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Selbst Georg Kreis (links) hatte Mühe, Robert Menasse zu bremsen

Robert Menasse erhält Max-Frisch-Literaturpreis

Christian Müller / 05. Mär 2014 - Robert Menasse, der Wiener Romancier und Essayist, wird von der Stadt Zürich mit dem Max-Frisch-Literaturpreis ausgezeichnet.

Robert Menasse, der in November 2013 in mehreren Schweizer Städten zum Thema Europa und EU öffentlich referiert hat, wird mit dem von der Stadt Zürich gestifteten Max-Frisch-Literaturpreis ausgezeichnet. In Anbetracht des Resultates der Volksabstimmung vom 9. Februar 2013 darf das als kleine Sensation bezeichnet werden!

Die feierliche Preisübergabe findet voraussichtlich am 11. Mai in Zürich statt.

Zum Bericht auf Infosperber über seine öffentlichen Auftritte:

Europa ist unsere Zukunft, nationale Grenzen haben sich überlebt: Der Wiener Robert Menasse auf Vortragstournee in der Schweiz.

«Wenn ein Land ein neues Gesetz einführt, ist das ganz normal, jeder akzeptiert das und hält sich daran, weil es eben ein neues Gesetz ist. Kommt ein neues 'Gesetz' aber aus Brüssel, schreiben die Medien über die 'Regulierungswut von Brüssel'».

Robert Menasse, der Wiener Schriftsteller, ist ein scharfer Beobachter und genauer Zuhörer. Er recherchiert, bringt Fakten, und er will diese dann auch so verstanden haben, nicht einfach als «Meinung». Am vergangenen Donnerstag referierte er im Volkshaus Basel. Und die interessierten Leute kamen zahlreich, nicht nur, weil der renommierte Geschichtsprofessor Georg Kreis die Veranstaltung moderierte, nicht nur, weil mit nebs, yes, foraus, Weltföderalisten Schweiz, SGA, dem EUROPAINSTITUT und dem Österreichischen Kulturforum gleich mehrere Organisationen eingeladen hatten. Nein, auch weil Basel im Dreiländereck Schweiz/Deutschland/Frankreich das richtige Biotop ist, um den Anachronismus nationaler Grenzen sichtbar zu machen. Nicht zufällig gehörte deshalb auch die REGIO BASILIENSIS zu den Organisatoren des Menasse-Abends, jene Organisation also, die sich als Schweizer Partner um die transnationalen Dinge in der Region Oberrhein kümmert.

Die EU ist ein Friedensprojekt

Das grosse Anliegen Robert Menasses ist es, mit den vielen verbreiteten, aber eben falschen Klischees zur EU definitiv aufzuräumen. So etwa hat er die Entstehungsgeschichte der EU aufgrund der Protokolle und anderer Dokumente in einem mehrmonatigen Aufenthalt in Brüssel genau studiert. Die EU wurde nicht als Interessenverband der europäischen Grosskonzerne gegründet, im Gegenteil. Die Wirtschaft war schon damals, im Vorfeld der Römischen Verträge von 1957, gegen die Idee einer Union, weil die grossen Unternehmen in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg von fetten Staatsaufträgen lebten und die Konkurrenz aus anderen Staaten fürchteten. Die Initianten der Idee eines geeinigten Europa agierten aus der persönlichen Erfahrung heraus, innerhalb eines Menschenlebens vier europäische Kriege (1866, 1871, 1914/18 und 1939/45) miterlebt zu haben. Gerade aber weil das Friedensprojekt eines geeinigten Europa heute, sechzig Jahre nach dem Beginn, per saldo ein grosser Erfolg ist, fehlt den heutigen Politikern diese Lebenserfahrung – «Wir haben ja Frieden in Europa; ein Krieg ist nicht in Sicht» – und sie engagieren sich nicht mehr für dieses gemeinsame Europa – ein Europa der Vielfalt notabene – , sondern pflegen sich im nationalen Bereich zu profilieren, dort, wo sie eben gewählt wurden und wieder gewählt werden wollen. Und nicht selten profilieren sie sich genau mit dem Gegenteil des europäischen Gedankens, nämlich mit der vermeintlichen «Leistung», sich gegen die europäische Vereinnahmung erfolgreich gewehrt zu haben – mit Nationalismus.

