Eine Wahl ohne eine einzige Debatte

Christian Müller © aw
Christian Müller / 31. Mär 2019 - In der Ukraine findet heute die Wahl eines neuen Präsidenten statt. Mit Demokratie hat sie wenig zu tun.

Infosperber berichtete: In der Ukraine finden heute die Wahlen für einen neuen Präsidenten statt. Eine Chance, gewählt zu werden, haben nur steinreiche Oligarchen. In den Umfragen sind wie erwartet die drei Kandidaten Petro Poroschenko, jetziger Staatspräsident und Milliardär, Julija Tymoschenko, ehemalige Ministerpräsidentin und Milliardärin, und Wolodymyr Selenskyi, Show-Business-Man und ebenfalls Multimillionär, weit vorne. Alle anderen der jetzt noch formell im Rennen stehenden 39 Kandidaten und Kandidatinnen hatten gar nie eine Chance, sich irgendwo zu präsentieren, und sind weit abgeschlagen

Für Freitag, 29. März, also zwei Tage vor der heutigen Wahl, war eine Fernsehdebatte auf TV1, dem Staatsfernsehen, für die zuvorderst liegenden drei Kandidaten vorgesehen. Es wäre die erste und einzige echte öffentliche politische Debatte überhaupt gewesen – hätte sie stattgefunden, denn stattgefunden hat sie nicht. Der amtierende Präsident Petro Poroschenko erschien einfach nicht, der Schauspieler und Komiker Wolodymyr Selenskyi lies mitteilen, er habe schauspielerische Verpflichtungen und sei unabkömmlich, nur Julija Tymoschenko erschien. Der Moderator meinte, das sei doch jetzt ihre grosse Chance, jetzt könne sie ganz allein Werbung für sich machen. Tymoschenko aber sagte, sie habe keine Lust, als einzige der drei Kandidaten von den anwesenden Journalisten mit kritischen Fragen zerzaust zu werden – drehte sich um und ging von dannen.

Damit hat der ganze Wahlkampf ohne eine einzige Debatte zu politischen Themen stattgefunden, alle Kandidaten machten nur immer Werbung für sich selbst, wie in anderen Ländern auch üblich vor allem mit leeren Versprechungen. Den Vogel abgeschossen hat dabei der Show-Business-Man Wolodymyr Selenskyi: Er hat auch keine Versprechungen abgegeben, sondern hat überhaupt nie etwas dazu gesagt, was er als gewählter Präsident tun werde. Seine ganze Werbung war das immer wieder neue Abspielen von alten und neuen Filmen mit ihm als Schauspieler oder Komiker – natürlich auf dem TV-Sender, der dem Oligarchen Igor Kolomoisky gehört. Man «kennt» ihn, diesen Wolodymyr Selenskyi, also sehr gut, aber eben nur als Bühnen- und Filmstar. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist er in den Umfragen noch immer auf dem vordersten Platz, und dies, obwohl er «vergessen» hatte, auf seiner Steuererklärung anzugeben, dass er auch in Italien noch eine prachtvolle Villa besitzt, wie erst vor einer Woche noch bekannt wurde.

Nach ukrainischem Gesetz findet, falls kein Kandidat das absolute Mehr erreicht, dann zwischen den beiden Kandidaten mit dem besten und dem zweitbesten Resultat ein zweiter Wahlgang statt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«Ein Clown als Präsident?» in der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit»

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2 Meinungen

Dass in der Ukraine nur Millionäre zur Wahl eines Staatspräsidenten antreten ist zwar schlimm, aber m.E. «ehrlicher» als beispielsweise in den USA, wo Milliardäre direkt wie im Fall TRUMP oder indirekt über Wahlkampf-Spenden bestimmen, wer KongressabgeordneterIn, SenatorIn oder PräsidentIn werden kann sowie welche Politik gemacht wird bzw. zustimmungsfähig ist. Aber in den USA ist der Zusammenhang zwischen Geld und Macht nur offensichtlicher als in den meisten anderen, sogenannt «demokratischen» Ländern einschliesslich der m.W. weltweit letzten, wenigstens noch einigermassen funktionierenden VOLKS-Demokratie SCHWEIZ! Die bereits sehr alte Volksweisheit «Geld regiert die Welt!» war jedenfalls nie zuvor zutreffender als jetzt!
Rolf Schmid, am 31. März 2019 um 12:33 Uhr
Das was in der Ukraine abläuft, erklärt der Topspezialist für Wahrnehmungspsychologie Professor Mausfeld, u.a. in einem Interview mit Ken Jebsen ( siehe u.a. Youtube ).

Eine Wahl basiert auf einem ganz simplen Prinzip der Überredung.
Wenn 2 Personen etwas anderen wollen, kann eine Person die andere überreden.
Beide haben die gleiche Möglichkeiten. Das Kräfteverhältnis ist symmetrisch.

Holt eine Person Unterstützung hinzu, wird sich das Kräfteverhältnis, zu seinen gunsten verschieben. Dann ist das Kräfteverhältnis asymmetrisch.
Aus dieser Sicht, muss man sich den Zusammenschluß der Kaufleute in Holland, betrachten. Das war die erste größere Form der Asymmetrie.
Das entwickelte sich so weiter, bis zur letzten Wahl in den USA. Alleine die Finanzindustrie verwendete 2,1 Milliarden US$ für den Wahlkampf.
Das kann noch nicht mal eine sehr große Gruppe aufbringen.

In Deutschland werden Asymetrien, durch «Abgeordneten Nebeneinkünfte», Parteispenden und lukrative Jobs in der Politik, geschaffen.
siehe Walter Riester, Roland Profalla, Roland Koch usw.

Wahlen sind der uninteressanteste Teil, in einer Demokratie !

https://www.youtube.com/watch?v=peprtIZJiwQ&t=69s

"Prof. Rainer Mausfeld über die repräsentative Demokratie"
Dieter Gabriel, am 02. April 2019 um 12:04 Uhr

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