Eco-Population: Fördern oder begrenzen? Aber wie? Und welche? © Beatrix Mühlethaler

Eco-Population: Fördern oder begrenzen? Aber wie? Und welche?

Ecopop-Initiative – der Versuch einer Entwirrung

Hanspeter Guggenbühl / 25. Nov 2014 - Wer die Plünderung der Natur stoppen will, muss (auch) die Zunahme der Bevölkerung begrenzen. Die Frage ist, wie man das tun soll.

Die Nutzung der Natur wird von drei Faktoren bestimmt. Erstens vom Konsum pro Person (gemessen in Geld). Zweitens vom Naturverbrauch (Rohstoffe, Land etc.) pro Konsumeinheit. Drittens von der Zahl der Personen. Diese Formel wird in der Regel nicht bestritten. Zu berücksichtigen ist lediglich, dass die drei Faktoren je nach Nation und Gesellschaftsschicht unterschiedlich ins Gewicht fallen.

Die Umweltpolitik trachtet primär danach, den Naturverbrauch pro Konsumeinheit zu reduzieren, zum Beispiel den Benzinbedarf eines Autos. Damit kann sie den unbequemen Konflikt mit der stärkeren Wirtschaftspolitik vermeiden. Denn die Wirtschaftspolitik aller Staatsregierungen strebt eine Steigerung des Konsums an. Und wenn sich der Konsum pro Person nicht mehr steigern lässt, nimmt sie auch die wachsende Personenzahl gerne in Kauf, um den Umsatz der Volkswirtschaft zu steigern (siehe auf Infosperber «Rezept für ein hundertfaches Wirtschaftswachstum»).

Menschheit plündert die Erde

Das Resultat dieser Politik zeigen die Statistiken: Der Naturverbrauch pro Konsumeinheit sinkt tendenziell. Doch gegenüber dieser Effizienzsteigerung überwiegt meist die Zunahme des Konsums pro Kopf sowie der Bevölkerung. Darum wächst mit dem Wachstum der Wirtschaft in der Regel auch die Nachfrage nach Energie, Rohstoffen, Verkehr, Wohn- und Geschäftsraum, und es wird mehr Abfall produziert.

Die Menschheit verbraucht schon heute – global und im Inland – weit mehr Naturgüter, als die Natur regenerieren kann; sie zehrt also vom Kapital, statt sich mit dem Zins zu begnügen. So zeigen zum Beispiel die Berechnungen des «Footprint Network». Der ökologische Fussabdruck der Schweiz ist viermal grösser als die ökologische Kapazität unseres Landes (siehe Auf Infosperber «Wie die Ausbeutung wächst und die Natur schrumpft»).

Aus dieser Erfahrung heraus plädieren einige grüne Politikerinnen und Umweltorganisationen zusätzlich für eine Einschränkung des Konsums pro Kopf, neudeutsch: für Suffizienz. Und Gewerkschafter sowie Entwicklungsorganisationen engagieren sich für eine gerechtere Verteilung der Natur- und Wirtschaftsgüter. Die Zunahme der Personenzahl hingegen wird von den rotgrünen Parteien, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen weitgehend tabuisiert. Aus diesem Grund bellen Grüne und Linke wie getroffene Hunde, wenn eine Organisation wie die Ecopop eine Initiative lanciert, welche die Zunahme der Bevölkerung im In- und Ausland beschränken will.

Obwohl ich mich als Journalist schwergewichtig mit Umwelt- und Wirtschaftspolitik beschäftige, habe ich die Zunahme der Bevölkerung ebenfalls nur selten thematisiert. Denn in der Schweiz wuchs der Konsum sowie der Stoff- und Landverbrauch pro Person seit dem zweiten Weltkrieg viel schneller als die Zahl der Köpfe. Das änderte sich aber in den letzten zwei Jahrzehnten: Seit 1990 nimmt die Bevölkerung hierzulande stärker zu als das Bruttoinlandprodukt pro Kopf. «Wir leben auf Pump (der Natur). Deshalb muss die Bevölkerungszahl ebenso schnell stabilisiert werden wie der Konsum pro Kopf», schrieben Urs P. Gasche und ich schon im Jahr 2010 in unserem Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn». Der Proteststurm, der heute der Ecopop entgegen braust, blieb damals aus.