Nein, was Robert Menasse in einem stündigen Referat an Wissen, an Hinweisen auf historische Zusammenhänge und geschichtlichen Fakten dem Publikum vortragen kann, das lässt sich in einer kurzen Veranstaltungsbesprechung nicht wiedergeben: die sogenannte Finanzkrise und ihre Ursache, die Absurdität der nationalen Grenzen in einer total globalisierten Welt, das gänzlich falsche Image der sogenannten Brüsseler Beamten, die verheerende Rolle des Rats, Griechenland, etc, etc. Auch in der anschliessenden Diskussion war es nicht einfach, den in Fahrt gekommenen Referenten zu bremsen – selbst nicht für Moderator Georg Kreis. Wir lassen dem kurzen Bericht hier aber eine Rede folgen, die Menasse im September in Potsdam/Berlin gehalten hat und die in schriftlicher Form vorliegt, siehe unten. Auf sein Buch «Der europäische Landbote» hat Infosperber bereits hingewiesen.

Kein Sponsor für den Apéro

Dass das Projekt Europa gerade nicht primär ein Anliegen der Wirtschaft ist, das kam in Basel auch konkret zum Ausdruck: für den der Diskussion folgenden Apéro für die Herbeigeströmten war kein Sponsor gefunden worden. Etliche angefragte Firmen lehnten ab mit dem Verweis, das Thema Europa sei zur Zeit nicht opportun...

Trotzdem: Der in jeder Hinsicht spannende Abend in Basel endete mindestens für Menasse, für Georg Kreis, für einige Vertreter der Österreichischen Botschaft und einige Vertreter der einladenden Organisationen, in aufgeräumter Stimmung und spät: um 00.30 Uhr. Aber auch dann nicht etwa, weil der Diskussionsstoff ausgegangen wäre, und auch nicht, weil der Grüne Veltliner zur Neige ging, sondern weil das Parkhaus Räbegass um 00.30 Uhr dicht macht und auch das Restaurant der nahenden Polizeistunde wegen auf ein Ende drängte. Basler Beschränkungen notabene, die sich Basel selbst auferlegt hat und die nicht aus Brüssel stammen...

Auch in Bern, Zürich und Luzern

Ähnliche Veranstaltungen hatten am 18. November im Volkshaus Bern und am 19. November im Literaturhaus Zürich stattgefunden. In Luzern, wo Menasse am 20. November an der Universität hätte referieren sollen, waren neben Sebastian Heselhaus, dem Professor für Europarecht, so wenige Studenten gekommen, dass die ganze «Übung» gleich ins Fumoir der Havanna Bar an der Ecke Hirschmatt-/Habsburgerstrasse verlegt wurde – mit dem Vorteil, dass aus dem öffentlichen Referat ein intimeres und umso interessanteres Gespräch entstehen konnte. «La vida es el arte del encuentro», das Leben ist die Kunst der Begegnung, würde man in Havanna nach einem solchen Abend im «Havanna» sagen. Der Abend war, in einem Land, in dem sich die Politikerinnen und Politiker weigern, über einen Beitritt ihres Landes zur Europäischen Gemeinschaft auch nur schon zu debattieren, in jeder Hinsicht bereichernd.

Übrigens: Robert Menasse ist keine kleine Nummer. Einzelne seiner zahlreichen Bücher wurden in bis zu 16 andere Sprachen übersetzt. Die Schweizer Mainstream-Medien allerdings kennen ihn nicht – oder wollen ihn nicht kennen. Über seine vier Auftritte letzte Woche in der Schweiz hat keine Zeitung der deutschen Schweiz berichtet.

