Assad-treue Kämpfer auf der Anfahrt nach Afrin © Rudaw

Assad-treue Kämpfer auf der Anfahrt nach Afrin

Vor einem Krieg zwischen Syrien und der Türkei?

Amalia van Gent / 22. Feb 2018 - Die Meldungen aus Afrin überstürzen sich bald stündlich. Der scheinbar regionale Konflikt droht zum ausgewachsenen Krieg zu werden.

Der türkische Präsident hat Damaskus vor einer Allianz mit den Kurden in Afrin offenbar vergeblich gewarnt. Am Dienstag sind Assad-treue Truppen ins türkisch-syrische Grenzgebiet vorgestossen – die Gefahr einer neuen Front im ohnehin eskalierenden syrischen Konflikt ist gross.

Die Nachrichten aus der umkämpften nord-syrischen Provinz Afrin sind seit Beginn der Woche derart widersprüchlich und die Entwicklungen vor Ort wechseln sich in einem so rasanten Tempo ab, dass jede Analyse notgedrungen gewagt zu sein scheint. Noch am Dienstagvormittag hatte Ibrahim Kalin, Pressesprecher des türkischen Präsidenten Erdogan, jede Meldung nach einer gemeinsamen Front zwischen Assad-treuen Truppen und den kurdischen Milizen von Afrin herabgetan: alles «reine Propaganda», sagte er beschwichtigend der Presse. Der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu drohte Assad unverhohlen: Sollten die Syrer die Kurden der YPG/PKK zur Hilfe eilen wollen, dann würde «niemand der türkischen Armee Einhalt bieten können». Am Dienstagmittag schwor schliesslich der türkische Präsident und Oberbefehlshaber der türkischen Streitkräfte Recep Tayyip Erdogan vor dem Parlament in Ankara, die «Belagerung der Stadt Afrin durch die türkische Armee» stünde bevor. In seiner gewohnten Art höhnte er dabei: Die Belagerung würde Afrins Kurden kaum erlauben, mit dem «syrischen Regime Verhandlungen aufzunehmen».

Am Dienstag-Nachmittag hatten die Entwicklungen vor Ort aber bereits sämtliche Erklärungen der türkischen Führung dementiert. Das syrische Staatsfernsehen und kurdische Sender zeigten zeitgleich, wie ein Konvoi von Hunderten von Assad-treuen Kämpfern in die Stadt Afrin einzurücken

versuchten und von der türkischen Artillerie beschossen wurde. Spät am Dienstag-Abend erklärte der Sprecher der kurdischen YPG-Miliz, Nuri Mehmut, dass die syrischen Armeeeinheiten in Afrin eingetroffen seien und nächstens an der türkisch-syrischen Grenzlinie stationiert würden. Die Allianz zwischen Assad-treuen Milizen und den Kurden von Afrin gegen die Türkei schien spätestens zu dem Zeitpunkt zu stehen.

Die Fronten sind immer weniger klar

Könnte es zu einer neuen Front im ohnehin kaum durchschaubaren Syrien-Krieg kommen, diesmal zwischen der Türkei und Assad-treuen Truppen? Am späten Dienstag-Abend bezeichnete Erdogan die pro-syrischen Truppen in Afrin als «schiitische Milizen in ein paar Pick-ups». Es seien «keine reguläre Einheiten der syrischen Armee, sondern terroristische Gruppierungen, die eigenhändig Fehler machen. Sie werden einen hohen Preis dafür bezahlen». Seither spitzt sich die Lage auch an dieser Kriegsfront zu.

