Von Überflutung verschont: Curciusa Alta, wo die Elektrowatt einst einen grossen Stausee plante © Bild: Kaspar Schuler

Was von der Schweiz 2017 noch geblieben ist (2)

Hanspeter Guggenbühl / 02. Okt 2017 - Viele umstrittene Projekte bewegten 1987 die Schweiz. Was wurde realisiert, was nicht? Wo und warum? Die Bilanz, Teil 2.

Red. «Wandert in der Schweiz, solang es sie noch gibt», empfahl 1987 der Journalist und Autor Jürg Frischknecht im Titel seines erstens Wanderbuchs*. Auf Schusters Rappen erkundete er damals 35 Regionen, die «zu Tatorten einer ungebremsten Erschliessung werden könnten». Dabei ging es um Gebiete, die von Verkehrsbauten, Kraftwerken, Waffenplätzen, touristischen Erschliessungs- und nuklearen Entsorgungsanlagen bedroht waren.

30 Jahre später recherchierte Infosperber-Mitarbeiter Hanspeter Guggenbühl, was daraus geworden ist. Welche Projekte wurden realisiert, welche scheiterten, und wieso? Den ersten Teil seiner Analyse hat Infosperber am 28. September veröffentlicht. Nachstehend der zweite Teil.

Den Anstoss, ein Polit-Wanderbuch zu schreiben, lieferten dem Autor Jürg Frischknecht verschiedene Wasserkraft-Projekte, die das Bildungs- und Tagungszentrum Salecina 1986 thematisierte. Dazu gehörten neue Stauseen in den Bündner Tälern Avers/Madris, Curciusa, Bercla, der Höherstau des Lago Bianco auf dem Berninapass und des Grimselsees im Kanton Bern.

Frischknecht bezeichnete diese Projekte, die auch die Regierungen der Standortkantone begeistert unterstützten, als «AKW-Filialen in den Alpen». Denn die Stromproduzenten planten, den Anteil von teurer verkäuflichem Winter- und von Spitzenstrom zu erhöhen. Dazu benötigten sie zusätzliche Staubecken. In diese wollten sie mit überschüssigem billigem Bandstrom aus ihren Fluss- und Atomkraftwerken Wasser aus tiefer liegenden Staubecken hinaufpumpen, dieses Wasser dort zwischenlagern und dann turbinieren, wenn Nachfrage und Preise im europäischen Strommarkt hoch waren. Dieses Geschäftsmodell bringt zwar einen Stromverlust von 20 bis 30 Prozent, zahlt sich aber aus, wenn die Preisdifferenz zwischen Pump- und Spitzenstrom auf dem Markt grösser ist als die Produktionskosten plus die Verluste des Pumpbetriebs.

Umwelt- und Alpenschützer, organisiert in lokalen Gruppen, wehrten sich gegen diese Projekte. Es sei nicht akzeptabel, so argumentierten sie, letzte, kaum berührte Alpentäler mit eindrücklichen Landschaften, wertvoller Flora und Fauna unter Wasser zu setzen, um mit energetischem Verlust Atomstrom zu veredeln und die Gewinne der Stromwirtschaft zu maximieren. In Frischknechts Buch von 1987 nehmen diese Pumpspeicher- sowie weitere Wasserkraft-Projekte viel Raum ein. Doch im Unterschied zu den damaligen Autobahn-Projekten ist 30 Jahre später erst ein einziges realisiert worden, nämlich die zusätzliche Kraftwerkstufe am Inn zwischen Pradella bei Scuol und Martina im Unterengadin.

Statt Alpentäler Wasserkraft-Projekte ersäuft

Kaspar Schuler, freier Journalist aus dem Aargau, mehrere Jahre Senn und Hirt in Graubünden, später Geschäftsführer von Greenpeace, führte damals den Widerstand gegen das Projekt im Val Madris an. In diesem Seitental des Avers wollten die Kraftwerke Hinterrhein (KHR) ein Speicherbecken mit dem Volumen des Grimselsees ausbaggern und mit dem Aushub den höchsten Damm der Schweiz aufschütten. Damit wäre ein neues Oberbecken entstanden für die Kraftwerkkette, die über den Lago di Lei und den Stausee Sufers bis hinunter nach Thusis führt. Im neuen Stausee wären die Alpen Preda und Preda-Sovrana ersäuft worden, ein Auengebiet mit Flachmoor, mäandrierenden Bächen, Tümpeln und üppiger Froschpopulation.