* * * * *

Christian Müller dankt Robert Menasse für die Erlaubnis, seinen Vortrag «Zukunftsmusik» hier in voller Länge wiedergeben zu dürfen. Siehe unten, zum Downloaden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Christian Müller ist Präsident der "Weltföderalisten Schweiz".

Weiterführende Informationen

Robert Menasse: Nachdenken auch über die Schweiz (auf Infosperber)

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14 Meinungen

Hab den Vortrag in Graz gehört, vor geraumer Zeit. Empfehlenswert auch für Menschen, die wie ich die heutige EU skeptisch betrachten. Und für alle, welchen den Vortrag nicht hören konnten, empfiehlt sich das schmale Bänken von Robert Melasse «Der europäische Landbote» mit deckungsgleichem Inhalt:
http://www.perlentaucher.de/buch/robert-menasse/der-europaeische-landbote.html
Billo Heinzpeter Studer, am 24. November 2013 um 12:00 Uhr
Die Zukunftsmusik von Robert Menasse regt in der Tat zum Denken an! Die Problematik der heutigen Wirtschaftskrise innerhalb Europas liegt allerdings in Aktion und Reaktion, resp. in der Tatsache, dass die europäischen Länder zwar über ein gemeinsames Kulturerbe verfügen, dass sie sich aber in ihren Mentalitäten doch zum Teil sehr stark unterscheiden. Aus dem Friedensprojekt Europa ist längst ein Wirtschaftsprojekt Europa geworden. Die verschiedenen Länder haben sich aufgrund ihrer Mentalitätsunterschiede wirtschaftlich unterschiedlich entwickelt und der Konkurrenzkampf wurde durch die Globalisierung noch verstärkt, deshalb kann man die nationale Identität nicht von heute auf morgen über Bord werfen, dazu sind weder die Deutschen, noch die Franzosen noch die Spanier bereit. Ob ein rascher Uebergang zur Europäischen Republik alle wirtschaftlichen Probleme lösen würde, bleibt höchst umstritten, zumal aus einem Italiener, Griechen oder Deutschen kaum ein gleich strebsamer Europäer werden wird. Darin liegt wahrscheinlich die Fehlbeurteilung. Der Krieg als Aktion löste die wirtschaftliche Zusammenarbeit als Reaktion aus, nun scheint der Krieg in Europa kaum mehr möglich, aber für die weitere Aktion, eine politische Union scheint die Zeit noch lange nicht reif, denn nur eine politische Union könnte einen möglichen Krieg für alle Zeiten aus Europa verbannen. Vielleicht war Winston Churchill bei seiner Zürcher Rede doch allzu stark von den Vereinigten Staaten von Amerika geprägt.
Beda Düggelin, am 25. November 2013 um 22:35 Uhr
Meines Erachtens argumentiert Beda Düggelin in zweierlei Hinsicht an Menasses Ansatz vorbei:
Zum einen vertritt Menasse ausdrücklich eben gerade nicht die Idee, die EU zu einer Art USA zu machen; er unterstreicht im Gegenteil das bisher Einmalige am europäischen supranationalen Projekt.
Zum zweiten sind die Menschen in Europa kulturell weit weniger durch Nationalstaaten geprägt als vielmehr durch die Regionen, in welchen sie aufwuchsen. Gerade die Kultur ist kein taugliches Argument dafür, weshalb die Auflösung der Nationalstaaten noch hinausgeschoben werden müsste.
Billo Heinzpeter Studer, am 25. November 2013 um 22:54 Uhr
