John McCain auf der Rednertribüne auf dem Maidan im Dezember 2013 © Guardian

John McCain auf der Rednertribüne auf dem Maidan im Dezember 2013

Senator John McCains Aufruf in Kiev bleibt unvergessen

Christian Müller / 26. Aug 2018 - McCain, ein grosser Politiker der USA, ist tot. Es fehlt nicht an Lobeshymnen. Ein Engel allerdings war McCain nicht. Im Gegenteil.

John McCain, seit 1987 für Arizona im US-Senat, ist eine weltweit bekannte und anerkannte Persönlichkeit. Nicht zuletzt, weil er, obwohl Republikaner, nicht blindlings der Politik von Donald Trump Folge leisten wollte, erntete er in letzter Zeit viel Lob, vor allem von Seite der Demokraten und oft auch aus dem Ausland. In vielen Punkten zu Recht.

De mortuis nihil nisi bene: über Tote nichts ausser Gutes. So verlangt es die Anstandsregel der Nekrologen-Schreiber. John McCain jetzt allerdings nur zu lobpreisen, wäre die reine Heuchelei, denn der ehemalige US-Kampfbomber-Pilot im Vietnamkrieg blieb sein Leben lang ein Befürworter der militärischen Aufrüstung. Er begrüsste die Bombardierung Belgrads im Jahr 1999 oder auch den Angriff auf den Irak 2003. Und er war einer jener US-Politiker, die sich sogar persönlich engagierten, auch im Ausland, wann immer es eine Gelegenheit gab, gegen Russland zu hetzen.

Am 15. Dezember 2013 betrat der US-Politiker John McCain – man stelle sich vor: einer der einflussreichsten Politiker der Welt – auf dem Maidan in Kiev die Rednertribüne der Demonstranten und hielt – in einem fremden Land! – vor Zehntausenden von Menschen eine kurze, aber mehr als nur eindrückliche Brandrede. Darin wörtlich:

«Ukrainer! Jetzt ist Eure Stunde gekommen! Es betrifft Euch, niemanden sonst! Es geht um Eure Zukunft, um die Zukunft, die Ihr verdient! Die Zukunft in Europa! Die Zukunft in Frieden! Die Zukunft Eurer Nachbarn! Die freie Welt ist mit Euch! Amerika ist mit Euch! Ich bin mit Euch! Die Ukraine wird Europa besser machen, und Europa wird die Ukraine besser machen!»

  • Hier zum Zwei-Minuten-Video dieser Rede.

    Rhetorische Frage: Was würden die US-Amerikaner sagen, wenn anlässlich von Massen-Demonstrationen vor dem Weissen Haus in Washington ein Spitzenpolitiker aus Russland oder auch aus China auf die Redner-Tribüne stiege und die versammelten Massen auffordern würde, sich künftig an Russland oder an China zu orientieren?

    Zwei Monate später der Putsch

    Trotz eines Vermittlungsversuchs des damaligen deutschen Aussenministers und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und der Aussenminister von Frankreich und Polen kam es am 22. Februar zum offiziellen Putsch. Die Demonstranten verweigerten den Vollzug des Vermittlungsvorschlages und trieben den demokratisch gewählten Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch in die Flucht. Damit hatten die USA erreicht, was sie erreichen wollten: den «Regime Change» und eine US-freundliche und von den USA gesteuerte Regierung.

    McCain verlangte in der Folge immer wieder massive Waffenlieferungen der USA an die Ukraine und befürwortete die militärische Intervention: eine nach dem verlorenen Vietnamkrieg und den zahlreichen seitherigen Kriegen und Bürgerkriegen, die vor allem Verlierer und vielerorts das nackte Elend hinterlassen haben, doch ziemlich erstaunliche politische Haltung.

    Bei allem Lob, das John McCain nun posthum erhalten wird, es darf nicht vergessen werden: Senator John McCain war das, was wir hierzulande eine Kriegsgurgel nennen. Und nicht zuletzt die brandgefährliche Eskalation des geopolitischen Seilziehens zwischen den Grossmächten USA und Russland basiert auch auf McCains Reden und Handeln.

    Der letzte Satz im bereits auf SRF erschienenen Nachruf unter dem Titel «Ein richtungsweisender Patriot» heisst: «Nun ist seine Zeit abgelaufen. Der Senat, die USA, haben eine bedeutende Persönlichkeit verloren – und einen Mann, der streiten konnte und doch den Frieden suchte.»

    Nein, das ist eine Nekrologen-Lüge. John McCain suchte nicht den Frieden, sondern den Krieg – leider. So wie noch immer viele andere US-amerikanische Politiker auch.

    Ergänzende Informationen

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  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Zum Autor. Es gibt keine Interessenkollisionen.

    Weiterführende Informationen

    Auch deutsche Zeitungen freuten sich über McCains Auftritt auf dem Maidan
    Die NZZ zum Tod des «Nationalhelden» – ohne Erwähnung der Kriegshetze
    McCain drohte Putin mit demselben Schicksal wie Gadaffi (MarshallReport)

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    9 Meinungen

    Ja, John McCain war kein Mann des Friedens, sondern hat Kriege befürwortet.

    Ausdrücke wie «gegen Russland hetzen», zeugt für mich aber von schlechtem Journalismus und ist tendenziös. Das passt eher zu einem Pressesprecher Russlands, als zu einem unabhängigen Medium. Mit einer «Fokussierung auf vernachlässigte Fakten, Zusammenhänge und Interessenlagen» hat das nichts zu tun.

    Die Analogie mit den Massendemonstrationen vor dem Weissen Haus greift so nicht, da es hier eben um die Ukraine und nicht um Russland ging.

