Der reale Pfingststau am Gotthard kontrastiert mit dem sportlichen Traumauto in den Medien © SRF
So wirbt der Landbote für den neuen Jaguar © Landbote
Redaktionelle Aurowerbung am Beispiel Landbote © LB

Wenn sich der Sport- zum Spottwagen wandelt

Hanspeter Guggenbühl / 20. Mai 2018 - Klimapolitik hin, Staus her - der Autoverkehr wächst. Alle Gegenmittel blieben wirkungslos. Wie wär's mit Spott statt Sport?

Der Pfingst-Samstag veranschaulichte die Kluft zwischen Wirklichkeit und Traum besonders deutlich: Vor dem Gotthard-Tunnel stauten sich die Autos auf einer Länge von 28 Kilometern. Wer drin steckte, hatte fünf Stunden Wartezeit, um – zum Beispiel - die vier redaktionellen Autoseiten zu lesen, die der Winterthurer Landbote am gleichen Samstag publizierte. Darin konnten die Insassen der stillstehenden Fahrzeuge erfahren, dass der neue Aston Martin Vantage in "3,6 Sekunden auf Tempo 100" beschleunigt und mit seinem Spitzentempo von 314 km/h die zulässige Höchstgeschwindigkeit um den Faktor 2,6 überschreitet. Oder dass der neue Range Rover Plug-in-Hybrid "über 2,5 Tonnnen" Tara auf die Waage bringt, und der zwei Meter breite Jaguar XF-Sportbrake sich als "Raubkatze für die Familie anbietet".

Während das Traumauto in der Zeitung virtuell faucht, fluchten die Automobilisten auf der stockenden Fahrt in den Süden, und auf den Rücksitzen plärrten Kinder. Derweil rechnete der Radiohörer: Fünf Stunden für 28 Kilometer. Da kommt selbst ein rüstiger Fussgänger ohne Hilfe von Energiesklaven ebenso schnell voran.

Autoverkehr wächst, Produktivität sinkt

Was die Momentaufnahme zuspitzt, entspricht seit Jahrzehnten dem Trend: Der Strassenverkehr wächst. Noch schneller wachsen Bestand, Umfang und Gewicht der Autos sowie der Anteil der Motorleistung, die brach liegt, selbst wenn der Kolonnenverkehr staufrei rollt. Während die Produktivität des Personenverkehrs stetig sinkt (nach Rechnung von infosperber bereits unter die Schwelle von einem Promille), verzeichnen die Staustunden auf den Schweizer Strassen die höchsten Wachstumsraten.

Diese Entwicklung widerspricht der offiziellen Verkehrspolitik, die einen Umstieg vom motorisiertem Privatverkehr auf öffentliche Verkehrsmittel propagiert. Mit Tempolimiten oder Parkplatzbeschränkungen versuchten Regierungen und Parlamente zwar halbherzig, den Autoverkehr zu begrenzen - halbherzig deshalb, weil sie gleichzeitig die Strassen weiter ausbauten und Lenkungsabgaben im Verkehr ablehnten. Doch selbst eine moderate Verteuerung könnte die Zunahme des Autobestandes und Verkehrs kaum stoppen; das jedenfalls zeigen die Erfahrungen während Perioden mit deutlich höheren Treibstoffpreisen.

Bewirtschaftung von Visionen und Illusionen

Der automobile Personenverkehr entzieht sich eben weitgehend der Logik von Ökonomie und Nutzenoptimierung. Denn das Auto ist weit mehr als ein Transportmittel. Es dient als Statussymbol und Suchtmittel. Es reizt die Sehnsucht, Selbstsucht, Geltungssucht ebenso wie den immer weniger erfüllbaren Geschwindigkeitsrausch. Und es gründet auf Visionen und Illusionen, welche die Medien auf ihren redaktionellen Autoseiten kommunikativ längst wirkungsvoller bewirtschaften als die Autokonzerne mit ihren bezahlten Inseraten; die Autoseiten im eingangs zitierten Landbote sind nur ein Beispiel unter Tausenden.

Eine dieser am intensivsten gepflegten Illusionen ist die Verknüpfung von Auto und positiv besetztem Sport. Die Medienschaffenden, die auf den redaktionellen Sonderseiten dem Auto huldigen, bezeichnen die massigen Blechkarossen besonders gern als "sportlich", "noch sportlicher" bis hin zum "Supersportler". Allein in den letzten 365 Tagen findet man das Begriffspaar Auto und sportlich in über 2500 Schweizer Medienberichten, zeigt das Archiv SMD, davon in 820 Artikeln über die besonders dicken SUV-Modelle. Dabei weiss jeder vernunftbegabte Mensch, dass der Siegeszug des Autos in den westlichen Industriestaaten die Hauptursache für Bewegungsarmut und Übergewicht darstellt.

