Nordportal des Gotthardtunnels © raimond spekking/wikimedia commons

Nordportal des Gotthardtunnels

Zwei Milliarden für einen Sanierungstunnel

Hanspeter Guggenbühl / 10. Mär 2014 - Der Bundesrat beantragt eine zweite Röhre durch den Gotthard. Doch der milliardenteure Sanierungstunnel ist umstritten.

«Wir müssen die zweite Gotthardröhre bauen, nicht wegen des Verkehrs, sondern wegen des Unterhalts der ersten.» Das sagte Peter Hurni, damals Bauchef im Bundesamt für Strassenbau, im Dezember 1985. Jetzt, 28 Jahre später will der Bundesrat diese Forderung im Gesetz über den Strassentransitverkehr mit folgender Änderung umsetzen: «Am Gotthard-Strassentunnel kann eine zweite Tunnelröhre gebaut werden. Die Kapazität des Tunnels darf nicht erweitert werden.»

Laut Botschaft ans Parlament kostet der Bau des Sanierungstunnels rund zwei Milliarden Franken. Weitere 780 Millionen budgetiert der Bundesrat für die Sanierung der ersten Röhre. Ergibt eine Summe von 2,78 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Eine Sanierung ohne zweite Röhre, aber mit temporärem Verlad von Autos und Lastwagen auf die Schiene, würde nur 1,44 bis 1,66 Milliarden Kosten verursachen, rechnet der Bundesrat in seiner Botschaft. Diese Lösung wäre ebenfalls «machbar», urteilt die Regierung, aber «mit beachtlichen Nachteilen verbunden».

Alpeninitiative gegen zweite Röhre

Die zweite Gotthardröhre ist ein Dauerthema der Schweizer Verkehrspolitik. Schon 1987 forderten die Automobilverbände, deren Bau sei «so rasch als möglich» in Angriff zu nehmen. Dabei ging es der Autolobby aber nicht um die Sanierung der ersten, sondern um die staufreie Fahrt durch den Gotthard.

Diesen Plänen schob die Alpeninitiative 1994 einen Riegel. So verbietet der Alpenschutzartikel 84 in der Bundesverfassung (neben dem Transitverbot für LKW) jede «Erhöhung der Transitstrassen-Kapazität im Alpengebiet». Zudem lehnte das Volk im Jahr 2004 den Gegenvorschlag zur zurückgezogenen «Avanti-Initiative» ab, der eine zweite Gotthardröhre ohne Beschränkung der Kapazität vorsah und damit den Alpenschutz-Artikel durchlöchert hätte.

Ob die heutige Gesetzesvorlage des Bundesrates sich mit dem Alpenschutzartikel vereinbaren lässt, ist umstritten: Ja meint der Bundesrat, denn die Kapazität werde nicht erhöht, weil er von den vier Fahrspuren in den beiden Röhren weiterhin nur zwei befahren lassen will. Nein, meint der Zürcher Staatsrechtler Alain Griffel. Denn das Parlament kann das dem Verfassungsartikel untergeordnete Gesetz jederzeit wieder ändern – und damit nach dem Bau der zweiten und der Sanierung der ersten Röhre alle vier Fahrspuren dem Verkehr öffnen.

Freie Fahrt contra Verkehrsverlagerung

Der Bau einer zweiten Gotthardröhre war und bleibt umstritten. Die Rechtsparteien und Strassenverkehrsverbände sind dafür – wie bei allen Strassenbau-Vorlagen –, die Linksparteien, Umwelt- und Alpenschützer dagegen. Die politischen Parteien in der Mitte und die Kantone sind gespalten. Die Befürworter argumentieren, es sei unzumutbar, die wichtigste Strassenverbindung durch die Schweizer Alpen während zwei bis drei Jahren zu sperren; dies insbesondere für den Kanton Tessin. Zudem erhöhe die zweite Röhre die Verkehrssicherheit.

Die Gegner hingegen bevorzugen die temporäre Verlagerung des Strassenverkehrs auf die Schiene; LKW sollen auf einer Rollenden Landstrasse durch den Neat-Basistunnel transportiert werden, Personenwagen im Autoverlad durch den bestehenden Scheiteltunnel. Zudem bezweifeln die Gegner, dass die Strassenkapazität tatsächlich auf zwei Fahrspuren begrenzt bleibt, wenn die zweite Röhre einmal gebaut, die erste saniert ist und so vier Fahrspuren zur Verfügung stehen. Damit aber werde die Politik zur Verkehrsverlagerung durchlöchert.

