Menschen auf der Flucht im Ostteil von Aleppo © YouTube/AMC

Menschen auf der Flucht im Ostteil von Aleppo

Syrien: Besser ein Ende mit Schrecken?

Erich Gysling / 29. Dez 2016 - Lieber unter dem Joch von Bashar al-Assad als unter jenem der Islamisten. So denken mittlerweile viele Menschen in Syrien.

Kurz vor Weihnachten erhielt ich ein kurzes E-Mail von einem Bekannten in Damaskus: Alles Gute für 2017, für Euch und für uns, übermittelte er mir im Telegrammstil, und fügte bei: Wir hoffen auf bessere Zeiten.

Ich war schon glücklich, diese Zeilen zu erhalten – wir haben uns fünf Jahre lang nicht mehr gesehen. Zwischendurch erhielt ich jedoch immer wieder kurze Mitteilungen. Vor einem halben Jahr ein Mail des Inhalts, dass einer seiner Söhne eben nach Deutschland gereist sei, um sein Studium abzuschliessen. In einem Monat käme er retour. Und er reiste, wie ich später erfuhr, tatsächlich zurück in das Land, das wir, aufgrund der Berichte in Zeitungen und in elektronischen Medien, nur als sozusagen schwarzes Loch kennen. In dem es aber dennoch, immer noch, parallel zur Tragödie mit über 400'000 Toten und Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen, so etwas wie Normalität gibt.

Der erwähnte Bekannte ist Mitglied einer der zahlreichen christlichen Gemeinschaften. Sympathien für Assad hatten weder er noch die Ehefrau, auch nicht die Söhne und Töchter. Aber schon vor dem Ausbruch des Konflikts im Jahr 2011 sagte er, sinngemäss: Vielleicht sind wir mit Assad immer noch besser dran als ohne ihn.

Die Frage, ob dies der Meinung einer Mehrheit der Bevölkerung Syriens entsprach und weiterhin entspricht, zielt ins Leere: Man kann in der jetzigen Situation keine auch nur ansatzweise sinnvolle Umfrage realisieren. Was man jedoch kann, ist Mosaiksteine zusammensetzen. Beispielsweise in Bezug auf Aleppo.

Die Tragödie von Aleppo

Verfolgte man im Zeitraum November/Dezember die europäischen Medien, ergab sich dieses Bild: eine Millionenstadt unter dem Bombenhagel der Russen und den Attacken von Assad-getreuen und von Iranern gelenkten Bodentruppen. Ja, niemand kann leugnen, dass Hunderttausende Menschen in der einst aufstrebenden Stadt Entsetzlichstes erlebten oder auf entsetzliche Weise starben. Dann kamen die Niederlage der Rebellen und die Evakuierung (oder Deportation?) von Zehntausenden Menschen in die benachbarte Region um die Stadt Idlib. Das Assad-Regime feierte, die «Rebellen» verstummten.

Schaut man etwas genauer hin, muss man feststellen: Die Tragödie spielte sich auf etwa einem Fünftel des ganzen Stadtgebiets ab, im Osten. In einer von Arbeitern, von vielen wirtschaftlich Unterprivilegierten bewohnten Region. Im Zeitraum 2012/2013 eroberte die der al-Qaida nahestehende an-Nusra-Front diesen Stadtteil. Wer sich den Direktiven der Islamisten fügte, konnte überleben – wer widerstrebte, musste mit harten Strafen rechnen. Freiheitsliebend waren die neuen Herrscher in Ost-Aleppo jedenfalls nicht – auch wenn sie als «Rebellen» gegen das Assad-Regime in den westlichen Medien positive Kommentare ernten konnten.

Bisweilen dehnten sich die Kämpfe und Zerstörungen noch bis ins historische Zentrum aus: Zerstörung des Suks, schwere Beschädigungen der Omayyaden-Moschee und der Zitadelle. Was geschah anderswo in der Millionenstadt? Die Bewohner der vom Konflikt weitgehend verschonten westlichen Stadtteile (generell Mittelstand, viele Staatsangestellte in subventionierten Wohnungen) kümmerten sich kaum um das Schicksal der Andern. Sie waren – und sind es wohl weiterhin – etwa der gleichen Meinung wie der von mir zitierte Bekannte in Damaskus: Alles immer noch relativ besser unter der Fuchtel von Bashar al-Assad als unter jener der Islamisten.