Spott als kommunikatives Gegenmittel

Gegen die Bilder, Träume und Illusionen, welche die Propaganda ums Auto rankt, wächst kein verkehrs- und klimapolitisches Kraut. Für Leute, welche die Autolawine eindämmen wollen, bleibt nur ein Abwehrmittel: Satire. Wie wär's, wenn wir den Sportwagen zum Spottgefährt umdeuteten? Dazu einige praxisnahe Vorschläge:

- Als Velofahrer schlängeln Sie sich durch eine stehende Autoschlange. Eine verärgerte Automobilistin ruft Ihnen zu. "Haben Sie es eilig?" "Selbstverständlich", antworten Sie vom hohen Stahlross herab, "denn wenn ich so viel Zeit verschwenden könnte wie Sie, würde ich auch Auto fahren."

- Als Fussgängerin überqueren Sie eine von Autos verstopfte Kreuzung und fordern Automobilisten, die sich dank offenem Fenster ansprechbar zeigen, höflich auf: "Gehen Sie doch lieber arbeiten anstatt die Strasse zu blockieren."

- Sie flanieren einer Strasse entlang, auf der sich eine Autokolonne im Schritttempo voran bewegt, und erklären den andern Leuten auf dem Trottoir: "Wissen Sie, für was diese Autofahrer eine Strassendemonstration durchführen? Ist doch klar: Für Tempo 30."

- In Anlehnung an Eckart von Hirschhausen kalauern Sie: "Gott schuf den Menschen und der Mercedes hat ihn geformt."

An Sprüchen und Gelegenheiten fehlt es nicht, um den Irrsinn des Autoverkehrs vor Augen zu führen: "Wieviel Tara hast Du mitgeschleppt?", können wir Gäste fragen, die mit 1,5 Tonnen schwerem Blechmantel anreisen. "Hei wie sportlich!" begrüssen wir Freunde spöttisch, die mit dem Auto zum Fitnesscenter fahren. Oder an einer Energietagung rätseln wir mit andern Teilnehmenden, wie viele Energiesklaven unten auf dem Parkplatz faul herum liegen.

Allerdings soll sich niemand einbilden, der Autoverkehr lasse sich mit privatem Spott wesentlich beeinflussen, solange die Medien jährlich mit tausenden von Zeitungsseiten professionell fürs Auto werben. Aber Lachen kann es leichter machen, diesen Verkehr zu ertragen.

Nachtrag:

Spott stösst nur bedingt auf Gegenliebe, zumal wenn er das Auto betrifft. Trotzdem ein kleiner Nachtrag: Unter dem Titel "Der kleine Renner klebt förmlich auf der Strasse", bejubelte die Tageszeitung Südostschweiz am 23. Mai auf Seite "Auto & Motor" den "Sportler" namens Ford Fiesta ST. Das gilt nicht nur für den "kleinen Renner", sondern passt für alle Autos, die an Pfingsten vor dem Gotthard - nicht nur förmlich - auf der Strasse klebten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Der Irrsinn als Rückgrat der (Auto-)Mobilität
Am stärksten wächst beim Verkehr der Stillstand
Dossier: Auto oder Bahn?

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8 Meinungen

Herr Guggenbühl tut grad so, als ob die Schweizer Bevölkerung in 300 km/h schnellen Supersportwagen zum Spass unterwegs wäre. Dann wäre es wirklich zum Lachen. Die Wirklichkeit sieht etwas aus. Die Hälfte der Fahrleistungen erfolgt im Zusammenhang mit Beruf und Arbeit. Vielleicht hängt das Stau-Phänomen auch ganz einfach mit der immer weiter wachsenden Bevölkerungsdichte zusammen?
Stefan Roth, am 20. Mai 2018 um 12:03 Uhr
Bei den zitierten Autoseiten der Zeitungen handelt es sich um zwingende Gegenleistungen für die geschalteten Inserate. Damit sind es faktisch bezahlte Inserate, die als redaktionelle Inhalte ausgegeben werden. Hat der Presserat zu dieser Täuschung schon mal etwas gesagt?
Christoph Kaufmann, am 20. Mai 2018 um 12:19 Uhr
Es ist mir auch nicht klar, warum man sich voll bewusst in einen auch nur 1/2 Stunde dauernden Stau begeben will?
Aber so einfach ist das Autofahren mit Geltungsdrang und ähnlichen einfachen Sprüchen nicht lächerlich zu machen. Und oft ist der Nutzen mit dem Auto optimiert!
Abgesehen davon, dass der OeV langsam ab zwei Personen zu teuer wird, sind viele Reisen recht kompliziert.
Beispiel:
Bushaltestelle Meggen - Bahnhof Disentis
OeV Fahrzeit mind. 3:20 h, dies alles mit Gepäck 4x umsteigen. Dazu kommen die 1-2 km vom Heim zur Haltestelle ... viele noch mit Kindern ... - zu Fuss mit Gepäck unrealistisch, also Taxi?
Oder mit dem Auto - meistens ohne Stau - 1:35 h Haus zu Haus.
Anm: Ich bin viele Jahrzehnte mit Fussweg, Bus, Tram 0:50 h gependelt, anstatt mit dem Auto in 0:20 h ins Büro zu fahren und das war ganz gut so, diente es doch der Einstimmung, bzw. dem Runterkommen und sich täglich Bewegen.
Heiner Graafhuis, am 20. Mai 2018 um 13:11 Uhr
Nachdem ich als Heimwerker auf das Auto als Transportmittel angewiesen bin habe ich eins. Die Festkosten eines Auto ändern sich nicht ob ich es jetzt brauche oder nicht. Also benütze ich es auch für Besuche oder ins Kino. Der öffentliche Verkehr ist teuer. Auch muss ich nicht 1 Stunde warten bis der nächste Zug kommt wenn ich ihn knapp verpasst habe. Nebenbei bemerkt habe ich KEINE sportlichen Ambitionen.
Herbert Röhrs, am 20. Mai 2018 um 16:50 Uhr
Vielen Dank für den Artikel. So sehr das Auto eine technische Fehlkonstruktion und eine menschliche Tragödie darstellt, so sehr befriedigt es auch kurzfristige Gelüste. So ist der übertriebene Gebrauch verständlich.