Worum geht es in diesem Krieg eigentlich? Zunächst um die Kurden der Provinz Afrin. Die gebirgige Region im äussersten Nordwesten Syriens wurde schon im Mittelalter als «Kurd Dagi», als Berg der Kurden, genannt, ist doch die Bevölkerung in ihrer überwältigenden Mehrheit kurdisch. Seitdem die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) im Jahr 2012 die Dschihadisten des IS aus dieser Region vertrieben haben, steht der Kanton Afrin unter der Kontrolle der Demokratischen Unionspartei (DYP) und ihrer Milizen YPG. Auf syrische Kurden übt Afrin eine

besondere Symbolkraft aus, denn hier hat die DYP, die dominierende politische Kraft im Nordsyrien, erstmals ihr Modell einer kurdischen Selbstverwaltung umgesetzt und hat hier die erste kurdische Universität des Landes eröffnet sowie Kurdisch als Muttersprache in den Schulen eingeführt.

Die Übermacht der Türken ist gross, aber …

Die DYP ist ideologisch der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nahe. Die PKK hatte 1984 ihren bewaffneten Kampf gegen die Türkei begonnen, zunächst um die Unabhängigkeit, später um eine Autonomie für die schätzungsweise 15 Millionen Kurden der Türkei zu erzwingen. Der türkischen Führung gelten beide als Terrororganisationen. Am 20. Januar 2018 startete Erdogan die türkische Operation, zynischerweise «Olivenzweig» genannt, gegen die Provinz Afrin. Obwohl die militärische Übermacht der Türkei erschlagend ist, schien wochenlang die Operation der türkischen Truppen und ihrer syrischen Alliierten zu stocken. Erst letztes Wochenende soll ihren Truppen laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte ein Durchbruch gelungen sein. Es war offenbar die Zeit, als die Kurden Afrins Damaskus eindringlich um Hilfe bei der Verteidigung der Landesgrenze gebeten haben.

Im Hinblick auf den Krieg in Syrien haben die Türkei, Russland und Iran bislang eng zusammengearbeitet. Dennoch scheinen weder Teheran noch Moskau, glaubt man ihren Medien, den wahren Absichten der türkischen Armee zu trauen. Zwar versichert die türkische Führung in allen Tonlagen, dass die türkische Armee sich aus allen von ihr besetzten Gebieten zurückziehen werde, sobald eine politische Lösung für Syrien gefunden sei. Türkische Truppen waren aber im August 2016 in die nordsyrische Provinz Dscharablus vorgedrungen, haben einen breiten territorialen Streifen besetzt und sind seither dort auch geblieben.

Dass die Assad-treuen Truppen, die vor einem Tag in Afrin eingetroffen sind, in ihrer überwältigenden Mehrheit schiitische Milizen und Mitglieder gar der iranischen Hashd Shaabi-Truppen sind, könnte darauf hin weisen, dass Teheran der Türkei im Fall Afrin nun die gelbe Karte zeigt.

Welche Rolle spielt Russland?

Die türkische Operation Olivenzweig wurde dank der schweigenden Unterstützung Russlands überhaupt erst möglich. Ohne das grüne Licht aus Moskau, das den Luftraum über Afrin kontrolliert, hätte die türkische Luftwaffe die Städte und Dörfer Afrins nicht bombardieren und die türkische Artillerie sie nicht beschiessen können.

Seit letztem Wochenende meldet sich aber auch die russische Diplomatie im Konflikt um Afrin. Der Konflikt um Afrin könne nur in direkten Gesprächen zwischen Damaskus und Ankara gelöst werden, sagte der russische Aussenminister Sergey Lawrow und bot die russische Vermittlung an. Ob damit in Nordsyrien eine kriegerische Eskalation verhindert werden kann, ist vorerst unklar. Der türkische Präsident erklärte am Mittwoch, die Operation Olivenzweig werde wie geplant fortgeführt. Sein Pressesprecher Ibrahim Kalin liess aber erstmals eine Möglichkeit offen: Wie er der Presse erläuterte, könnten türkische Geheimdienste direkten oder indirekten Kontakt zu ihren syrischen Amtskollegen herstellen. Der türkische Präsident Erdogan hatte bislang jede Verhandlung mit dem syrischen Regime strikt abgelehnt und hatte den syrischen Machthaber als «Mörder» bezeichnet.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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3 Meinungen

