Ozon-Grenzwert von 120 Mikrogramm im August 2018 oft überschritten, etwa in Zürich © Ostluft

Ozon-Grenzwert von 120 Mikrogramm im August 2018 oft überschritten, etwa in Zürich

Vom Ozon über den Katalysator und Klimawandel zurück zum Ozon

Hanspeter Guggenbühl / 12. Aug 2018 - Eine Satire, geschrieben vor 30 Jahren, wird heute real: Trotz Katalysatoren steigt 2018 die Ozonbelastung in der Atemluft.

In den 1980er-Jahren erreichten die Schadstoff-Konzentrationen in der Schweizer Luft ihren Höhepunkt. Dazu gehörten die Stickoxide (NOx), Kohlenwasserstoffe (VOC) und das Kohlenmonoxid (CO) sowie das bodennahe Ozon, das sich unter dem Einfluss von Sonnenlicht aus Stickoxiden und Kohlenwasserstoffen bildet.

Den Löwenanteil der NOx-, VOC- und CO-Emissionen verursachte damals der Autoverkehr. Denn die Abgasvorschriften erzwangen Katalysatoren für Personenwagen erst ab 1987 und dies vorerst nur für benzinbetriebene Neuwagen. Umweltverbände, Lufthygieniker und Menschenschützerinnen forderten darum Verkehrsbeschränkungen oder tiefere Tempolimiten.

Vor allem der hohe Ozongehalt, der das Atmen erschwert, die Gesundheit schädigt und die Leistungsfähigkeit der Menschen herabsetzt, gab in sonnigen Sommerzeiten zu reden und füllte viele Zeitungsseiten. Darum schrieb ich im August 1988, also genau vor 30 Jahren, unter dem Titel "Sonnen(w)ende" folgende, hier etwas gekürzte Glosse:

Vor 30 Jahren glossiert

"Immer im Hochsommer, wenn die Ozonschwaden die lauen Land-Lüfte durchdringen, hetzen die Grünen und die grünen Journalisten. Und gegen was hetzen sie? Natürlich gegen die Automobilisten. Einige grün-rote Hitzköpfe fordern gar Einschränkungen des motorisierten Verkehrs, wenn der Ozongehalt die Grenzwerte der Luftreinhalte-Verordnung überschreitet.

Gewiss sind die Stickoxide und die Kohlenwasserstoffe aus den Auspuffrohren an der Bildung des giftigen Ozons beteiligt. Aber eben nur beteiligt. Der Hauptschuldige aber wird verschont: Am meisten schuld an der Bildung von Ozon ist erwiesenermassen die Sonne. Aber auf der hackt niemand so herum.

Warum eigentlich nicht? Warum werden gegen die Sonne keine einschneidenden Massnahmen verordnet? Warum richten unsere Politikerinnen nicht wenigstens einen dringlichen Appell an die Sonne, sie solle ihr Scheinen einstellen, wenn unsere Schadstoffe sich mit ihrer strahlenden Hilfe in Ozon verwandeln möchten? Warum empfehlen die Gesundheitsbehörden der Sonne nicht, sie solle am Nachmittag jegliche Anstrengung unterlassen oder besser gleich zu Hause bleiben? Ist doch wahr! Immer im blödesten Moment, wenn wir alle zusammen mit den Autos ins Grüne, an den See oder in die Berge fahren wollen, scheint die Sonne am stärksten.

Wir, die konsequenten Umweltschützer, fordern deshalb, dass die Sonne, zumal an schönen Tagen, ihr Scheinen einschränkt oder ganz einstellt. Soll sie doch nachts scheinen! Erstens hat es dann keine empfindlichen Kleinkinder auf der Strasse, zweitens weniger Sportler. Und überhaupt, warum muss die Sonne immer am Tag scheinen, wo es doch sowieso hell ist?"

Problem entschärft, aber nicht gelöst

Mit einer Verzögerung von zehn Jahren (so lange verkehrt im Schnitt ein Auto in der Schweiz) erzielten die Abgaskatalysatoren in Neuwagen sowie weitere Filtertechniken zur Reduktion der Emissionen ihre volle Wirkung. Als Folge davon verminderte sich der Ausstoss der Schadstoffe, und auch die Immissionen nahmen ab: Von 1988 bis 2016, so zeigen die Resultate der nationalen Messstationen (NABEL), sank die Konzentration von Stickoxiden in der Schweizer Luft im Durchschnitt um 60 Prozent, jene der Kohlenwasserstoffe sogar um 70 Prozent. Ebenfalls abgenommen, aber im Schnitt viel weniger stark, hat der Gehalt von bodennahem Ozon, das sich in der Luft durch komplexe chemische Reaktionen aus NOx und VOC bildet (und abends jeweils wieder zurück bildet).