Bevölkerung begrenzen – aber wie?

Die Frage ist also nicht, ob wir das Bevölkerungswachstum begrenzen wollen, sondern wie wir das tun. Die Volksinitiative der Ecopop verlangt dazu zweierlei.

Erstens sollen 10 Prozent der finanziellen Mittel, welche die Schweiz künftig für die Entwicklungshilfe einsetzt, reserviert werden für die Förderung der «freiwilligen Familienplanung». Hier lässt sich darüber streiten, ob zehn Prozent zu viel oder zu wenig sind oder eine zu starre Regelung darstellen. Ob es eine Umverteilung der Mittel braucht, oder ob es dem reichsten Land der Welt zuzumuten ist, das Entwicklungshilfe-Budget um zehn Prozent (oder 0,05 Prozent des BIP) zu erhöhen. Doch diese inhaltliche Debatte rückt in den Hintergrund. Im Vordergrund der Abstimmungsdebatte steht der Vorwurf, bei der Förderung von «freiwilliger Familienplanung» (oder beim «Denken», das Gedankenleser hinter dieser Forderung orten) handle es sich um «Neokolonialismus», erfunden von «Herrenmenschen».

Wer diese Meinung vertritt, müsste auch die Massnahmen zur Förderung der Bildung, zur Stärkung der Frauenrechte, zur Bekämpfung der Armut, ja jede Form von Entwicklungszusammenarbeit als Neokolonialismus bekämpfen. Tatsache ist: Nicht alle Frauen und Männer in der Dritten Welt, die Sex ohne Angst vor unerwünschter Schwangerschaft geniessen wollen, haben heute Zugang zu Verhütungsmitteln. Fakt ist ebenfalls: Die Zunahme der Bevölkerung im Süden ist auch auf Armut, Unterdrückung der Frau oder mangelnde Bildung zurückzuführen. Darum ist es richtig, weiterhin einen wesentlichen Teil der Hilfsgelder für die Lösung dieser Probleme einzusetzen. Ob dafür 90 Prozent zu viel, zu wenig oder zu starr sind – darüber lässt sich ebenfalls diskutieren.

Diskriminierend wie die heutige Politik

Zweitens verlangt Ecopop, die Schweiz müsse die Zunahme ihrer Bevölkerung ebenfalls begrenzen. Der Einwand, die Wirkung der Schweiz auf die globale Umweltbelastung bewege sich im Promillebereich, ist zwar richtig, aber nicht stichhaltig. Denn der Einfluss jeder Verfassungsbestimmung endet an den Landesgrenzen. Trotzdem käme es keinem vernünftigen Menschen in den Sinn, in der Schweiz auf die Beschränkung der Klimagase, auf Artenschutz, Verkehrspolitik oder Raumplanung zu verzichten.

Leider begrenzt die Ecopop-Initiative nicht die Zunahme der Bevölkerung insgesamt, sondern allein den Zuwanderungs-Saldo respektive die «Nettozuwanderung». Diese Bestimmung ist eindeutig diskriminierend. Denn sie benachteiligt die Menschen, die in die Schweiz einwandern wollen, gegenüber denjenigen, die schon da sind oder weiterhin im Inland geboren werden. Aus diesem Grund kann und wird die Bevölkerung hierzulande weiterhin stärker wachsen als um die 0,2 Prozent Nettozuwanderung pro Jahr, welche die Initiative erlaubt (siehe auf Infosperber «Schweizer Bevölkerung wächst auch ohne Zuwanderung»).

