Léonce Ndikumana (Video-Screenshot) © TRNN
Kapitalflucht aus Afrika 1970 bis 2015 in Milliarden Dollar im Vergleich zu den Investitionen. © Ndikumana, Boyle, PERI
Ölreiche Länder verlieren mehr Geld, haben die Autoren ausgerechnet.(Quelle: Ndikumana, Boyle) © Ndikumana, Boyle, PERI

Kapitalflucht aus Afrika übersteigt Entwicklungshilfe

Red. / 06. Aug 2018 - Viele afrikanische Länder seien eigentlich Gläubiger des Nordens, behauptet eine wirtschaftswissenschaftliche Studie.

In den wohlhabenden Ländern Europas und Amerikas herrscht die Vorstellung, dass viele afrikanische Länder in Schulden ertrinken und von Entwicklungshilfe abhängig sind. Ohne ausländische Gelder wären sie nicht in der Lage, sich über Wasser zu halten. Eine Studie des Political Economy Research Institute (PERI) an der Universität Massachusetts-Amherst vom Juni 2018 beweist das Gegenteil.

In Wirklichkeit verlasse so viel Kapital den Kontinent, dass viele Länder Afrikas tatsächlich Gläubiger des Nordens seien, sagen die Wissenschaftler Léonce Ndikumana and James K. Boyce, die die Finanzflüsse von 30 afrikanischen Ländern untersucht haben.

Ohne Kapitalflucht bräuchten viele Länder keine Entwicklungshilfe

Von 1970 bis 2015 gingen ihnen durch Kapitalflucht 1‘400 Milliarden Dollar verloren. Rechnet man die Zinserträge dazu, sind es sogar 1‘800 Milliarden Dollar. Das sei mehr als die Summe von Entwicklungshilfe-Geldern und ausländischer Investitionen zusammen. In einer Grafik stellen die Autoren die Einnahmen aus Entwicklungshilfe und ausländischen Investitionen dem Geld gegenüber, das im selben Jahr den Kontinent verlassen hat:

Kapitalflucht aus Afrika 1970 bis 2015 in Milliarden Dollar (ODA: Official Developement Assistance, FDI: Foreign Direct Investment, Quelle: Ndikumana, Boyle)

Was so oder so stimmt: Wären die Gelder registriert und besteuert worden, bräuchten viele Länder keine Entwicklungshilfe mehr.

Die Vorausetzungen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung vieler afrikanischer Länder seien eigentlich gegeben, erklärt der Makroökonom Ndikumana in einem Video-Interview mit «The Real News Network», einem Non-Profit-Unternehmen mit Standort in Baltimore.

Die Voraussetzungen für eine gute Entwicklung sind da

In den vergangenen Jahrzehnten habe sich vieles zum Guten verändert, die Regierungen seien stabiler geworden, die Inflation gesunken. Ohne Zweifel, der Bedarf an Investitionen sei noch immer hoch, wirtschaftlich gesehen ergebe sich jedoch das «Bild eines Kontinents, auf dem sich vieles positiv entwickelt». Statt dessen sind die Armutsquoten hoch, die Infrastruktur unterentwickelt. Entwicklungshilfegelder und ausländisches Investitionskapital haben die Situation nicht in dem Masse verbessert, wie es zu erwarten wäre.

Ölreiche Länder verlieren mehr Geld, haben die Autoren ausgerechnet.(Quelle: Ndikumana, Boyle)

Viele afrikanische Länder sind reich an Bodenschätzen, schaffen es aber nicht, diesen Reichtum zu kapitalisieren. Weil zu viel Geld den Kontinent verlässt, sagt Ndikumana. Und das meist ungesehen, sprich: illegal. Entweder, weil die Eigentümer die Herkunft ihrer Mittel nicht preisgeben wollen, oder schlicht, um Steuern zu vermeiden.

Trotz Steuerflucht, Korruption und schlechten Regierungen: Schuld ist auch das intransparente Bankensystem

Reiche Länder verlieren schneller Geld als arme. Wobei das nicht für alle stimmt: Botswana, das Diamanten produziert, hat keine hohe Kapitalflucht. In den Ländern, die kein Erdöl fördern, stellt die Studie fest, sei die Kapitalflucht etwa gleich geblieben, in den ölreichen Ländern wie Nigeria nimmt sie mit grosser Geschwindigkeit zu. Dort betrug der Verlust im Jahr 2015 340 Milliarden Dollar oder 69 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Ndikumana kann auch sagen, woran das liegt. «Die ölreichsten Länder Afrikas haben die schlechtesten Regierungen», erklärt er. «Wir sprechen über Nigeria, Angola, Gabon und den Kongo».

Die Schuld aber allein korrupten Regierungen und ineffizienten Behörden zuzuschreiben, greife zu kurz, sagt er. Das globale Bankensystem müsse, genauso wie die betroffenen Länder und die multinationalen Unternehmen, endlich mehr Transparenz herstellen. Das Wissen darüber, woher Geld kommt, wo es hinfliesst und wem es gehört, sei eine Voraussetzung dafür, dass Länder die ihnen zustehenden Steuereinnahmen auch abschöpfen können.

Zum gleichen Thema:

«‘West Africa Leaks‘: wie afrikanische Länder ausgenommen werden», Infosperber im Juni 2018

«Offshore-Konten: Von Afrika nach Panama», Infosperber im November 2017

«Steuerflucht verhindert Bildung der Ärmsten», Infosperber 2012

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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts von «The Real News Network» und anderer Quellen erstellt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«Africa is a Creditor to the World», The Real News
«Capital Flight From Africa: Updated Methodology and New Estimates», PERI

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2 Meinungen

One $ in, ten $ out! Das ist Entwicklungshilfe nach westlicher Auffassung. Wie oft muss ich diese Wahrheit noch lesen und zur Kenntnis nehmen? Wer exportiert Kapital und wer importiert es, woher, wohin? Die Zahl der Gauner, die das praktizieren, ist wesentlich kleiner, als die Zahl derer, die die Konsequenzen tragen. An sich sind die meisten längst bekannt und spielen in der ersten Liga der Wirtschaftselite. Sie wohnen nur zum kleinsten Teil in Afrika. Sie leben auch in der Schweiz!
Walter Schenk, am 06. August 2018 um 12:14 Uhr
@Schenk: Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie bringen es kurz und knapp auf den (entscheidenden) Punkt. Wer sich nicht auf diese Grundlage bezieht, macht sich zum Verschleierer und damit Förderer des Elendes.
Stan Kurz, am 12. August 2018 um 11:58 Uhr

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