Inszenierter Börsencrash im Umfeld des Brexit?

Ernst Wolff © cc
Ernst Wolff / 11. Apr 2019 - Sollte es in Grossbritannien wegen des Brexit zu Unruhen kommen, könnte die globale Finanzelite die Gelegenheit beim Schopf packen.

Die britische Polizei gab vor wenigen Tagen bekannt, dass für den Fall von Unruhen im Land 10'000 Polizisten bereit stehen, die innerhalb von 24 Stunden einsatzbereit wären.

Wovon zurzeit niemand spricht, ist die historische Möglichkeit, die ein solches Szenario der globalen Finanzelite eröffnen würde – und zwar aus folgenden Gründen:

Nachdem die Zentralbanken ihre Geldpolitik im vergangenen Jahr nach vielen Jahren wieder etwas gestrafft hatten, ist es im Dezember zu den grössten Börseneinbrüchen seit 70 Jahren gekommen. Um den Abwärtstrend zu stoppen, reagierten die wichtigsten Zentralbanken, allen voran die FED und die EZB, umgehend und kündigten eine Rückkehr zur lockeren Geldpolitik und einen Verzicht auf weitere Zinserhöhungen an.

Das hat die Märkte nicht nur beruhigt, sondern zum besten Börsenstart seit Jahren und einer bis heute anhaltenden monatelangen Rallye geführt [Die Sendung «SRF Börse»berichtet täglich euphorisch darüber]. Das Risiko, dass diese immer grösser werdende Börsenblase platzt, nimmt dramatisch zu. Und nicht nur das: Wegen der Niedrigzinsen ist die Verschuldung gegenüber 2007/2008 stark gestiegen, so dass die Risiken im System heute höher sind als vor zehn Jahren. Ein Crash hätte also wesentlich schlimmere Folgen als damals.

Deshalb dürfte sich die globale Finanzelite zurzeit nichts mehr wünschen, als den Druck aus den Märkten zu nehmen und von sich selbst abzulenken. Eine historische Chance wäre ein Aufflammen von Brexit-Unruhen, um selber einen Crash zu inszenieren. Die Hedgefonds und Grossbanken, oft als «Marktkräfte» bezeichnet, könnten davon profitieren und der Öffentlichkeit einen Sündenbock präsentieren: die Turbulenzen um den Brexit.

Sie müssten zu diesem Zweck nur ihre Marktmacht ausnutzen, einen Ausverkauf an den Finanzmärkten anzetteln und die Kurse so ins Rutschen bringen. Zuvor könnten sie auf fallende Kurse sowie ein fallendes Pfund wetten und anschliessend den Crash nutzen, um mit gefüllten Taschen auf Einkaufstour zu gehen.

Ein auf diese Weise inszenierter – und damit von der Finanzelite kontrollierter – Crash würde ihr nicht nur riesige Gewinne bescheren, er böte auch noch die Chance, seine drastischen Folgen den «widerspenstigen» und «störrischen» Brexit-Befürwortern in die Schuhe zu schieben.

Auch der EU-Führung in Brüssel käme ein solcher inszenierter Crash nicht ungelegen: Sie könnte seine Folgen all denen, die wie zum Beispiel Katalonien eine Entlassung in die Unabhängigkeit fordern, als abschreckendes Beispiel präsentieren.

Die kommenden Tage und Wochen werden zeigen, wohin die Reise geht. Die Richtung wird dabei allerdings nicht, wie viele meinen, vom britischen Parlament oder der EU-Führung vorgegeben, sondern einmal mehr von den wichtigsten Finanzmarkt-Akteuren unserer Zeit – den internationalen Grossbanken und den Hedgefonds.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ernst Wolff ist freier Journalist. Von ihm erschienen sind die Bücher
«Finanz Tsunami – Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht», edition e. wolff, 27.90 CHF.
und «Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs», Tectum-Verlag, 26.90 CHF.

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5 Meinungen

Ich meinte, solche «Gelegenheitscrasher bzw. -grounder» schon im Nachgang zu 9/11 wahrgenommen zu haben. Abgesehen davon: Könnten sich GB und die CH nicht wirtschaftlich zusammentun? Sind ja dann beide nicht in der EU.
Leonhard Fritze, am 11. April 2019 um 16:49 Uhr
Interessanter Ansatz.
Wenn man die Devisenspekulationen um die Brexit-Abstimmung vor Augen führt nicht unrealistisch.
Fakt ist- die Politik hat ein vitales Interesse das Brexit Theater noch Jahrzehnte lang zu spielen. Dies nur schon wegen den Sitzungsgelder..
Daniel Bertschi, am 11. April 2019 um 18:24 Uhr
Nichts als Fragen
Der Beitrag ist hochinteressant, zwar spekulativ, aber kohärent realitätsnah. Mir aber als ökonomischem Kleinhirnträger bleibt unverständlich, wie genau man bei wirtschaftlichen Zusammenbrüchen Gewinne erzielen kann. Dass es Spekulation auf fallende Kurse gibt, ist klar. Aber werden, wenn die Abwärtsbewegung ins rasante Rutschen übergeht, immer dumme Käufer wacker zugreifen?

Und etwas ganz anderes: Uns wird eingeredet, wir lebten in einer Demokratie und das Stimmvolk hätte immer das letzte Wort. Das ist doch reine Lüge. Was nützt uns der politisch rudimentär-demokratische Ansatz, wenn die politischen Gegengewichte, nämlich die Realwirtschaft und die hochprivate Finanzwirtschaft der Demokratie radikal entzogen bleiben und im Gegenteil durch ihre Beeinflussung und Anleinung der ihnen zugetanen Parlamentariern in korrumpierender Manier ihre Vorgaben und Intentionen diktieren?
Soll mir bitte keiner mehr sagen, wir hätten demokratische Verhältnisse. Verächtlich wird auf Vorderasien verwiesen, aber bei uns hocken die finanzkräftigen Despoten in unseren Hirnen. Wir sind zu manipulierten Ratten im Hamsterrad geworden und tragen und bezahlen das kranke System, das uns ausbeutet. Und täuschen uns darüber hinweg, in Freiheit zu leben. Alles krankmachende Lügen.
Beat Keller, am 12. April 2019 um 07:01 Uhr
An Paul Meyer hätte ich die Frage, ob er das Unterdrückungsabkommen, das uns als Rahmenabkommen beschönigend untergejubelt wird, gelesen hat und in seiner umfassenden Tragweite wirklich kennt.
Beat Keller, am 12. April 2019 um 07:05 Uhr
Vielleicht merken - nicht nur - die Engländer jetzt, nicht jeden Hergelaufenen und jede Hexe wählen und auch nicht jedes Massen-Hetzblatt lesen zu dürfen. Denn den BREXIT haben ihre «gewählten» Politiker ebenso zu verantworten wie ihre Massenmedien!
By the way existieren auch in anderen sogenannt «demokratischen Ländern» dieselben BEIDEN Schuldigen - sogar in der letzten «volksdemokratischen» Schweizer Eidgenossenschaft! Denn nicht mehr «das Volk» regiert irgend ein Land wirklich, sondern Millardäre, grosse Firmenkonglomerate und deren Beauftragte!
Rolf Schmid, am 14. April 2019 um 04:24 Uhr

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