Neben verkehrs- bestehen auch finanzpolitische Bedenken. So befürchten Kantone im Mittelland, dass die Milliarden, die der Bundesrat im Gotthard verlochen will, für den Ausbau der Verkehrswege in den Agglomerationen und auf der verkehrsreichen Achse zwischen St. Gallen und Genf fehlen wird. Dem hält der Bundesrat entgegen, bei der zweiten Röhre handle es sich um eine langfristige Investition. Diese zahle sich spätestens im Jahr 2060 aus, wenn eine nächste Sanierung der Tunnels durch den Gotthard anstehe.

Die gleichen Gegensätze spalten auch den Ständerat, der laut Sessionsplan am Donnerstag dieser Woche über die bundesrätliche Vorlage entscheiden wird. In der vorberatenden Verkehrskommission stimmten sieben Ratsmitglieder für den Bau der zweiten Röhre, sechs dagegen. Das lässt eine harte Debatte erwarten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Lasterlobby will Alpenschutz durchlöchern
Warum der Alpenschutz auf Granit beisst
Dossier: Auto oder Bahn: Wer zahlt Defizite?

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8 Meinungen

Ich denke eine zweite Röhre wird unumgänglich sein ( leider, sage ich ! ), denn der Druck aus allen Seiten ist zu gross geworden. Was wir aber absolut ändern sollten ist das «Gratis befahren".
Hier können wir eine Lenkung herbeiführen indem Transit nur noch gegen (saftige) Gebühren erlaubt wird, der verkehr wird sich dann automatisch reduzieren.

… EU hin oder her, wenn die dazu etwas sagen dann sollen die sich auch, bitteschön, an die kosten beteiligen !

Es kann doch nicht sein dass wir nebst Neat nun auch noch diese gewaltige Aufwendung gänzlich auf uns nehmen ohne die Frage zu stellen … » wem dient das Werk eigentlich» ... !?

Sollte es zur Abstimmung kommen, was sicher ist, dann nur ein „ja“ wenn eine kräftige Gebühr erhoben wird, wenn nicht ist das „nein“ die richtige Antwort.
Frau Carmey Bruderer, am 13. März 2014 um 11:38 Uhr
Es braucht bestimmt keinen zweiten Tunnel, um den ersten zu sanieren. Was man aber tun könnte, ist dem Kanton Tessin eine Milliarde Franken Fördergelder sprechen, weil sie ja die Leidtragenden der jahrelangen Sanierung sind. Dieses Geld wäre gut investiert. Dazu müssten die Politiker allerdings etwas «outside the box» denken lernen. Mir fällt spontan kein anderes Land ein, welches es sich leisten würde, als Überbrückung eines Engpasses einen teuren Ersatztunnel zu bauen.
Renato Stiefenhofer, am 16. März 2014 um 13:37 Uhr
@ Stiefenhofer. Falsch was sie da sagen. Was soll die „Förder-Milliarde“ im Tessin anrichten, soll etwa der Tourismus gestärkt werden damit noch mehr Verkehr entsteht und mehr Land für Zweitwohnungen verbaut wird ? … Oder Industrie aus Italien angezogen wird („ Steuer befreit “ natürlich wegen den entstehende Arbeitsplätze), die dann ironischerweise aber gänzlich von Grenzgänger besetzt würden ?

Nein die zweite Röhre wird (leider) kommen müssen, und es ist langfristig gesehen auch aus Sicherheitsgründen sinnvoll.
Sie bleibt nur einseitig befahrbar wie es in der Verfassung festgehalten ist und ( NEU ), es sollte eine Gebühr ( MAUT ) erhoben werden.
Nur unter dieser Bedingung soll die gebaut werden dürfen !

Aber desto länger wir uns daran reiben desto teuerer wird die Sache. Ich schätze bis alle Einsprachen & Rekurse von Verbände und Private bereinigt sind, sind wir bei 4 Milliarden ( wohlbemerkt diesen Zustand hätten wir auch bei der realisation der Rola ! ), … dies alles lernt uns doch die Geschichte, denn leider wird der Mensch nur langsam klüger.
Besser (und billiger) wäre es sofort in den saueren Apfel zu beissen unter der absolute Bedingung :
Nichts ist mehr Gratis !!!

