Surrogate mothers, Leihmutterschaft, Ukraine, Corona © BioTexCom

Bei «Biotexcom» in der Ukraine warten Dutzende Kinder auf ihre Besteller.

Gestrandete Babys führen zu Diskussionen über Leihmutterschaft

Daniela Gschweng / 10. Jun 2020 - In der Ukraine wartende Kinder von Leihmüttern haben im Land zu einer neuen Diskussion über Leihmutterschaft geführt.

Die Kamera fährt über Dutzende Bettchen mit schreienden Neugeborenen, die von Pflegerinnen mit Maske und Handschuhen versorgt werden. «Bei uns halten sich Babys aus Amerika, Italien, Spanien, Britannien, China, Frankreich, Deutschland auf», sagt eine Frauenstimme und zählt noch weitere Länder auf. Sie würden gut versorgt und ihren Eltern täglich auf Video gezeigt.

Das Video stammt von «Biotexcom», der grössten ukrainischen Reproduktionsklinik. Es erregte weltweit Aufmerksamkeit. Teilweise auch deshalb, weil sich die genetischen Elternpaare in ihren Heimatländern an die Medien wandten. In den Bettchen liegen Babys von Leihmüttern, die normalerweise kurz nach der Geburt von ihren ausländischen Eltern abgeholt werden. Der provisorische Schlafsaal befindet sich in einem Hotel in der ukrainischen Hauptstadt Kiev. An der Decke ist ein Kronleuchter zu sehen.

Ein normalerweise diskretes Geschäft wird öffentlich

Derzeit sind die Eltern oft tausende Kilometer entfernt und sehen keine Möglichkeit, zu ihren Kindern zu kommen. Wegen der Corona-Reiseeinschränkungen ist es seit Mitte März schwierig bis unmöglich, in die Ukraine zu reisen.

Das Video macht sichtbar, was normalerweise eher diskret abläuft. Die Ukraine ist eines der beliebtesten Länder für Leihmutter-Schwangerschaften und eines der wenigen, in denen bezahlte Leihmutterschaft nicht verboten ist.

Eltern kommen aus der ganzen Welt dorthin, um ihr Kind von einer ukrainischen Mutter austragen zu lassen. Das Prozedere ist relativ günstig, eingespielt und die medizinische Versorgung in der Ukraine gilt als gut. Nach ukrainischem Recht muss das Kind lediglich genetischer Nachfahre eines Elternteils sein. Etwa 1'500 Kinder wurden nach Angabe des ukrainischen Justizministeriums im letzten Jahr von Leihmüttern geboren.

Mit Corona hatte niemand gerechnet

Sobald die Geburt ansteht, reisen die genetischen Eltern ein, um ihr Kind abzuholen. Die Leihmutter muss das Kind aufgrund von Vertragsbestimmungen sofort nach der Geburt abgeben. Damit, dass Reisen unmöglich und die Grenzen plötzlich dicht sein könnten, haben weder Kunden, Kliniken noch Vermittler gerechnet.

Nun geben sich hilflose Eltern in Blogs und WhatsApp-Gruppen gegenseitig Tipps für Tickets, Behörden und Quarantänebestimmungen und trösten sich gegenseitig.

Wer es in die Ukraine schafft, kommt womöglich nicht wieder weg

Eltern, die einmal in der Ukraine sind, kommen womöglich nicht so schnell wieder weg. Ein Paar aus Argentinien, über das eine argentinische Zeitung berichtete, schaffte es beispielsweise am 12. März noch rechtzeitig, in die Ukraine einzureisen. Ende April sass die junge Familie mit den neugeborenen Zwillingen noch immer dort fest. Flüge zurück in die Heimat wurden wiederholt gecancelt.

Papiere für die Kinder zu bekommen, sei kein Problem gewesen, erklärt Ivan Costa, ein Unfallchirurg aus Santa Rosa. Ein Punkt, der anderen unlösbare Probleme bereitete. Nach ukrainischem Recht bekommt das Kind die Nationalität der genetischen Eltern (siehe unten den Nachtrag). Dafür müssen diese aber persönlich anwesend sein. Die nicht abgeholten Kinder sind bis dahin staatenlos. Viele Botschaften sind derzeit nicht in der Lage, einen Pass für das neue Familienmitglied auszustellen.

Die gestrandeten Babys fachen eine Diskussion wieder an

Das internationale Medieninteresse hat in der Ukraine die Diskussion um die Leihmutterschaft wieder angefacht. Lyudmila Denisova, die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, würde Leihmutterschaft am liebsten auf Einheimische begrenzen und spricht von Menschenhandel.

Die Befürworter der Leihmutterschaft verlangen, dass die Reglementierung verbessert wird. Mykola Kuleba dagegen, der ukrainische Beauftragte für Kinderrechte, will ein komplettes Verbot, damit sich kein «internationaler Onlineshop für Babys» entwickelt. Denisova befürchtet für diesen Fall die Abwanderung dieses wachsenden Marktes in die Illegalität. In der Bevölkerung betrachten viele das Geschäft mit den Babys als unmoralisch.

Für die Austragung einer Schwangerschaft bezahlt ein Paar zwischen 30'000 und 70'000 Dollar; die Leihmutter bekommt davon etwa 15'000 Dollar, für Zwillinge gibt es Aufschläge. Die Details werden vertraglich geregelt, wenn der Handel über eine Agentur zustande kommt. Bei ausländischen Paaren ist das der Normalfall. Es gibt aber auch Frauen, die ihren Service über das Internet anbieten, um die teuren Agenturen zu umgehen.