    Bitte mehr Sachlichkeit und Orientierung an Fakten und nicht Meinungen!
    Thomas Neuenschwander, am 26. August 2018 um 22:42 Uhr
    Danke für diesen Vieles richtig stellenden Artikel.
    Urs Sprecher, am 27. August 2018 um 11:32 Uhr
    @ Thomas Neuenschwander,
    es bleibt nun mal uns überlassen, ob wir die Wahrheit mögen, oder mit in die Kriegstreiberei eintreten MfG
    Werner Kämtner
    Werner Kämtner, am 27. August 2018 um 14:23 Uhr
    Auch Mc Kain steht stellvertretend für die US-Machtpolitik, die sich bei Interessen- und Machtfragen über alle ethischen und demokratischen Regeln hinwegsetzen kann. Wer glaubt, das hätte etwa für Obama nicht gegolten, macht sich was vor. Dass dies möglich ist, sind Fehler in der US-Verfassung und dem Präsidialsystem. Alle US-Präsidenten, die wir kennen, haben Macht missbraucht, persönlich und als Amtspersonen. Ohne Verfassungsänderung wird das so bleiben. Ein Kongress, der eine solche anstrebt, ist zur Zeit unwahrscheinlich. «Eine Demokratie ist dann gut genug, wenn die herrschende Macht ohne Blutvergiessen abgesetzt werden kann» (Karl Popper). Die USA setzen herrschend Macht ab, wenn sie nicht passt, mit oder ohne Blutvergiessen, selbst im eigenen Land. Siehe die Kennedy-Geschichte.
    Walter Schenk, am 27. August 2018 um 15:10 Uhr
    Wer 9/11 kritisch hinterfagen möchte, sollte sich vorerst an die Ereingisse, die man sieht und an die physikalische Gesetzte halten. Bürobrand verursacht 650°C max., Stahl schmilzt erst ab ca. 1700°C. Aber fast alles ist geschmolzen oder weggeblasen. Flugzeugtrümmer waren beim Pentagon und auch bei Shankville keine zu sehen. Alle Videos wurden beschlagnahmt, man braucht diese doch für die Aufklärung, die eben verhindert werden soll, weil vieles vertuscht werden soll. Die Passagiere der entführten 4 Flugzeuge wurden nie vermisst, die Care-Teams an den Zielflughäfen sind unverrichteter Dinge wieder abgezogen – keine Angehörigen haben sich gemeldet! So könnte man noch viele weitere relevante Unstimmigkeiten aufzählen. Wäre die Geburt des neuen Feindes, Terror, nicht ein Mittel für die Durchsetzung der sog. inneren und äusseren Sicherheit in zahlreichen Ländern und die Legitimation für weitere Kriege, die sehr lange dauern werden, wie es uns G.W. Bush «versprochen» hat. Wir sind mitten drin und merken es nicht.
    Robert Droux, am 27. August 2018 um 18:45 Uhr
    Wie wahr. Die Lobreden auf John McCain sind verfehlt, denn an seinen Händen klebt buchstäblich das Blut der von seinen Bomben getöteten Vietnamesen, die er als Bomberpilot im Vietnamkrieg zu verantworten hat. Er wurde abgeschossen und verbrachte dann 5 Jahre in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft. Gelernt hat er aber daraus nichts, er blieb weiterhin ein Kriegsbefürworter.
    Alois Amrein, am 27. August 2018 um 19:13 Uhr
    McCain war das Gegenteil eines angeblichen Kriegshelden. Zu Beginn seiner Armee-Karriere hatte er auf dem Flugzeugträger USS Forrestal einen Brand verursacht. Bei den Löscharbeiten kamen unzählige Soldaten um, er selbst hatte sich in Sicherheit gebracht. Dank der schützenden Hand seines einflussreichen Vaters, einem Navy-Admiral, tat dies seiner Karriere keinen Abbruch. Später wurde er in seinem Einsatz in Vietnam beim kriegsverbrecherischen Bombardieren eines Wasserwerks in Hanoi abgeschossen. Während der gut 5 Jahre dauernden Gefangenschaft genoss er eine privilegierte Behandlung und kooperierte mit den Vietnamesen (Google Suchbegriff: mccain, privileged war hero). Später behauptete er dann, er sei gefoltert worden. Dank seiner zweiten Heirat schaffte er es, zum einflussreichen US-Geldadel vorzudringen, und er konnte sich als einflussreicher Politiker profilieren. Für McCain (Abby Martin: «McCain, du rassistischer Drecksack") wehten nun in den USA die Fahnen auf Halbmast, allerdings ohne Trumps Segen.
    Kaspar Trümpy, am 27. August 2018 um 20:19 Uhr
    @T. Neuenschwander
    Natürlich ging es um die Ukraine - aber eben darum, dass sich die Ukraine von Russland abwendet und nach dem Westen (EU / NATO) ausrichtet. Es ging daher in McCains Rede sehr wohl gegen Russland!! Mittlerweile sind Waffen- und Geldlieferungen des Westens an die Aufständischen in der Ukraine nachgewiesen. Diese klandestinen Interventionen haben insofern ihr Ziel erreicht, als die Region destabilisiert und die Ukraine dem Einflussbereich Russlands weitgehend entzogen ist.
    Arnold Fröhlich, am 27. August 2018 um 22:45 Uhr
    @Arnold Fröhlich: Nochmals, die Analogie mit den Massenprotesten vor dem Weissen Haus passt so nicht. Weil eben die Proteste nicht in Russland stattfanden! Dass die Demonstrationen und die Rede von McCain in der Ukraine den Russan nicht gefallen haben, ist klar. Nur ist die Ukraine ein souveränes Land.
    Thomas Neuenschwander, am 28. August 2018 um 22:25 Uhr

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