Es muss nur wieder ( Gott bewahre uns ), so ein verheerender Unfall wie im 2001 passieren und schon rufen wieder alle lauthals nach … “sofortige Lösungen“… ist es nicht so ?
Frau Carmey Bruderer, am 17. März 2014 um 01:40 Uhr
@Carmey Bruderer: Man kann es natürlich so verstehen. Wenn man es will. Ich habe es aber nicht so formuliert.
Der Kanton Tessin wird während der Sanierung des Gotthardtunnels für Jahre von der Restschweiz abgeschnitten sein. Die Tessiner werden wirtschaftlich also sehr benachteiligt sein. Es wären «zwei Fliegen auf einen Streich", wenn man den Tunnel sanieren würde und die offenbar brachliegende Milliarde gleichzeitig dazu benützt, unserem Südkanton unsere Verbundenheit zu zeigen. Wir sind es schliesslich, welche das Tessin als Naherholungsgebiet benützen. Das Tessin würde diese Direktzahlung weise in zukunftssichernde Projekte investieren. Das traue ich ihnen zu.
Eine Maut für Ausländer für alle Nordsüdtunnels finde ich angemessen. Nicht für uns Schweizer, denn wir bezahlen genug Steuern dafür.
Eine zweite Röhre nur aus Sicherheitsbedenken ist nicht nur finanziell töricht, sondern auch mathematisch nicht zu Ende gerechnet. Die jetzige Situation ist mehr als befriedigend. Ein Tunnel ist immer gefährlich. Letztlich würden zudem beide Röhren permanent offen sein.
Eine zweite Gotthardröhre als falsch verstandene «Sicherheit» oder gar als Entlastung für jährlich maximal 20 Tage Hochbetrieb ist meines Erachtens völliger Unfug.
Renato Stiefenhofer, am 17. März 2014 um 12:57 Uhr
@Renato Stiefenhofer. Leider werden die Tessiner sich das niemals gefallen lassen einfach so «abgeschnitten» zu werden, ... mit oder ohne begleit Milliarde.
Ich bleibe bei der Überzeugung dass es zu einem zweiten Tunnel kommen wird, und die Sicherheit ist ein gültiges und sehr wichtiges Argument.
Stellen sie sich mal vor im Jahre 2035 immer noch durch den mickrigen, gefährlichen, engen (OK, inzwischen hoffentlich sanierten) Gotthard Tunnel fahren zu müssen ... geht doch gar nicht !
Ich wäre sogar, um kosten zu sparen, für den sofortigen Bau. Wenn alles gut ginge könnten wir dann schon im Jahr 2030 die ersten … saftige Gebühren einnehmen (nach dem Verursacher Prinzip), und auch Schweizer müssten bezahlen ! ... smile.
Die Strasse ist immer noch zu billig im vergleich zum ÖV.
Frau Carmey Bruderer, am 18. März 2014 um 01:00 Uhr
Upps, Visionär Rothenbühler hat eine Idee entwickelt wie das Problem gelöst werden könnte ... Hurra, wir werden nicht mehr in Blechbüchsen reisen müssen ... !?
Wir hören, bzw. wir lesen gerne weitere Infos ... smile
Frau Carmey Bruderer, am 18. März 2014 um 08:40 Uhr
@Felix Rothenbühler ... Na ja, und ich dachte sie hätten etwas Revolutionäreres zu melden, dabei berichten sie nur über unsere geliebte (blecherne !) SBB ...
Wer weiss vielleicht sassen wir uns schon mal gegenüber auf unser Weg in den schönen Süden, … denn auch ich meide wie „der Teufel das Weihwasser“, den Weg durch den miefigen, engen und bedrückenden Tunnel ...
Sie werden staunen aber ich bin auch „Grün gesinnt“, aber nicht Ideologisch (und von links gesteuert), sondern eher pragmatisch gestimmt. Ich entscheide situativ mit meinem Kopf und versuche meist Vernunft walten zu lassen.

Und der Verstand sagt mir dass wir diesen Krieg „ gegen den 2. Tunnel “ nicht mehr gewinnen können, also ist es besser bei den Entscheidungen (rasche, um Kosten zu sparen denn verlorene Zeit lässt das vorhaben nur teuerer werden), schon im Vorfeld mitzureden und als Bedingung für die Zustimmung eine saftige MAUT für die Durchquerung einfordern.
Frau Carmey Bruderer, am 18. März 2014 um 22:59 Uhr
Natürlich können wir den Tunnel verhindern, wenn wir wollen, denn es wird ja wohl darüber abgestimmt werden.
Der Kanton Tessin ist natürlich ohne den Tunnel nicht abgeschnitten, denn immer noch mehrfach per Bahn, anderen Strassenverbindungen, per Luft und sogar per Schiff (von Italien aus) erreichbar.
Theo Schmidt, am 24. März 2014 um 14:03 Uhr

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