kontertext: Mediale Schlammschlacht inszeniert

Linda Stibler © cc
Linda Stibler / 18. Okt 2017 - Der Versuch, die Basler Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann mit haltlosen Gerüchten zu demontieren – exemplarisch.

Das Bild des Steins, der ins seichte Wasser geworfen wird, ist bekannt: Der Steinewerfer freut sich über die Wellen, die er auslösen konnte, die verebben und sich im Unsichtbaren fortsetzen. Ein harmloses Kinderspiel. Doch nicht immer genügt es dem Steinewerfer. Er will mehr Wellen, wirft die Steine immer heftiger und aggressiver, bis sich das Wasser trübt. Er hofft auf andere Steinewerfer, die das Spiel mitspielen ohne Rücksicht auf den Schaden der Verunreinigung. Es entsteht eine prachtvolle Schlammschlacht.

Das Bild ist übertragbar auf die Schlammschlachten, die einzelne sensationsgierige Medienschaffende ihrem Publikum servieren. In unserm Beispiel ist das Ziel eine Politikerin, die ihr Amt noch nicht lange ausübt. Es ist die Anfang Jahr in einer ordentlichen Volkswahl neu gewählte Regierungspräsidentin des Kantons Basel-Stadt, Elisabeth Ackermann. Sie ist mit einigen Problemen konfrontiert, die sie von ihrem Vorgänger und Parteikollegen Guy Morin geerbt hat. Darunter eine nie entwickelte Museumsstrategie und ein folgenschwerer Schnellentscheid des Parlaments, das grünes Licht zum Erweiterungsbau des Kunstmuseum gegeben hat, ohne die betrieblichen Mehrkosten zu berücksichtigen. Beides geschah vor dem Amtsantritt von Ackermann. Ausserdem erfolgten zwei wichtige Abgänge in den Chefetagen der Verwaltung, die sie ebenfalls nicht zu verantworten hat.

Ackermann geht die Probleme an – sorgfältig und überlegt. Sie verspricht keine sofortigen Lösungen, verbreitet keine Illusionen. Sie ist nicht geschwätzig, eher spröde. Das missfällt besonders jenen Medienleuten, die auf schnelle News aus sind und sofort urteilen wollen. Überrascht hat Ackermann allerdings mit der Wahl des neuen Stadtentwicklers, der den alten, nicht unumstrittenen Thomas Kessler ersetzen soll. Es ist der grüne Stadtpräsident von Liestal, ein Mann der in seinem Kanton viel bewegt hat und weit über die Parteigrenzen hinaus beliebt ist. Die Wahl wird mehrheitlich begrüsst, der Verlust für den Nachbarkanton allerdings auch bedauert. Jetzt steht noch die Wahl des neuen Kulturbeauftragen an; der noch amtierende Kulturbeauftragte wurde zum Direktor der Pro Helvetia gewählt. So weit die Ausgangslage.

Seit ihrem Amtsantritt hat sich vor allem Michael Bahnerth von der «Basler Zeitung» auf die neue Regierungspräsidentin eingeschossen. Im Impressum des SVP-nahen Blocherblattes wird Bahnerth als Textchef und Mitglied der Chefreaktion aufgeführt. Bekannt und berüchtigt ist er jedoch für seine sackgroben und unanständigen Kommentare, in denen er politisch Andersdenkende – mit Vorliebe Frauen – attackiert. Er selbst nennt das Humor. Jetzt wirft er auf Ackermann Steinchen um Steinchen, macht sich lustig über sie oder greift frontal und sexistisch ihre Kommunikationsverantwortliche an, was an die Grenzen der Persönlichkeitsverletzung geht.

Das setzt sich den ganzen Sommer über fort. Vielleicht soll so das Sommerloch gestopft werden? Dann endlich greifen andere Medien das Thema Ackermann auf – endlich, mag sich der Steinewerfer denken.

