Die Federführung des PCB-Dossiers liegt beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen © google earth

Die Federführung des PCB-Dossiers liegt beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen

PCB-Belastung ist 6-mal höher als der neue Richtwert

Kurt Marti / 15. Dez 2019 - Während die Europäische Lebensmittelbehörde den PCB-Richtwert massiv verschärft, liefert der Bund einen zahnlosen Bericht.

Ende 2018 senkte die europäische Lebensmittelbehörde (European Food Safety Authority, EFSA) aufgrund von wissenschaftlichen Untersuchungen die tolerierbare Aufnahmemenge der hochgiftigen, krebserregenden PCB (Polychlorierte Biphenyle; siehe Kasten unten) und Dioxine1 von wöchentlich 14 Pikogramm (pg) pro Kilogramm Körpergewicht auf 2 pg, also um den Faktor sieben. Zum Vergleich: Die wöchentliche Gesamtaufnahme der Schweizer Bevölkerung beträgt rund 12 pg und ist damit sechs Mal höher als der neuste EFSA-Richtwert.

Keine direkte Folgen für den PCB-Bericht des Bundes

Infosperber wollte vom federführenden Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) wissen, was diese massive Verschärfung des Richtwerts für die Schweiz bedeutet, insbesondere welche konkreten, zusätzlichen Massnahmen getroffen werden?

In seiner Antwort verweist das BLV auf den Bericht «PCB und Dioxine in Nahrungsmitteln von Nutztieren», der unter der Federführung des BLV und des Bundesamts für Landwirtschaft entstanden und im August 2019 nach einer dreijährigen Brutzeit erschienen ist.

Darin werden laut BLV «Massnahmen definiert», die darauf abzielen, «die Gesamtaufnahme von PCB und Dioxinen von Konsumentinnen und Konsumenten zu reduzieren» und somit hätten diese «auch den neuen toxikologischen Referenzwert der EFSA als Ziel».

Im Bericht des Bundes wird zwar die Senkung des PCB-Richtwerts durch die EFSA erwähnt, direkte Folgen für den Bericht hatte die alarmierende Verschärfung des Richtwerts aber keine. Denn zusätzliche Massnahmen, die dem strengeren Richtwert Rechnung tragen, sucht man im Bericht vergeblich.

Zudem verweist das BLV auf seiner Internet-Seite auf die «neue Stellungnahme der EFSA» mit dem «7 Mal tieferen» Richtwert, ohne diese alarmierende Meldung zu kommentieren beziehungsweise entsprechende Massnahmen in Aussicht zu stellen. Stattdessen relativiert das BLV: «Allerdings hält die EFSA fest, dass die Toxizität einzelner Vertreter der PCB-Stoffgruppe möglicherweise überschätzt wird.»

«Griffige Massnahmen fehlen, die Finanzierung bleibt offen»

Der PCB-Bericht des Bundes erntete auch sonst harsche Kritik von verschiedenen Seiten. Beispielsweise der «Beobachter» kommentierte: «Das Bundesamt für Landwirtschaft und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen wollten das Ergebnis nicht an die grosse Glocke hängen und verzichteten auf eine Medienmitteilung. Verständlich, denn der Berg hat eine Maus geboren. Griffige Massnahmen fehlen, die Finanzierung bleibt offen.»

Kritik am zahnlosen Bericht kam auch von der Stiftung für Konsumentenschutz, die bereits vor über zehn Jahren Alarm schlug und Massnahmen forderte. Deren Sprecher Alex von Hettlingen erklärte gegenüber der Sendung «Rendez-vous» von Radio SRF: «PCB ist giftig und lauert überall. Es kann jeden von uns jederzeit treffen. Beispielsweise wenn eine Milchkuh unbemerkt Giftfarbe frisst oder ein Huhn, das verseuchten Boden pickt.» Der Bericht sei diffus und umständlich formuliert. Die Strategie des Berichts stütze sich im Wesentlichen darauf, «dass die Lösungsverantwortung den Landwirten in die Schuhe geschoben wird.»

Hier hakt ebenfalls der Bauernverband ein, dessen Geschäftsleitungs-Mitglied Martin Rufer im «Rendez-vous» eine bessere Unterstützung der betroffenen Landwirte durch die öffentlichen Hand verlangte. Tatsächlich schiebt der Bericht die Finanzierung von Sanierungen auf die Bauern ab: «Nach geltendem Recht sind solche Sanierungen von der Eigentümerin / vom Eigentümer zu tragen.» Damit besteht die Gefahr, dass Sanierungen weiterhin auf die lange Bank geschoben werden.

PCB: In der Schweiz seit 1986 verboten

PCB (Polychlorierte Biphenyle) sind in der Schweiz seit 1986 verboten. Zuvor wurden sie für eine Vielzahl von Zwecken eingesetzt, zum Beispiel als nicht-brennbare Flüssigkeiten in Transformatoren und elektrischen Kondensatoren, in Farben oder als Weichmacher in Dichtungsmassen und Kunststoffen.