Wer diese Diskriminierung höher gewichtet als den Wunsch, die Bevölkerung im übernutzten Naturraum Schweiz zu begrenzen, wird die Initiative der Ecopop mit gutem Grund ablehnen. Falsch ist hingegen der Vorwurf, die Ecopop-Initiative sei rassistisch. Denn sie macht keinen Unterschied, welcher Nationalität und Rasse die Einwandernden angehören. Damit unterscheidet sie sich gegenüber der heutigen Einwanderungspolitik der Schweiz. Denn diese erlaubt «Personenfreizügigkeit» nur innerhalb der EU; sie diskriminiert damit Einwandernde aus Nationen und von Rassen, die ausserhalb der Festung Europa leben. Der Umstand, dass die Ecopop-Initiative keine Unterscheidung unter den Einwandernden macht, stört seltsamerweise die Freisinnigen: In einem Inserat mit dem Titel «Ecopop Nein» kritisiert die FDP, die Ecopop stecke rückwandernde Schweizer, Flüchtlinge und Fachkräfte «alle in den gleichen Topf».

Die Wahl der Mittel bleibt offen

Im Unterschied zur opportunistischen SVP-Initiative, welche die Einwanderung mittels Kontingenten beschränkt, überlässt die Ecopop-Initiative die Mittel der Politik. Regierung, Parlament und Volk haben also die Wahl: Sie können entweder die Menschen kontingentieren. Oder sie können die Ursachen der Zuwanderung bekämpfen. Dazu gehört der Verzicht auf Steuerdumping und Standortförderung, die heute Kapital, Unternehmen, Arbeit und private Steuerflüchtlinge in die Schweiz locken.

Ein konkretes Beispiel: Wenn der Bundesrat bei der nächsten Reform die Steuern von ausländischen Holdingfirmen aufs heutige Niveau der inländischen Firmen anhebt (statt umgekehrt), fördert er die Rückwanderung von Firmen und Arbeitsplätzen in das von Arbeitslosigkeit stärker geplagte Ausland. Die Regierung kann auch das Gesundheitswesen reformieren, damit es weniger Ärztinnen braucht, oder aber den Numerus Clausus für das Medizinstudium im Inland aufheben, damit weniger Ärzte importiert werden müssen. Solche An- und Abreize ersparen umstrittene Kontingente, weil sie den Einwanderungs-Saldo automatisch unter 0,2 Prozent senken.

Politisch im falschen Boot?

Ich weiss: Eine Politik, die das Wachstum von Wirtschaft und Arbeitsplätzen in der Schweiz unattraktiver macht, wird ebenso wenig eine Mehrheit finden wird wie die Ecopop-Initiative am 30. November. Ich bin mir auch bewusst, dass die Leute, die Ja zu dieser Initiative stimmen, eher die Politik der SVP als die Politik der Grünen und Linken stützen. Die Mehrung des Geldreichtums im reichsten Land der Welt hat leider immer noch Vorrang vor dem Schutz des schwindenden Naturraums.

Als politisch Gespaltener, als Naturschützer und Gegner jeder Diskriminierung, sitze ich darum unerwünscht im selben Boot wie fremdenfeindliche Gruppen und SVP-Leute, die bei anderer Gelegenheit meist gegen den Schutz der Natur stimmen. Damit habe ich das gleiche Problem wie Linke und Umweltschützerinnen, die Schulter an Schulter mit der Economiesuisse, der FDP und Christoph Blocher gegen die Ecopop-Initiative kämpfen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Hanspeter Guggenbühl ist passives Mitglied des Vereins Ecopop, aber auch Mitglied von Organisationen, welche die Ecopop-Initiative aktiv bekämpfen.

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14 Meinungen

"Der Platz des Gerechten auf Erden ist zwischen Stühlen und Bänken, im Himmer aber zur Rechten Gottes.» Marie von Ebner-Eschenbach. Guggenbühls qualifizierteste Äusserung zum Thema ist in seinem Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn» (2010) nachzulesen, zusammen mit Urs P. Gasche beschrieben. Darauf wird auch im heutigen Beitrag auf dem Blogportal www.textatelier.com verwiesen, jedoch mit Verzicht auf eine Abstimmungsparole.
Pirmin Meier, am 25. November 2014 um 09:40 Uhr
Lieber Hanspeter Guggenbühl,
für meinen Geschmack wird über diese Initiative zu viel gestritten.Ich hab ja längst ein Nein eingeworfen.Sollte sie eine Mehrheit erreichen wird sie nie umgesetzt werden.