Meiner Meinung nach handelt es sich bei InfoSperger um ein Diskussionsforum, wo die Ansichten von Politikern und Journalisten hinterfragt werden dürfen. Auch Beiträge wie derjenige von Robert Menasse löst natürlich Reaktionen aus! Ich wies darauf hin, dass Europa ein gemeinsames Kulturerbe habe, dass aber aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung das Nationalstaatendenken nicht völlig abhanden gekommen ist, folglich ist offenbar die Zeit für eine Europäische Republik noch nicht reif. Ob das Regionendenken so weit fortgeschritten ist, wie erwähnt, bleibe dahingestellt. Auch die verschiedenen Regionen wachsen nicht einfach zusammen, weil man die Grenzen abschafft und auch die regionalen und wirtschaftlichen Unterschiede werden damit nicht kleiner. Ich bin nicht gegen Europäische Republik, glaube nur, dass diese politisch (noch) nicht machbar ist!
Beda Düggelin, am 26. November 2013 um 08:16 Uhr
Natürlich, Heda Düggelin – und man darf hier sicher auch die Ansichten von Lesern hinterfragen ;-)
Das gemeinsame Kulturerbe Europas besteht, um es einmal einmal etwas bösartig zu sagen, vor allem darin, dass sich zahlreiche in Europa beheimatete Königs- und Fürstenhäuser und aufstrebende Firmen die Rohstoffe fremder Kontinente unter den Nagel gerissen haben, um auf diesem Diebesgut dann Nationalstaaten aufzubauen, mit denen sich weitere Raubzüge besser organisieren liessen. Die Kultur, die wir gewöhnlich meinen, hat doch eher wenig damit zu tun; ihre Wurzeln sind viel älter als die Nationalstaaten, die sie allerdings missbraucht haben, um sich selber in einem besseren Licht darzustellen.
Billo Heinzpeter Studer, am 26. November 2013 um 11:37 Uhr
Und ja, die Zeit für eine «Europäische Republik» ist noch nicht reif – und ich hoffe mit Menasse, sie möge nie reif werden. Wenn wir aus der Geschichte lernen, brauchen wir keine zweite USA, sondern einen gemeinsamen Raum mit gemeinsamen Regeln, innerhalb dessen wir uns freier assoziieren können als heute. Das wär dann wirklich Kultur!
Billo Heinzpeter Studer, am 26. November 2013 um 11:40 Uhr
Ja, natürlich darf man auch Meinungen von Lesern hinterfragen, allerdings sollte dies vorbehaltlos und mit wachem Auge erfolgen und nicht im Sinne einer Besserwisserei.
Es ist ja schön und tönt gut: «einen gemeinsamen Raum mit gemeinsamen Regeln, innerhalb dessen wir uns freier assoziieren können". Was heisst denn das konkret? Da hat selbst Robert Menasse nicht viel davon preisgegeben.
Beda Düggelin, am 26. November 2013 um 12:12 Uhr
Las heute die seit dem 11. 7. 2013 in Kraft stehende EU-Kosmetikverordnung 1223/2009: «Damit wird der Europäischen Gemeinschaft eine harmonisierte Rechtsvorschrift zur Verfügung stehen.» Das Regelwerk ersetzt die EU-Kosmetik-Richtlinie 76/768, z.B. die bisherigen in Deutschland geltenden Regelungen. Die Richtlinie wurde von der Europäischen Kommission in 8jähriger Arbeit als «Vereinfachungsprogramm» produziert, «um durch Bürokratieabbau, strukturierte u. verständliche Gesetzgebung u. bessere administrative Zusammenarbeit für mehr Wirtschaftswachstum u. Arbeitsplätze bei Wahrung des Verbraucherschutzes zu sorgen."

