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Aufwertung des Frankens bremst Schweizer Volkswirtschaft

Wie der Devisenmarkt das Steuerdumping bestraft

Hanspeter Guggenbühl / 25. Jan 2015 - Steuerdumping und Wachstumsförderung haben den Standort Schweiz aufgewertet. Jetzt korrigiert der Devisenmarkt diese Politik.

Die Schweizer Volkswirtschaft verbucht einen Exportüberschuss an Waren und einen Importüberschuss an Kapital und Arbeitskräften. Dieses Ungleichgewicht liess seit 2000 die Wirtschaft hierzulande stärker wachsen als in den meisten andern Staaten Europas. Das bestätigt der am Mittwoch veröffentlichte Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), der dem Bundesrat die «Grundlagen für die Neue Wachstumspolitik» liefern soll.

Schon der Titel des Seco-Berichts zeigt: Die Wirtschaft des reichsten Landes Europas soll weiter wachsen. Das bekräftigte der Bundesrat, nachdem er den Seco-Bericht zur Kenntnis genommen hatte, mit folgenden Worten: «Der Bundesrat will weiterhin das Wirtschaftswachstum fördern, langfristig die Arbeitsplätze und den Wohlstand in unserem Land sichern.» Kurzfristig aber könnte die Aufwertung des Frankens, also der Devisenmarkt, diese politischen Pläne allerdings durchkreuzen.

Die Treiber des Wachstums in der Schweiz

Beginnen wir bei den Ursachen. Warum wuchs die Wirtschaft in der Schweiz, also das Bruttoinlandprodukt, stärker als in andern europäischen Staaten?

Das liegt in erster Linie an der Attraktivität des Standortes: Die Schweiz betreibt ein aktives Standortmarketing. Sie lockt ausländische Firmen, internationale Organisationen und wohlhabende Personen mit besonders tiefen Steuern ins Land. Dazu gehören die umstrittenen Steuerprivilegien für Holdinggesellschaften ebenso wie Steuererlasse (zum Beispiel für das Internationale Olympische Komitee) oder die Pauschalbesteuerung von reichen Ausländern. Zudem haben Bund und Kantone die allgemeinen Unternehmenssteuern in den letzten Jahren deutlich gesenkt. Dieses Steuerdumping erhöht die Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Wirtschaft im Verhältnis zum Ausland und schafft Arbeitsplätze.

Die Zunahme der Arbeit können die Einheimischen schon lange nicht mehr allein bewältigen; dies obwohl unser Land punkto Arbeitsfleiss (Arbeitsstunden pro Kopf der Bevölkerung) ebenfalls an der Spitze Europas steht. Darum erzielt die Schweiz einen starken Importüberschuss an ausländischen Arbeitskräften, sei es in Form von Zugewanderten oder Grenzgängerinnen. Ein Lohnniveau, das weit über dem europäischen Durchschnitt liegt, begünstigt diesen Zustrom zusätzlich. Einzig die Arbeitsproduktivität, so konstatieren die Verfasser des Seco-Berichts stirnrunzelnd, steige hierzulande weniger stark als in den Nachbarstaaten Deutschland und Österreich. Deshalb räumen Seco und Bundesrat in ihrer «neuen Wachstumspolitik» für die nächsten vier Jahre der «Stärkung des Wachstums und der Arbeitsproduktivität» Priorität ein.

Die Reaktion des Devisenmarktes und seine Folgen

Die Auswirkungen der geschilderten Wachstums- und Standortförderungs-Politik korrigiert jetzt der Devisenmarkt. Dieser Markt diente schon immer dazu, Unterschiede zwischen florierenden und serbelnden Volkswirtschaften auszugleichen, solange man ihn nicht daran hinderte. Die 2002 eingeführte Gemeinschaftswährung Euro, welche die Abwertung der Währung etwa in Griechenland und weiteren südeuropäischen Ländern verunmöglichte und damit die Eurokrise auslöste, sowie die temporäre Bindung der Schweiz an diesen Euro verunmöglichten aber den Ausgleich mittels Währungsschwankungen.

Seit der Aufhebung des Franken-Mindestkurses durch die Nationalbank spielt der Devisenmarkt partiell wieder. Er bewirkte folgerichtig die Aufwertung des Schweizer Frankens und bremst damit die florierende Schweizer Volkswirtschaft. Diese Normalisierung bewegt und schockiert jetzt Politik und Wirtschaft, Davon zeugt täglich eine Fülle von Informationen und Analysen in den Medien.

