Zwei Mädchen suchen im Müll auf Caracas Strassen nach Essen © Guardián Católico/Flickr/cc

Zwei Mädchen suchen im Müll auf Caracas Strassen nach Essen

Venezuela: Sanktionen töteten mehr als 40'000 Menschen

Red. / 20. Okt 2019 - Kaum zu essen, keine Medikamente: Das Embargo des Westens verschlimmert die Not der Menschen in Venezuela dramatisch.

«Caritas international», das Auslandshilfswerk der deutschen Caritas, übt scharfe Kritik an den Sanktionen der EU und der USA gegen Venezuela. Es bestehe «kein Zweifel daran», dass die Sanktionen die ohnehin schlechte humanitäre Lage im Land «wesentlich verschärft haben», sagt Oliver Müller, der Leiter der Organisation im Interview mit dem Deutschlandfunk. Untersuchungen der Caritas in Venezuela zeigten, dass mittlerweile rund 28 Prozent der Schwangeren im Land untergewichtig seien. Zudem litten «rund 57 Prozent der Kinder unter fünf Jahren unter gesundheitlichen Problemen infolge von Mangelernährung». Sogar «Krankheiten wie Malaria» seien inzwischen «wieder auf dem Vormarsch», weil das Gesundheitssystem nur noch unzureichend funktioniere. «Es darf nicht sein, dass politische Grabenkämpfe auf dem Rücken dieser Menschen ausgetragen werden», erklärt Müller. Im Interview mit dem Deutschlandfunk forderte der Leiter von Caritas International explizit, es sei «unter humanitären Gesichtspunkten dringend geboten, die Sanktionen aufzuheben».

Mehr als 40'000 Todesopfer

Über die Folgen der transatlantischen Sanktionen gegen Venezuela liegen inzwischen umfassende Untersuchungen vor. So stellte bereits im April eine Studie des Washingtoner Center for Economic and Policy Research (CEPR) fest, die Lebensmittelimporte in das Land seien aufgrund der Sanktionen dramatisch eingebrochen. Dies habe dazu geführt, dass laut offiziellen Angaben gut 22 Prozent aller venezolanischen Kinder wegen Mangelernährung im Wachstum zurückgeblieben seien. Es gebe einen eklatanten Mangel an Medikamenten, der mehr als 300'000 Personen stark gefährde, darunter HIV-, Krebs- und Dialysepatienten. Es sei offensichtlich, dass die Sanktionen vor allem «die ärmsten und verletzlichsten Venezolaner» träfen.

Das CEPR schätzt die Zahl der Todesopfer alleine der Sanktionen, die seit 2017 verhängt wurden, auf über 40'000. Damit sind in kurzer Zeit mehr Zivilisten durch die Embargomassnahmen der USA und der EU in Venezuela ums Leben gekommen als im Jahr 2018 im Krieg in Afghanistan. Das CEPR kommt zu dem Ergebnis, die Sanktionen entsprächen der Definition einer Kollektivbestrafung der Zivilbevölkerung, wie sie sowohl laut der Genfer Konvention als auch laut der Haager Landkriegsordnung verboten ist.

Wie Brandbomben

Dabei steht der Bevölkerung Venezuelas wohl eine weitere Verschlechterung der Lage bevor. Die Erdölproduktion, mit der das Land den überwältigenden Teil seiner Exporterlöse erzielt, ist von 2,3 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2016 sanktionsbedingt auf maximal noch 850'000 Barrel pro Tag eingebrochen. Laut Berechnungen der New Yorker Investmentbank Torino Capital sind Öleinbussen im Wert von mindestens 16,9 Milliarden US-Dollar pro Jahr unmittelbar auf die US-Sanktionen zurückzuführen. Ein Experte der Bank sagt Venezuela eine Hungersnot voraus. Die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR geht in ihren Prognosen davon aus, dass bis Jahresende fünf Millionen Venezolaner ihr Land verlassen haben werden – auf der Flucht vor Hunger, der in wachsendem Mass durch westliche Sanktionen verursacht wird. Der einstige US-Spitzendiplomat Thomas Shannon vergleicht die Wirkung der Sanktionen explizit mit «den Brandbomben auf Dresden oder Tokio»: «Wir sehen die Zerstörung Venezuelas als Land und als Gesellschaft.» Die Folgen für Südamerika und die Karibik seien umfassend und würden sich «denjenigen der syrischen Migration nach Europa annähern», lässt sich Shannon in der «Financial Times» zitieren.

