Duplik: Also doch eine Vision für Übermorgen

Oswald Sigg © Oswald Sigg
Oswald Sigg / 13. Jun 2012 - Zur vernichtenden Kritik Rudolf Strahms an einem bedingungslosen Grundeinkommen nehme ich gerne nochmals kurz Stellung.

Ein mehrfaches Kopfschütteln verursacht bei Ruedi Strahm die Eidg. Initiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Sie werde als «Motivations- und Energiekiller» die Eigenverantwortung zerstören, eine Null-Bock-Grundhaltung und verpasste Lebenschancen erzeugen und das sei «für die Jungen» schlicht tödlich. Trotzdem übe sie als fundamentalistisches Konstrukt eine seltsame Faszination unter Künstlern, Intellektuellen und Theologen aus. Gesellschaftlich und politisch werde sie den historisch gewachsenen Sozialstaat zerstören und so betrachtet sei die Initiative nichts anderes als ein Erfüllungsgehilfe neoliberaler Machenschaften.

Von der Finanzierung des Grundeinkommens nicht zu reden: halsbrecherisch, abenteuerlich. Mehr noch: weil er von der sozialen, solidarischen Finanzierungsvariante des Grundeinkommens noch nie etwas gehört hat, kommt Strahm zum Befund, es handle sich beim Ganzen um eine reine Publikumstäuschung, die letztlich den Reichen zu Gute komme. Aber fehlt da nicht noch etwas? Richtig: Die Idee des Grundeinkommens sei ein «ausländisches Konzept». Damit können wir in der Schweiz ja bekanntlich nichts anfangen.

Was treibt denn den bestandenen Volkswirtschafter Ruedi Strahm um, dass er sich wie ein Berserker gegen die Initiative wehrt und seine Epistel mit dem dramatischen Aufruf schliesst: «Flüchten Sie nicht in die Utopie, um sich vor den Pflichten der Gegenwart zu befreien!»

Der Schlüssel zu Strahms absurden Unterstellungen liegt eben gerade in seinem Credo: Geht gefälligst euren Pflichten nach, statt solchem Unsinn. Müssiggang ist aller Laster Anfang. Arbeit ist Pflicht. Ohne Arbeit kein Lohn. Keine grössere Demütigung für einen jungen Menschen gebe es, als das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Will sagen, das Gefühl entsteht, wenn man keinen Lohn bekommt, sondern eine Rente. Er spricht allen Ernstes von «lebenslänglichen Berufsrentnern».

Ein gutes Dutzend mal gebraucht er als grundfalsches Synonym für das Grundeinkommen den Begriff Rente: sie erhält man arbeitsfrei als Vermögensertrag oder von der Versicherung, notfalls von der Invalidenversicherung… Überhaupt: die Einstellung zu Arbeit und Leistung verrate ein letztlich undiskutables Menschenbild. Deshalb sei das Grundeinkommen nichts als eine Glaubenslehre. Will sagen, wir bewegen uns da im Bereich der Esoterik.

Anderseits gebe es ohnehin, so Arbeits-Experte Strahm weiter, immer weniger freiwillige und immer mehr marktüblich entschädigte Arbeit. Wenn er etwas weiter im Text davon spricht, der bestehende Sozialstaat sei ja schon für die – als Beispiel und wörtlich – «unverschuldete Armut» zuständig, dann gibt es in seinem Menschenbild eine Kategorie der selbstverschuldeten Armut. Will wohl sagen, dazu gehören dann alle jene, die einfach nicht arbeiten wollen.

Ein solcher Arbeitsstaat widerspricht der Realität. Selbst in der Schweiz werden täglich Arbeitsplätze abgebaut. In Europa gibt es 25 Millionen Menschen, die ohne Lohnarbeit sind. Die Hälfte aller in der Gesellschaft geleisteten Arbeitsstunden bleibt unbezahlt. Die Arbeit in Gesellschaft und Wirtschaft muss neu verteilt werden und dafür soll jeder Mensch ein kleines, bedingungsloses Einkommen als Existenzgrundlage erhalten. Damit der unbedingte Zwang zur Lohnarbeit entfällt und die Arbeitnehmerinnen den Arbeitgebern im Arbeitsmarkt auf Augenhöhe gegenübertreten. Und siehe da, wieder ganz zum Schluss konzediert Ruedi Strahm dieser Idee dennoch einen Sinn: «Die Utopie des bedingungslosen, lebenslänglichen Grundeinkommens ist eine Vision für Übermorgen…». Also doch.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Oswald Sigg ist Mitglied des Initiativkomitees der Initiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen».

Weiterführende Informationen

Oswald Sigg: «Dank Grundeinkommen die Arbeit freier wählen»
Rudolf Strahm: «Süsser Traum: Das bedingungslose Grundeinkommen»

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4 Meinungen

Die Vehemenz und Verbissenheit, mit welcher SP-Mann Rudolf Strahm das bedingungslose Grundeinkommen bereits im Vorfeld zum Rohrkrepierer abstempelt, irritiert mich.
Seine Argumentationen überzeugen mich in keiner Weise. Umso mehr frage ich mich, was ihn wirklich antreibt, sich beim Thema BGE jeweils die Schweisserbrille überzuziehen, damit er dessen Chancen gar nicht erst erkennt, weil er sie offenbar nicht erkennen will. Und lieber am Auslaufmodell unseres heutigen verkorksten Sozialsystems festhalten möchte. Sein Beitrag «Süsser Traum: Das bedingungslose Grundeinkommen» bewog mich jedenfalls, dort einen Kommentar zu hinterlassen.