Aber,Frau Annemarie Rey hat mit der SP Politik gemacht und mit der SP bis zur Selbstaufgabe für den straffreien Schwangerschaftsabbruch gekämpft.Es ist schlicht eine Lüge das die Linke sich nicht über Jahrzehnte gegen das Bürgerpack für die Selbstbestimmung der Frau eingesetzt hat.
An alle Menschen mit Gedächtnislücken. «Noch um 1967 musste eine Luzernerin,Mutter von vier Kindern,nach Bern,um sich unterbinden zu lassen.Im Kantonsspital Luzern weigerte man sich Unterbindungen durchzuführen.Man sollte dem Entwicklungshilfefritzen vielleicht mal einen Pariser über Grieng stülpen, das er nicht mehr so traurigen Chabis erzählen kann.
Ich halte es mit Lachenmeier,die Initiativegegner können froh sein,das ich längst Nein gestummen habe.Und jetzt lieber Herr Gasche dürfen Sie zur Zensurschere greifen.
Andreas Willy Rothenbühler, am 25. November 2014 um 11:14 Uhr
@Solange Sie Gasche nicht als Nazi bezeichnen, wird er kaum zur Zensurschere greifen. Ihre Bemerkung betr. LU ist von kulturhistorischer Relevanz. Ich weiss mehr darüber, will es hier aber nur kurz kommentieren. Man ging damals noch vom eigenen Nachwuchs aus, mit dem man den Kanton Luzern stark halten wollte, zu schweigen davon, dass meine Tante, Hebamme von 1928 - 1972 an der Klinik St. Anna, nie bei einer Abtreibung mitgewirkt hätte. Sie war so stur katholisch wie die von Reichshebamme Nanna Conti kritisierten bayrischen Hebammen der Nazizeit. Conti, exFrau des Posthalters von Lugano, kämpfte gegen religiöse Vorurteile betr. Abtreibung und uneheliche Geburten. Für Annemarie Rey habe ich trotzdem Achtung. Wenn ich allerdings die Wahl gehabt hätte, an einer Grenze zurückgewiesen zu werden oder abgetrieben zu werden, hätte ich trotzdem die erste Variante gewählt. Sehr viel humaner als die Ausschaffung eines kriminellen Asylbewerbers ist eine nicht indizierte Abtreibung wohl auch wieder nicht. Die Zahl der jährlichen legalen Abtreibungen in der Schweiz beträgt immerhin das Zehnfache der Opfer der Schlacht bei Sempach. Im Gegensatz zu früher kämpfe ich nicht mehr dagegen (weswegen Hugo Loetscher mich damals kritisierte), bestreite nur, dass wir in einer sehr humanen Epoche leben. Annemarie Rey und Valentin Oehen waren in Sachen Demographie je auf ihre Art tapfere Politiker; es dürfte nicht verboten werden zu denken wie sie. Mit Mutter Teresa sollte man beide nicht verwechseln.
Pirmin Meier, am 25. November 2014 um 11:41 Uhr
@Ruedi Lais hat prinzipienethisch recht. Die Wahl der Mittel ist nicht gleichgültig. Der Satz, dass die Wahl der Mittel offen bleibe, muss allerdings nicht notwendig unmoralische Mittel einbeziehen. Falls die Meinung richtig ist, dass die Personenfreizügigkeit nicht ein ethisches Gesetz ist nach Kant, sondern ev. eine vorübergehende Wahnvorstellung der Europäischen Union zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sieht die Sache, mit gewissem Abstand betrachtet, etwas anders aus. Die grossen klassischen Einwanderungsländer kennen keine Einwanderung auf der Basis der Personenfreizügigkeit.
Pirmin Meier, am 25. November 2014 um 11:47 Uhr
@die freiwillige Familienplanung in der Schweiz muss nicht gefördert werden, wir brauchen Einwanderung, weil es nicht mehr so ist wie im Kanton Luzern vor 50 Jahren, das sollten sie checken. Bei der weiteren Zunahme wie in den letzten Jahren geht es nicht um das grüne Gärtchen, sondern um die Einschätzung, wie kaputt wir das Land machen wollen. Also nicht pro Jahr eine Alemanneneinwanderung wie in der Völkerwanderung in 250 Jahren.
Pirmin Meier, am 25. November 2014 um 12:30 Uhr
Ecopop sei nicht rassistisch. „Denn sie macht keinen Unterschied, welcher Nationalität und Rasse die Einwandernden angehören“, schreibt Hanspeter Guggenbühl.
Nein, wahnsinnig rassistisch ist sie nicht, aber (zugegeben) diskriminierend und (nicht-zugegeben) fremdenfeindlich, weil sie den Verbrauch der Schweizer nicht drosseln will, sondern nur den Verbrauch der Ausländer, während die Auswirkungen des Verbrauchs, zum Beispiel die verschmutzte Luft, keine Grenzen kennt.
Die Ecopop-Winkelriede würden sich besser für den EU-Beitritt einsetzen, um darauf hinzuwirken, dass man die angesprochenen Probleme in grösseren Zusammenhängen löst. Die EU hätte weltweit unendlich viel mehr Einfluss als die kleine Schweiz. Sollte die Schweiz die Ecopop-Initiative annehmen, würde sie die Probleme bloss über die Grenze schieben. Es hätte keine Auswirkungen, ausser der (weissen) Hoffnung auf ein paar weniger Geburten im numerischen Nanobereich, jenseits der Grenze, in Schwarzafrika.
Und dies soll, wenn auch nur in diesem klitzekleinen Nanobereich, nicht ein bisschen rassistisch sein? Natürlich bewegt sich die Initiative in einem Bereich von Rassismus, der zuwenig vernichtend ist, um strafbar zu sein. Aber dass man im Bewusstsein der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die in der Politik nicht mehr wegzudenken ist, berechtigte Bedenken gegenüber auch nur den mildesten Ansätzen hat, ist angesichts des Schreckens nachzuvollziehen. Deshalb lehne ich die Initiative ab.
Erich Schmid, am 25. November 2014 um 15:01 Uhr
"und er zum Augenblicke sagt, 'verbleibe doch, du bist so schön'».

