9/11 Terroranschlag in New York © cc
--- © ---
--- © ---
--- © Chappatte

Terroristen schüren gezielt irrationale Ängste

Urs P. Gasche / 18. Nov 2015 - Das Risiko, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden, bleibt in Europa äusserst minim. Doch Medien schreiben von Weltkrieg.

Terroristen wollen Angst verbreiten und westliche Staaten zu irrationalen, von Emotionen geschürten Reaktionen verleiten. Die Lage wird ausgenützt von der Rüstungsindustrie, der Überwachungslobby und den Abschottungspredigern.

Minimes Risiko – mit Tod durch Blitzschlag zu vergleichen

Tim Harford, britischer Ökonom und Kolumnist der «Financial Times» hat die Wahrscheinlichkeiten, während eines Jahres ums Leben zu kommen, für die USA wie folgt ermittelt:

  • 1:9'000 durch Verkehrsunfall;
  • 1: 20'000 durch Mord oder Totschlag;
  • 1: 10'000'000 durch einen terroristischen Anschlag.

Die Gefahr, wegen eines Terroranschlags ums Leben zu kommen, sei in den USA und auch in Europa vergleichbar mit dem Risiko, durch einen Blitz getroffen zu werden.

Terrorangriffe und -attentate können kein westliches Land aus den Angeln heben. Das Ziel der Terroristen besteht darin, eine irrationale Angst zu verbreiten und zu irrationalen Reaktionen zu verleiten. Das scheint ihnen zu gelingen.

Terroristen, nicht Kriegsgegner

Das Ausrufen eines «Kriegs» durch den US-Präsidenten war schon nach 9/11 ein Fehler. Die militärischen Angriffe gegen den Irak und Afghanistan und der Einsatz von Bodentruppen und Söldnern haben den Terroristen einen fruchtbaren Nährboden bereitet.

Jetzt nach den Terrorakten in Paris einen «Krieg» auszurufen, wird der Lage ebenso wenig gerecht. Erstens wertet man Terroristen «Kriegspartei» auf. Zweitens kann man Terroranschläge in Europa oder den USA nicht mit einem Krieg fernab von der Heimat verhindern.

Das Gegenteil ist wahrscheinlicher: Wenn der Westen die Hemmungen verliert, mit Kampfflugzeugen und Drohnen noch mehr Unschuldige unter der Zivilbevölkerung als «Kollateralschäden» in Kauf zu nehmen, werden die IS-Terroristen noch viel mehr Männer rekrutieren können, die sich als Kamikaze zur Verfügung stellen.

Kommentar im deutschen «Tagesspiegel»...

Führende deutsche Medien sprechen nach den Pariser Terroranschlägen von einem neuen Weltkrieg. «Dem ganzen Planeten» werde gegenwärtig «ein dritter Weltkrieg» aufgezwungen, kommentiert der «Tagesspiegel». Die Zeitung bedauert, der Krieg gegen den IS werde noch «nicht mit der Intensität geführt, die in einem Weltkrieg nötig wäre».

Der Westen befinde sich «im Weltkrieg» gegen den «Islamischen Staat» (IS), schreibt ein Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», eines der einflussreichsten Blätter der Bundesrepublik.

...und in der NZZ

Auf einer ganzen Seite plädiert auch NZZ-Auslandredaktor Andreas Rüesch am 18. November für einem militärischen Einsatz in Syrien, einschliesslich «Spezialtruppen am Boden». «Frankreich ist im Krieg» habe Präsident Hollande «klargemacht». Damit stellt sich Rüesch hinter den Begriff «Krieg». In Afghanistan hätten die USA das Refugium der Kaida zerstören müssen. Das gleiche sollten sie jetzt zusammen mit Verbündeten in Syrien mit der IS tun.

Die bisherigen Reaktionen «europäischer Biedermänner» auf die Terrormiliz IS sei eine «Vogel-Strauss-Politik» gewesen, mit der es nun vorbei sein müsse, fordert Rüesch.

Der NZZ-Auslandredaktor nimmt weitere Hunderttausende unschuldiger Opfer – offensichtlich minderwertige Menschen – in Kauf in der Hoffnung, vereinzelte Terroranschläge in Europa und den USA verhindern zu können.

Gegen «feurige Reden» und «Bombengeschwader»

Dieser publizistischen Einstimmung in einen «Weltkrieg» widerspricht Gabor Steingart, Journalist und Geschäftsführer des deutschen «Handelsblatt»: «Für das feindliche Klima zwischen den Kulturkreisen trägt der Westen eine Mitschuld.» Von den 1,3 Millionen Menschenleben, die das Kriegsgeschehen von Afghanistan bis Syrien mittlerweile gekostet habe, bringe es allein der unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig geführte Irak-Feldzug auf 800'000 Tote, konstatiert Steingart. «Die Mehrzahl der Opfer waren friedliebende Muslime, keine Terroristen...

...Der Automatismus von Härte und Gnadenlosigkeit, das vorsätzliche Nicht-Verstehen des anderen, die feurigen Reden an das jeweils heimische Publikum, die schnell in Marsch gesetzten Bombergeschwader haben uns...dahin gebracht, wo wir heute stehen». So beende man den Terror nicht, sondern fache ihn weiter an. So schaffe man keinen Frieden, so züchte man vielmehr Selbstmordattentäter.

Anstatt auf «Kampf oder Kapitulation» zu setzen, müsse man künftig «Ordnung, Respekt und Moderation» fördern: «Es gibt Alternativen zur militärischen Eskalation».

Steingart steht mit dieser Mahnung unter den führenden Köpfen der deutschen Leitmedien allein.

«Das sind die Vororte von Rakka» – «Und was tun wir für die Vororte von Paris?»

