Die Schere öffnet sich, die Mittelstandsfamilien beginnen es zu spüren © NZZaS

Die Schere öffnet sich, die Mittelstandsfamilien beginnen es zu spüren

Die NZZaS bestätigt: Der Mittelstand verliert

Christian Müller / 12. Dez 2017 - Die Unternehmenssteuern sind in der Polit-Agenda weit oben – in den USA wie auch bei uns. Doch was müsste wirklich zuoberst stehen?

Die politische Linke hat es schon lange erkannt, seit einiger Zeit weiss es auch die politische Mitte: Die Einkommensschere öffnet sich, die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Am weitesten offen ist – soweit überhaupt genügend Zahlen zur Verfügung stehen – diese Schere in den USA. Aber auch Europa unterliegt dieser Entwicklung. Und auch die Schweiz, wenn auch weniger ausgeprägt, wie die bisherigen Zahlen zu zeigen schienen.

Doch Achtung: Jetzt bestätigt anhand einer neuen Untersuchung sogar die wirtschaftsnahe NZZ diese Entwicklung: Die Schere ist auch in der Schweiz offen! (Der entsprechende Artikel erschien – wenig überraschend – in der NZZ am Sonntag, die sich glücklicherweise mit Erfolg gegen eine gemeinsame Chefredaktion mit der täglichen NZZ gewehrt hat.)

NZZ am Sonntag-Redaktor Daniel Friedli schreibt in der Ausgabe vom 9. Dezember 2017 einleitend: «Niemand ist in der Schweizer Politik so umworben wie der Mittelstand. Es findet sich keine Partei, die nicht für ihn politisieren würde. Und auch der Bundesrat befasst sich immer wieder mit ihm, wobei er ihm eine gute Form bescheinigt. Die wirtschaftliche Lage der Mittelschicht sei gut, bilanzierte er etwa letztes Jahr. Ihr Einkommen habe sich sogar überdurchschnittlich entwickelt. Nun wirft eine Analyse aus der Eidgenössischen Steuerverwaltung allerdings ein etwas anderes Licht auf diesen Befund. Denn sie kommt zum Schluss, ‹dass die Mittelschicht am Wohlstand des Landes zusehends weniger teilhaben kann›.» Und damit bewahrheitet sich laut dem Autor anscheinend doch die gängige Auffassung, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen vergleichsweise immer ärmer.

Hier zum ganzen Artikel in der NZZ am Sonntag (für registrierte LeserInnen).

Dass die Veränderungen «nur» im untersten Prozent-Bereich sichtbar sind, dient nicht der Beruhigung. Zehn Jahre sind schnell vergangen, Veränderungen im zweistelligen Prozentbereich aber können dann schon richtig wehtun. Es müsste deshalb vor allem die jungen Erwachsenen beunruhigen, werden sie doch am meisten betroffen sein, wenn das Geld aufwärts fliesst und die sozialen Belastungen von einem immer kleiner werdenden Mittelstand getragen werden müssen.

Der Preis der Ungleichheit

Noch immer gilt, was der bekannte US-amerikanische Ökonom Joseph Stiglitz im Jahr 2012 zu Papier gebracht hat:

«Die Vereinigten Staaten sehen sich selbst gern als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und andere sehen sie in einem ganz ähnlichen Licht. Doch obwohl wir uns alle an Beispiele erinnern können, in denen es Amerikaner allein ganz nach oben geschafft haben – was wirklich zählt, ist die Statistik: In welchem Umfang sind die Lebenschancen eines Menschen vom Einkommen und der Bildung seiner Eltern abhängig?

Heutzutage entlarven diese Zahlen den amerikanischen Traum als Mythos. In den USA herrscht heute weniger Chancengleichheit als in Europa – oder sogar in jedem anderen hochentwickelten Industrieland, für das entsprechende Zahlen vorliegen.

Dies ist einer der Gründe, warum Amerika unter allen hochentwickelten Ländern das höchste Maß an Ungleichheit aufweist – und die Kluft zu den Übrigen wird immer größer. Während der 'Erholung' der Jahre 2009 bis 2010 entfielen auf das eine Prozent der US-Amerikaner mit dem höchsten Einkommen 93 Prozent der Einkommenszuwächse. Andere Indikatoren für Ungleichheit – wie Vermögen, Gesundheit und Lebenserwartung – sind genauso schlecht oder sogar noch schlechter. Kurzum: Der Trend geht klar zur Konzentration von Einkommen und Vermögen an der Spitze der Gesellschaft bei gleichzeitiger Aushöhlung der Mitte und zunehmender Armut im unteren Teil.