Amalia von Gent: Stellen Sie die richtige Frage?
- Sie fragen, ob wir vor einem Krieg der Türkei gegen Syrien stehen.
- Müsste die Frage nicht lauten, ob wir vor einem Krieg einer Koalition 'USA + Israel + Türkei' gegen den Iran stehen?
- In der syrischen Armee stammen vielleicht 50'000 Mann an Bodentruppen aus dem Iran.
- In Süd-Libanon steht die Hisbollah (mit iranischen Waffen) gegen Israel. 2006 musste Israel sich aus dem Libanon zurückziehen, weil es die Hisbollah nicht schlagen konnte.
- Die Amis (mehr oder weniger ohne Bodentruppen in Syrien) wollen dem Iran an den Kragen.

Kommt da nicht eine grosse Abrechnung auf uns zu, bei welcher es auch um den zukünftigen Einfluss Russlands im Mittleren Osten geht?
Konrad Staudacher, am 22. Februar 2018 um 12:02 Uhr
So unklar die Lage in Syrien sein mag, so klar ist, dass „man“ uns in den öffentlichen Medien für Krieg gnädig stimmen will. Wer ist „man“? Wer sind die „Medien“? Z.B. der SPIEGEL mit seinen transatlantischen Verbindungen. Es deutet vieles darauf hin, dass die USA einen Krieg in Syrien immer noch anstrebt.
Anders ist es nicht zu erklären, dass plötzlich die klassischen Legitimationsmittel eingesetzt werden: Bilder mit weinenden Kindern. Ein untrügliches Zeichen für Propaganda. In den letzten Tagen waren solche ungerechtfertigten Mittel breitflächig publiziert worden, gekoppelt mit Schlagzeilen wie „jemand muss uns doch helfen!“ oder „Syrien will die Türkei angreifen“. Wer ist „jemand“? Der Friedensbringer USA? Syrien will natürlich nicht die „Türkei“ angreifen, sondern türkische Invasoren aus Syrien verjagen.
Wollte man wirklich helfen, müsste als erstes das syrische Territorium wieder respektiert werden. Aber darum geht es ja leider nicht.
Jan-Martin Mächler, am 23. Februar 2018 um 09:03 Uhr
"Worum geht es in diesem Krieg eigentlich? Zunächst um die Kurden der Provinz Afrin.“
Was meinen Sie mit „diesem Krieg“? Den Krieg in Syrien allgemein, «nur“ die Situation im Norden Syriens, oder beschränken Sie sich hier ausschliesslich auf die Provinz Afrin?

Sehr geehrte Frau van Gent, um es mal in aller Deutlichkeit zu sagen. Wie immer Sie obiges Zitat auch gemeint haben, ich empfinde ihre Sicht als sehr einseitig - ausschliesslich durch die kurdische Brille gesehen - nicht nur in diesem Artikel.

Ja, die gebirgige Region im äussersten Nordwesten Syriens wurde schon im Mittelalter als «Kurd Dagi», als Berg der Kurden, genannt. Und Afrin und der ganze Rest von Syrien war auch schon mal Teil des Osmanischen Reichs. Aber im Jahr 2018 ist beides irrelevant.

Die Fläche des Gebietes Rojava, das die YPG derzeit beansprucht, reflektiert in keinster Weise den Anteil der kurdischen Bevölkerung innerhalb Syriens. „Die Kurden“ müssten sich dazu durchringen der Regierung Syriens die Kontrolle über den Norden zurückzugeben. Die Reaktion der Bevölkerung Afrins auf die Ankunft von Pro-Assad-Kräften - siehe https://goo.gl/PQsuJy - stimmt mich leicht optimistisch. Die Frage ist, ob auch die YPG Führung dazu bereit ist, oder ob diese zu Geld- (sprich Gas- und Öl) gierig ist.

Ich meine, es braucht dringend Einigkeit aller Syrer - inklusive der Kurden - um die Lage im Norden zu beruhigen.
Christoph Meier, am 04. März 2018 um 07:51 Uhr

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