Copyright Patrick Chappatte in «Le Temps»

Die Ursachen angehen

Es gilt, die Ursachen des Terrorismus zu bekämpfen. Siehe

«Weniger als drei Prozent der Terroropfer starben in der westlichen Welt», 10vor10 vom 18.11.2013

«Wir sind der Gegner» von Jakob Augstein in Spiegel-online

«Selektive Empathie und Kriegstreiberei» von Stefan Schaer

«Sind wir dem Terror ausgeliefert» von Erich Gysling

«Der Tod in Paris und unsere Schuld» von Heiner Flassbeck

«Public Response to Tragedy Is Disproportionate» von Daniel DeLafe

«Der Terror in Paris beschleunigt den Syrien-Prozess» von Andreas Zumach

«Zorn über den gleichgültigen Westen», Tages-Anzeiger vom 17.11.2015

---

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

4 Meinungen

Und statt solche Nöte zu vermehren durch Ausgrenzung und Angriff sollten wir überlegen, wie wir diese Nöte mindern. Im französischen TV wurde darauf hingewiesen, dass die dreifache Grundlage der französischen Zivilgesellschaft - Liberté, Egalité, Fraternité - insofern gestört sei, als dass nicht nur in der Banlieue wenig Egalité und noch weniger Fraternité herrsche.
Hermann K.J. Fritsche, am 19. November 2015 um 10:39 Uhr
Paradox:
Wenn ein Einzelner, mit beschränkter Reichweite, irgendwo einen Völkermord leugnet/relativiert oder im Ansatz Judenfeindlichkeit erkennen lässt: - so wird dieser Einzelne vor Gericht gestellt.
> Daneben können (die Mehrheit!) Zeitungen/Medien seit Monat und Jahr regelrechte Kriegtreiberei betreiben - und nix geschieht gegen diesen brandgefährlichen Trend!

Wo bleiben die PresseVereinigungen die endlich mal warnend/laut aufstehen?
Florian Frey, am 19. November 2015 um 17:07 Uhr
FAZ und NZZ schreiben wie US-PR-Büros, dabei sind Al-Kaida und IS Kinder der USA (CIA-aufgebaut via Geld, Waffen, Ausbildung), USA und Saudi Arabien sind die «Achse des Bösen», alles lediglich Vorbereitungsarbeiten für den US-Angriffskrieg gegen Russland, der wohlgemerkt ohne «Grund», sondern mit «Vorwand» (False Flag) passiert, denn seit der «US-Eroberung» von Nordamerika haben die USA damit - Raubmord - nie mehr aufgehört. Nur suizidale Stockholmsyndrom-Vasallen glauben noch den USA «Demokratie und Menschenrechte» sind genau solche Lügenheucheleien wie bei den Kreuzzügen vor vielen Jahrhunderten oder der Mafia, die sich ebenfalls gegenteilig selbstdeklariert als «Ehrenwerte Gesellschaft». Dr. med. Allende war demokratisch gewählt in Chile 1973, die USA ermordeten etwa 3000 seiner Anhänger und installierten den «US-Menschenrechtsexperten Pinochet», der beispielsweise Menschen in Flugzeuge pferchte und über dem Meer aus grosser Höhe lebend rauswarf, während wir US-Trash-TV-Serien am TV konsumierten.
Assad ist zumindest relativ kein Diktator (sondern demokratisch gewählt), wenn Sie eine Hardcore-Diktatur suchen, wo Massenhinrichtungen (köpfen), Massenunterdrückung und Aurofahrverbot für Frauen heute (2015) existieren, dann take a look to Saudi Arabien, den dicksten US-Verbündeten.
SO 18. Nov. 2015:
"Die US-Regierung liefert über 19'000 Bomben ans
Königreich Saudi Arabien propagiert genau jenen sektiererischen Islam, in dessen Namen der IS jetzt die ganze Welt terrorisiert."
Wolfgang Reuss, am 19. November 2015 um 19:35 Uhr
Die NZZ verbindet – was Wirtschaft und internationale Konflikte angeht – eins mit den andern Zutaten der medialen Mainstreambrühe: unbedingte Lernresistenz und Uneinsichtigkeit. Ideologie ist der unfruchtbare Boden, aber es ist weit schlimmer: Wenn Medien sich Qualitätsmedien schimpfen, jedoch unfähig sind, die Entwicklung der zurückliegenden 14 Jahre zu reflektieren und die eigenen eklatanten Fehlleistungen in Einschätzung und Interpretation konsequent verdrängen, dann fehlt es am Wesentlichen: an intellektueller Redlichkeit (die darf allenfalls in den Feuilletons ein Inseldasein fristen). Vorne aber ist auch ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall noch immer der Exerzierplatz der Stahlhelmfraktion. Und die steht im Dienste der Kriegsgewinnler der produzierenden Industrie, der Ölmultis, beide Sklaven der abschöpfenden, der Finanzindustrie. Der Politik bleibt die Rolle der Unterbrecherwerbung. Reflexion? Dean Baquet, CR der NYT am 24.01.15 zum Spiegel: „Die Massenmedien waren nach dem 11. September 2001 zweifellos nicht aggressiv genug, haben die Entscheidung für den Irak-Krieg und die Folgen des Anti-Terror-Krieges nicht genug hinterfragt. Das gilt auch für die LAT (wo Baquet zuvor CR war) und die NYT». Und selbst dieses Eingeständnis war noch arg beschönigend. Auf ein entsprechendes Eingeständnis willfähriger und irreführender Berichterstattung über 9/11 die Folgen, wartet z.B. die NZZ-Leserschaft wahrscheinlich noch lange vergeblich, von Entschuldigung nicht zu reden.
Andreas Diethelm, am 19. November 2015 um 20:51 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.