Trotz Verbot sind laut Schätzungen der ETH schweizweit noch immer über 200 Tonnen PCB in Gebäuden und Anlagen verbaut, meist in Farben, Fugendichtungen und Isolationsölen.

PCB sind krebserregend, hemmen die Fortpflanzung und schädigen das Immun- und Nervensystem. Vom Menschen werden sie hauptsächlich über den Genuss von Fleisch, Fisch, Eier und Milch aufgenommen. Rinder und Kälber nehmen PCB über Bodenpartikel auf oder über PCB-haltige Materialien, die ins Futter gelangen.

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FUSSNOTE:

1 Dioxine entstehen bei Verbrennungsprozessen. PCB (Polychlorierte Biphenyle) hingegen werden in einer breiten Palette von Produkten (z. B. Kondensatoren, Transformatoren, Farben; siehe Kasten oben) verwendet. PCB werden meist zusammen mit Dioxinen genannt, weil sie ähnliche toxikologische Wirkungen haben. Weil PCB sich deutlich stärker im Fleisch anreichern als Dioxine, liegt der Fokus im vorliegenden Artikel auf den PCB.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Gifte und Schadstoffe in der Umwelt
PCB-Bericht des Bundes 2019

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3 Meinungen

Besten Dank an Kurt Marti für dieses update bezüglich PCB. Dass der Bund das Thema nur zögerlich angeht, hat sicher seine Gründe, einer davon dürfte im Kanton Freiburg liegen. Hier wartet man seit sagenhaften 16 Jahren darauf , dass die Deponie La Pila, in der rund 30 Tonnen PCB (das meiste in Form von Kondensatoren) vor sich hin rotten, endlich saniert wird. Ein beträchtlicher Teil der hochgiftigen Sauce ist via Saane bereits in den Schiffenensee gelangt. Die Bauern bewässern mit aus dem See gepumpten Wasser ihre Felder. Es wäre vermutlich vernünftig, wenn das Amt für Umwelt des Kantons Freiburg besser schon heute als morgen die Bevölkerung über die mit diesem PCB-Skandal verbunden Gesundheitsgefährdung informiert - und dabei die europäischen Grenzwerte beizieht.
Christoph Schütz, am 17. Dezember 2019 um 00:45 Uhr
Im Artikel heißt es, die Belastung durch PCB wäre sechsmal höher als der Richtwert der EFSA. Diese Aussage ist falsch. Der Richtwert ist 2 Pikogramm, die Belastung ist 12 Pikogramm. Damit ist die Belastung fünfmal höher, allerdings sechs Mal so hoch wie der EFSA Richtwert. Zwar gibt es im deutschen den Ausdruck x-mal Höhe her eigentlich nicht, denn er kommt aus dem angloamerikanischen Raum. Rein rechnerisch ist X mal höher allerdings eine Addition des vielfachen von y zu y. Das heißt, etwas was fünfmal höher ist, muss der Logik zufolge sechs Mal so hoch sein.
Das wird alleine schon dadurch sichtbar, das zweimal höher genau dasselbe ergeben würde, wie einmal höher. Schon mal darüber nachgedacht? Also bitte einfach die angloamerikanische Schreibweise x-mal hör gar nicht erst verwenden sondern richtige deutsche Schreibweise, die von einem Vielfachen ausgeht. Das heißt, der Belastungswert ist 6 mal so hoch wie der Richtwert der EFSA.
Werner Gurk, am 27. Dezember 2019 um 03:31 Uhr
@ Gurk: Besten Dank für Ihren Hinweis. Ich verweise Sie dazu auf die Einschätzung unseres Sprach-Kolumnisten Daniel Goldstein, der in seiner Kolumne vom 19. Dezember 2015 (https://www.infosperber.ch/Gesellschaft/Tucken-von-Zahlen-in-der-Sprache) Folgendes schrieb: «Es kann ja eine gute Sache sein, wenn die Zeitung einen Leser ins Grübeln bringt, aber in diesem Fall wäre es nicht nötig gewesen: Der ‘Bund’ schrieb auf der Frontseite dem Preisüberwacher die Aussage zu, ‘die Notariatsgebühren seien im Kanton Bern teilweise viermal höher als etwa im Kanton Zürich’. Und ein grübelnder Leser fragte mich, ob das fünfmal so hohe Tarife bedeute. Das könnte ja sein, denn ‘einmal höher’ heisst wohl ‘doppelt so hoch’ und nicht ‘gleich hoch’. Und wenn man weiter erhöht, ist man mit ‘viermal höher’ beim Fünffachen. So versteht es auch der Duden (Band 9, Zweifelsfälle, Stichwort «Mal»): ‘zweimal länger’ bedeute ‘dreifache Länge’. Nur vermute ich, bei den Notariatsgebühren hätten die meisten ohne viel Nachdenken auf vierfache Kosten in Bern getippt – und so war es auch gemeint, wie im Innern des Blatts nachzulesen.»
Kurt Marti, am 27. Dezember 2019 um 12:27 Uhr

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