Meist geht es ums lebensnotwendige Einkommen, manchmal aber auch einfach ums Geld

15'000 Dollar sind viel Geld in einem Land, in dem das durchschnittliche Monatseinkommen bei 390 Euro liegt (Januar 2020). Aber nicht immer werden Frauen nur aus nackter Armut zu Leihmüttern. Die zweimalige Leihmutter Antonina Kabanez, die die «taz» befragt hat, sagt zum Beispiel, sie wolle einfach, dass es ihr besser gehe. «Ich hatte mir gerade überlegt, dass ich unsere Wohnung schon lange renovieren wollte», sagt eine andere. Kabanez beschreibt die Erfahrung der Leihmutterschaft als positiv. «So viele glückliche Menschen habe ich noch nie gesehen», bemerkt sie.

Problematische Fälle werfen ethische Fragen auf - auch in anderen Ländern

Nicht immer geht alles gut dabei, das Kind einer anderen Familie auszutragen. Die ehemalige Leihmutter Swetlana Burkowska, die eine Hilfsorganisation für Leihmütter gegründet hat, berichtet der deutschen «Tagesschau» von schlechten Verträgen einiger Vermittler, mit denen die Mütter betrogen werden, und von einem Kind, das niemals abgeholt wurde.

Problematische Fälle gibt es auch in anderen Ländern. So wollte ein Vater der ungeborenen Kinder einer US-amerikanischen Leihmutter dann doch lieber keine Drillinge und verlangte, die Mutter solle eines der Kinder abtreiben, berichtete die «Süddeutsche Zeitung». Bekannt ist auch ein Fall aus Thailand, in dem ein Vater ein Kind, das mit Trisomie 21 geboren worden war, nicht abnehmen wollte. Die Zwillingsschwester nahm er mit. Thailand verschärfte in der Folge die Gesetze.

Darüber, wie viele Babys sich in der Obhut von «Biotexcom» befinden, gibt es nur widersprüchliche Angaben. Das SRF zählte in einem am 23. Mai publizierten Artikel 46 Babys, die deutsche «Tagesschau» etwa 100 und die «New York Times» einige Tage vorher 60. Das ist aber ohnehin nur ein Teil der Babys, die im ganzen Land auf ihre Eltern warten. Wie viele, ist schwer zu sagen, da die Ukraine keine Statistiken führt. Nach Schätzungen von Denisova könnten es bis zu 1'000 Kinder werden, bevor die Reisebeschränkungen aufgehoben werden.

* * *

Nachsatz der Redaktion: Wenn hier von «genetischen Eltern» die Rede ist, sei daran erinnert, dass in den meisten Fällen auch die Eizelle der genetischen Mutter von dritter Seite stammt, vermittelt von einer darauf spezialisierten kommerziellen Agentur. Das Baby hat dann einen «echten» Vater und drei Mütter: eine unbekannte genetische Mutter, eine (andere) pränatale Mutter und eine Mutter, die das Kind aufzieht, im Fall von homosexuellen Paaren statt einer dritten Mutter einen zweiten Vater. Ob das Baby später in der Pubertät und auch danach mit dieser Situation problemlos zurechtkommt, ist fraglich. Da die Reproduktionsmedizin relativ jung ist, sind die Erfahrungen dazu noch wenig aussagekräftig. Einzelne negative Fälle sind allerdings bereits bekannt und geben zu denken. (cm)

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Siehe dazu:

«Deshalb muss die Leihmutterschaft verboten bleiben»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«Leihmütter aus der Ukraine: Babys für die ganze Welt»
«Die Corona-Babys von Kiew», tagesschau.de

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3 Meinungen

Nach dem abrupten Bindungsabbruch zur biologischen Mutter fehlt diesen Säuglingen jegliche Zuwendung. Sie liegen in einer akustisch völlig irritierenden Umgebung (mehrfaches Babygeschrei).
Dies führt zu schwersten frühkindlichen Traumatisierungen.
Unverantwortliche Kindswohlgefährdung durch staatlich sanktionierte Kommerzialisierung der Erfüllung des Kinderwunsches.
Ignaz Heim, am 11. Juni 2020 um 23:07 Uhr
Ein treffendes Beispiel wie der allerheiligste MARKT das Wohl aller so gut reguliert. Wehe ein teuflischer STAAT würde da regulierend eingreifen und den Kommerz und das Belieben stören.
Ludwig Pirkl, am 17. Juni 2020 um 12:08 Uhr
Hallo! Ich möchte Ihnen meine persönliche Erfahrung mitteilen: Wir haben in der Ukraine eine Leihmutter gefunden, in Charkiw gibt es eine gute Klinik, die sich auf Reproduktion spezialisiert hat: Die Klinik von Professor Feskov A.M.
Zuerst wurde meine Freundin dort behandelt, sie folgte dort dem IVF-Protokoll. Wir hatten keinen Ausweg, außer der Leihmutterschaft, das ist ihre Spezialisierung. Sie haben die Kosten und Schritte des Verfahrens auf der Website ausführlich beschrieben. Die Preise für die Leihmutterschaft sind für diejenigen, die sie wirklich wollen, recht erschwinglich. Als wir ankamen, wurden wir in einem gemütlichen Hotel untergebracht, das Essen war auch köstlich, und die Stadt Charkow ist sehr sauber und angenehm. Die Ärzte in der Klinik sind aufmerksam und freundlich. Es gibt nichts zu beschweren:)
Unsere Denkweise war sehr zielgerichtet. Darüber hinaus träumten wir von einem Sohn, und in unserem Programm hatten wir die Möglichkeit, das Geschlecht des zukünftigen Kindes zu wählen! Infolgedessen ist unser Sohn jetzt 5 Monate alt! Bei der Abreise verlief alles reibungslos - alle Dokumente werden von der Klinik vorbereitet. Ich wünsche Ihnen Glück und ein gesundes Baby!
Leoni Müller, am 08. Juli 2020 um 12:00 Uhr

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