Einfacher Düker im britischen Hertfordshire - in Biel sind 32 Druckleitungen mit Syphons geplant. © cc

7,2 km Autobahn kosten 43 Millionen Unterhalt – pro Jahr

Catherine Duttweiler / 31. Okt 2018 - Die Bieler Stadtautobahn schlägt alle Rekorde – bei Bau und Unterhalt. Die Vollendung des Nationalstrassennetzes wird sehr teuer.

43 Millionen Franken pro Jahr soll der Bund künftig für den Unterhalt eines 7,2 Kilometer langen Teilstücks quer durch die Stadt Biel aufwenden. Dies geht aus dem offiziellen Kostenbericht des Kantons Bern hervor. Da die geplante Strecke mit vier Tunneln durchs Grundwasser, über einen Fluss und unter Bahngeleisen durch führt, muss sie besonders gut gewartet werden. Kosten von durchschnittlich fast 6 Millionen Franken Unterhalt pro Autobahn-Kilometer: Das ist selbst für Schweizer Standards horrend.

Zum Vergleich: Durchschnittlich werden heute auf dem Schweizer Nationalstrassennetz 420'500 Franken pro Kilometer und Jahr ausgegeben. Das sind 14mal weniger als in Biel, wie aus dem Netzzustandbericht 2017 des Bundesamts für Strassen (Astra) hervorgeht, der letzte Woche veröffentlicht wurde. Dabei fällt auf: Innert eines Jahres sind die Unterhaltskosten für alle Schweizer Autobahnen um 62 Millionen gestiegen.

Kosten für die Autobahnen steigen landesweit

Die rasante Kostensteigerung ist kaum zu stoppen: Der Unterhalt der Schweizer Autobahnen wird die Eidgenossenschaft in Zukunft immer stärker belasten, wie das Astra selber in seinem Bericht aufzeigt (vgl. Grafik).

Quelle: Netzzustandbericht des Bundesamts für Strassen, Oktober 2018

Vor zehn Jahren beliefen sich die jährlichen Unterhaltskosten noch auf 547 Millionen, letztes Jahr auf 780 Millionen Franken – und nun sollen sie laut dem Astra bis ins Jahr 2030 auf total 1,114 Milliarden emporschnellen. Der wachsende Finanzbedarf soll aus dem neuen Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds (NAF) gedeckt werden.

Die Hauptgründe für die steigenden Kosten: Die alten Kunstbauten in den Alpen müssen aufwändig saniert werden. Und die Fertigstellung der letzten zwei Prozent des Nationalstrassennetzes ist besonders teuer und bedingt auch einen besonders grossen Unterhalt. Denn nach jahrzehntelangen Bemühungen versucht man jetzt die letzten Knacknüsse im Autobahnbau zu lösen – trotz geologischen Erschwernissen und städtebaulichen Bedenken. Wo man vor 40 Jahren noch ganze Dörfer und Quartiere abriss, stösst man heute auf lokalen Widerstand. Daher bohrt man in die Tiefe auf der Suche nach stadtverträglichen Lösungen – und kämpft mit geologischen Herausforderungen.

Biel ist ein Extremfall. Selbst der Unterhalt für die geplante zweite Gotthardröhre – sie ist mehr als doppelt so lang wie der Westast – kommt günstiger. Das liegt daran, dass die Stadt an der Schüss auf Kies, Schotter und Wasser gebaut ist. Die geplante Autobahn wird mitten im Grundwasser einen Riegel von 24 Metern Breite bilden, deshalb muss man die unterirdischen Wasserströme mit 32 sogenannten Dükern und durch Syphons umleiten. Alle 25 bis 100 Meter sind solche Druckleitungen vorgesehen, welche redundant gebaut werden sollen, wie Projektleiter Stefan Graf von bernischen Tiefbauamt versichert: So könne man Probleme verhindern, wenn einer oder mehrere Syphons verstopfen. Auch für die aufwändige Reinigung müssen die Grundwasserströme jeweils lokal über Nachbardüker umgeleitet werden.

Der Bau kostet 720'460 Franken pro Meter

Das ist ein teurer Spass, auch beim Bau selber. Wegen der Eingriffe ins Grundwasser kommt der umstrittenste Teil der Stadtautobahn – das 2,3 Kilometer lange Kernstück mit dem Nidauer Weidteile-Tunnel in Halbtieflage sowie dem Bieler City-Tunnel neben dem Bahnhof – mit 1,66 Milliarden Franken besonders teuer. Umgerechnet kostet auf dieser Strecke jeder Laufmeter Autobahn 720’460 Franken, Mehrwertsteuer inbegriffen. Das dürfte wohl Europarekord sein. Nicht nur der Bau des Gotthardstrassentunnels kam günstiger – auch der Eurotunnel, der unter dem Ärmelkanal durchführt: Dort wurden pro Laufmeter 297’620 Franken verbaut.

