Gerhard Schwarz (links) und Martin Dahinden (rechts) © cc

Gerhard Schwarz (links) und Martin Dahinden (rechts)

Deza-Direktor knöpft sich Gerhard Schwarz vor

Urs P. Gasche / 02. Aug 2013 - Martin Dahinden muss der Kragen geplatzt sein. Der Chefbeamte wirft Schwarz in der NZZ vor, «sachlich verfehlt» zu argumentieren.

Chefbeamte nennen nur selten Namen, wenn sie in einen veröffentlichten Diskurs eingreifen, mit dem sie nicht einverstanden sind. Doch diese Woche konterte Martin Dahinden, Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), eine «sachlich verfehlte» Wertung der Entwicklungshilfe, die am 29. Juni in der NZZ erschien, und nannte Autor Gerhard Schwarz mehrmals beim Namen.

Schwarz ist Direktor der «Avenir Suisse», die von Konzernen finanziert wird. Über «die Irrlehre des Gerhard Schwarz zum Wachstum» veröffentlichte Infopserber erst vor zehn Tagen einen Beitrag. Die Kritik des Deza-Direktors fällt ebenso scharf aus. Unter dem Titel «Entwicklung ohne Hilfe» versuchte Schwarz zu beweisen, dass es Entwicklungsländern seit 1980 besser gegangen sei, wenn sie keine Entwicklungshilfe erhielten. Einziges Messkriterium von Schwarz war das Wachstum des Bruttoinlandproudukts BIP. Dieses sei zum Beispiel in Burundi trotz vieler Entwicklungshilfe «lausig» gewesen. Das grösste Wachstum in den letzten dreissig Jahren hätten China und Indien erzielt, obwohl dort die offizielle Entwicklungshilfe «höchstens von marginaler Relevanz» gewesen sei. «Viele detaillierte und umfassende Studien» würden «bestätigen», dass «wachsende Geldströme von aussen die Armutspobleme nicht lösen – im Gegenteil», schrieb Schwarz.

«Erfolg lässt sich nicht einseitig am Wachstum messen»

Deza-Chef Martin Dahinden konterte jetzt ebenfalls in der NZZ, dass «die rein ökonomische Betrachtung ins Leere greift», wenn der Erfolg von Entwicklungshilfe zu beurteilen sei. Das Deza habe Burundi seit 2006 bei einer Gesundheitsreform geholfen, dank der es heute weniger Krankheits- und Todesfälle gebe. Auch bei einer Bodenreform habe das Deza Burundi unterstützt. Endlich würden ausgestellte Eigentumsrechte gesetzlich anerkannt. Das gebe den Bauern Sicherheit und sei eine Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Solche Erfolge liessen sich «nur schwer quantifizieren». Wolle man die Erfolge am Pro-Kopf-Einkommen messen, wie dies Gerhard Schwarz tue, «greift diese Argumentation zu kurz».

Die Entwicklung eines Landes lasse sich «nicht nur aus einer wirtschaftlichen Optik» beurteilen. Politische, soziale, ökologische und menschenrechtliche Aspekte seien «integrale Bestandteile der nachhaltigen Entwicklung».

Um den Erfolg der Entwicklungshilfe zu prüfen, reiche Gerhard Schwarz’ «blosser Vergleich des Pro-Kopf-Einkommens» von Ländern, die unterstützt wurden, mit Ländern, die kaum Unterstützung erhielten, nicht aus. Deshalb sei die Schlussfolgerung, dass die internationale Zusammenarbeit mehr schade als nütze, «sachlich verfehlt».

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Zum oben erwähnten Beitrag von Gerhard Schwarz in der NZZ vom 29.6.2013: «Entwicklung ohne Hilfe»

Zur oben erwähnten Duplik von Martin Dahinden in der NZZ vom 30.6.2013: «Gezielte Entwicklungshilfe»

Zum Infosperber-Artikel «Die Irrlehre des Gerhard Schwarz zum Wachstum» vom 24. Juli 2013

Zum Infosperber-Artikel «Gerhard Schwarz erklärt sich selbst» vom 25. Juli 2013

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Am 24. Juli lud Infosperber Gerhard Schwarz ein, auf Infosperber zu präzisieren, welche Subventionen und Interventionen, die das Wachstum fördern, zu streichen und zu eliminieren sind. Denn Gerhard Schwarz hatte den Staat aufgefordert, das Wachstum «nicht künstlich anzuheizen mit Subventionen und andern Interventionen». Eine eher überraschende Forderung des Direktors von «Avenir Suisse». Denn ohne Subventionen und Interventionen wäre das Wachstum, das er predigt, in den meisten Industriestaaten schon früher beendet worden.

Bis heute ist Schwarz der Einladung von Infosperber nicht gefolgt.

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Keine

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3 Meinungen

Hunger sollte es nirgendwo auf der Welt geben. Monsanto hilft nicht den Hunger zu beheben. Das ist ein US-Weltkonzern der seine eigenen Geschäfte verfolgt. Die kulturellen und politischen Verhältnisse in den Ländern mit Hunger leidender Bevölkerung verhindern ebenfalls die Behebung der Not. Das kann nur durch die jeweils eigene Revolution in diesen Ländern geändert werden. Wir haben kein Recht Revolutionen anzuzetteln. Was wir anbieten können ist die Ausbildung von landwirtschaftlichem, medizinischem und verwaltungstechnischem Personal. Diese Azubis erhalten bei uns kein Bleiberecht, sondern sind von Beginn an verpflichtet anschliessend in ihren Ländern Aufbauarbeit zu leisten. Die heutige Entwicklungs-Hilfe-Industrie mit ihren hochbezahlten Stellen braucht es in dieser Form nicht. Die rechtfertigen mit ihren Berichten nur sich selbst.
Ulrich Hertig, am 02. August 2013 um 15:41 Uhr
BIP oder nicht BIP - das ist hier die Frage... Nein, natürlich nicht. Die Fragestellung greift viel tiefer. Ich bin allerdings auch sehr kritisch gegenüber auch der wohlgemeintesten Entwicklungshilfe: viel zu oft funktioniert sie sehr vergleichbar mit Kolonialismus. Ja - sorry to say: aber viel zu viel läuft immer noch nach dem Motto «wir wissen, was gut ist, wie man zu leben hat, was gut für Euch ist - und menschenfreundlich und grosszügig wie wir sind, helfen wir Euch dabei, das zu erreichen, was wir als Ziel gesetzt haben". Da wundert es mich überhaupt nicht mehr, dass prominente Vertreter z.B. von Afrika schon öffentlich gefordert haben: «Leave us finally alone!"... Und dann kommt ja noch die ganze Problematik dazu, dass Entwicklungshilfe oft dazu führt, dass vor Ort vorhandene Strukturen nicht nur gestützt, sondern geradezu zementiert werden. Ob das wirklich hilft???
Patrick Hafner, am 03. August 2013 um 18:11 Uhr
Entwicklungshilfe der Schweiz: Wenig Transparenz bei Wirksamkeit und Effizienz!

Wirksamkeit und Effizienz der öffentlichen Entwicklungshilfe sind ständig zu prüfen. Leider hört man dazu in der Öffentlichkeit wenig von den verantwortlichen Stellen (z. B. DEZA). Interessieren würde auch, warum sich die Schweiz nicht stärker für eine wirksame Geburtenkontrolle in den ärmsten Ländern einsetzt. Dies wäre das wirksamste Mittel, um den Wohlstand pro Kopf zu steigern.
Alex Schneider, am 19. November 2013 um 08:57 Uhr

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