Es wäre eine Sache, wenn die hohen Einkommen derer an der Spitze das Ergebnis ihrer größeren Leistungen für die Gesellschaft wären, doch die Große Rezession zeigt das Gegenteil: Selbst Banker, die die Weltwirtschaft – und auch ihre eigenen Firmen – an den Rande des Ruins geführt hatten, erhielten überdurchschnittliche Boni.

Sieht man sich 'die da oben' genauer an, zeigt sich die zentrale Bedeutung der Jagd nach Rendite – das sogenannte Rent Seeking: Manche häufen ihr Vermögen an, indem sie ihre Monopolmacht ausüben; andere sind Geschäftsführer, die Mängel der Unternehmensführung nutzen, um sich selbst einen überhöhten Anteil an den Erträgen zu sichern; und wieder andere lassen ihre politischen Beziehungen spielen, um von der Freigiebigkeit des Staates zu profitieren – entweder indem sie überzogene Preise für vom Staat angekaufte Güter, wie zum Beispiel Medikamente, verlangen oder indem sie extrem niedrige Preise für das, was der Staat verkauft, wie beispielsweise Rechte an Bodenschätzen, bezahlen.

Zugleich beruht ein Teil des Vermögens jener im Finanzwesen auf der Ausbeutung der Armen durch unlautere Kredite und missbräuchliche Kreditkartenpraktiken. Die ganz oben bereichern sich in diesen Fällen unmittelbar auf Kosten derer ganz unten.

All das wäre vielleicht nicht so schlimm, wenn an der sogenannten Trickle-down-Theorie – der hübschen Vorstellung, dass, wenn man die ganz oben reicher macht, alle davon profitieren – zumindest ein Quäntchen Wahrheit wäre. Doch den meisten Amerikanern geht es heute schlechter als 1997, also vor anderthalb Jahrzehnten; ihre inflationsbereinigten Realeinkommen sind heute niedriger als damals. Alle Früchte des Wirtschaftswachstums ernten die Reichen.»

Und nicht so viel anders ist es auch in der Schweiz, man denke nur schon an die Boni der Banker. Wann begreift das auch die Politik?

* © Project Syndicate, Übersetzung Jan Doolan, abgedruckt in den «Blättern für deutsche und internationale Politik»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Gestern Mittelstand, heute mittellos (auf SRF)
Obdachlose: Die Unsichtbarkeit quält am meisten (auf SRF)

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7 Meinungen

Der Bundesrat wolle den Grenzwert für Glyphosat um den Faktor 1000 (tausend) erhöhen. (legitim.ch) Genauere Infos wären erwünscht.
Stimmt diese Meldung, so bleibt nur festzustellen, dass unsere Politiker nichts begreifen! Oder vielleicht doch? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Michael Haggenmacher, am 12. Dezember 2017 um 13:56 Uhr
Also wenn ich mich nicht irre, sind es 3'600 von 0.1 auf 360 g. Aber wie auch immer,
wie kann man dazu kommen?? In der Bundesverfassung steht doch, dass der Vertreiber die Sicherheit beweisen muss, nich der Verbraucher. Trotz alledem, wenn der Verbraucher Produkte nicht kauft, ändert sich das Angebot. Das ist die Sprache, die die Konzerne verstehen.
In der Schweiz ist es «IP» (die mit dem Marienkäferli, die von ihren Lieferanten nur
glyphosatfrei Rohstoffe abnehmen und in Deutschland eine der grössten Molkereien.
(aufgrund von Photos von der Grünfläche eines Biobauern). Und es hat sicher noch mehr.
Aber der Konsument muss sich im Klaren sein, Billig ist teuer. Und das gilt bei Lebensmittel ganz besonders. Billige Lebensmittel verursachen Mehrkosten im medizinal Bereich.
Elisabeth Schmidlin, am 12. Dezember 2017 um 16:41 Uhr
Es ist genau dieser zunehmend in Bedrängnis geratende Mittelstand, welcher mit seinem Wahl- und Abstimmungsverhalten dafür sorgt, dass sich die Einkommensschere auch hierzulande immer weiter öffnet. Sowohl im Bund, wie auch in mehreren Kantonen (Luzern, Bern, Schwyz, Zug), wird diese Steuerpolitik zugunsten der Unternehmer und zulasten der Werktätigen seit Jahren massgeblich vom SVP/FDP/CVP-dominierten Bürgerblock geprägt. Sparen bei den Schwachen ohne Lobby im Parlament. Umverteilen von unten nach oben ist angesagt. Das Stimmvolk hätte es durchaus in der Hand, hier für Abhilfe zu sorgen. Tut es aber nicht, da der Leidensdruck offenbar noch nicht gross genug zu sein scheint. Tut es nicht, weil es den leeren Versprechen der für diese zutiefst unsoziale Steuerpolitik verantwortlichen «Volksparteien» und «Volksvertreter» blind vertraut und blinden Glauben schenkt …
René Edward Knupfer-Müller, am 12. Dezember 2017 um 16:56 Uhr
Wie wird die USA gesehen

