Der Kopf des Original-Artikels in der Süddeutschen Zeitung vom 10. November 2019 © -

Der Kopf des Original-Artikels in der Süddeutschen Zeitung vom 10. November 2019

Euratom: Tagesanzeiger mit deutscher Brille

Kurt Marti / 14. Nov 2019 - Der «Tagi» publizierte einen Bericht über den Euratom-Forschungsreaktor Iter. Doch leider fehlte der Schweiz-Bezug.

Der Tagesanzeiger veröffentlichte am Dienstag einen Beitrag über den Kernfusions-Forschungsreaktor Iter in Frankreich. Darin wird «angesichts des Ausbaus der erneuerbaren Energien» das Milliarden-Projekt Iter der europäischen Atomgemeinschaft Euratom zurecht in Frage gestellt. Der Fusionsreaktor Iter werde «immer teurer» und verzögere sich weiter.

Doch was hat die Euratom und deren Forschungsreaktor Iter mit der Schweiz zu tun? Darüber erfährt man im «Tagi»-Artikel nichts, obwohl die Schweiz von 2014 bis 2020 rund 250 Millionen Franken an die Euratom zahlt, wovon rund 134 Millionen Franken in den Fusionsreaktor Iter fliessen. Seit den 70er Jahren hat die Schweiz rund eine Milliarde Franken in die Fusionsforschung investiert (siehe Links unten).

Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung

Der Grund für die deutsche Perspektive des Artikels und den fehlenden Schweiz-Bezug – ausser der Kritik eines Schweizer Kernforschers – liegt in der Kooperation des Tagesanzeigers mit der Süddeutschen Zeitung, aus welcher der Tagesanzeiger den Artikel übernommen hat.

Als der Tagesanzeiger Ende 2016 die kostensparende Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) einging, versicherte er in einer Verlautbarung: «Die Erweiterung der internationalen Berichterstattung bedeutet aber nicht, dass wir unsere nationale und lokale Fokussierung schwächen würden. Im Gegenteil. Unsere Heimat ist der Raum Zürich, und aus Zürcher Sicht beobachten wir weiterhin die lokale und nationale Politik, die Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Sportszene.»

Den fehlenden Schweiz-Bezug kompensieren

Wer die mangelnde nationale Fokussierung des «Tagi»-Artikels kompensieren möchte, kann auf die folgenden Infosperber-Artikel zurückgreifen, die in den letzten Jahren erschienen sind:

Eine Milliarde für den Glauben an die Kernfusion (3. März 2012)

250 Steuermillionen für die Atomindustrie der EU (6. Juni 2013)

Druckversuch der EU bringt Schweiz zum Kuschen (12. September 2013)

Subvention für EU-Atomlobby stoppen (11. Juni 2014)

Mit dem Brexit zum Schweizer Euratom-Ausstieg (30. März 2017)

Trotz Atom-Ausstieg: Subventionen für Frankreichs Flop-Reaktor (15. September 2019)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

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3 Meinungen

Grundsätzlich wäre, würde das Vorhaben zivil nutzbarer Kernfusion gelingen, die Fusionsenergie durchaus erstrebenswert. Es stünde eine Bandenergie zu Verfügung, die Kernspaltung und Kohle grosszügig ersetzen könnte, und das praktisch emissionsfrei. Man könnte damit Autobatterien laden soviel das Herz begehrt, vorausgesetzt das Elektrizitätsnetz leistet den Energietransport. Es laufen bereits diverse Fusions-Experimente erfolgreich, Experimente die mehr Energie erzeugen als zum Betrieb der Anlage benötigt wird. Noch ist es eine Materialschlacht, und ITER kommt nur deshalb nicht vom Fleck, weil da ständig versucht wird die neuesten Erkenntnisse einzubauen. Dass ITER die 500MW mal liefern wird, für die die Maschine ausgelegt ist, das ist zu erwarten. Vielleicht dauert es noch 30 Jahre, und kostet nochmals 50 Mia. Es wäre aber kurzsichtig zu resignieren, und einzig auf Wind, Photovoltaik, Geo- und Solarthermie zu setzen, auch wenn nichts dagegen spricht die endlich mal ernsthaft auszubauen. Ich gehe erst dann von dieser Welt, wenn ITER funktioniert - damit ich meinen Enkeln eine valable alternative zu fossiler Energie hinterlassen kann. Dass die Schweiz im Tagi-Beitrag nicht gross erwähnt wird, ist nicht weiter schlimm. Es geht um mehr als nur um etwas Geld.
Mike Wieland, am 14. November 2019 um 14:16 Uhr
Herr Marti drischt wie Don Quichote unentwegt und unverdrossen auf die Atomenergie ein. Ich stelle mir vor, wie er morgens die Medien durchforstet um irgend einen weiteren Pfeil zu finden, den er gegen den verhassten Grossen Satan abschiessen kann. Dabei dreht sich der Wind. Es wird zunehmend erkannt, dass Kernenergie das «Wundermittel» sowohl gegen den Klimawandel als auch gegen die Landschaftszerstörung (durch Windturbinen) ist. Auf einer Fläche von wenigen Fussballfeldern könnte die Schweiz mit KKWs neuer Bauart den gesamten Strombedarf fast klimaneutral decken. Mit einer Landschaftsbeeinträchtigung nahe bei Null. Mitsamt Elektroautos und Wärmepumpen. Die Schweiz wäre der klimapolitische Wunderknabe weltweit. Aber nein, diese Suppe will Herr Marti und seine Gesinnungsgenossen nicht essen. Im Gegensatz zu China, das jeden Monat ein neues KKW in Betrieb nimmt. Nun, warten wir ab. Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte.
Christian von Burg, am 14. November 2019 um 19:28 Uhr
Christian von Burg steht Don Quichote in keiner Weise nach. Ich stelle mir meinerseits vor wie CvB auch täglich die Zeitungen durchforstet um Stoff für seine Träume zu finden.
Jürg Schmid, am 18. November 2019 um 20:15 Uhr

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