Opposition besteht mehrheitlich aus Islamisten

Denn das ist ja, im Gestrüpp von Gerüchten und nicht gesicherter Information, auch aus der Ferne herauszulesen: Die Opposition gegen den Diktator besteht mehrheitlich aus Islamisten – Gruppierungen, welche die Ideologie von al-Qaida nachbeten und/oder den Anhängern des so genannten Islamischen Staats. Französische Recherchen beziffern die Prozentzahl der Islamisten innerhalb der Opposition auf etwa 70. Jene der Kurden übrigens auf gut 20 Prozent. Das würde bedeuten, dass die «gemässigten», auf die der Westen bei seinem anti-Assad-Engagement setzt, keine zehn Prozent ausmachen.

Das war allerdings in den ersten Phasen der Auseinandersetzung in Syrien respektive um Syrien anders: Die liberal gesinnten Milizen (im ganzen Land gab es hunderte, einige nur lokal oder regional aktiv, andere breitflächiger) hatten anfänglich relativ mehr Gewicht als die Islamisten, aber das änderte sich im Verlauf des Konflikts. Weshalb? Weil der anfänglich interne Konflikt mehr und mehr internationalisiert wurde. Saudiarabien, die Emirate, Qatar, die Türkei, alle begannen immer intensiver, sich in Syrien eine Klientel zu erschaffen. Und mehrheitlich unterstützten und unterstützen weiterhin die regionalen Mit-Akteure diverse islamistische (sunnitische) Milizen. Der Emir von Qatar äusserte sogar einmal ohne Hemmungen, er werde an-Nusra (also den Ableger von al-Qaida, der sich in Front zur Befreiung Syriens umbenannt hat) so lange unterstützen, wie diese gegen Assad kämpfe.

Gibt es also, regional, den Wunsch, den sunnitischen Islamisten den Weg zur Herrschaft in Syrien frei zu machen? Ja, manches deutet darauf hin, auch wenn Vieles von Widersprüchen durchkreuzt wird. Saudiarabien beispielsweise bekämpft in seinem Innern die Muslimbrüder, aber in Syrien erhalten Kräfte, deren Ideologie den Muslimbrüdern aufs Haar gleicht, saudische Unterstützung. Nicht in der Form von Direktüberweisungen, versteht sich, aber auf verschlungenen Wegen via irgendwelche Stiftungen.

Das geringere Übel Assad

Je klarer sich im Verlauf des Syrienkonflikts herausschälte, dass die Islamisten innerhalb der Opposition gegen Assad aus den regionalen «Oligarchenstaaten» Hilfe erhielten, desto plausibler erschien vielen in Syrien Assads Behauptung, all seine Gegner seien Terroristen. Und, so kann man annehmen (nicht nachweisen), desto grösser wurde die Zahl Jener, die in Assad das geringere Übel zu erkennen glaubten.

Das galt und gilt jetzt auch für Politikerinnen und Politiker im Westen. Man löst sich widerstrebend von der Idee, Assad müsse verschwinden. Man hat ja auch keine Ahnung, wer das allfällige Vakuum füllen könnte – die Opposition ist innerlich heillos zerstritten, und niemand käme wohl auf die Idee, einem Bannerträger der Extrem-Islamisten auf den «Thron» zu helfen. Der Westen hat, mit anderen Worten, kein Konzept für die nähere, geschweige denn für die fernere Zukunft Syriens. Russland und Iran aber haben, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, ein Konzept: weiter mit Bashar al-Assad.

Selbst wenn der Krieg sich weiter in die Länge ziehen sollte (was sehr wahrscheinlich ist), sind die Chancen für Assad gut. Mindestens für die Kontrolle der dicht bevölkerten Zonen im westlichen Teil des Landes. Also ein Ende des Konflikts mit Schrecken?

Leider ja, nur wäre der Schrecken, wären die negativen Konsequenzen im Falle eines Sieges der Islamisten wohl für die Mehrheit der Menschen in Syrien noch gravierender.

Interessen regionaler Mächte

Nun wird immer wieder die Frage gestellt, was «der Westen» falsch gemacht habe. Mit dem Westen sind in erster Linie die USA gemeint und noch konkreter Barack Obama. Er hätte gleich zu Beginn des Konflikts massiv intervenieren müssen, wird immer wieder angemahnt. Nur: Keine der bisherigen militärischen Interventionen der USA oder der Nato in Nah- und Mittelost hat die Dinge zum Besseren gewendet, im Gegenteil. Obamas (tatsächlich innerlich widersprüchliche) Haltung ist somit nachvollziehbar.

Die Destabilisierung der Region hat zu einem grossen Teil mit der Einmischung westlicher Mächte zu tun, vor allem mit dem Krieg von 2003 (angeführt von den USA und Grossbritannien) in Irak. Damit öffnete man «die Büchse der Pandora». Hinzu kamen die Manöver in Richtung «regime change» in Syrien und die fahrlässige Parteinahme der Nato in Libyen zugunsten der anti-Ghaddafi-Rebellen. Nur sollte man sich hüten, all die nachfolgenden Ereignisse allein den Westmächten zuzuschieben – es gab und gibt weiterhin eine verhängnisvolle regionale Dimension der Tragödie. Saudiarabien, die Emirate und Qatar begreifen den Konflikt als Chance für den Export ihrer Ideologien und ihrer wirtschaftlichen Interessen – Iran, auf der Gegenseite, sieht im Engagement in Syrien die Chance, einen Verbündeten in der Region bei der Stange zu halten.

