Anders als in den 90er-Jahren findet der gegenwärtige Aktienboom praktisch ohne Kleinanleger statt © Geralt/Pixabay/cc

Anders als in den 90er-Jahren findet der gegenwärtige Aktienboom praktisch ohne Kleinanleger statt

Die Börse boomt – und keiner freut sich

Philipp Löpfe / 19. Mai 2015 - Die Aktienkurse werden sich nochmals verdoppeln, sagen einzelne Experten. Trotzdem herrscht bei Börsenprofis gedämpfte Stimmung.

Von New York über Frankfurt bis Zürich erleben die Börsen einen historischen Boom. Trotz kleiner Rückschläge steigen die Kurse seit vier Jahren kontinuierlich. Der SMI, der wichtigste Schweizer Börsenindex, hat sich in diesem Zeitraum gar verdoppelt.

Das Ende der Fahnenstange scheint noch lange nicht erreicht zu sein. Burkhart Varnholt, Anlagechef der Bank Bär, erklärte jüngst im «SonntagsBlick»: «Alles deutet darauf hin, dass sich die wichtigen Börsen in den kommenden fünf Jahren nochmals verdoppeln. 20'000 Punkte (für den SMI, Anm. d. Red.) im Jahr 2020 sind möglich.»

Kleinaktionäre sind vorsichtig geworden

Der letzte vergleichbare Börsenboom fand in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre statt. Damals sorgte die Dotcom-Euphorie für ausgelassene Stimmung am Ring und bei Kleinaktionären. Der Champagner floss in Strömen und die Börsenhändler kauften Porsche wie Babyboomer einst VW-Käfer. Auch die Kleinanleger zockten munter mit. Selbst am Grümpelturnier wurde im Festzelt nicht über den Formstand der Nationalstürmer diskutiert, sondern über Calls und Puts.

Ganz anders die Stimmung diesmal. Die Kleinaktionäre sind kaum beteiligt. Nur rund 20 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer besitzen Aktien, im Boom der Neunzigerjahre war dieser Anteil deutlich höher. Die happigen Verluste – zuerst beim Crash der Technobörsen um die Jahrhundertwende, dann bei der Finanzkrise 2008 – haben die Kleinaktionäre nachhaltig verunsichert. Auch von den einst hoch gepriesenen «strukturierten Produkte» lassen die Anleger die Finger. Sie haben inzwischen erkannt, dass an den «Strukis» vor allem die emittierenden Banken verdienen.

Bei den Profis ist die Stimmung ebenfalls verhalten. An der Wall Street ist die Rede vom «meistgehassten Boom aller Zeiten», berichtet die «Financial Times», und in den Büros der Händler herrsche keineswegs Euphorie, sondern nüchterne Sachlichkeit.

Tiefzinspolitik schürt den Aktienboom

In den Neunzigerjahren war der Boom getrieben von einem fast naiven Glauben an eine bessere Zukunft. Hinter jedem Online-Tierfutterladen wurde ein neuer McDonald’s vermutet, jedes neue Derivat als finanztechnischer Durchbruch gefeiert.

Der aktuelle Boom hingegen ist primär ein Nebenprodukt der Geldpolitik. Um der nach wie vor kränkelnden Wirtschaft auf die Beine zu helfen, haben die Notenbanken die Zinsen gegen Null gesenkt, teilweise sogar in den negativen Bereich. Mit Obligationen ist daher derzeit kein Geld zu verdienen. Um auf einen grünen Zweig zu kommen, müssen die institutionellen Anleger in riskantere Anlageklassen wie die Aktien ausweichen.

Die Tiefzinsphase war eigentlich nur als Überbrückung gedacht. Inzwischen jedoch kommen immer mehr Börsenprofis zum Schluss, dass sie noch Jahre andauern wird. Die Notenbanken seien «hypernervös», erklärt auch Bär-Anlagechef Varnholt und hält daher eine baldige Zinserhöhung für unwahrscheinlich. «Sobald die Notenbanken sehen, dass sie auf dünnes Eis kommen, machen sie einen Schritt zurück.» Tatsächlich hat die wichtigsten Notenbank der Welt, die US-Fed, eine längst erwartete Erhöhung der Leitzinsen nun schon mehrfach verschoben.

Aktienrückkäufe statt Investitionen in die Zukunft

Das Verhalten der börsenkotierten Unternehmen befeuert den Börsenboom zusätzlich. Anstatt zu investieren, kaufen sie ihre eigenen Aktien zurück und hebeln so die Kurse in die Höhe. Für die reale Wirtschaft ist dieses Verhalten langfristig schädlich. Die fehlenden Investitionen von heute werden sich morgen mit mangelnden Innovationen rächen. Für die Manager jedoch bedeuten höhere Aktienkurse höhere Boni. Sie handeln nach der Devise: Nach uns die Sintflut.

Billiges Geld und kurzfristiges Denken der Manager sind die Treiber des Aktienbooms. Daher ist er auch so freudlos. Alle wissen, dass es kein in der realen Wirtschaft abgestützter, sondern ein finanztechnischer «hors sol»-Boom ist, der morgen schon in sich zusammenbrechen kann. Daran ändern auch die euphorischen Prognosen von Experten wie Varnholt nichts. Schliesslich können sich die alten Börsenhasen noch daran erinnern, dass man einst von einem Dow Jones 30'000 geschwärmt hat – kurz bevor die Börsen crashten.

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Dieser Artikel erschien auf watson.ch.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Philipp Löpfe war früher stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «Cash» und Chefredaktor des «Tages-Anzeiger». Heute ist er Wirtschaftsredaktor von Watson.ch.

Weiterführende Informationen

Das süsse Gift des Börsengewinns (auf Infosperber)

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Eine Meinung

Wie lange ist denn Burkard Varnholt schon im Börsengeschäft? If you can´t beat them join them. Der Bär Anlageschef hat sich von diesem unrealistischen Börsenboom anstecken lassen. There is no limit to sky, was die Börsenhöchststände betrifft.....Das erinnert an die Bibel: und ehe die Chefgurus ihre Prognosen gewagt haben, wird der Aktienmarkt dreimal crashen. Die Frage ist nur wann, wir wissen nicht den Tag und die Stunde, aber der Tag und die Stunde werden kommen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hofft Varnholt sein eigenes Schärflein im Trockenen zu haben!
Beda Düggelin, am 19. Mai 2015 um 22:44 Uhr

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