1998 begruben die Besitzer der KHR, die Stromproduzenten Axpo, Alpiq, EWZ, BKW u.a., dieses Projekt. Ein hundertprozentiger Erfolg für die Opposition? «Ein hundertprozentiger Erfolg für den Erhalt des Val Madris», antwortet Schuler. So bleibt der ökologische Wert dieses Hochtals bis heute ungeschmälert erhalten, ebenso seine Nutzung als Kuh-, Rinder- und Schaf-Alp. Und rüstige Leute können weiterhin ungehindert durchs Madris wandern, von Avers-Cröt über die unversehrte Alp Preda-Sovrana, auf einer imposanten Steinplatten-Treppe hinauf auf den Prasignolapass und hinunter nach nach Soglio im Bergell, wo sie laut Routenbeschrieb nach acht Stunden und 15 Minuten eintreffen werden.

Wirtschaft steuerte stärker als die Politik

Der Abbruch des Kraftwerk-Projekts im Val Madris ist nicht allein auf politischen Widerstand zurückzuführen. Mitgeholfen hat die Annahme der Rothenthurm-Initiative im Herbst 1987. Dieser Abstimmungsentscheid brachte nicht nur das Waffenplatzprojekt auf der Schwyzer Hochebene zu Fall, das Jürg Frischknecht in seinem Buch ebenfalls beschrieb, sondern verstärkte den Schutz aller Moore in der Schweiz und damit auch des Flachmoors im Val Madris.

Den Ausschlag gab letztlich die Entwicklung im damaligen Strom-Grosshandel. Denn in den 1990er-Jahren herrschte in Europa – wie heute erneut – eine Stromschwemme, welche die Marktpreise in den Keller drückte und die Differenz zwischen Band- und Spitzenstrom verminderte.

Diese wirtschaftliche Entwicklung machte nicht nur die 600-Millionen-Investition im Madris unrentabel, sondern brach auch andern geplanten Pumpspeicher-Kraftwerken das Genick: Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) zog sein Konzessionsgesuch für einen Pumpspeicher im Val Bercla oberhalb des Marmorera-Sees 1995 zurück. Die einstige Elektrowatt, die später aufgesplittet und verkauft wurde, verzichtete 1999 auf ihr Projekt im Val Curciusa im Rheinwald. Der frühere EWZ- und spätere NOK/Axpo-Direktor Hans Rudolf Gubser hatte schon 1994 an einer weiteren Tagung in Salecina angekündigt: «Wer Pumpspeicher-Kraftwerke bekämpft, wird in den nächsten Jahren nicht viel zu tun haben.» Denn der Überschuss an Strom in Europa und die tiefen Preise würden deren Wirtschaftlichkeit auf lange Zeit in Frage stellen.

Neue Projekte ersetz(t)en alte

Der spätere Axpo-Direktor Heinz Karrer war nicht in Salecina und hat Gubsers Einschätzung offensichtlich nicht zur Kenntnis genommen. Als nach der Jahrtausendwende die Preise auf dem Strommarkt wieder anzogen, trieb Karrer mit «Linthal 2015» ein neues, ökologisch weniger umstrittenes Pumpspeicher-Projekt voran; dieses soll Ende 2017 mit Verspätung den Vollbetrieb aufnehmen. Doch schon vor Betriebsbeginn musste die Axpo ihre in den Glarner Kalk gesetzte Investition im Umfang von zwei Milliarden Franken um 540 Millionen Franken abschreiben, weil nach der Hausse die Marktpreise für Spitzenstrom ab 2008 wieder einbrachen. Das Gleiche droht dem im Bau befindlichen Alpiq/SBB-Projekt Nant de Drance im Wallis. Bei diesen beiden Wasserkraftwerken handelt es sich um Tages- bis Wochenspeicher.

Andere Wasserkraft-Projekte bestehen weiterhin auf dem Papier: Die Bündner Repower sitzt weiterhin auf ihrem – alten aber ökologisch verbesserten – Ausbauprojekt am Berninapass und wartet auf die nächste Preishausse im Strommarkt. Die Kraftwerke Oberhasli (KWO) möchten schon seit Jahrzehnten den Grimselsee höher stauen, um mehr Sommerwasser zu speichern und in Winterstrom umzuwandeln; sie haben Oberwasser erhalten, nachdem das Bundesgereicht kürzlich den in der Verfassung verankerten Moorschutz relativierte. Priorität hat für die KWO heute allerdings ein neues Vorhaben, das 1987 noch nicht einmal in den Sternen stand, nämlich der Bau eines neuen Stausees unter dem abschmelzenden Trift-Gletscher im Sustengebiet (siehe auf Infosperber «Subventionen fördern umstrittenes Stausee-Projekt»).

