© Rüegger Verlag
Das Buch zeigt realisierbare Wege aus der Krise
Um die Finanzkrise zu meistern und die Arbeitslosigkeit zu verringern, fordern Politiker mehr Wachstum. Richtig wäre das Gegenteil.
Die Schweizer Wirtschaft werde im 2012 «sehr magere Wachstumsraten» haben, vielleicht sogar schrumpfen, bedauert Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand. Ökonomen und Politiker bläuen uns fast täglich ein, unser Glück hänge davon ab, ob das Bruttoinlandprodukt BIP jährlich nur um «magere» 0,5 Prozent oder wenigstens um 2 Prozent steigt. Was denn innerhalb des BIP wachsen soll, spielt für unser Glück offensichtlich keine Rolle – Hauptsache das BIP wächst. Ein Wachstum von anhaltend zwei Prozent bedeutet, dass wir in 35 Jahren doppelt so viel Geld für Konsum ausgeben wie heute, in 70 Jahren viermal so viel.
Zur Zwangswirtschaft verkommen
Der vermeintliche Zwang zum Wachstum hat sich in den Köpfen von Politikern eingeprägt. Deshalb lautete die Devise in den letzten Jahrzehnten: «Lieber ein stärkeres Wachstum mit zusätzlicher Verschuldung als ein schwaches Wachstum.» Die Folgen davon hat der Internationale Währungsfonds IWF aufgezeigt: In den westlichen Industriestaaten wuchs die Staatsverschuldung zwischen 2000 und 2010 dreimal stärker als die Wirtschaft. Mit andern Worten: Ohne zunehmende Verschuldung wäre die Wirtschaft in den USA, Japan und der EU im letzten Jahrzehnt nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Das Wachstum beruhte auf Pump und ging damit auf Kosten späterer Generationen. Eine Ausnahme bildet die Schweiz, wo das Wachstum hauptsächlich wegen der Zunahme der Bevölkerung zustande kam.
Trotz der Krise findet kein Umdenken statt. Mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank nehmen die überschuldeten Staaten Europas und die überschuldeten USA zusätzliche Schulden in Kauf. Sie pumpen neues Geld in die Wirtschaft und klammern sich an die Hoffnung, ein dadurch erzeugtes kräftiges und langes Wachstum werde es erlauben, die bisherigen und neuen Schulden abzutragen. Sie glauben an ein überholtes Rezept, weil sie nicht wissen – nicht wissen wollen – wie eine Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren kann.
Schon seit langem ist die Ökonomie dem BIP-Wachstum verfallen. Das Studium der Wirtschaftswissenschaften besteht weitgehend darin herauszufinden, mit welchen Methoden das Wirtschaftswachstum langfristig am besten erreicht werden kann. Mit einer Wirtschaft ohne Wachstum hat sich die etablierte Wirtschaftswissenschaft nie beschäftigt.
Normale Menschen reagieren mit Sparsamkeit
Eine Politik, die auf das BIP-Wachstum fixiert ist, hat keine Zukunft:
• Die reichen Staaten bündeln alle Kräfte, damit wir jedes Jahr 2 Prozent mehr konsumieren können oder müssen, in 35 Jahren doppelt so viel wie heute. Damit verhindern die Industriestaaten erst recht, dass die dreieinhalb Milliarden Menschen In China, Indien und Afrika aufholen und einmal so leben können wie wir.
• Den künftigen Generationen vererben wir einen gigantischen Schuldenberg. Obendrein überlassen wir ihnen nur noch wenige der leicht und günstig ausbeutbaren fossilen Energiequellen und Rohstoffe. Und sie werden sich ernähren müssen mit Hilfe einer Agrarfläche, die unsere Generation dezimiert und beschädigt hat, und mit Grundwasser, das bedenklich abgesunken ist.
Bereits streiten sich China, die USA und Europa darüber, wer in Afrika und Südamerika am meisten Agrarflächen kaufen oder leasen kann. Erdöl und Erdgas werden knapper und beschleunigen die Erwärmung des Klimas. Rohstoffe und Wasser werden rar. Ein Teil der Tier- und Pflanzenwelt ist bedroht. Die Meere sind bald ausgefischt.
Auf eine solche Entwicklung reagieren normale Menschen mit Sparsamkeit und mit einem haushälterischen Umgang. Doch Wirtschaftsvertreter und Politikerinnen kurbeln mit allen Mitteln die Wirtschaft an, fordern zum Konsum und zur weiteren Verschwendung auf und beklagen «schlechte Konsumentenstimmung» und «Wachstumsschwächen».
Es sind Aufrufe der Verzweiflung. Denn das Rezept eines möglichst starken Wirtschaftswachstums gehört in die Mottenkiste des letzten Jahrhunderts. Es löst die alten Probleme schon längst nicht mehr, sondern schafft ständig neue, noch grössere. Das Wirtschaftswachstum der letzten zwanzig Jahren hat den meisten US-Amerikanern und Westeuropäern mehr Einbussen als Verbesserungen an Wohlstand und Lebensqualität gebracht. Die Schattenseiten haben für den grösseren Teil der Bevölkerung zu-, die Vorteile abgenommen.
Die Wirtschafts- und Finanzpolitik hat die gefährliche Finanz- und Schuldenkrise wesentlich deshalb verursacht, weil sie blind auf Wachstum setzte. Der Wachstumswahn fördert Kriege um Rohstoffe und den kolonialistischen Kampf um fruchtbares Land.