Ecopop, wie schon viele frühere Initiativen und Emotionsäusserungen sind doch v.a. Ausdruck der elementaren Nostalgie, welche aus der Angst vor dem Unbekanten, vor möglichweise bedrohlichen Änderungen geboren wurde. Tatsache ist aber, dass die Welt sich in ständiger Veränderung befindet. Die Evolution hat sich erneut etwas beschleunigt, die Ängste werden entsprechend hochgekocht.

Eine statische Gesellschaft hat es wohl kaum je gegeben. Selbst auf dem Ballenberg gibt es immer wieder etwas neues. Das ignorieren zu wollen, ist wohlgleichbedeutend mit der Vogel-Strauss-Politik, den Kopf in den Sand zu stecken.

Wenn auch kein realer Vogel Strauss dies je tun würde, ist es richtig, dass Ängste real und berechtigt sind. Die Geschichte lehrt uns, dass traumatische, überschnelle Änderungen sehr wohl mit entsprechenden Kosten und zivilisatorischen Rückschlägen verbunden sein können. Die Geschichte lehrt uns aber auch, dass in vielen Situationen Lösungen gefunden werden konnten, solche Widersprüche zu überwinden.

Auch historische Zäsuren sind schliesslich «überlebt» worden. Es bleibt aber zu hoffen, dass die sozialen Kosten solcher Sozialexperimente nicht allzu hoch ausfallen werden.