Und jetzt beginnt ein beschämender Tanz. Wohl nicht ganz zufällig während den ebenfalls etwas verschlafenen Herbstferien greifen die «Basellandschaftliche Zeitung» resp. die «bz Basel» und ihre Samstagsausgabe («Schweiz am Wochenende») das Thema auf. Kurz zuvor hatte auch die «NZZ am Sonntag» darüber geschrieben. In wahrhaft klassischer Boulevard-Manier rühren alle in derselben Gerüchteküche. In einem Aufmacher auf der Basler Seite der bz mit einem Bild von Elisabeth Ackermann und ihrem Ehemann verbreiten die beiden Autoren Jonas Hoskyn und Benjamin Rosch haufenweise Gerüchte. Letzterer hatte bereits tags zuvor in der bz das Terrain bereitet und munter Spekulationen über die Nachfolge des Kulturbeauftragten und die angeblich selbstherrliche Rolle von Ackermann berichtet. Im beinahe ganzseitigen Artikel vom Samstag treiben es die beiden Autoren auf die Spitze. Da wird behauptet, Ackermann stehe unter Dauerkritik. In ihrer Partei würde der Rückhalt abnehmen, auch die Museumsdirektoren würden ihre Chefin angreifen. Und sogar innerhalb der Verwaltung würden Beamte ihre Unzufriedenheit nicht verhehlen. Auch im Parlament würde Kritik laut und selbst Kulturschaffende würden das Präsidialdepartement kritisieren. Doch mit einer einzigen Ausnahme – des Geschäftsführers von «Kulturstadt jetzt» – steht niemand mit seinem Namen zu diesen happigen Vorwürfen. Sie könnten ebenso frei erfunden sein.

Über solche journalistischen Praktiken kann man nicht hinwegsehen. Jeder professionelle Medienschaffende weiss, dass jede und jeder, die sich öffentlich in den Medien äussern, mit ihren Namen genannt werden müssen und auch keine ehrverletzenden Äusserungen machen dürfen. Es gibt nur zwei Ausnahmen: Wenn jemand an Leib und Leben oder existenziell bedroht ist. Dann ist die Verheimlichung der Identität möglich, aber die Redaktion muss den Namen kennen und notfalls dafür juristisch belangt werden können.

Abgesehen von dieser groben Verletzung des Medienrechts wird im selben Artikel auch persönlich auf Ackermann geschossen. Da ist vom «umtriebigen» Gatten die Rede, der seine Frau an repräsentativen Anlässen begleite. Er würde seine Frau beraten und sei deshalb der heimliche «achte Regierungsrat». Auch von Parteikollegen liesse sich Ackermann gerne beraten.

So soll der Eindruck erweckt werden, es handle sich hier um eine Klungelei, einen Filz oder gar um Korruption, was allerdings eine völlig irreführende, aber sehr gezielt verwendete Mutmassung ist. Es ist nämlich sehr einfach, Vetternwirtschaft und Korruption zu definieren, dann nämlich, wenn es um materielle oder finanzielle Begünstigung geht. Sei es, dass man einem Verwandten oder Nahestehenden einen lukrativen Posten verschafft (wie es der US-Präsident macht), oder sei es, dass man ihm Mittel aus der öffentlichen Hand zuschiebt (wie es der erfolglose französische Präsidentschaftskandidat François Fillon tat). Dass ein Politiker oder eine Politikerin persönliche Kontakte zu ihrem Umfeld pflegen darf, sei es jetzt zu Verwandten oder Parteifreunden und nicht zuletzt zu Menschen aus der Bevölkerung, ist in einer Demokratie eine Selbstverständlichkeit. Oder ist es anstössig, wenn eine Politikerin zu Repräsentationsanlässen ihren Ehemann anstatt eines Bodyguards mitnimmt? Und ist es umgekehrt gar nicht erwähnenswert, wenn ein Politiker sich von seiner attraktiven Frau begleiten lässt? Wer hätte in diesem Falle jemals eine derart fiese Kritik angebracht?

