und auch drei Atmosphären). Deshalb müssen wir unseren Fussabdruck dringend verkleinern, wo immer es geht. Als Voraussetzung für globale Gerechtigkeit und schlicht für die Zukunft der einzigen Welt.

… wird zerlegt in Tassen, Kilometer, Schnitzel

Das eindringliche Bild des eigenen Fussabdrucks auf dem weichen Erdboden, welches alle unsere Handlungsentscheide begleiten müsste – es ist durch die manische Suche nach quantifizierbarer "Klimarelevanz" atomisiert worden, und die aufgespaltenen Teile verstellen den Blick aufs Ganze. Heute herrscht der freie Markt beliebiger Mini-Ökobilanzen, auf dem sich jeder und jede nach Gefallen mit jenen Häppchen bedienen kann, die dem eigenen Gewissen wohltun. Soll ich eine Tasse Kaffee trinken oder lieber einen Kilometer Auto fahren? Oder tue ich heute beides und nehme die beiden gleich gross berechneten Schädlichkeiten addiert in Kauf, esse dafür abends aber nur ein halbes Schnitzel?

Da sitze ich dann allerdings mit Gabel und Messer vor einem Dilemma, weil Intensivhaltung von Rindviechern punkto Klima angeblich weniger Schaden anrichtet als die dem Tierwohl entgegenkommende Weidehaltung. Über die am wenigsten schädliche Zubereitung der Kartoffelbeilage (und: welcher Kartoffeln?) sowie die Geschirrspülmethode haben wir an diesem Punkt noch nicht einmal gesprochen. Kurz, ich begebe mich mit derartigen Rechnereien in eine groteske und bodenlose Scheinrealität, anstatt meinen Verstand auf den greifbaren Alltag zu richten, um die teilweise so irren Angebote (Erdbeeren im Februar), Preisverhältnisse (1 Kilo Schweinebraten in Aktion für 12 Franken) und Lebensgewohnheiten (Berlinflug retour übers Wochende für 90 Euro) zum Verschwinden zu bringen.

Wo präzise Zahlen die Wirklichkeit vernebeln

Unter dem Titel "75 Ideen, wie Sie den Klimawandel stoppen können" widmete das Tamedia-Magazin letztes Jahr eine ganze Nummer der Ökobilanziererei. Wo die 75 "Ideen" blosse Ratschläge sind, kann man sie akzeptieren. Wenn aber Berechnungen zu Behauptungen führen wie beispielsweise "Kaffee hat den grössten Fussabdruck aller Getränke" und macht "9 Prozent unserer Ernährungsumweltbelastung aus", wird es ärgerlich. Das ist Unsinn und wird umso unsinniger, je genauer die Zahlen sind, denn hier kann die Grenze zwischen rechnerisch erfassten und nicht erfassten Parametern nicht mehr angegeben werden, und deshalb ist auch die Grenze zwischen Tatsache und sogenannter Fake News verwischt.

Der Volksmund sagt, man solle Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Was wird er nur denken, wenn er vom Vergleich von Kuh und Auto hört? Sicher wird er gleich in eine Birne beissen, weil sie ihn im Moment mehr gelüstet als der Apfel. Oder auch umgekehrt. Was bei diesem simplen Vorgang ohne jede Rechnerei vorteilhaft ist: Man gewinnt obendrein Zeit, um über Mangos, Krevetten, Flugreisen und das Ganze des eigenen Lebensstils nachzudenken.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Jakob Weiss hat nach dem Geografiestudium zwanzig Jahre lang in kleinbäuerlichen Verhältnissen gearbeitet und eine Dissertation über die Situation der Bauern und Bäuerinnen im Kanton Zürich geschrieben. 2017 erschien sein Buch "Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise. Lasst die Bauern wieder Bauern sein" (Orell Füssli Verlag), das einen sprachanalytischen Zugang auf die Probleme heutiger Landwirtschaft verfolgt. Der obige Artikel ist zuerst in der Zeitschrift "Kultur und Politik" des "Bioforum Schweiz" erschienen.

Weiterführende Informationen

Auf Infosperber: Das Bauern wieder auf den Boden herunterholen
Infosperber-Dossier: Landwirtschaft

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4 Meinungen

Erstaunlich wie der Autor sich über einen Vergleich so aufregen kann, dass er den Unterschied zwischen dem Vergleichen eines Aspektes und dem Gleichsetzen aller Aspekte nicht mehr beachtet.
Um heute etwas verändern zu können muss man leider alles quantifizierbar machen. Am besten in einer einzigen Zahl. Denn wer kann schon mit Methan, CO2, Lachgas etc. etwas anfangen. Insbesondere wenn man weiss, dass diese Gase unterschiedlich lange in der Atmosphäre bleiben und unterschiedlich starke Auswirkungen aufs Klima haben?
Schlussendlich müssen sich natürlich alle bewusst sein, dass wir es immer mit Mittelwerten zu tun haben. Das ist der Preis der Vereinfachung. Dennoch ist es gut, die Grössenordnungen zu kennen - auch wenn es sich evtl. lustig anhört, wenn man die Zahlen von 2 völlig unterschiedlichen Bereichen miteinander vergleichen kann.
Renato Pichler, am 14. Januar 2020 um 14:57 Uhr
Der Diskurs über Umweltverschmutzung und besonders dessen Medienberichtersttatung ist geprägt von den anderen die mehr Lärm und Dreck verursachen als man es selber tut. Wer am meisten Geld und die beste Strategie hat, wäscht sich rein, erfindet Schuldige und kauft sich frei.

Seit Millionen von Jahren war unser Planet mit zahlreichen Wiederkäuern besiedelt. Was früher anscheinend keinen negativen Einfluss auf das Klima hatte. Bei Berechnungen welche Kühe als besonders klimaschädlich darstellen, fehlen regelmässig die Emissionen von 7,5 Milliarden Menschen. Alle Lebewesen produzieren CO2 und andere Gase.
Alfred Schmid, am 14. Januar 2020 um 23:16 Uhr
Ökobilanzen sind ein gutes Mittel, um Umweltbelastungen von Produkten oder Tätigkeiten zu quantifizieren. Die nackten Zahlen werden aber oft ge- und missbraucht, um eigenes Tun zu rechtfertigen, Kleines gross oder Grosses klein zu reden und damit für eigene Interessen zu lobbyieren. Dumme Schlüsse lassen sich nur vermeiden, wenn man den Kontext beachtet und Relevantes von Irrelevantem unterscheidet. Messen und Rechnen, das führt uns Jakob Weiss satirisch vor Augen, kann das Denken nicht ersetzen.
Beatrix Mühlethaler, am 16. Januar 2020 um 13:41 Uhr
"Nachzudenken wie gross der menschgemachte Anteil ist». Ich habe nachgedacht und bin zum Schluss gekommen, dass der Anteil 100% ist. Schliesslich bauen wir nicht nur Autos sondern züchten auch die Kühe und andere Tiere. Wir bauen nicht nur Häuser sondern auch Autobahnen, Flugzeuge, dieselgetriebene Schiffe und so manches mehr. Oder hat schon jemand (Wild-)Tiere gesehen, die das tun?
Nachgedacht werden muss viel mehr was alles wirklich nötig und unentbehrlich ist. Dann sollte die Eigenverantwortung spielen. Aber wie weit her ist es damit? Der Appell an die Eigenverantwortung ist die billigste Ausrede um nichts zu tun. Ich muss immer bitter lachen wenn die Gegner des Wandels von Eigenverantwortung reden um konkrete Massnahmen zu bekämpfen.
Jürg Schmid, am 21. Januar 2020 um 16:22 Uhr

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