Könnten damit, unterstützt von neuen Subventionen, auch andere alte und sistierte Wasserkraft-Projekte wieder auferstehen – nach dem Atomausstieg etwa in der neuen Funktion als «Windfarm-Filialen in den Alpen»? Ausschliessen lässt sich nichts. Doch es scheint aus heutiger Sicht wenig wahrscheinlich. Denn für die Speicherung von Strom gibt es mittlerweile technische Alternativen und damit Konkurrenz zu potenziellen Pumpspeicher-Werken.

«Mit den realisierten und verhinderten Wasserkraft-Projekten setzten die Wasserkraftkantone und Stromproduzenten auf baugetriebene Lösungen. Damit haben sie teilweise hohe Verluste eingefahren», analysiert Kaspar Schuler. Heute entdecke die Strombranche allmählich, dass sich die Stromversorgung mittels moderner Steuerung, Netzoptimierungen, Smart Grid und dezentraler Speicherung besser und billiger sichern lässt. «Software», sagt Schuler, «ersetzt Betonmischer».

Verkehrsbauten entziehen sich der ökonomischen Logik

In der Stromversorgung mag das zutreffen. Im Tourismus flaut der Bauboom ebenfalls ab, seit die Abstimmenden den uferlosen Bau von Zweitwohnungen mit ihrem Ja zur Franz Weber-Initiative dämpften. Weil der alpine Skibetrieb stagniert, wachsen auch Bergbahnen nicht in den Himmel. Im Verkehr hingegen dominieren ungebremst die baulichen Konzepte; unzählige Ausbauprojekte für Strassen und Schienen zeugen davon.

Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Der Verkehrskonsum und dessen Förderung entziehen sich der ökonomischen Logik. Dafür sorgen die Zweckbindung der Treibstoffsteuern und stattliche Staatsbeiträge an Ausbau und Betrieb des öffentlichen Verkehrs. Wenn der Verkehr wächst, rollen mehr Benzinrappen auf die Strassen und mehr Subventionen auf die Schienen. Im Tourismus hingegen oder im zumindest teilweise geöffneten Elektrizitätsmarkt versiegen die Investitionen, wenn die ökonomischen Verluste wachsen. Wobei hier einzuschränken ist: Auch Energie und Fremdenverkehr werden auf vielfältige Weise subventioniert.

Von den 35 Projekten, die Jürg Frischknecht 1987 in seinem Wanderbuch beschrieb, sind heute zehn realisiert worden, darunter alle Verkehrsprojekte, der Ausbau von zwei militärischen Schiessplätzen und das erwähnte Flusskraftwerk Pradella-Martina. Andere Pläne sind nach 30 Jahren immer noch hängig, etwa die Erweiterung des Skizirkus Ischgl/Samnaun in Samnaun, der Ausbau des Aare-Kraftwerks Wynau sowie die Speicher- und Pumpspeicher-Projekte am Grimsel und im Bernina-Gebiet. Kleine Wiederbelebungs-Versuche mit geringer Realisierungs-Wahrscheinlichkeit gibt es immer mal wieder für die treppenartigen Flusskraftwerke im Alpenrhein von Chur bis zum Bodensee und in der Rhone. Endgültig beerdigt sind die AKW-Projekte Graben sowie Kaiseraugst, und die Pläne für Atommüll-Lager haben sich von den Alpen ins Mittel- und Zürcher Weinland verschoben. Können wir also die Wanderschuhe im Schrank versorgen, im Vertrauen, dass uns die meisten der einst bedrohten Gebiete erhalten bleiben?

Nur bedingt. Denn in den letzten 30 Jahren sind neue «Tatorte einer ungebremsten Erschliessung» entstanden: Der Bundesrat will die Staus auf vielen Nationsstrassen von zwei auf drei Spuren verbreitern. Der Zürcher Baudirektor plant noch immer die Verlängerung der Oberland- und neu der Glatttal-Autobahn. Flughafenbetreiber fordern längere Pisten, und die Sachwalter der erneuerbaren Energie wünschen Windparks in allen Landesteilen.