Der Konflikt begann 2011 als interner Krieg – bald wurde er, wie erwähnt, überlagert durch einen Krieg regionaler Mächte auf syrischem Boden. Und ab 2014/2015 gab es eine weitere Überlagerung durch die Rivalität zwischen den Grossmächten USA und Russland. Diesen Teil des Konflikts hat Russland zu seinen Gunsten entschieden. Wie viele Syrerinnen und Syrer werden sagen: Besser eine pax russiana als eine pax americana oder eine Unterjochung durch Islamisten? Die grosse Mehrheit wird wahrscheinlich resignierend und erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass der Krieg allmählich zu Ende geht, auch wenn das Resultat keinerlei Anlass für ungetrübte Glücksgefühle übrig lässt. Für Niemanden. Auch nicht für Assad und dessen Gefolgsleute – ganz Syrien kann das Regime wahrscheinlich nie mehr kontrollieren, das Land steht vor der Spaltung.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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4 Meinungen

Guten Abend Herr Gysling, ich habe Ihre fundierten Kommentare immer geschätzt. Frage mich aber: was ist bloss heute mit den Journalisten los? Warum habe ich den Eindruck, dass die öffentlich rechtlichen Medien im Zusammenhang mit Syrien nicht mehr kritisch berichten und mir partout die westliche Deutungshoheit verkaufen wollen? Hat das vielleicht damit zu tun, dass heutzutage die Journalisten den Job verliert, wenn sie nicht kuschen? Auf jeden Fall, besten Dank für Ihren Bericht, der ein ganz anders Bild zeigt, als wir bisher von der SRG vorgesetzt bekommen haben.
Guido Besmer, am 29. Dezember 2016 um 17:19 Uhr
Das schwarze Loch in der Berichterstattung find ich übertrieben. Die Syrische Koalition und Sham News (SNN) haben über die Jahre sozusagen täglich berichtet, sowohl auf Arabisch als auch auf Englisch, ohne die Umstände szenisch nachzubessern. Der Rauch von Homs bei den charmanten Taubenzüchtern ist längst gewichen.

Und Herr Besmer, was ist denn an einer westlichen Deutungshoheit anders als an einer östlichen? Beide können sich im Wesen einig sein. Das Schweizer Fernsehen hat verschiedene Ansichten zu Syrien gelten lassen. Ob gut, ob schlecht, SRF hat nicht vergessen, dass zum Journalismus auch die Leute gehören, welche das Land beleben, und dass das hiesige lebt, das spürt man beim Schweizer Fernsehen. Niemand braucht zu kuschen, wenn SRF auftaucht, nicht?
Christian Strahm, am 30. Dezember 2016 um 21:25 Uhr
Guten Tag Herr Stram,
besten Dank für Ihre Anmerkung an meine Adresse. Natürlich bin froh, dass wir in der Schweiz vor dem SRF nicht kuschen müssen und das soll möglichst so bleiben. Was mich stört, sind gewisse Füllwörter in der Berichterstattung, oder, gewollte oder ungewollte Unterlassungen. Ein Beispiel: drei afrikanische Länder sind jüngst aus dem internationalen Gerichtshof ausgeschieden. In einer Grafik wurden die drei Länder mit Russland gezeigt, warum wohl? Interpretation: Russland ist bezüglich der internationalen Gemeinschaft auf dem gleichen Niveau wie die drei Länder. Genauer wäre: auch die USA (und Israel) haben diese Gerichtsbarkeit nie anerkannt und eine internationale Gerichtsbarkeit ist ihnen ebenso egal (siehe dazu Infosperber). Zusammengefasst: Was ich als Bürger einfordere: sind möglichst genaue Informationen ohne Westost Brille, deuten tue ich sie dann lieber selbst. In diesem Sinne: es guets Neus.
Guido Besmer, am 31. Dezember 2016 um 07:08 Uhr
http://www.die-tagespost.de/bdquo-Unter-Assad-haben-die-Christen-gerne-gelebt-ldquo;art456,166774

http://www.heute.de/interview-mit-syrien-experte-guenter-meyer-sieht-verantwortung-fuer-syrien-krieg-beim-westen-46114990.html
Bernd Moser, am 01. Januar 2017 um 22:55 Uhr

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