Gerhard Schwarz: Direktor der von der Wirtschaft finanzierten «Avenir Suisse» © zvg

Die Irrlehre des Gerhard Schwarz zum Wachstum

Urs P. Gasche / 24. Jul 2013 - Ohne Wirtschaftswachstum gäbe es keinen technischen Fortschritt mehr, behauptet der «Avenir Suisse»-Direktor und Ex-NZZ-Redaktor.

Lange wollte die NZZ überhaupt nichts wissen von der Kritik am Wirtschaftswachstum, welches Wirtschaft und Politik als höchstes Ziel verfolgen. So lange Gerhard Schwarz Chef der NZZ-Wirtschaftsredaktion war, unterband die NZZ wachstumskritische Stimmen und disqualifizierte Wachstumsskeptiker pauschal als «ökologische Bedenkenträger».

Am letzten Montag erklärte Schwarz warum: Wirtschaftswachstum sei «gewissermassen ein natürliches Phänomen», schrieb er. Wer es bremsen will, handelt also widernatürlich und braucht nicht ernst genommen zu werden.

Debatte über «Wachstum ohne Ende»

Immerhin nimmt die NZZ Wachstumskritiker unterdessen ernster. Ein Zeichen dafür war die kontroverse Debatte über «Wachstum ohne Ende», die Inlandredaktor Markus Hofmann am Montag ins Blatt setzte. Neben Gerhard Schwarz und seinem «Avenir Suisse»-Vize Samuel Rutz kamen Irmi Seidl und Angelika Zahrnt ebenso prominent zu Wort. Die beiden hatten 2010 das Buch «Postwachstumsgesellschaft – Konzepte der Zukunft» herausgegeben. An Beispielen wie der deutschen Verschrottungsprämie, dem Strassenbau zur Konjunkturankurbelung, der zunehmenden Produktion von Wegwerfprodukten, dem «Standort-Doping» und den Niedrigzinsen stellten sie die Frage, warum die Politik und Teile der Wirtschaft weiterhin das Wirtschaftswachstum fordern und fördern. Das westliche Wachstumsmodell liesse sich weder ökologisch noch global durchhalten.

Der neoliberale Gerhard Schwarz dagegen, Mitverfasser des «Weissbuchs» von 1995, das eine grösstmögliche gesetzliche Deregulierung, notabene auch der Finanzmärkte, zugunsten von Wachstum forderte, sieht «das zentrale Argument für Wachstum» darin, dass es «gewissermassen ein natürliches Phänomen ist», das der Gier und der Neu-Gier entspringe.

Neben diesem selbst gebastelten Naturgesetz führt Schwarz einige weitere Argumente an. Diese gehen allerdings auf die moderne Wachstumskritik gar nicht ein oder ziehen sie ins Lächerliche:

Schwarz erinnert an die Zeiten ohne Geschirrspühler, Farbfernseher und Handys. Eine Gesellschaft ohne Wachstum sei realitätsfremd, denn der technische Fortschritt lasse sich nicht unterbinden.

Antwort: Wachstumsprediger verbreiten und verstärken gerne das Vorurteil, ohne Wachstum würden Erfinder, Forscher und Entwickler ihre Hände plötzlich in den Schoss legen. Das belegt jedoch weder die Wirtschaftswissenschaft noch die Empirie. Erfahrungsgemäss ist eher das Gegenteil wahr. Not macht bekanntlich erfinderisch. Grosse technologische Fortschritte wurden erzielt, als die Gürtel enger zu schnallen waren. Schwarz räumt selber ein, dass technische Fortschritte häufig mit Produktivitätssteigerungen verbunden seien, die u.a. in Form von Preissenkungen der Allgemeinheit zugute kämen.

Tatsächlich braucht es für bessere Computer zu günstigeren Preisen kein Wachstum. Wenn die Computer billiger werden, können sich mehr Leute einen Computer leisten, ohne dass insgesamt mehr Geld für Computer ausgegeben werden muss. Es braucht dafür kein Wachstum.

Schwarz stellt fest, dass alle westlichen Industriegesellschaften ihren Sozialstaat auf Kosten der künftigen Generationen auf- und ausgebaut haben. Das Wirtschaftswachstum sei die «einzige Möglichkeit, sich aus dieser Schuld gegenüber den künftigen Generationen zu befreien».

Antwort: Das ist eine Kapitulationserklärung. Schwarz unterstellt damit, dass unsere Gesellschaften heute nicht mehr frei sind, unsere Welt zu gestalten, sondern dass wir die Steuer-, Sozial-, Umwelt- und Gesellschaftspolitik dem Diktat des Wirtschaftswachstums unterordnen müssen. Wir leben laut Schwarz also nicht mehr in einer freien Wirtschaft, sondern in einer Wachstums-Zwangswirtschaft – auf Kosten künftiger Generationen. Das gilt vom Atommüll über die Rohstoffausbeutung, die Überfischung der Meere bis zur Überschuldung von Staaten, Unternehmen und Privaten.