Die EU legt nach

Weit davon entfernt, zumindest die eigenen Sanktionen gegen Venezuela einzustellen, legen Berlin und Brüssel nach und verschärfen die EU-Massnahmen. Während Washington dazu übergeht, ein venezolanisches Programm zur Lebensmittelversorgung mit Sanktionen zu untergraben, das zeitweise bis zu sechs Millionen Haushalte ernährte, hat Brüssel – zusätzlich zum bestehenden Verbot, Rüstungsgüter und Repressionsmaterialien zu liefern – die Liste der Venezolaner, die eine Einreisesperre in die EU erhalten und deren etwaige Guthaben in der Union eingefroren werden, von 18 auf 25 verlängert.

Zudem drohen sich die extraterritorialen US-Sanktionen gegen den venezolanischen Finanzsektor auf Europa auszuweiten. Venezuelas Botschaft in der Schweiz verfügt seit kurzem über kein Bankkonto mehr, weil die Finanzinstitute des Landes sich wegen der US-Sanktionen dezidiert weigern, Finanztransaktionen mit Venezolanern abzuwickeln. Venezuelas Botschafter bestätigt in der NZZ, es sei der diplomatischen Vertretung seines Landes nicht mehr möglich, Mieten und Gehälter zu zahlen. Dem Botschaftspersonal gehe mittlerweile sogar das Geld für den Kauf von Lebensmitteln aus. Eine solche Zuspitzung der Lage ist auch für die EU nicht mehr auszuschliessen.

Adobe und Credit Suisse machen mit

upg. «Wegen eines Dekrets von US-Präsident Trump kündigt das Softwareunternehmen Adobe seinen Nutzern in Venezuela die Software-Abos und sperrt den Zugang zu Diensten. Betroffen sind sogar Venezolaner, die nicht in ihrem Heimatland leben»: Das meldete der «Tages-Anzeiger» am 9. Oktober.
Die Credit Suisse untersagte ihren Händlern schon vor zwei Jahren, mit venezolanischen Anleihen zu handeln. Geschäfte mit der Regierung und staatlichen Institutionen brauchen eine Spezialbewilligung der Chefetage. Die von einem CS-Sprecher bestätigte Begründung: «Die Credit Suisse will nicht in Geschäfte mit einer Regierung involviert sein, die Menschenrechte verletzt.» Das tönt gut. Doch mit Ägypten, Saudiarabien, China und andern Ländern, in denen Menschenrechte noch viel massiver verletzt werden, geschäftet die Credit Suisse munter weiter.

Tod wegen Medikamentenmangels

Die dramatischen Folgen der Sanktionen für Venezuela sind dabei nur ein Beispiel für die tödliche Wirkung, die die immer exzessivere Sanktionspolitik der westlichen Mächte für die Bevölkerungen einer wachsenden Zahl an Ländern hat. Bereits im August 2016 urteilte ein Mitarbeiter der Vereinten Nationen in einer internen E-Mail, die Sanktionen der EU und der USA gegen Syrien hätten unter anderem zu einer Verdopplung des Benzinpreises binnen 18 Monaten und zu einem 40-prozentigen Rückgang der Weizenproduktion seit 2010 beigetragen und so die ohnehin miserable humanitäre Lage massiv verschlechtert. Syrische Medikamentenfabriken hätten schliessen müssen, weil sie die notwendigen Grundstoffe sanktionsbedingt nicht mehr hätten beschaffen können; damit seien die Sanktionen «der Hauptgrund» für den Kollaps des syrischen Gesundheitssystems. Der UN-Sonderberichterstatter zu den negativen Auswirkungen einseitiger Zwangsmassnahmen, Idriss Jazairy, hat im August 2018 gewarnt, die Iran-Sanktionen zerstörten nicht nur die Wirtschaft des Landes und trieben «Millionen Menschen in die Armut»; bereits in naher Zukunft würden darüber hinaus Patienten in Krankenhäusern sterben, «weil die Medikamente ausgehen».

