Bargeld – schon bald abschaffen?

Christian Müller © aw
Christian Müller / 07. Sep 2019 - Soll auch in der Schweiz das Bargeld abgeschafft werden? EIN Argument dagegen ist aktuell, wird aber vergessen.

Die Herausgabe der neuen 100er-Note durch die Schweizerische Nationalbank hat in den Medien auch die Frage wieder aufgeworfen, ob wir Bargeld überhaupt noch brauchen. In den CH-Media-Zeitungen (z.B. Aargauer Zeitung) war deshalb ein Pro und Contra aufgeführt.

Wirtschaftsredaktor Beat Schmid plädierte für Erhaltung des Bargeldes, aus drei Gründen:

  • Nur Bargeld ist anonym, niemand kann reinschauen, um zu sehen, was wir wo wofür bezahlt haben.
  • Es gibt Menschen, die kein Bank-Konto und schon gar keine Debit- oder Kreditkarte haben, weil sie – aus welchem Grund auch immer – am Rande der Gesellschaft leben oder leben müssen.
  • Bargeld ist wertbeständig und kann zum Beispiel nicht mit einem Negativ-Zins belastet werden.

    Stv. Chefredaktor Raffael Schuppisser plädierte für Abschaffung des Bargeldes, aus folgenden Gründen:

  • Geld ist schmutzig und mit Bakterien beladen.
  • Geld ist hässlich. Die neue 100er-Note z.B. erinnere an eine Mischung aus Fastenopfer-Ästhetik und Dargebotene-Hand-Reklame.
  • Vor allem aber: Bargeld ist überflüssig. Mit einem Smartphone gehe alles einfacher und schneller. Und er bedauerte, dass es immer noch Geschäfte gibt, die keine Karten akzeptieren oder auch Parkuhren, für die es noch Münzen braucht.

    Die Argumente der beiden Journalisten sind bezeichnend. Beat Schmid, irgendwo in der Mitte des Lebens stehend, weiss immerhin noch, dass es nicht nur gutverdienende Wohlstands-Schweizer gibt, sondern auch weniger Privilegierte. Menschen, die trotz unserer von den Banken beherrschten Welt ein Existenzrecht haben – haben müssen. Raffael Schuppisser, vom Alter her gesehen eher noch ein Schnüggel, lebt dagegen nur noch in der Welt des Konsums. Für ihn gibt es nur jene Leute, die wie er leben: jung, mit Perspektive, und gut bezahlt. Bettler am Rand der Strasse mit einem Hut für Münzen hat er noch nie gesehen – oder er will sie nicht sehen.

    Man wird ganz leicht «ausgeknipst»

    Was beide offensichtlich noch nie erlebt und deshalb auch noch nicht darüber nachgedacht haben: Wir alle können von «denen da oben» ganz leicht «ausgeknipst» werden, fast wie eine Lampe. Mit einem einzigen Druck auf einen Knopf sind alle meine Cards gesperrt – und ich ohne jede Möglichkeit, mir Milch und Brot zu kaufen.

    Ein Szenario, das auszuschliessen ist? Ich habe es in diesem Frühling am eigenen Leib erlebt. Ich war auf der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer, und alle meine Karten, privat und geschäftlich, VISA und MasterCard, waren dort «tot». Auch mein Schweizer Smartphone war tot. Die Karten funktionierten einfach nicht mehr, nicht in den Hotels, nicht in den Läden, nicht am Bankomat – von der US-dominierten Finanzwelt so gewollt und so angeordnet –und nicht etwa vom ach so bösen Putin in Moskau.

    Wie habe ich mich trotzdem durchgeschlagen? Mit Bargeld natürlich. Und genau das ist ein ganz wichtiges Argument, das wir nie vergessen dürfen, wenn es um Bargeld geht: Bargeld kann uns zwar geraubt oder gestohlen werden, aber es kann einem nicht einfach in Minuten-Schnelle von irgendeiner «oberen Stelle» – wie in meinem Fall von den westlich dominierten Banken – ausser Kraft gesetzt werden. Zum Beispiel irgendwelcher Sanktionen wegen, wie eben in meinem Fall. Vielleicht bin auch ich persönlich einmal «denen da oben» nicht mehr genehm. Vielleicht will ich wieder einmal irgendwo hinreisen, wo es gerade interessant ist, obwohl mein Reiseziel «denen da oben» nicht passt. Und vielleicht will ich sogar einmal gegen irgend etwas demonstrieren, das «die da oben» eingeführt haben oder einzuführen gedenken – und trotzdem will ich dann weiterleben, also Milch und Brot kaufen können – mit Bargeld eben.

