Nach der Demonstration vom März in Bern (Bild) folgen nächsten Samstag weitere Demonstrationen. © Ben Colorblind

Nach der Demonstration vom März in Bern (Bild) folgen nächsten Samstag weitere Demonstrationen.

Jugendliche zum Klima: Lebensstil gemeinsam statt einsam ändern

Moritz Rohner / 04. Apr 2019 - Der Klimawandel lässt sich nur aufhalten, wenn alle befähigt werden, einen Beitrag zu leisten. Dazu braucht es einen Systemwandel.

Red./hpg. Die freitäglichen Streiks sorgten dafür, dass sich die Medien in den letzten Monaten wieder vermehrt mit dem alten Thema Klimawandel beschäftigten. Dabei kamen vor allem Journalisten (wie auch der Schreibende) oder Leserbrief-Verfasserinnen zu Wort. Was aber denken und wie handeln Klimastreikende selber, die mit Slogans wie "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut", und mit der Forderung "Null CO₂-Emissionen ab 2030" auf die Strasse gehen?

Am Samstag, 6. April finden in der Schweiz weitere Klimademonstrationen statt, zu denen neben Schülerinnen und Studenten ausdrücklich auch Eltern eingeladen sind. Im Vorfeld dazu veröffentlichen wir die Gedanken von drei Jugendlichen, die Teil des "Kollektivs Klimastreik Ostschweiz" sind. Heute die Position von Moritz Rohner; er ist 21jährig, lebt in St. Gallen und leistet momentan Zivildienst in einem Kindergarten:

"Ich lebe in einem Land, in dem ich fast alles Bio kaufen kann. In dem ich auf dem besten Schienennetz der Welt durch die Gegend fahren kann. In dem ich mir aussuchen kann, ob ich nachhaltig leben will oder nicht. Wer die Umwelt schützen will, hat die Möglichkeit dazu. Scheinbar.

Um zu merken, dass die Realität für die meisten Menschen anders aussieht, genügt ein Besuch in der Migros. Wenn die 500 Gramm Erdbeeren aus Spanien und vom romantischen Bio-Bauernhof entweder 3 Franken 50 oder 12 Franken kosten, ist ziemlich schnell Ende Gelände mit freier Wahl und Eigenverantwortung. Ich kann schliesslich niemandem, der nicht so einen dicken Geldbeutel hat, einen Vorwurf machen, wenn er oder sie ebenfalls Erdbeeren essen will, aber nicht die nachhaltigen für 12 Franken kauft.

Beim Thema Wohnen zeigt sich ein ähnliches Bild: Wer sich ein klimafreundliches Eigenheim bauen will, erhält massiv staatliche Unterstützung. Natürlich super das Ganze, aber die Mehrheit kann es sich halt nicht leisten, ein Haus zu bauen, sondern sitzt in schlecht isolierten Mietshäusern mit Ölheizung und kann absolut nichts dafür oder dagegen tun. Diese Dimension der Klimakrise wird leider erst auf den zweiten Blick erkennbar.

Lösungen sinnlos, wenn sie Mehrheit ausschliessen

Wer nach augenscheinlichen Lösungsideen für unsere Probleme sucht, wird schnell fündig. Viele Produkte könnten recht simpel klimaverträglicher produziert werden, und Vorschläge für neue Gesetze und Regelungen, um seitens der Politik Einfluss zu nehmen, gibt es en masse. Viele Unternehmen haben mittlerweile sogar den eigenen Anspruch, ihre Produkte grüner zu gestalten. Der Markt für umweltverträgliche Produkte war noch nie so gross wie heute.

Aber eben: Nachhaltig produzierte Lebensmittel und CO₂-neutrale Kleidung sind zwar schön und gut, aber absolut sinnlos, wenn sie für die Mehrheit der Bevölkerung unerschwinglich bleiben. Der Klimawandel kann nur dann aufgehalten werden, wenn alle Teile unserer Gesellschaft imstande sind, ein Stück dazu beizutragen.

Wir brauchen einen radikalen Systemwechsel

Dass sich Klimaverträglichkeit oft nicht mit dem eigenen Portemonnaie verträgt, ist nicht nur schade, es zeigt auch direkt auf, worum es eigentlich geht: Der Klimawandel ist die ultimative Prüfung für die Menschheit. Wir werden auf allen Ebenen auf die Probe gestellt, und das ist gut so. Wir wären schon lange imstande, ein Gesellschaftssystem zu entwerfen, das länger als ein paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte überlebt. Jetzt brauchen wir einen radikalen Systemwechsel, weil wir das erste Mal alle direkt bedroht sind.