Die Vereinfachung, «Simplification» genannt, besteht aus Erweiterung der bisher 11 Kosmetikrichtlinien auf deren 71. Die bisher 15 Paragraphen wurden übersichtlich auf 40 «simplifiziert", wobei in der dt. Übersetzung von «Haut» die Rede ist, in anderen Sprachen jedoch abweichend von «Epidermis". Immerhin beauftragt «Erwägungsgrund 8» die «Europäische Kommission, künftig die Kategorien kosmetischer Mittel", die mit Haut oder Epidermis zu tun haben, «exakt festzulegen". Einen CH-Exporteur, nämlich Trybol v. T. Minder, stürzt die Richtlinie ins Dilemma, Produktionsgeheimnisse v. Rezepturen preisgeben zu müssen.

Robert Menasse ist ein beeindruckender Lyriker und Humanist. Wir brauchten aber einen Polit-Epiker, einen neuen Orwell, der uns dartut, warum die EU uns mit dem Kulturgut der Multiplizierung v. Wörtern u. Paragraphen zu einem einfacheren Leben verhelfen will.
Pirmin Meier, am 26. November 2013 um 14:34 Uhr
Lieber Pirmin Meier, wichtig wär es bei solchen Geschichten, die Hintergründe zu kennen. Ich hab auch oft gefrotzelt über Gurkenkrümmungsverordnungen und dergleichen «aus Brüssel» – aber sind das wirklich Ausgeburten der EU-Verwaltung oder nicht eher das Resultat der Verwerfungen und Kuhhändel im Ministerrat? Es ist ja eben dieser Rat, der die Verordnungen letztlich absegnet (und dies oft erst nach gewaltsamen Eingriffen in die Vorarbeit der Kommission tut).
Billo Heinzpeter Studer, am 26. November 2013 um 15:14 Uhr
Die EU-Kosmetik-Verordnung ging tatsächlich ausser über den Europäischen Ministerrat auch über die Europäische Kommission und sogar das Europäische Parlament, von dem man die Aufgabe übernommen hatte, «die Verfahren zu vereinfachen und die Begrifflichkeit zu vereinheitlichen, um so den Verwaltungsaufwand und Unklarheiten zu verringern": Stichwort «Simplification". Das Endresultat hat aber tatsächlich Unklarheiten betr. «Haut» oder «Epidermis» hervorgebracht sowie die oben beschriebenen Komplikationen, die im Erwägungsgrund 3 mitenthalten sind: «Ausbau bestimmter Elemente des Regelwerks, etwa der Marktüberwachung, um ein hohes Mass an Schutz der menschlichen Gesundheit zu gewährleisten.» Die Wohltätigkeit der «Marktüberwachung", welche die EU gegenüber dem Rezept von Coca Cola zwar nicht durchzusetzen vermag, aber immerhin bei Schweizer Zahnwassern und Zahnpasten fordert, ist wohl mit ein Grund für das komplizierte Regelwerk. Das Problem solcher Verordnungen, z.B. auch die EU-Schlachthausverordnung, liegt nicht zuletzt darin, dass derlei Verordnungen wohl nirgends genauer kontrolliert werden können als in der Schweiz und in Deutschland und allenfalls Österreich/Benelux, während der Peloponnes, Algarve, Sardinien, Don Quijotes Mancha usw. eher nur theoretisch in den Geltungsbereich solcher Bestimmungen fallen. Von Böswilligkeit der Brüsseler Vögte hat niemand gesprochen. Auf Böswilligkeit ist dieses System nicht mehr angewiesen.
Pirmin Meier, am 26. November 2013 um 16:05 Uhr
Der Vollzug all dieser Verordnungen ist, natürlich, ein Kapitel für sich. Aber das haben wir auch in der Schweiz, z.B. Tierschutzverordnung: wird national erlassen, die Vollzugshoheit aber ist kantonal, und die Hoheiten haben sich abgesichert, dass ihnen da der Bund nicht dreinreden kann. Ein Beispiel von vielen.
Doch zurück zur Setzung des Rechts: Da wär es eben interessant zu wissen, wie genau der Entscheidungspfad aussah. Ich vermute mal: Entwurf Kommission, Debatte Parlament, Debatte Rat, Überarbeitung Kommission, Überarbeitung Rat, Beschluss Rat. Die Überarbeitung durch den Rat umfasst die Wünsche, Befürchtungen und Drohungen aus den nationalen Bürokratien, die allesamt um ihre Lebensberechtigung bangen. Und genau hier liegt das Problem, und das wird solange fortdauern, als der Ministerrat diese Stellung im Ganzen behält.
Billo Heinzpeter Studer, am 26. November 2013 um 16:18 Uhr
Das zentrale Problem liegt eben in der politischen Überdehnung der EU. Der Mensch hat kommunikativ und integrativ einen nicht endlos ausdehnbaren Radius für sein Engagement. Da gilt politisch abgewandelt die Migros-Formel «aus der Region für die Region". Konkret: Wirklich «demokratisch» kann ich mich vorab in der Gemeinde, dann im Kanton und schliesslich im Bund föderalistisch einbringen. Dieses ausgeklügelte und hoch entwickelte System ist bei uns historisch langsam gewachsen, wie die profunde TV-Serie «Die Schweizer» jetzt gerade recht eindrücklich gezeigt hat. Die EU hingegen entwickelt sich nicht in diese Richtung. Im Gegenteil: Wenn die Franzosen «falsch» abstimmen, dann dürfen sie nächstes mal halt einfach nicht mehr. Und uns sagt Brüssel: Entweder Ihr stimmt einer «Weiterentwicklung» der Bilateralen zu – oder aber wir fegen alles vom Tisch, aus die Maus. Ein solches Demokratieverständnis ist sehr unterentwickelt. Und solange die EU auf diesem tiefen Niveau verbleibt, sind 83% der SchweizerInnen mit gutem Recht gegen den EU-Betritt unseres meilenweit fortschrittlicheren Landes. Auch in punkto Frieden übrigens: Das «Friedensprojekt» EU führt ja längst wieder Krieg. Jetzt halt im Schlepptau der USA und im weit entfernten Afghanistan. Dass nun bei Kandahar «nur» Dörfer zerstört werden, statt ganze Städte, wie seinerzeit in Stalingrad, macht die Sache nicht viel besser. Es wundert wenig, dass uns viele Deutsche, Italiener und auch Österreicher immer mehr beneiden. N.R.
Niklaus Ramseyer, am 30. November 2013 um 12:37 Uhr
Wegen der begreiflichen Anti-EU-Stimmung, die in der Schweiz eine verhärtete Haltung wurde, sollten wir kompensatorisch auf dem Gebiet der Kultur eine europäische, nicht bloss globalisierende Haltung einnehmen. Selber versuchte ich es in Deutschland mal mit einem Vortrag «Das Europa der Kathedralen versus Euratom", wobei Euratom negativ, «Europa der Kathedralen» positiv konnotiert war. Das war, trotz der grossartigen Kultur der Kathedralen, ein Ausspielen der Pest gegen die Cholera.