    Dass ich nicht mehr mit einem Säbel oder einem Revolver im Holster herumlaufen darf, um mich gegen «die da oben» zu wehren, damit kann ich leben. Dass man mir aber den Geldbeutel verschliessen kann, auch wenn ich Geld habe, dass ich in Minuten-Schnelle einfach «ausgeknipst» werden kann, wie es beim ausschliesslichen Gebrauch von Debit- und Kreditkarten elektronisch und deshalb weltweit möglich ist, dagegen werde ich mich wehren, bis zuletzt. Ich will auch Bargeld brauchen können. Geschäfte, wo man nicht mehr mit Bargeld bezahlen kann, meide ich deshalb schon jetzt konsequent.

  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    keine

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    11 Meinungen

    Danke für Ihren Bericht, auch für Ihre Berichte von der Krim.
    Wir sollten dankbar sein, dass wir hier in der Schweiz Bargeld haben.
    Mit den digitalen Zahlungsmöglichkeiten eröffnen sich ja auch viele gute Möglichkeiten.
    Aber deswegen gleich das Bargeld abschaffen, geht doch viel zu weit.
    Albert Deucher, am 07. September 2019 um 12:03 Uhr
    Ja, Christian, da kann ich nur zustimmen.
    Elisabeth Schmidlin, am 07. September 2019 um 12:37 Uhr
    Genau. Wenn Bargeld abgeschafft wird, wer garantiert Dir dann, dass die von den USA dirigierten Banken und Regierungen im «freien Westen» Dir nicht eins-zwei Deine elektronischen Konten sperren, falls Du von denen verdächtigt werden solltest?

    Eben. Und genauso solltest Du auch Deine Hausbibliothek nicht abschaffen. Behalte auf jeden Fall Lexika, Dictionnaires und Beispiele guter Literatur, auch Filme und Musik sowie Geräte, auf denen Du sie noch abspielen kannst.
    Wissen ist eine Macht, die von den Mächtigen gern kontrolliert wird – nicht nur von denen in Peking oder Moskau. Im Ernstfall wärst Du ganz rasch vom digital verfügbaren Wissen ausgesperrt.
    Und von der Kommunikation über digitale Kanäle; verlass Dich also vor allem auf Kontakte mit Menschen, mit denen Du auch anders als digital kommunizieren kannst.
    Billo Heinzpeter Studer, am 07. September 2019 um 12:49 Uhr
    Letzte Woche wude meine Kreditkarte gesperrt, weil ich erstmals bei einem absolut vertrauenswürdigen Händler für 600 Euro eingekauft habe. Dieser Händler sei in letzter Zeit häufig Betrugsopfer geworden. Also nicht einmal böse Absicht der Kreditfirma, sondern gute Betrugsprävention.
    Ueli Hasler, am 07. September 2019 um 13:42 Uhr
    Gratuliere, Christian Müller, für einen treffenden Artikel, denn er trifft den Nagel auf den Kopf: es geht letzten Endes um die Finanzreform, die als Vollgeld-Initiative lanciert wurde und von den wählenden Wählern abgelehnt wurde – weil es angeblich „ein gefährliches Experiment“ gewesen wäre. Sogar Thomas Jordan, Chef der Nationalbank war dagegen. Jetzt ist er gegen die Abschaffung des Bargeldes – ein weitaus gefährlicheres Experiment, wie Ihr Artikel so schön zeigt, denn unter anderem würde es die Nationalbank zu einer unbedeutenden Bank machen, ohne Eingriffsmöglichkeit in die Währungspolitik und die Schweiz zu einem Spielball der Grossmächte. Die Vollgeld-Reform hätte die Nationalbank gestärkt, aber das Hauptproblem sind nicht die Finanzakteure, die uns mittels Kreditkontrolle zu willigen Lämmern machen wollen, sondern wir Wähler und Wählerinnen, die sich nicht die Zeit nehmen, um sich über die Problematik einer ausbleibenden Entscheidung klar zu werden: Wenn nur 50% wählen gehen, dann haben wir eine 50%-Demokratie. Das ist weder eine direkte noch überhaupt eine Demokratie.
    Michel Mortier, am 07. September 2019 um 17:18 Uhr
    Wir dürfen unsere Grundbedürfnisse ganz allgemein nicht so gestalten, dass dafür ein funktionierendes Internet notwendig ist: Da geht es um 'Smart Home', z.B. darum dass die WC-Spülung, die Dusche, der Kochherd etc. nur noch 'smart' funktioniert. Ich bin klar für robuste, analoge Systeme für die Grundbedürfnisse.
    Walter Kubik, am 07. September 2019 um 21:36 Uhr
    Der Reihe nach lesen und schauen, ist für die Herren und Damen Schuppisser angesagt:
    - Broschüre «Geld verstehen!» (Christoph Pfluger): http://edition.zeitpunkt.ch/wp-content/uploads/2017/12/Geld-verstehen_web.pdf
    - Für Bargeld auf die Barrikaden: https://www.infosperber.ch/Wirtschaft/Abschaffung-Bargeld-Banken-Auf-die-Barrikaden
    - Quintessenz: Schuldenwirtschaft -> Negativzinsen -> Bargeldabschaffung und Vermögensabgaben (Bail-Ins) -> Verlust Rechtsstaatlichkeit -> Niedergang Demokratie! KenFM-Spotlight: Christoph Pfluger über Bargeldabschaffung: https://www.youtube.com/watch?v=dJQKJBfsgyU
    - Norbert Häring: Schönes neues Geld - Der Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=DEi3kYRBNiQ
    - Bargeldlos zum gechipten Kontosklaven (Erich Hambach): https://www.youtube.com/watch?v=XvpewIeXQsk
    Raphael P. Bünter, am 07. September 2019 um 23:17 Uhr
    Bundesrat Maurer hat an einer TV-Sendung auf die (indiskrete) Frage, ob er bei Einkäufen oder Reisen eine Kreditkarte benütze, sagte er wörtlich: «Nein, ich will nicht, dass jemand wisse wo, wann und was er kaufe oder wo er sich aufhalte.» Er (U. Maurer) weiss sicher sehr gut Bescheid, wie und wer solche Daten dann für fragwürdige Aktionen benutzen kann und wird ! Warum sollen Sie und ich dann mit Karte zahlen ? Seitdem vermeide ich jegliche Kartenzahlung und setze mich gegen die Abschaffung des Bargelds zur Wehr. Ob die Nationalbank es ernst meint mit der Erklärung (anlässlich der Einführung zur neuen 100er-Note), das Bargeld nicht abschaffen zu wollen, ist zu bezweifeln, da die Direktionsmitglieder aus der Finanzindustrie kommen und diese (Kreditkartenfirmen und Banken) sich ja zuvorderst engagieren bei der Geldabschaffungs-Lobby !
    Fällt der Strom aus (was ja problemlos machbar ist) dann funktioniert kein Bancomat mehr und die ganzen digitalen Systeme, mit was kann ich immer noch kaufen/bezahlen ? Richtig, mit Bargeld ! In diesem Sinne: immer eine Bargeld-Reserve zuhause haben und sich gegen die Abschaffung des Bargelds wehren, wo auch immer !
    Alfred Egle, am 07. September 2019 um 23:32 Uhr
    Was als Argument gegen die Bargeldabschaffung fehlt ist sind Störungen der Kreditkartensysteme. Was dann, wenn nichts mehr geht? Kann verschiedene Ursachen haben. Ich habe es schon mehrmals in einem Drogeriemarkt erlebt, dass Kunden ihre Einkäufe bei der Kasse deponieren mussten und aufgefordert wurden, später wieder zu kommen weil das Kreditkartensystem streikte.