Wo mit viel Aufwand gebaut wird, ist auch viel Aufwand für den Unterhalt nötig. «Unterirdische Bauten sind im Bau, Betrieb und Unterhalt rund 6 bis 10mal teurer, je nach Geologie und Komplexität des Bauwerks», sagt Astra-Mediensprecher Thomas Rohrbach. Das ist im nationalen Netzbericht detailliert nachzulesen, wo es heisst, dass der Anstieg der Unterhaltskosten primär auf «Tunnel und Untertagebauten» zurückzuführen sei: Deren Anteil an den gesamten Unterhaltskosten ist innert nur zehn Jahren von 2 auf 14 Prozent gestiegen.

Jede Autofahrt kostet 2.50 Franken Unterhalt

Das Astra beziffert in seinen Berechnungen den Unterhalt in Prozent der Baukosten, wobei auch Abschreibungen und Reinvestitionen inbegriffen sind. Weil der Bau in Biel besonders komplex ist, rechnet das Astra mit 2 anstelle der üblichen 1,2 bis 1,5% der Baukosten, wie aus dem offiziellen Kostenbericht hervorgeht. So verursacht allein das Kernstück künftig 33,1 Millionen Franken Unterhalt pro Jahr. Jede Autofahrt würde Unterhaltskosten von rund zwei Franken und 50 Rappen auslösen – sofern man mit den vom Kanton grosszügig prognostizierten 50'500 Fahrten pro Werktag rechnet.

Wer diese Zahlen kennt, kann nicht nachvollziehen, wieso der Kanton Bern in seinem Ende August präsentierten Bericht pauschal behauptet, die Alternative «Westast so besser» mit nur einer Röhre und ohne die beiden teuren Stadtanschlüsse schneide bei den Unterhaltskosten schlechter ab. Begründet wird diese Aussage ausschliesslich mit der Umleitung des Verkehrs bei Unterhaltsarbeiten. Wenn man indes die offziellen Standards des Astras anwendet, lägen die Unterhaltskosten bei der Alternativvariante wesentlich tiefer, da der Bau 600 Millionen Franken günstiger käme: Bei einem Satz von zwei Prozent könnte der Bund 11 Millionen, bei einem Satz von 1,5 Prozent sogar 19 Millionen Franken pro Jahr sparen. Der tiefere Satz wäre angebracht, da die Alternative «Westast so besser» nicht durch Grundwasser führt und keine Sondermassnahmen wie Düker nötig sind.

Kanton Bern hat sich erneut verrechnet

«Die Rechnungen des Kanton Bern sind auch in diesem Punkt falsch», sagt daher der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Zahnd vom Komitee «Westast so nicht!» Das Komitee hatte schon Ende August gegen das einseitige Vorgehen des Tiefbauamts protestiert und letzte Woche dargelegt, dass die Verkehrsprognosen für den bereits eröffneten Ostast und dessen Auswirkungen in Biel um 40 und mehr Prozentpunkte daneben lagen. Es geht davon aus, dass auch die Schlaumeiereien beim Unterhalt ein juristisches Nachspiel haben könnten und ruft für diesen Samstag zu einer Grossdemonstration in Biel auf. Eigentlich haben Bund und Kanton den Auftrag, umweltverträgliche und kostengünstige Lösungen anzustreben.

Den Kanton Bern kann man dabei an seinen eigenen Worten messen. «Das Potential für Kostenoptimierungen und -reduktionen (Bau, Betrieb und Erneuerung) soll bei jedem Bearbeitungsschritt ausgelotet und mit Kosten-Nutzen-Überlegungen beurteilt werden», heisst es in den Projektzielen der Behördendelegation vom 29. August 2000 für den Bau der Bieler Autobahn. Kostenreduktionen seien «wo immer möglich anzustreben».

Da bleibt noch viel zu tun.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Catherine Duttweiler war von 2004 bis 2011 Chefredaktorin des «Bieler Tagblatts». Sie engagiert sich innerhalb der Bürgerbewegung «Westast so nicht!» ehrenamtlich gegen den geplanten Autobahnbau. Als Privatperson würde sie vom Bau profitieren, da dank dem umstrittenen Autobahnanschluss Seevorstadt gemäss offiziellen Prognosen täglich 5000 Autos weniger an ihrer Wohnung vorbei fahren würden.

Weiterführende Informationen

Netzzustandbericht 2017, Bundesamt für Strassen
Detailplan mit hellblauen Dueckern unter dem Fussballplatz
Kostenbericht des Kantons Bern für die Bieler Westumfahrung

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Eine Meinung

Gut und recht, die Argumente und inhaltlich sicher völlig korrekt. Aber wer will den sparen? So funktioniert unser Wirtschaftssystem doch nicht und wovon soll den die Baulobby leben, Wirtschaftswachstum generiert werden? Der Rubel muss rollen, hier kann mit der grossen Kelle angerührt werden und das wird geschehen, Kupel Filzchen lässt grüssen. Umweltverträglichkeit, Nutzen etc. leider wie meistens eher sehr nachrangig. Wachstumswahn bis es «tätscht», dann ist alles kaputt und das Spiel geht von vorne los... geniesst den sonnigen Herbst, geht spazieren, das Leben ist schön :-) , oder?
Stefan Rey, am 01. November 2018 um 12:46 Uhr

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