In den Sommertagen des laufenden Jahres erreicht der Ozongehalt in der Atemluft – trotz weiterhin tiefen NOx- und VOC-Emissionen – wieder Konzentrationen, die deutlich über dem Grenzwert von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen (Resultate dazu findet man u.a. auf der Internet-Seite "Ostluft", siehe Link am Schluss dieses Artikels). Ursache ist wiederum und in verstärktem Masse die Sonne, genauer: Der Klimawandel, der die Wetterextreme und damit auch die Dauer von Sonnenstunden, Hitzeperioden und Trockenheit erhöht. Verantwortlich für diesen Klimawandel sind Bevölkerung und Wirtschaft, die mit ihrer Produktion und ihrem Konsum Kohlendioxid (CO2) sowie weitere klimarelevante Gase in die Atmosphäre puffen.

Gegen Treibhausgase helfen keine Filter

Im Unterschied zu den Kohlenwasserstoffen und Stickoxiden haben die Emissionen von CO2 und andern Treibhausgasen in den letzten Jahrzehnten weiter zugenommen. Im laufenden Jahr erreichte die CO2-Konzentration in der Atmosphäre den höchsten Stand seit 800'000 Jahren. Denn gegen die riesigen Mengen an CO2, das aus fossiler Energie entweicht, gibt es keine wirksame Filtertechnik.

Solange die schwitzende Menschheit das Wachstum der Wirtschaft höher gewichtet als die Begrenzung von Klimawandel und Ozonbelastung, bleibt ihr nur eines: Ein dringender Appell an die Sonne, sie möge ihr Scheinen bevorzugt im Sommer massiv reduzieren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Ozongehalt im Raum Zürich Südostschweiz, Karte
Schadstoffgehalt, u.a. Ozon mit Wahl Messtationen
Dossier: Klimapolitik

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3 Meinungen

Wenn wir schon bei der Satire sind: Gegen die Schadstoffbeschwerden bauen wir doch Sanatorien und bilden Arzte aus, die sich bei Asthma und COPD auskennen. Die Pharma braucht kranke Menschen, nicht gesunde. Womit wir wieder beim Wirtschaftswachstum angekommen wären. Medikamente gegen Dummheit sind noch zu wenig erforscht. Sie wären für das Wirtschaftswachstum auch gefährlich. Auch den Planeten Erde endlich zu Wachstum zu bewegen, da hatten wir noch wenig Erfolg.
Walter Schenk, am 12. August 2018 um 13:09 Uhr
Zitat letzter Satz oben: „Ein dringender Appell an die Sonne, sie möge ihr Scheinen bevorzugt im Sommer massiv reduzieren„. Ende Zitat. Das Echo in meinem Hinterkopf: „Ein dringender Appell an die Menschheit, sie möge sich weniger vermehren“. Innert weniger als 50 Jahren hat sich die Bevölkerung in der Schweiz verdoppelt. Heute palavern wir über Staustunden, von unüberschaubaren Investitionen in Bahn und Strasse, Fussabdruck, usw, usw. Oberschlau protokollieren wir den Weg zu einer Tropenzeit, nachdem wir zurückblickend 2 Eiszeiten hinter uns haben. Die Explosion der Erdbevölkerung, -das Hauptübel- wird elegant ausgeblendet. Die Grundaussagen des Club of Rome lassen grüssen. Politik mit dem Klimawandel sind gegenwärtig prestigeträchtiger als die Tatsache schwindender, seltener Ressourcen und die Überbevölkerung der Erde.
Peter Geissmann, am 12. August 2018 um 14:04 Uhr
Vielen Dank Herr Geissmann für die Nennung eines der grössten Probleme unserer Zeit. Ich wundere mich ebenfalls sehr, dass dieses Thema einfach aus der Diskussion verschwunden ist. Ich erinnere mich gut, dass in meiner Kindheit (und da waren wir «erst» ca. 3.5 Mrd.) vor allem das exponentielle Bevölkerungswachstum als Hauptproblem der Menschheit erwähnt wurde, ich bin beruhigt, jetzt ist es superexponentiell. Und nein, es gibt keine und wird nie erneuerbare Energie geben, das ist ein physikalisches Gesetz. Ohne weniger geht also gar nichts, aber wie es ausschaut geht die Menschheit zum Brunnen bis sie bricht....
Claudia Eugster, am 13. August 2018 um 13:43 Uhr

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