Nicht alle können sich wie Baron Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf herausziehen. Das sollten auch Initiativautoren bedenken.
Josef Hunkeler, am 25. November 2014 um 15:13 Uhr
China und die USA hätten noch mehr Einfluss auf die globale Entwicklung als die EU, besonders umweltpolitisch, wir müssen uns auch denen nicht anschliessen. Die EU ist weltpolitisch zweitklassig und besteht aus zu viel Pleitestaaten. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist insoweit erforscht, als Auschwitz, betr. Schweiz und via Schweiz, so lange das Ständemehr besteht, das Initiativrecht, das Referendumsrecht, die Verhinderung jeglichen Führertums, eine maximale politische Oeffentlichkeit, i n n e r h a l b der Schweiz so nicht möglich gewesen wäre und auch nicht möglich ist. Für die übrigen Auschwitze der Geschichte interessiert sich indes sowieso niemand, weil es auch unter den Opfern solche gibt, die zur ersten Kategorie gehören und solche, die halt selber schuld sind. Z.B. gibt es ja immer noch genug Chinesen. Normalerweise fehlt über das 3. Reich das Grundwissen. Herr Schmid, erzählen Sie mir mal was über die 3 Tessiner Leonardo Conti, Reichsgesundheitsführer, Silvio Conti, dessen Bruder, und Nanna Conti, geb. Pauli, Reichshebamme. Eine sehr gute Bekannte von mir, Sexologin, kaufte sich von der deutschen Auschwitz-"Wiedergutmachung» einen Porsche, was, wie bei der Entwicklungshilfe, am Ende für beide Seiten rentierte. Schon Imre Kertez, Nobelpreisträger, mahnte, man solle bei solchen Sachen den Humor nicht vergessen. Also eine steife Oberlippe behalten und nicht wegen Auschwitz, sondern, wenn schon, weil die Initiative doch nicht ganz zu befriedigen mag, Nein stimmen.
Pirmin Meier, am 25. November 2014 um 15:29 Uhr
@Hunkeler. Auf dem Ballenberg gibt es nur deswegen immer wieder was Neues, weil Ständerat Luginbühl (BDP) sich für die Erhaltung dieses absurden und teuren Freilichtmuseums einsetzte, im Gegengeschäft zum Engagement des Luzerner Ständerats Graber für das Verkehrshaus. Gerade dies ist ein Beispiel für die Statik schweizerischer Politik, die Sie kritisieren. Wahr ist, dass die Bekämpfung von Ecopop auf konservative Appelle angewiesen bleibt, auf Angst vor einem Ja, Angst vor Risiko, also auf all den Ängsten, mit denen normalerweise linke Initiativen mit Erfolg bekämpft werden. Am meisten Neinstimmen generiert man mit dem Wort «Wohlstand». Ohne diese konservativen und bürgerlichen Instinkte wird man die Initiative nicht niederkriegen. Ich betone aber, dass die konservativen Instinkte, die Angst vor allem vor schneller Veränderung, der Schweiz schon oft geholfen hat. Diese Grundkonstellation schadet Ecopop, nützte aber der taktisch ausgeklügelten Masseneinwanderungsinitiative, die ohne den Anti-Blocher-Reflex wohl weit kräftiger angenommen worden wäre.
Pirmin Meier, am 25. November 2014 um 15:46 Uhr
@ pirmin meier.
eloquent wie immer machen Sie es sich diesmal zu einfach: sollte die schweiz vor all den gefahren, die Sie verneint haben, gefeit gewesen sein, hätte es die offiziersverschwörung von hausammen, ernst und weibel nicht gegeben, die den bundesrat in corpore verhaften wollte, wenn er sich dem 3. reich ergeben hätte. was wäre in der schweiz wohl passiert, wenn das codewort «Nidwalden» ausgesprochen worden wäre, damals? es war beinahe gefallen. darum liess Guisan die mutigen fehlbaren ihre strafe übrigens in einem guten luzerner hotel absitzen. - aber Sie, P- M., haben ja nicht ganz unrecht: man soll die geschichte im fall von ecopop nicht überbewerten. subjektiv lehne ich die initiative trotzdem deswegen ab, und es war meines erachtens einmal notwendig, sich über die (nicht-zugebene) rassistische und fremdenfeindliche und die (von hanspeter guggenbühl nun zugegebene) diskriminierende haltung von ecopop zu äussern.
Erich Schmid, am 25. November 2014 um 15:59 Uhr
@Ich betrachte Sie nicht als Gegner, wir sehen nur nicht alles gleich; am stärksten gebe ich Ihnen recht, dass unsere Vorfahren wahrscheinlich charakterlich kaum besser gewesen sind als die Deutschen, so wie Churchill fürchterliche Seiten hatte; aber das schweizerische System, das britische System verhinderte vieles noch Schlimmere. Das andere von Ihnen ist «wenn"-Geschichte, siehe Winkelried, belegt als österreichfreundliche Nidwaldner Familie, wenn er auf österreichischer Seite als mutmasslicher Militärunternehmer gefochten hätte (so es ihn gegeben hat), wie wäre dann die Schweizergeschichte rausgekommen? Wahrscheinlich hat ihm der Luzerner Schultheiss Petermann von Gundeldingen mehr bezahlt - so würde ich einen Winkelried-Roman schreiben. Es gab nicht nur die Leute um Hausammann im 2. Weltkrieg, ich kannte vor 44 Jahren einen Panzermaior, der nach Vorbild Hausammann den Bundesrat ebenfalls verhaften wollte, wenn er den damaligen Putins hätte nachgeben wollen, war sogar bei einem Geheimtreffen mit dabei. Solche Geschichten nicht überbewerten. Wir stehen heute vor dem Gericht der Geschichte und ich erkläre Ihnen in aller Form meine Achtung vor Ihrer Entscheidung.
Pirmin Meier, am 25. November 2014 um 16:14 Uhr
@Meier.