Globale ersetzen lokale Eingriffe

Zudem ersetzen oder ergänzen globale Bedrohungen nationale und regionale Eingriffe. Der weltweite Klimawandel wirkt sich im Alpenland Schweiz besonders aus. Mehr Dürreperioden bedrängen Bäume und fördern Waldbrände. Mehr Starkniederschläge lassen Böden erodieren und bringen Berge ins Rutschen. Höhere Temperaturen tauen den Permafrost auf, gefährden die Vielfalt an Pflanzen und verändern den Wasserhaushalt. Stausee-Projekte zum Beispiel, welche die Stromschwemme und die tiefen Marktpreise stoppten, könnten wieder erweckt werden mit der Begründung, sie müssten den Wasserhaushalt re-regulieren.

«Die Gefahren des 20. Jahrhunderts für den Alpenschutz sind erkannt und teilweise beseitigt worden. Die Gefahren des 21. Jahrhunderts hingegen lassen sich erst teilweise abschätzen», sagt Umwelt- und Alpenschützer Kaspar Schuler. Kommt dazu: Gegen nationale und regionale Projekte, welche Natur- und Landschaft zerstören, können sich Gruppen von Bürgerinnen und Bürger aktiv wehren. Gegen den Schwund der alpinen Gletscher hingegen wächst kein lokales Kraut.

Zudem wirkt sich regionale Betroffenheit nur sehr bedingt auf die globale Politik aus; davon zeugt etwa der ohnmächtige Widerstand der BewohnerInnen von im Meer versinkenden Inselstaaten gegen die klimapolitische Untätigkeit der Regierungen. Aus diesen Gründen bleibt der Aufruf aktuell, den Frischknecht vor 30 Jahren an die Bevölkerung gerichtet hat: «Wandert in der Schweiz, solang es sie noch gibt!»

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Nachtrag zum Autor Jürg Frischknecht

hpg. Eine Bilanz zu den Projekten, die er vor 30 Jahren beschrieb, hätte der Autor Jürg Frischknecht am besten selber gemacht. Im Vorwort seines Buches schrieb er denn auch: «Anders als in den meisten Wanderbüchern wird ein Teil der Informationen rasch veralten (und ein Zeugnis bleiben für ein kleines Stück Zeitgeschichte). Ich habe deshalb im Sinn, in der Wochenzeitung WOZ neue Projekte (und wichtige Entwicklungen bei den hier vorgestellten) in ähnlicher Form in loser Folge vorzustellen.»

22 Jahre später, kurz bevor der umstrittene A4-Abschnitt eröffnet wurde, wollte Frischknecht seine Ankündigung zumindest partiell erfüllen. Er kündigte der WOZ eine Reportage über diese umstrittene Autobahn an und wanderte im Herbst 2009 – wie ich im Sommer 2017 – mit Hans Steiger durchs Säuliamt. Doch wenige Tage danach schrieb er der zuständigen Redaktorin: «Das mit der A4 war keine gute Idee. Je näher der Termin rückte, desto weniger sah ich ein, weshalb ich nach 22 Jahren auf ‹Wandert in der Schweiz …› zurückkommen sollte – in einer Selbstinszenierung – in der Ich-Form. Ich hätte mir das alles früher genauer überlegen sollen und bitte um Nachsicht.»

Das war typisch für Jürg Frischknecht. «Selbstinszenierung» liebte der bescheidene und erfolgreiche Journalist nicht. Ihm ging es um die Sache. Zudem packte er, statt zurückzublicken, lieber Neues an. Davon zeugen zahlreiche «Primeurs» über politische Missstände, die er in seinem Berufsleben enthüllte. Neue Wege beschritt er auch mit seinen späteren Wanderbüchern, die er zusammen mit seiner Lebenspartnerin Ursi Bauer verfasste.

Was er zwischen Klammern schrieb, trifft zu. «Wandert in der Schweiz solang es sie noch gibt» bildet ein Stück Zeitgeschichte ab. 30 Jahre später ist es an der Zeit, darauf zurückzublicken, zu schauen und zu recherchieren, was daraus geworden ist. Selber konnte Jürg Frischknecht das nicht mehr tun; er starb vor einem Jahr an Krebs. Mit dem Rück- und Ausblick, der zuerst in der WOZ und jetzt in zwei Teilen hier auf Infosperber erschienen ist, habe ich versucht, seinen Vorsatz umzusetzen.

* Jürg Frischknecht: «Wandert in der Schweiz solang es sie noch gibt», Limmat-Verlag, Zürich 1987.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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