Regime change per Hungersnot

Im Frühjahr erklärte Idriss Jazairy mit Blick auf die US-Sanktionen unter anderem gegen Kuba, Venezuela sowie Iran, die zum Teil von Brüssel unterstützt werden und denen sich fast alle internationalen Unternehmen unterwerfen: «Regime change durch wirtschaftliche Massnahmen, die wahrscheinlich zum Entzug grundlegender Menschenrechte und womöglich sogar zu Hungersnot führen, ist nie eine anerkannte Praxis in den internationalen Beziehungen gewesen.» Gravierende politische Konflikte zwischen Regierungen dürften «nie durch die Herbeiführung wirtschaftlicher und humanitärer Katastrophen gelöst werden, die einfache Leute zu Schachfiguren und Geiseln degradieren.»

Bei den westlichen Mächten, deren Propaganda von ihrem angeblichen Kampf für Menschenrechte und Humanität nur so strotzt, findet Jazairy bis heute kein Gehör.

Dieser Beitrag erschien auf german-foreign-policy.com

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2 Meinungen

Da steht: «Adobe und Credit Suisse machen mit

upg. «Wegen eines Dekrets von US-Präsident Trump kündigt das Softwareunternehmen Adobe seinen Nutzern in Venezuela die Software-Abos und sperrt den Zugang zu Diensten. Betroffen sind sogar Venezolaner, die nicht in ihrem Heimatland leben»: Das meldete der «Tages-Anzeiger» am 9. Oktober.
Die Credit Suisse untersagte ihren Händlern schon vor zwei Jahren, mit venezolanischen Anleihen zu handeln. Geschäfte mit der Regierung und staatlichen Institutionen brauchen eine Spezialbewilligung der Chefetage. Die von einem CS-Sprecher bestätigte Begründung: «Die Credit Suisse will nicht in Geschäfte mit einer Regierung involviert sein, die Menschenrechte verletzt.» «

Wenn die USA und die EU, mittels des Wirtschaftskrieges für 40.000 Tote innerhalb weniger Monate verantwortlich sind - sind das Staaten die die Menschenrechte achten? Gehören alle Regierungsbosse der EU und vor allem der USA vor ein Kriegsgericht? Mit Sicherheit - das sind Kriegsverbrechen, denn man kann nicht nur mit Waffen töten und nicht nur mit Waffen Kriege führen.
Günther Wassenaar, am 21. Oktober 2019 um 17:40 Uhr
Ist das ein Problem ?

https://www.youtube.com/watch?v=xYXK7uh93Uo
1/2 Million tote Kinder durch Irak-Sanktionen - M.Albright: «Wir denken, der Preis ist es wert.“

"Zu noch erschreckenderen Zahlen kam Tim Dyson, Professor für Bevölkerungswissenschaften an der London School of Economics, in einer Studie von 2006. Er schätzt, dass zwischen 1990 und 2003 etwa 660.000 bis 880.000 irakische Kinder unter fünf Jahren aufgrund des Zusammenbruchs der irakischen Ökonomie gestorben sind. Wie viele Iraker anderer Altersstufen umkamen, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass deutlich mehr Mütter im Kindbett starben."

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article9783521/Der-vergessene-Krieg-gegen-Iraks-Zivilbevoelkerung.html

Es wirken
1. Embargo
2. Kriegshandlungen
3. Verseuchung der Kriegsgebiete sowie der eigenen Soldaten

siehe
https://www.heise.de/tp/features/Massenvernichtungswaffe-Uranmunition-4350706.html?seite=all

"Urangeschosse sind hochgiftig und radioaktiv strahlend - und werden bei Kriegszügen der NATO mit unabsehbaren Folgen für Mensch und Umwelt als Standardwaffen verwendet. Ein Gespräch mit Frieder Wagner, Filmemacher und Autor des Buches Todesstaub - made in USA.
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.
Frieder Wagner: Im Irakkrieg 1991 wurden etwa 320 Tonnen...Irakkrieg 2003 befürchten Experten... 2000 Tonnen... Das britische Verteidigungsministerium hat nach dem Krieg 2003 zugegeben, dass beim Einsatz von 40 Tonnen abgereichertem Uran in bewohntem Gebiet mit etwa 500.000 Nachfolgetoten zu rechnen ist."
Dieter Gabriel, am 01. November 2019 um 01:25 Uhr

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