Tatsächlich schwächt der starke Franken die Wettbewerbsposition der reichen Schweiz gegenüber den weniger reichen EU-Staaten. Direkt betroffen sind primär im Export tätige kleine und mittlere Unternehmen sowie die Tourismusbranche. Diese Entwicklung fördert auch landesintern das Ungleichgewicht. Denn betroffene KMU und Tourismus sind in ländlichen Regionen stärker vertreten als multinationale Firmen und Banken, die sich vor allem in Städten ansiedeln und vom Steuerdumping am meisten profitieren.

Wie die Schweiz reagieren kann

Falls der Frankenkurs lange Zeit auf dem aktuell hohen Niveau bleibt, kann sich die abnehmende Konkurrenzfähigkeit des Schweizer Exports und des Tourismus auf die ganze Wirtschaft ausbreiten. Eine Rezession mit abnehmendem Bruttoinlandprodukt, rückläufiger Beschäftigung, sinkendem Einkommen und schrumpfender Kaufkraft wäre die Folge. Damit stellt sich die Frage, wie Politik, Wirtschaft und Bevölkerung darauf reagieren sollen. Zwei entgegengesetzte Wege seien hier grob beschrieben:

o DIE ANPASSUNGSSTRATEGIE Die Schweiz nimmt den vorübergehenden Rückgang ihrer Wettbewerbsfähigkeit und damit eine Schrumpfung ihrer Wirtschaft in Kauf und versucht, diese möglichst gut zu bewältigen. Die rückläufige Beschäftigung etwa lässt sich abfedern mit Verminderung der Arbeitszeit, Kurzarbeit oder Weiterbildung. Ein sinkendes Lohnniveau verkleinert automatisch den Importüberschuss an Arbeitskräften und kann damit die Zuwanderung begrenzen, ohne die Personenfreizügigkeit mit der EU zu verletzen. Verbraucherinnen und Verbraucher werden ihre abnehmende Kaufkraft kompensieren, indem sie statt der Arbeitsproduktivität die Produktivität ihres Konsums steigern. Erhöhte Konsumproduktivität bedeutet, mit weniger Einkäufen den Nutzen der verbleibenden Güter zu erhöhen; das vermindert nebenbei die Plünderung der Natur. Sobald die schrumpfende Schweizer Wirtschaft sich dem EU-Durchschnitt nähert, wird der Devisenmarkt, wenn man ihn denn spielen lässt, den Wert des Frankens wieder nach unten drücken. Indes: Diese naheliegende Anpassungsstrategie ist in einer wachstumsfixierten Wirtschaft und Gesellschaft chancenlos.

o DIE KORREKTURSTRATEGIE Die Schweiz kann versuchen, die Schrumpfung ihrer überdurchschnittlich gewachsenen Wirtschaft zu verhindern, indem sie ihre Politik der Standortförderung weiter führt und noch verstärkt. Einige Vorschläge dazu liegen schon auf dem Tisch. Dazu gehört die Unternehmenssteuerreform III, mit welcher der Bundesrat die Steuern aller Unternehmen senken will. Laut NZZ ist das die «wichtigste Massnahme zur Entlastung der Wirtschaft». Andere Massnahmen hängen noch in der Luft. So will etwa Volkswirtschafts-Minister Johann Schneider-Ammann den Unternehmen erlauben, die Arbeitszeiten vorübergehend zu verlängern, um die Kosten der Unternehmen weiter zu senken. Schon länger geplant ist eine Erhöhung des Rentenalters. Damit könnte das arbeitsintensivste Land Europas noch mehr Arbeit an sich raffen. Ebenfalls diskutiert werden erneute Interventionen der Nationalbank am Devisenmarkt oder Konjunktur-Förderungsprogramme, also zusätzliche Subventionen an die Wirtschaft.

Die Korrekturstrategie hat grosse Chancen, umgesetzt zu werden. Sie hat nur einen Haken: Sie will die Frankenstärke mit der gleichen Politik und ähnlichen Massnahmen korrigieren, die den Franken gestärkt haben. Der Hund beisst sich damit in den eigenen Schwanz.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Die Kursfreigabe wird die Einwanderung bremsen (auf Infosperber)
Staatsschulden wachsen schneller als Wirtschaft (auf Infosperber)
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5 Meinungen