Ich hatte nicht das Gefühl die «Statik schweizerischer Politik» zu kritisieren. Richtig ist aber, dass ich den Grossteil meiner ersten Jahre im EVD in Bern mit Fragen der «Revitalisierungspolitik» verbrachte, um die negativen Folgen der Zäsur des EWR-Neins auszubügeln. Im Nachhinen bin ich nicht besonders unglücklich mit den Bilateralen, aber das ganze hätte man billiger haben können.

Was ich unterstreichen wollte, ist dass «Zünserlen» immer gefährllich ist, selbst wenn eine effiziente Feuerwehr bereit steht, das schlimmste zu verhindern.

Was Ecopop betrifft teile ich die Ansicht, dass es effizienter für die Umwelt wäre, die gaz-guzzlers und andere Off-Roader aus unseren Städten zu verbannen, als mit Anti-Baby-Pillen ein paar Fussgänger von den Strassen Afrikas zu nehmen.

Der echte konservative Instinkt sollte diese Argumentation nachvollziehen lassen.
Josef Hunkeler, am 25. November 2014 um 16:16 Uhr
Ich stimme Herrn Rothenbühler zu: wir müssen uns an der eigenen Nase nehmen. Wir tun es aber nicht und werden es ohne Zwang wohl nicht tun. Wir sind das Problem, lokal und global, nicht die Einwanderer, sofern diese aus ärmeren Ländern kommen. Sind sie jedoch eingewandert, werden «sie» zu «wir» und vergrössern also das Problem. Wir müssen weniger werden, nicht mehr, und weniger konsumieren/zerstören, nicht mehr, sonst überleben weder «wir» noch «sie». Es geht nicht primär um «Dichtestress» oder «Gärtli», sondern schlicht um das Überleben in der Zukunft.

Der Artikel ist sehr gut und klar, ich sehe es genau so und bin in derselben Lage.
Theo Schmidt, am 25. November 2014 um 18:59 Uhr
@Hunkeler. Konservativ ist bei tieferer Analyse klar von «rechts» abzugrenzen. Das ist auch eines der Gesprächsergebnisse.
Pirmin Meier, am 25. November 2014 um 22:39 Uhr

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