In Tat und Wahrheit verschärft das weitere Streben nach Wachstum diese Lasten anstatt sie abzubauen. Dabei gibt es durchaus andere Wege, soziale Aufgaben und künftge Renten ohne Wachstum zu sichern. Einige Möglichkeiten haben Hanspeter Guggenbühl und ich in unserem Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr» dargelegt. Die reichen Industriestaaten werden allerdings kaum darum herumkommen, den Gürtel enger zu schnallen.

Schwarz plädiert für ein weiteres Wirtschaftswachstum, weil es Verschiebungen in der Verteilung (von Vermögen und Einkommen) erlaube, die praktisch unbemerkt vor sich gehen. Unter Wachstumsbedingungen bedeute Umverteilen, dass es allen besser gehe, aber manchmal den einen etwas mehr als den andern. Ohne Wachstum hingegen würden unweigerlich Verteilungskämpfe aufbrechen, die Ressourcen vernichten würden.

Der Direktor der «Avenir Suisse» unterschlägt, dass das zur Verfügung stehende reale Einkommen der wirtschaftlich schwächsten zehn Prozent der Bevölkerung in den meisten Industriestaaten in den letzten 25 Jahren trotz Wirtschaftswachstum gesunken ist. Man kann dem Thema Verteilung der Einkommen und Vermögen nicht wie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren aus dem Weg gehen, indem man damalige Wachstumsraten anstrebt. Es ist eine Zumutung, die Massen von Arbeitslosen in Südeuropa und die Einkommensschwächsten in andern Ländern auf Zeiten mit hohen Wachstumsraten zu vertrösten. Denn Wirtschaftswachstum als Lösung anstehender Probleme hat in den entwickelten Industriestaaten ausgedient. Schon seit über zehn Jahren gelingt Wachstum in OECD-Ländern nur noch mittels rascher wachsender Verschuldung; die Schweiz ist eine der wenigen Ausnahmen, welche diese Regel bestätigen.

Weg mit Subventionen, die das Wachstum anheizen

Seit seinem «Weissbuch» vor bald zwanzig Jahren hat Gerhard Schwarz immerhin einige neue Einsichten gewonnen:

  • Das BIP-Wachstum müsse pro Kopf der Bevölkerung gemessen werden, weil der Wohlstand nicht steige, wenn das Wachstum nur dank Zunahme der Bevölkerung zustande kam (was in den letzten zehn Jahren in der Schweiz zur Hälfte der Fall war).
  • Das BIP-Wachstum würde die Lebensqualität «nur ungenügend» abbilden, weil «Aktivitäten einfliessen, die man kaum als wohlstandsvermehrend empfindet». Auch unbezahlte Arbeit werde nicht erfasst. Doch trotz diesen altbekannten Mängeln, so schreibt Schwarz, bleibe das Bruttoinlandprodukt BIP «die beste verfügbare Annäherung an das Erfassen des Wohlergehens von Menschen». Kritiker bestreiten diese Meinung.
  • Der Staat dürfe das Wachstum «nicht künstlich anheizen mit Subventionen und andern Interventionen». Denn dies würde die Preise verzerren, was früher oder später zur Übernutzung von Gütern, Dienstleistungen und Ressourcen komme.

Die letzte Forderung ist richtig, doch die reale Welt sieht anders aus: Vom Tourismus über die Energie bis zum Verkehr ist fast alles hoch subventioniert – immer mit dem Ziel, das Wachstum zu fördern. Sobald jemand an Subventionen rüttelt, werden Standortwettbewerb ins Feld geführt, Konkurrenznachteile, Gefährdung von Arbeitsplätzen oder sogar ein öffentliches Interesse.

Ohne Subventionen und Interventionen, die Schwarz ablehnt, wäre das Wachstum, das er predigt, in den meisten Industriestaaten schon früher beendet worden.

Wir laden darum Gerhard Schwarz herzlich ein, auf Infosperber zu präzisieren, welche Subventionen und Interventionen, die das Wachstum fördern, zu streichen und zu eliminieren sind.

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Siehe auch Artikel

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor hat zusammen mit Hanspeter Guggebühl im 2010 das Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr» geschrieben. Rüegger Verlag. Bei Ex Libris für 15.60 CHF.

Weiterführende Informationen

«Wenn Gerhard Schwarz die Idee der Freiheit erklärt» vom 15.7.2012
«Marktgläubige Avenir Suisse ruft nach dem Staat» vom 20.4.2013

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Eine Meinung

Ich glaube der Hund fault anderswo begraben.

Avenir Suisse etwas unpräzise als «von der Wirtschaft finanziert» zu bezeichnen verbuddelt gerade den Schlüssel. Die Gründung ging exklusive von 14 MULTIS aus, der institutionelle Gencode ist also AuslandEXPANSION. Vom Diskurs der Avenir «Suisse (?)» ist also nie eine Perspektive der Balance mit dem Schweizerischen Öko- und Sozialbiotop zu erwarten, bis die Zukunft abgelaufen ist.
Werner Meyer, am 01. August 2013 um 14:33 Uhr

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