Trotz allem lohnt es sich, mit dem von Chr. Müller hier eingeführten Robert Menasse eine Auseinandersetzung zu führen, dem europäischen Dialog der noch vorhandenen «Geistigen» Aufmerksamkeit zu widmen. Dass Menasse als Österreicher nun mal nicht so viel von subsidiär-direkter Demokratie verstehen will als ein Niklaus Ramseyer oder wer hier von den EU-Kritikern auch immer, müssen wir mit Geduld zur Kenntnis nehmen u. ihm antworten. Zu den Schweizer Autoren, welche den europäischen Dialog geführt haben, zähle und zählte ich Adolf Muschg (trotz Irrtümern), Thomas Hürlimann und den verstorbenen Hugo Loetscher, dessen Rolle als Grossintellektueller mittlerweile von P. v. Matt übernommen worden ist, ohne dass L. in dieser Eigenschaft ersetzt worden wäre. Hürlimann, der am meisten EU-kritische unter den Autoren, hat auf die Notwendigkeit von Grenzen hingewiesen. Er hat wohl recht. Wer aber freut sich schon auf Abstimmungen, bei welchen Personenfreizügigkeit u. noch höhere Werte auf dem Spiel stehen?
Pirmin Meier, am 30. November 2013 um 13:10 Uhr
Wann erhält Thilo Sarrazin, für sein Buch «Der Neue Tugendterror» den Max-Frisch-Literaturpreis?
Beda Düggelin, am 06. März 2014 um 13:28 Uhr

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