„Primär“ und sekundär, sind wir nicht alle gleich? Kursmanipulation ist nicht Sache der Politik. Das SECO hat angeblich ein anderes als das „procedure as every year“? «Stärkung des Wachstums und der Arbeitsproduktivität» hat Priorität. Ist das wirklich etwas Neues? Unbestritten, es gibt gewisse Normalisierung, nur wie durch „QE“ bewiesen, wohl eher eine Irreführung. Es gibt gewisse echte „Normalisierungen“ keine Frage. Zum Beispiel aufgearbeitete CD’s. Kein Wort dabei auch hier wieder vom heimischen Markt. Dabei gibt es doch auch da eine einfache Bilanz: Forciert man die eigenen Märkte durch Trickeffizienz, dann muss man sich doch nicht mehr darüber wundern, wenn Export gestützt werden muss. Dieser Teil hat auch nicht mit Volatilität zu tun, sondern ist Teil des Überdruckes, welcher leider auch nach dem Dammbruch bleibt. Arbeitszeitverkürzung fällt wie Gerechtigkeit nicht als Manna vom Himmel. Somit eine Anpassungsstrategie+ . Thank You
Hansjörg Bracher, am 25. Januar 2015 um 10:54 Uhr
Was die fallende Attraktivität der CH-Löhne betrifft, muss festgestellt werden dass auch eine 10% Lohnsenkung im Binnenmarkt immer noch eine echte Lohnsteigerung von 10% inder €-Optik darstellt. Die Attraktivität des CH-Marktes würde nur kleiner, wenn die Löhne inde Schweiz meht als 20% fallen würden.

Das Problem mit Hau-Ruckmethoden liegt grundsätzlich in der Geschwindigkeit der Anpassung. Soziale Transfers sind unvermeidlich und gehen normalerweise zu Lasten der ökonomisch und somit auch politisch schwächeren. Das ist wohl so üblich in Teichen, in denen Haifische das sagen haben.
Josef Hunkeler, am 25. Januar 2015 um 11:27 Uhr
Scharfsinnige Analyse von Guggenbühl (wie gewohnt...)
Nun kommt «staatliche Hilfe» BR Schneider bewilligt Kurzarbeit zu Lasten der Arbeitslosenkasse.
Staatlich? Wer bezahlt denn die Prämien für die Arbeitslosenversicherung? Es ist nicht der Staat. Es sind die Sozialpartner Unternehmer und Arbeiter, als Lohnbestandteil zahlen die Kunden schlussendlich die Prämie. Das Produkt wird um die Prämie verteuert.
Wie wärs, wenn wirklich der Staat die Prämie für die AL-Versicherung bezahlen würde? Das würde die Chancen Helvetischer Produktion etwas verbessern.
Sozialversicherungen sind staatliche Aufgaben und gehören nicht mit Aufschlägen auf Produkte finanziert, sondern ganz normal durch Steuern.
Urs Lachenmeier, am 27. Januar 2015 um 19:08 Uhr
Die SNB sorgt auf ihre Weise für eine Schwächung des Frankens, fährt damit aber eine riskante Schiene.

Offenkundig versucht die SNB seit Aufhebung der Mindestgrenze den Franken wieder zu schwächen und kauft daher weiter Euro und Dollar. Damit dürften die Fremdwährungsreserven der SNB weiter steil ansteigen – für eine vergleichsweise kleine Notenbank erreichen diese ein gigantisches Niveau.

Die SNB-Währungsreserven sind Stand Ende Dezember 2014 mit 510,1 Mrd. Franken über die Marke von 500 Mrd. Franken gestiegen (Vorquartal 471 Mrd. Franken). Die SNB kauft also weiter Euro und Dollar und verkauft Franken. Das sollte Investoren, die die Schweiz als sicheren Hafen betrachten, nachdenklich stimmen. Eine aufgeblähte Bilanz war schon mittelfristig nie mit Erfolg gekrönt.

Wo ist das Ende? Währungsreserven der SNB steigen über 500 Mrd. Franken
http://finanzmarktwelt.de/wo-ist-das-ende-waehrungsreserven-der-snb-steigen-ueber-500-mrd-franken-8519/
Elisabeth Krail, am 31. Januar 2015 um 10:34 Uhr
Wir werden wohl die Januarzahlen abwarten müssen, um die aktuelle Situation etwas besser verstehen zu können. Sicher ist das die 500 Mrd. vor der Aufwertung des CHF «bewertet» wurden. Inzwischen wurde ja da ganze um 20% «abgewertet».

Immerhin hat die SNB festgestellt, dass der buchhalterische Verlust von etwa 100 Mrd. auf die Reservebestände ja erst im Januar verbucht wird, dass also der Rekordgewinn von 38 Mrd. per 2014 noch für die traditionelle «Gewinnauschüttung» an Bund und Kantone verwendet werden kann.

Von wegen «Berücksichtigung» der neuesten zugänglichen Daten ? Habe ich da irgendetwas in der Nähe von Schizophrenie geortet ?
Josef Hunkeler, am 31. Januar 2015 um 10:49 Uhr

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