Und so kommen wir zum Schluss noch auf den Artikel in der «NZZ am Sonntag» von Gerhard Mack (1. Oktober 2017) zu sprechen. Der Autor lässt sich nicht auf die Niederungen des Privaten herab, aber – und das ist eine besondere Schande – er übernimmt die namenlosen Gerüchte und wiederholt alle Vorwürfe und Kritik, als ob sie wahr wären, und verschanzt sich hinter der Aussage, dass eben niemand zu seiner Aussage stehen wolle. Wahrhaftig ein Armutszeugnis!

Gleichzeitig verknüpft der Artikel die Kritik am Präsidialdepartement und an der Basler Regierungspräsidentin mit einem bizzaren Rundumschlag gegen Basel (offenbar immer noch in der Tradition des Konkurrenzneides). Der Titel des Artikels lautet «Basel in der Krise», was doch eher eine lächerliche und völlig überzogene Behauptung ist. Und gleichzeitig greift er noch den abtretenden Kulturbeauftragen, Philipp Bischof, für seinen Einsatz für die Kaserne an, ohne jegliche Kenntnis von der Bedeutung des alternativen Kulturzentrums. Er sieht das als schlechtes Omen für die Stiftung Pro Helvetia. Offenbar hätte man sich in Zürich eine andere Wahl gewünscht.

Es ist bedauernswert, dass grosse Zeitungen, die immer auf ihre Seriosität pochen, in diesen Sumpf geraten. Trotzdem: Die Schlammschlacht hat bis jetzt keine grossen Wellen geworfen. Das ist allerdings kein Trost, denn die Geschichte zeigt, in welchem desolaten Zustand die Printmedien zur Zeit sind. Denn wenn eine Chefredaktion Sinn machen sollte, dann wäre es ihre erste und vornehmste Aufgabe, die Einhaltung der medienethischen Spielregeln einzufordern.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Die Journalistin und Autorin Linda Stibler war über 40 Jahre in verschiedenen Medien tätig, unter anderem in der damaligen National-Zeitung, in der Basler AZ und bei Radio DRS (heute SRF).

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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5 Meinungen