Weniger verständlich für mich ist die Intensität, mit der Regierungen, Politiker (selbst linke und sogenannt christliche) und Medien das Auto subventionieren und fördern, obwohl sie genau wissen, dass es ohne dies für alle besser wäre, auch für die Autofahrer selbst, die nicht mehr im Stau stehen würden.
Theo Schmidt, am 20. Mai 2018 um 17:51 Uhr
Meine Berufskarriere mit Auto begonnen, der Nachtschicht wegen. Dann die Branche gewechselt und während über zehn Jahren absolut zufrieden in der Lage, mit den ÖV unterwegs zu sein.
Der Arbeitgeber zog um, zwangsweise bin ich wieder motorisiert unterwegs, mit der kleinstmöglichen Lösung, zum Leidwesen des Verkäufers bar bezahlt. Über einen Leasingvertrag für einen Oberklassewagen hätte er sich mehr gefreut, da die Provisionen einen Teil seines Einkommens ausmachen.
Muss sich jetzt irgend jemand ein schlechtes Gewissen machen oder sich als doof bezeichnen lassen?
Ich glaube nicht. Falls mir der Autor des Artikel einen Arbeitsplatz mit ÖV-Anbindung anbieten kann, darf er sich gerne melden.
Ursula Lerch, am 21. Mai 2018 um 12:35 Uhr
Ich bin Fahrzeugingenieur,

Und so wenig ich das egomanische Verhältnis vieler zu ihrem Verbrenner nahvollziehen kann, genauso wenig kann ich Menschen verstehen, die die Ursache für ihren Wohlstand und Bildungsstand verleugnen. Hätte es das Auto nicht gegeben, dann wären wir hier so arm, dass viele Menschen sicherlich nicht mit Artikel-Schreiberei «produktiv» sein könnten. Das wäre dann weltfremd. Wenn man sehen möchte, wie Staaten moderne Probleme mit modernen Methoden lösen, muss man heute leider ausschliesslich nach Asien blicken, Ballungszentren in China, Korea, Japan, Malaysia und Indonesien zeigen wie einfach es ist, einen Bedarf zu befriedigen. Es werden, unglaublich aber wahr, Straßen gebaut!!! Und dies nicht gegen die Widerstände von psychisch verirrten Menschen ( angebliche Umweltschützer, mMn genau die gleichen Lebenstrolle wie die ganzen Audifahrer und sonstigen SUV-Trolle)... Kulturopfer.. Man muss sich schon fragen, ob eine Erziehung zum unmündigen Egoisten, so oder so, irgend einen gesunden Beitrag für eine Kultur leisten kann. Ich glaube nicht.
Victor Müller, am 21. Mai 2018 um 14:08 Uhr
Es geht hier nicht um die legitimen Bedürfnisse der Kommentatoren hier, welche nur einen Bruchteil der tatsächlichen Autofahrten ausmachen, sondern über die wahnsinnige Ausuferung vor allem der Freizeitfahrten und auch der vielen Kürzestfahrten, auf Kosten der ganzen Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit nicht Auto fährt. Hier ist ein schlechtes Gewissen angebracht.

Aber auch bei einer Vollkostenrechnung nur für den Halter, jedoch inklusive der Arbeitszeit für die Bezahlung des Autos, ist die effektive Geschwindigkeit extrem klein. Das ist wirklich doof.
Theo Schmidt, am 21. Mai 2018 um 22:15 Uhr

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