Prämissen einer Umkehr
Eine Umkehr der Wirtschaftspolitik muss von folgenden Prämissen ausgehen:
• Ziel des Wirtschaftens ist nicht ein möglichst hohes Bruttoinlandprodukt BIP, sondern eine möglichst hohe Lebensqualität.
• Wir wollen nicht noch mehr konsumieren müssen, damit wir Arbeit haben. Vielmehr soll die Wirtschaft unsere Bedürfnisse mit möglichst wenig Energie, Rohstoffen, Arbeit und finanzieller Verschuldung befriedigen.
• Alle sollen die Freiheit haben, weniger zu arbeiten, wenn sie Einbussen an Verdienst und Konsum in Kauf nehmen.
Eckpfeiler einer Umkehr
Eine neue Wirtschaftspolitik muss vernünftigen Konsum belohnen und Verschwendung bestrafen – obwohl das BIP dadurch geschmälert wird. Folgende sechs Eckpfeiler sind schrittweise realisierbar:
1. Anreize für Teilzeitarbeit schaffen – auch wenn das BIP darunter leidet. Die unsozialste Art der Arbeitsverteilung ist die Arbeitslosigkeit. Viele Arbeitnehmer würden in bestimmten Lebensphasen freiwillig auf einen Teil ihres Einkommens verzichten, wenn sie dafür entsprechend mehr Ferien oder Freizeit erhielten. Das geht aus verschiedenen Umfragen klar hervor. Hindernisse wie den Koordinationsabzug der Zweiten Säule sind zu beseitigen.
2. Banken auf eine Grösse stutzen, die einen Konkurs ohne Schaden für das ganze Wirtschaftssystem erlaubt – auch wenn dies das Wachstum, Bilanzsummen und Gewinne schmälert und das Bankenwesen weniger Arbeitsplätze braucht.
3. Eine ökologische Steuerreform einführen. Die Arbeit von Sozial- und Steuerabgaben entlasten und in gleichem Mass Energieträger, Rohstoffe und Kapitaltransaktionen besteuern.
4. Überall das Verursacherprinzip durchsetzen. Die heute sozialisierten Umweltkosten den Herstellern belasten, und die Milliardensubventionen an den Flug-, Bahn- und Autoverkehr radikal abbauen – selbst wenn die Investitionen in diese Verkehrsträger schrumpfen.
5. Eine nationale Erbschaftssteuer einführen, um einen namhaften Teil der AHV zu finanzieren. Die erste Million eines Nachlasses bleibt steuerfrei, weitere Millionen sind progressiv zu besteuern. Heute vererben wenige alte Erblasser jährlich 32 Milliarden Franken ihren Nachkommen, die mehrheitlich kurz vor dem oder bereits im AHV-Alter stehen. Das ist annähernd gleich viel wie die AHV heute kostet.
6. Das Wachstum der Bevölkerung bremsen – auch wenn die Wirtschaft das Wachstum nicht mehr auf billige Art mit einer zunehmenden Bevölkerung erhöhen kann.
Sie reden mit gespaltener Zunge
Leute aus Politik und Wirtschaft reden mit gespaltener Zunge: Wenn Energie und Rohstoffe verschwendet werden, die Meere leer gefischt oder Landschaften zersiedelt werden, schieben sie den schwarzen Peter den Konsumentinnen und Konsumenten zu: Diese würden zu viel Energie brauchen, zu viel Herumreisen, zu viel Fleisch und zu viele Fische essen oder Zweitwohnungen kaufen.
Sobald sich die Konsumierenden aber etwas bescheidener verhalten, machen die gleichen Leute sie dafür verantwortlich, dass die Wirtschaft weniger Umsätze macht. Die Politik setzt dann alle Hebel und Anreize in Bewegung, damit wieder mehr konsumiert wird.
Crash statt Glück
Wenn die Marktwirtschaft so frei ist, wie sie vorgibt, dürfen die Konsumenten Kaufbefehle verweigern, und zwar ohne Schuldgefühle. Sie schonen die Umwelt, indem sie vom Auto auf die Bahn oder aufs Velo umsteigen, selbst wenn die Autoverkäufer jammern. Sie werfen weniger weg und nutzen ihren bisherigen Hausrat länger, auch wenn die Umsätze des Detailhandels sinken. Sie verbringen ihre Ferien geruhsam in der Nähe und drosseln ihren Konsum an Flugkilometern.
Weil sie weniger konsumieren, genügen ihnen die Einkünfte einer Teilzeitarbeit. Sie geniessen mehr Freizeit. Viel Teilzeitarbeit schafft Arbeitsplätze. Eine solche Lebensweise ist mit Anreizen zu fördern – das BIP braucht nicht zu wachsen. Von technologischen Fortschritten können alle weiterhin profitieren.
Wer vernünftiger konsumiert, darf sich kein schlechtes Gewissen einreden lassen. Denn das Wachstum des Konsums ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Ungebremstes Wachstum führt nicht ins Glück, sondern zum Crash.
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Dieser Artikel erschien am 31. Dezember in der Aargauer Zeitung.
Urs P. Gasche ist mit Hanspeter Guggenbühl Autor des Buches «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr», Rüegger Verlag 2010, 19.50 Fr.
Zum Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr», Rüegger Verlag, 2010, 19.50 CHF
Zum Dossier «Führt Wirtschaftswachstum zum Glück oder zum Crash?»
Zum Buch von David Bosshart «http://gdi.ch/de/publikationen/gdi-studien/the-age-of-less»
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