Ja, es stimmt, wir werden uns noch eine Weile von den Folgen der Klimakatastrophe freikaufen können. Dazu ist unser kapitalistisches Wirtschaftssystem schliesslich da: Bei jedem Frost entschädigen wir die Bauern und kaufen dann das Gemüse aus dem Ausland, bei jedem Hochwasser bauen wir neue Mauern, um der Natur entgegenzutreten. Dass das keine langfristige Lösung wird, ist klar.

Änderung ist leichter, wenn wir es gemeinsam tun

Also was tun? Darauf zu warten, dass ein System, das nur darauf ausgelegt ist, immer und immer mehr zu produzieren, das immer und immer mehr Leistung von den Menschen fordert und nur auf einen maximalen Profit ausgelegt ist, sich plötzlich auf magische Weise selbst neu erfindet und von Grund auf ändert, ist illusorisch. Nein, wir müssen die Sache anders angehen. Es muss für alle ein Interesse geben, die Natur am Leben zu halten. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und aufeinander achtgeben, denn den eigenen Lebensstil zu ändern, wird viel leichter, wenn wir es gemeinsam tun.

Wir müssen weiter miteinander auf die Strasse gehen und zeigen, dass wir viele sind, denen die Zerstörung der Erde und die wachsende soziale Ungerechtigkeit nicht egal sind. Und wir müssen unsere Verantwortung wahrnehmen und den richtigen Leuten die Mittel in die Hand geben, diese Probleme zu lösen. Gerade weil wir in einer Demokratie leben und nicht in irgendeinem abstrakten Herrschaftssystem. Gerade weil wir in diesem Land bei fast allem die freie Wahl haben."

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*Dieser Beitrag erschien zuerst im Märzheft des Ostschweizer Kulturmagazins Saiten und auf saiten.ch.

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Lesen Sie morgen: Jugendliche zum Klima II: Bewegung weckt Hoffnung.

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Dazu auf Infosperber:

Über die jugendlichen Klimarebellen duellierten sich NZZ-Chefredaktor Eric Gujer und Gerhard Schwarz, ohne dies zu beabsichtigen. Gujer schwafelt von Markt und Schwarz liest ihm die Leviten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Dürfen Klimastreikende mit dem Flugzeug auf Maturareise?
Die Klimajugend im Medienclinch
Dossier: Klimapolitik kritisch hinterfragt

