Plastik vergeht nicht – bis 2050 werden wir auf schätzungsweise 12 Milliarden Tonnen Müll sitzen. © CC
Produktion, Nutzung und Schicksal von Kunststoffen 1950 – 2015 in Millionen Tonnen. © Geyer et al.

Plastikmüll für die Ewigkeit

Red. / 23. Nov 2017 - Seit den 1950er-Jahren hat die Menschheit acht Milliarden Tonnen Plastik produziert. Und der globale Müllberg wächst weiter.

Falls Archäologen in Jahrtausenden Ausgrabungen unserer Welt machen, werden sie unsere Ära problemlos zuordnen können. Statt metallener Fibeln, die einst die Gewänder römischer Feldherren zusammenhielten, werden sie vielleicht auf den Reissverschluss einer Robe von Ivanka Trump stossen.

Der Reissverschluss wird fast vollständig erhalten sein. Ähnliche Plastikteile würden sich in Sedimenten auf dem ganzen Erdball finden, teilweise in winzigen Stücken. Wenn unser Zeitalter einen Namen hätte, müsste es «Plastozän» heissen, schlägt Tatiana Schlossberg in der «New York Times» vor.

Müll, der nicht vergeht

Wie gross der Berg aus Altplastik ist, den unsere «Plastikschüssel-Kultur» hinterlässt, wurde in einer im Juli 2017 publizierten Studie nun erstmals vermessen.

«Produktion, Nutzung und Schicksal allen Plastiks, das jemals produziert wurde», ist eine Aufsummierung aller Kunststoffe, die bisher im industriellen Massstab hergestellt wurden. Die Autoren der University of California, der University of Georgia und der «Sea Education Association» in Massachusetts, haben zusammengetragen, welcher Kunststoff wann produziert wurde, wie viel davon hergestellt wurde und vor allem: was daraus geworden ist.

Roland Geyer, der Hauptautor der Studie, kommentierte die Plastik-Studie wie folgt: «Mein Mantra ist, dass man nicht mit Dingen umgehen kann, die man nicht gemessen hat. Ohne Zahlen weiss man nicht, ob man wirklich ein Problem hat».

Der globale Müllberg wächst

Von 1950 bis 2015 wurden 8'300 Millionen Tonnen Plastik produziert. Der grösste Teil davon ist immer noch da. (Geyer et al.)

Seit den 1950er-Jahren, als der Plastikboom begann, bis 2015 wurden 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert, die Hälfte davon in den Jahren seit 2004. Nur ein Bruchteil des Plastikbergs wird noch gebraucht. 6,3 Milliarden Tonnen wurden bis 2015 weggeworfen, 12 Prozent davon wurden verbrannt, ein kleiner Teil befindet sich im Recyclingkreislauf. Bis 2050 wird sich der Restmüllberg etwa auf 12 Milliarden Tonnen erhöht haben, schätzen die Autoren.

Zwischen fünf und dreizehn Millionen Tonnen Plastikteile gelangen allein jedes Jahr in die Ozeane, fanden Wissenschaftler in einer anderen Studie. Mikroplastik, das vor allem aus Kleidungsfasern stammt, findet sich mittlerweile in so gut wie allen Oberflächengewässern.

Die Hälfte Plastikmülls besteht aus Verpackungen

Von den nicht-fasergebundenen Kunststoffen, die 2015 produziert wurden, waren ganze 42 Prozent Verpackungsmaterial und haben den globalen Müllberg inzwischen erweitert: Mehr als die Hälfte des weggeworfenen Plastiks im selben Jahr bestand aus Verpackungen, die normalerweise weniger als ein Jahr lang benutzt werden.

Recycling verzögert den Prozess nur

Recycling, sagt Geyer, verzögere den Prozess nur. Am Ende lande der Kunststoff trotzdem auf dem Müll. Immerhin wird dann weniger neues Plastik hergestellt. Darüber, wie Recycling die Produktion beeinflusst, gebe es jedoch nicht genügend Daten. Dauerhaft verschwunden ist Plastik nur dann, wenn man es verbrennt – was andere Probleme schafft, wie die Emission von Klimagasen und giftige Verbrennungsrückstände.

Im Umgang mit Plastikmüll gibt es weltweit verschiedene Strategien. In Europa werden etwa 30 Prozent recycelt und 40 Prozent verbrannt, in China (25 Prozent Recycling, 30 Prozent Verbrennung) ist es ähnlich. Am ehesten repräsentativ für den Rest der Welt sind jedoch die USA mit einer Recycling-Quote von 9 Prozent und 16 Prozent Verbrennung. Was übrig bleibt, landet auf Deponien oder in der Umwelt.

Die vorbildlichsten Länder befinden sich nicht in Europa, sondern in Afrika:

  • In Ruanda ist es verboten, Plastiksäcke und Kunststoffverpackungen zu importieren, zu produzieren, zu verkaufen und zu verwenden (mit Ausnahme von Medikamenten-Verpackungen). Bei Missachtung dieser Verbote drohen drastische Strafen. Der Erfolg ist augenfällig: In den Strassen der Hauptstadt Kigali und an vielen andern Orten sind die früher überall herumliegenden gebrauchten Plastiksäcke aus der Bildfläche weitgehend verschwunden, berichtet die New York Times aus Ruanda. Siehe Netzfrauen: Afrika macht es vor.
  • In Kenia wird mit Bussen bis zu 19'000 US-Dollar oder mit bis zu vier Jahren Gefängnis bestraft, wer Plastiksäcke importiert, herstellt oder verkauft. Das Fernsehen SRF berichtete am 29.8.2017 über die Einführung des neuen Gesetzes.

Auch einige andere Länder Afrikas haben die Verwendung von Plastik eingeschränkt, wenn auch nicht so rigoros wie Ruanda und Kenia.

Die Folgen: Unbekannt

Dafür, dass es Kunststoffe seit mehr als 60 Jahren gibt, weiss man wenig über die Folgen. Über die langfristigen Konsequenzen der Plastikorgie sei wenig bekannt, sagt Geyer. Was neu produziert werde, baue sich nicht ab, sondern vergrössere den Haufen, den es schon gebe. «Wenn wir dem nachgehen, finden wir alle möglichen unbeabsichtigten Konsequenzen, denke ich», sagte er gegenüber der «New York Times». «Ich wäre sehr überrascht, herauszufinden, dass es sich nur um ein ästhetisches Problem handelt».

Mehr zum Thema Müll auf Infosperber:

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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts der «New York Times» erstellt. Grosse Medien in der Schweiz haben bisher nicht darüber berichtet.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«The Immense, Eternal Footprint Humanity Leaves on Earth: Plastics», New York Times
DOSSIER: Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

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