    https://www.blick.ch/news/wirtschaft/haben-sie-heute-bargeld-dabei-visa-kreditkarten-melden-technische-probleme-in-ganz-europa-id8447535.html
    Edgar Huber, am 08. September 2019 um 09:29 Uhr
    Das neoliberale Geldsystem verunmöglicht schon heute Menschenrechte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Selbstbestimmung und auch erdverträgliche, suffiziente und solidarische Kreislauf-Wirtschaftssysteme. Es macht schon heute die grosse Mehrheit von uns zu Geld- und Schuld-Sklaven und vernichtet unsere Lebensgrundlagen.

    Ohne Bargeld wird die Schlinge um unseren Hals deutlich angezogen und das System totalitärer.

    https://www.facebook.com/friedenskraft/
    Dr. med. Paul Steinmann, am 08. September 2019 um 14:43 Uhr
    Ja, es stimmt schon, Banknoten und Münzen sind Bakterienschleudern mit über 3000 nachgewiesenen Mikrobenarten. Dumm nur, dass bei Handyproben sogar über 7000 verschiedene Mikroben festgestellt wurden. Gerne «wacht» das Handy bei den meisten Leuten (und wahrscheinlich auch bei Herrn Schuppisser) zu Hause auf dem Nachttischchen, dem Esstisch und der Küchenzeile, ebenso wie auf dem WC. Alles Orte, an denen das gute alte Portemonnaie meistens nichts verloren hat. Gute Gesundheit und Hände(y) waschen nicht vergessen!
    Sandra Rechsteiner, am 09. September 2019 um 14:54 Uhr

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