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6 Meinungen

Kann es sein dass langfristig die einzige Art «richtig» zu leben ohne die Umwelt zu zerstören ist: Nur nehmen was wir zum Leben brauchen. Das wäre dann aber nur etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf, allenfalls ein Kleidungsstück. Alles andere ist Luxus und verbraucht (zu viel) Energie/Resourcen. Sehr schwierig dies zu Erreichen, da wir von dem weiter und weiter entfernt sind und gar nicht mehr wissen wie es sich lebt.
Sascha Jufer, am 04. April 2019 um 09:32 Uhr
Herzlichen Dank für deinen Artikel Moritz!
Ich denke ihr seid auf der richtigen Spur. Gerne möchte ich den Klimastreik ermutigen den Winkel etwas zu öffnen! Hat Klima wirklich nur mit CO2 zu tun oder trägt Umweltverschmutzung auch zu gewissen Klimaeffekten bei?
Unsere Böden und Gewässer sind arg mit giftigen Chemikalien und Cocktails belastet. Sind die verdorrten Ernten 2018 dem CO2 geschuldet oder den toten Monokulturböden, die kaum Wasser mehr speichern und kaum Leben enthalten, welches den Anbau über eine Trockenperiode nähren könnte? Beide Probleme müssen angegangen werden! Für das genannte gibt es zwei Initiativen über die wir abstimmen können: https://www.initiative-sauberes-trinkwasser.ch/ und https://manifest-future3.ch/
Wir, die Friedenskraft.ch haben an den Klimastreiks mitgemacht und Flyer für die Initiative für sauberes Trinkwasser verteilt. Diese wurden von den Demonstranten gerne entgegen genommen. Arbeiten wir weiter zusammen!
Wendet euren Blick auch auf die Gewässer! Die Meere sind in grosser Gefahr und äusserst Klimarelevant. Hierzu: https://www.youtube.com/watch?v=Vw-zX71XMBc
Darf ich einen letzten Aspekt hinzufügen? Die ganzen Smartphones. Hier kann gerade die junge Generation enorm viel beitragen. Viele von euch wissen sicherlich mit welchen Giften die Rohmaterialien für die Smartphones gewonnen werden. Nutzt die Telephone so lange es geht, lasst sie reparieren, ein klassisches Handy wäre noch besser und denkt an die zellschädigenden Strahlen.
Patrick Jetzer, am 04. April 2019 um 16:54 Uhr
Herzliche Gratulation an Moritz Rohner, 21. Ich, 84, unterschreibe jedes Wort. Komisch: spätestens als ich 21 war, also 1956, Ungarnaufstand, kam ich zur Überzeugung, dass wir uns auf einem falschen Weg befinden.
Bis heute ist viel richtiges geredet und geschrieben worden, gehandelt haben wir falsch, auf allen Ebenen und in fast allen Ländern. Die Aufforderung von Moritz Rohner zu gemeinsamem Handeln würde bedeuten, dass wir einsehen:
- Es gibt nur ein schwieriges Problem auf dem Planeten, der Mensch
- Wir müssen unsere Vermehrung in den Griff bekommen
- Wachstum, Raubbau und Gier sind kein Wirtschaftssystem
- Dem Planeten ist es gleich, wenn wir verschwinden,
- Wir wissen für richtiges Handeln alles was wir wissen müssen
Und nun soll ich den Politikern glauben, die den demonstrierenden Jungen sagen, arbeitet und lernt damit ihr dann richtig handelt! Das habe ich nun ein Leben lang getan. Es reicht! Alt und Jung auf die Strasse!
Walter Schenk, am 04. April 2019 um 19:01 Uhr
Es geht darum , dass wir jetzt spüren, dass wir in einer echten Krise sind: die Krise einer Zivilisation, die entdecken muss, dass ihre quantitative Entwicklung jetzt ganz rasch, auf allen biologischen und meteorologischen Ebenen, die «Natur» - schlichter gesagt: die Basis des Lebens - bedroht. Immer mehr Produkte, immer schnellere Verbindungen (von Flugzeug bis Internet), immer mehr Menschen (danke der Medizin …), immer mehr m2 pro Mensch, immer mehr Ausstoos von Giftigem, immer mehr Verbrauch von Ressourcen, immer mehr Güsel usw) . Das «System» unserer ganzen jetzigen Zivilisation ist so ausgebaut und alle diese Faktoren sind miteinander vernetzt. Die «Alten» müssen jetzt endlich mal die Erschütterung durch diese Tatsachen spüren und aufwachen. Die Jungen - die vorerst mal, weil sie schon aufgewacht sind, auf die Strasse gehen, müssen wissen dass ihren Einsatz viel Geduld brauchen wird. Denn hinter einem «Systemwechsel» steht ein Wechsel der Werte. Und das braucht Zeit und erzeugt zuerst grosse Widerstände, die man nicht wegbeamen kann. «Jetzt soll ich auf Flugreisen verzichten ? » Jetzt soll ich mich nicht mehr an meiner grossen Villa erfreuen ?» «Jetzt soll ich nur noch 1x/14 Tage Fleisch essen ?» USW : Da regt sich Widerstand. Bei «lieb» gewordenen Gewohnheiten. Ab es geht nicht anders. Auf der untergehenden Titanic blieben auch welche, ganz bewusst, an der Bar. Auch eine Wahl.
bernhard sartorius, am 04. April 2019 um 21:08 Uhr
Klimahysterie ist eine Wahlkampagne für die Grünen.

Der einzige wirklich erfolgreiche Weg im Umwelt- und Klimaschutz führt neben dem technischen Fortschritt über weniger Einkommen und eine geringere Bevölkerungszahl. Bleiben wir realistisch bezüglich Beitrag der Schweiz zum Klimaschutz. Die hauptsächlich von den Medien gepushte Klimahysterie ist eine verdeckte Wahlkampagne für die Grünen.
Alex Schneider, am 05. April 2019 um 05:58 Uhr
Es wurde mehrmals angesprochen: das Wachstum kann so nicht weitergehen. Immer mehr ... Funktioniert schon lange nicht mehr. Mehrmals wurde hier das Bevölkerungswachstum auf dem Globus angesprochen: kann so nicht weitergehen. Immer weniger Land und weniger Ressourcen.
Gerhard Hampel, am 05. April 2019 um 19:44 Uhr

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