Sehr geehrte Frau Stibler
Danke für Ihre seröse und konziese Stellungnahme zur «Verrohung» der Medien-Ethik. Das Problem ist ja nicht neu und wird sich auch nicht so schnell lösen lassen. Da die Beseitzer eines Unternehmens gerne einen Gewinn für Ihre Investition sehen möchten (das alleine kann man ihnen nicht verübeln), müssen die Zeitungsmacher um jeden Preis viele Leser binden. Dank der Informationsüberflutung wünschen sich viele Leser scheinbar vor allem schnellverdauliches Kurzfutter. Zu mehr reicht die Zeit nicht mehr. Seriös recherchierte Artikel wirken auf diese Leserschaft dröge, die Leserzahl sinkt und damit der Gewinn. Der Gewinn hängt von den Inserenten, ab und diese wollen hohe Leserzahlen, am liebsten Leser, die sich durch Inserate zum Kaufen ihrer Produkte verleiten lassen. Und das wiederum sind eher nicht diejenigen, die gerne seriöse, länger Artikel lesen. Dazu kommt, dass viele von uns die Intensität suchen, weil sie uns ständig angeboten wird. Und die findet sich oft auch in der Schadenfreude, wenn andere angegriffen werden. So schliesst sich dann der Kreis. Herr Barneth hat zweifellos eine spitze Feder, manchmal muss ich schmunzeln, v.a. bei seinen «Maladien» - schreiben kann er. Würde er pointiert aber nicht destruktiv schreiben, ich würde auf seine Artikel warten.
Silva Keberle, am 18. Oktober 2017 um 12:25 Uhr
Wie weit stehen einige Kollegen bereits im Sumpf, wenn man den Zitaten von Linda Stiller glauben darf? Ich bin zwar inzwischen «nur» eine freie Journalistin und arbeite vornehmlich für lokale Tageszeitungen, aber ich weiss sehr wohl, was sich nicht nur ziemt sondern auch medienrechtlich gehört. Der Autor in der NZZ «die namenlosen Gerüchte übernimmt und alle Vorwürfe und Kritik von seinen Kollegen aus der BZ wiederholt als ob sie wahr wären, und sich hinter der Aussage verschanzt, dass eben niemand zu seiner Aussage stehen wolle», zeugt nicht nur von einem Armutszeugnis, sondern von grosser Einfältigkeit. Dass dies in der NZZ möglich ist, zeigt aber auch, dass der ethische Journalismus bei dieser Zeitung zusehends zu bröckeln beginnt. Wenn diese Art von Journalismus in den Printmedien salonfähig wird, darf man sich nicht wundern, wenn sich die Leserschaft von diesen Publikationsorganen peu à peu zurückzieht. Die Frage ist wohl berechtig: «Was passiert mit sorgfältig recherchierten Informationen, wenn die Wahrheit stirbt?» Dann verludert die Berichterstattung auf ein unerträgliches Niveau und die ehrlichen, seriösen Printmedien sterben wohl oder übel aus. Eine schlecht Aussicht für guten Journalismus!
Heidy Beyeler, am 18. Oktober 2017 um 12:41 Uhr
Vielen Dank für den erhellenden Artikel. Es wird leider noch viele solche Artikel brauchen, bis diese Hetzerei wieder abnehmen wird. Das letzte Mal kam solches vor Ausbruch des 2. Weltkrieges vor.
Heinz Ernst Daester, am 18. Oktober 2017 um 13:24 Uhr
Dass es aus der BAZ-Küche permanent stinkt, ist hinlänglich bekannt und hat Methode. Dass sich die NZZ sich im gleichen Sumpf suhlt zeigt, dass sie in vorauseilendem Gehorsam ihrem potenziellen Investor schmeichelt.
H. Sigrist, am 21. Oktober 2017 um 16:48 Uhr
Ich frage mich, warum die viel offensichtlichere inszenierte Schlammschlacht gegen Daniele Ganser in der SRF-Arena vom 27.02.17 damals nicht explizit von der Autorin als solche bezeichnet worden ist.

Kann es sein, dass hier nicht mit gleichen Ellen gemessen wird, wenn die mediale Inqusition bzgl. Ganser als «Fehlleistung» verharmlost wird? Oder hat Frau Stibler, wie so viele andere, nicht verstanden, wieso Ganser in der Arena (wie auch viele Zuschauer daheim) so entsetzt über den Anschauungsunterricht in Sachen «Lückenpresse» am eigenen Beispiel war?

Solche «Fehlleistungen» möchte ich nicht bezahlen müssen! Ich unterstütze lieber den Infosperber!

Vgl. Infosperber am 16.07.17:
"Beanstandet wurde vor allem der Umgang mit dem Diskussionsteilnehmer Daniele Ganser, der vom Moderator im Verbund mit einem andern Diskussionsteilnehmer gezielt abwertend behandelt und als Verschwörungstheoretiker lächerlich gemacht wurde. (...) Der Moderator heizte die Provokation an, was die Sendung vom ursprünglichen Thema wegführte und schliesslich zum Entgleisen brachte. Das stellte auch der Ombudsmann in seiner Beurteilung fest und hiess die Beschwerden teilweise gut.

Nun ist zu sagen, dass derartige Fehlleistungen passieren können. Doch das Vorkommnis weist auf ein grundsätzliches Problem hin: Gerade im (absurden) Kampf um die Einschaltquoten greift man auch beim Schweizer Fernsehen und selbst beim Radio zunehmend zu populistischen Methoden, indem Dinge aufgebauscht und zugespitzt werden."
Michael Schwyzer, am 28. Oktober 2017 um 06:48 Uhr

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