https://www.youtube.com/watch?v=25s4acHP0aM

"Ex-Präsident Jimmy Carter: USA sind eine «Oligarchie mit grenzenloser politischer Bestechlichkeit""

siehe auch
https://www.youtube.com/watch?v=eCIZTGdek0Y

"USA - Die gekaufte Demokratie? ZDFzoom"

siehe auch
http://www.magazinusa.com/us/info/show.aspx?unit=politics&doc=41

"Diese Super PACS sind nun sehr umstritten, da es nun möglich geworden ist, dass Firmen und Lobbyisten unbegrenzt mit Geld Einfluss nehmen können auf die Wählerentscheidung. Erstmalig bei der 2012 Präsidentschaftswahl wurde klar, dass Super PACs mehr Geld in den beeinflussenden Wahlkampf stecken können als Parteien selbst.
.
.
Zum Zeitpunkt dieses Artikels sind die Super PACs nicht verpflichtet zu sagen, wer hinter den Geldspenden steht."

Ziel des asozialen neoliberalen System, ist nicht die Wirtschaft zu stärken, sondern Vermögen der Superreichen zu erhöhen.
Das neoliberale System ist sogar nachweisbar wirtschaftsfeindlich !
Deutschland hatte ein jährliches Produktivitätswachstum von 1,7 %.

Aber «Die Arbeitsproduktivität beispielsweise ist von 2011 bis 2015 um 1,7 Prozent gesunken."
https://www.welt.de/wirtschaft/article158699607/Die-raetselhafte-Stagnation-der-deutschen-Wirtschaft.html

Laut OECD verlor Deutschland durch die wachsende Ungleichheit 6 % Wirtschaftskraft. Was mir anhand der zuvor genannten Zahlen, sehr optimistisch erscheint.
Ist aber logisch, sinkende Reallöhne, führen zu sinkenden Motivation höherer Effizienz.
Dieter Gabriel, am 12. Dezember 2017 um 20:06 Uhr
@ Michael Haggenmacher
@ Elisabeth Schmidlin

- Was ums Himmels Willen haben Ihre Beiträge mit dem obenstehenden Artikel «Der Mittelstand verliert» zu tun ? - Was hat ihr Thema «Glyphosat» mit Unternehmenssteuern, Einkommensschere und bedrängtem Mittelstand zu tun ?
René Edward Knupfer-Müller, am 12. Dezember 2017 um 20:46 Uhr
Eine vierköpfige Familie mit einem Bruttoeinkommen von CHF 150'000 kann heute nicht mehr sparen und die Säule 3a nicht mehr aliimentieren. Und nicht alle Familien verfügen über dieses Bruttoeinkommen!
Beda Düggelin, am 13. Dezember 2017 um 09:22 Uhr
Lieber Herr Müller Knupfer-Müller
Das (Glypgosat, Einkommensschere usw) hat sehr viel damit zu tun. Das Heraufsetzen des Risikofaktors um 3600 - obwohl viele Länder dagegen sind, z.B. dagegen gestimmt hat, und der Politiker sich darüber hinwegsetzt, wiederspricht doch total dem Willen und Wohlergehen des Bürgers. Und treibt die Einkommenschere
enorm auseinander. Denken Sie an alle möglichen Folgekosten, wenn das kleinere Einkommen immer mehr für «Reparaturkosten, die durch belastete Nahrung entstehen,
ausgeben muss.
Die WHO und andere setzen die Risiken aus der «üblichen» (belasteten) Nahrung dem
Tabak- und Raucherrisiko gleich. Und das belastet das kleinere Einkommen mehr,
als das Grosse. Und mit den Heraufsetzen des Grenzwertes von Glyphosat schadet man dem Bürger.
Elisabeth
Elisabeth Schmidlin, am 13. Dezember 2017 um 14:17 Uhr

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