Und ein ganz grosses Danke an Sie, Herr Sigg, für Ihr couragiertes Engagement zugunsten des BGE!
Stephan Wanner, am 14. Juni 2012 um 20:59 Uhr
Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) verunsichert mich, ich bin weder dafür noch dagegen, das passiert mir selten. Wenn aber ältere Herren systematisch die Jugend vor den grossen Rätseln des Lebens schützen wollen, dann reagiere ich empfindlich. Rudolf Strahm fürchtet den süssen Traum: «In unserer Gesellschaft gibt es keine grössere Demütigung eines jungen Menschen, als das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Eine bedingungslose, lebenslängliche Abfindung fürs Nichtstun wäre für viele ein Motivationskiller."

In Europa leben heute 25 Millionen Arbeitslose, «Burnout» gehört zum Alltagswortschatz - ob uns die Über-Identifikation mit dem Erwerbsleben auch weiterhin wohl bekommt, scheint mir fragwürdig. Menschen suchen einen Sinn im Leben, alte und junge Menschen und jeder wieder und wieder. Wenn Jugendliche diesen nur im Erwerbsleben zu finden glauben, sind wir ärmliche Vorbilder. Die Neugier, die Lust auf Kollegen, die Suche nach einem Sinn und dem Ich, die Einsicht der Arbeitsteilung und der Pflicht sind Antrieb genug, lassen uns nicht zu vorzeitigen Rentnern werden. Schulen und Eltern, die das Suchen, Denken und Erschaffen verhindern; die Kinder zu Kopisten degradieren allerdings schon, egal wie flott die Karriere später läuft. Ich bin froh, können Nina und Moritz nach den Ferien die Schule wechseln - mit der Hoffnung, das Glück und Erfüllung im Leben wieder breiter definiert werden.

Die Chancen und Herausforderungen unserer Nachkommen, der Jugend, können wir im besten Fall analysieren, aber es sind nicht die unsrigen - wenn auch Teil unserer Hinterlassenschaft. Deshalb sind wir verpflichtet, diese Analyse und den Dialog darüber zu führen - auf gleicher Augenhöhe und mit Vertrauen in die Nachgeborenen, diejenigen, die noch mehr Leben vor sich haben. Wir müssen den Platz schaffen, dass diese Leben anderen Idealen folgen können, sonst bleiben Worte wie Suffizienz und Wertewandel leere Hülsen.
Kathrin Schlup, am 19. Juni 2012 um 11:09 Uhr
Mich wundert diesen Wunsch nach ein Bedingungsloses Grund Einkommen immer wieder aufs neue. Wie können wir ernsthaft glauben dass wir uns vermehren dürfen, und dann noch erwarten dass „andere“ für unsere Bedürfnisse aufkommen.
In der Reale Welt entsteht (leider) „nichts aus nichts“ … also geben wir uns nicht falscher Illusionen hin. Jeder hat das Leben geschenkt bekommen aber zu mehr haben wir ethisch wie moralisch betrachtet keinen Anspruch !
Frau Carmey Bruderer, am 29. Juni 2012 um 01:18 Uhr
"Ethisch wie moralisch"? Es ist nicht ethisch und moralisch, wie sich auch letztes Jahr die Lohnschere erneut weiter öffnete. Alle ethischen und moralischen Werte missachtend, kann sich eine kleine Kaste immer unverschämter aus dem Volksvermögen bedienen. Das stösst immer mehr Menschen quer durch alle Parteirichtungen sauer auf und deshalb entschied sich Ständerat Thomas Minder, seine «Abzockerinitiative» nicht zurückzuziehen, damit dieses Volksbegehren definitiv zur Abstimmung kommt. Denn das System der freiwilligen Mässigung hat leider vollkommen versagt.

Von wenigen Profiteuren wird in bester Manier à la ancien régime Wasser gepredigt und Wein getrunken. Gleichzeitig konnte durch jene Kreise nach «unten» bisher sehr erfolgreich ein System der gegenseitigen Beisserei in Gang gehalten werden, damit sich alle nur im Kreis drehen und die wahren Missstände erst gar nicht erkannt, bzw. abgestellt werden. Die Parteien inkl. SP schauen lieber alle weg, denn das Thema ist in der verfilzten Politlandschaft offenbar zu heikel.

Es ist von eminenter Bedeutung, dass wir dieses bisher in Gang gehaltene System der Beisserei endlich durchschauen und zu überwinden lernen, um unsere gemeinsame Zukunft konstruktiver und lebensfreundlicher zu gestalten. Und uns nicht in einer Repressions- und Bestrafungsunkultur à la ancien régime zementieren, in der das Atmen zunehmend schwer fällt.

Das BGE wird einen ganz wesentlichen Durchbruch zu einer freiheitlich-modernen Gesellschaft darstellen, die sich zu ethischen und moralischen Grundwerten bekennt.
Und ganz wichtig dabei, das BGE wird niemandem etwas weg nehmen, noch den leistungsorientierten Arbeitsanreiz schmälern.
Stephan Wanner, am 29. Juni 2012 um 09:04 Uhr

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