Die Griechen werden geopfert

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Philipp Löpfe / 01. Jul 2015 - Der kompromisslose Kurs Deutschlands soll vertuschen: Merkels Rechnung ist nicht aufgegangen, rund 70 Milliarden Euro sind futsch.

Fast über Nacht hat sich in Europa ein neuer Konsens herausgebildet. Er lautet wie folgt: Die Austeritätspolitik war ein Erfolg. Spanien, Portugal und Irland befinden sich auf einem guten Weg. Nur die störrischen und heimtückischen Griechen wollen einfach nicht mitziehen. Deshalb gehörten Tsipras, Varoufakis & Co. in den Worten des ARD-Brüssel-Korrespondenten Rolf-Dieter Krause «zum Teufel gejagt».

Wer das Geschehen in Euroland nicht erst seit 14 Tagen beobachtet, reibt sich verwundert die Augen: Noch im Frühjahr hat es ganz anders getönt. Da hat sich die deutsche Bundesbank mit Händen und Füssen gegen die Geldpolitik von Mario Draghi und die Europäische Zentralbank (EZB) gewehrt. Da wurde lauthals darüber geklagt, dass Frankreich einmal mehr die Kriterien der jährlichen Neuverschuldung nicht einhalten und Italien keine Reformen durchführen kann.

Nun ist plötzlich Ruhe im Karton. Obwohl François Hollande seinen Wahlkampf um das Präsidentenamt gegen die deutsche Austeritätspolitik geführt hat, herrscht aus Paris Funkstille. Auch Rom verhält sich still.

Die Rosskur hat nicht geholfen

Die Reihen haben sich geschlossen: An Griechenland muss ein Exempel statuiert werden. Dass dabei der ökonomische Verstand baden geht, spielt keine Rolle. «Die immer neuen Deadlines haben nur einen Zweck: Die Griechen dazu zwingen, das Nicht-Akzeptable zu akzeptieren», stellt dazu der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz fest.

Die Griechen haben Mist gebaut und über ihre Verhältnisse gelebt, kein Zweifel. Doch sie haben dafür bereits jetzt einen hohen Preis bezahlt. Unter dem Diktat der Troika haben sie harte Sparmassnahmen durchgeführt und dabei hinnehmen müssen, dass ihr Bruttoinlandprodukt um einen Viertel eingebrochen und die Arbeitslosigkeit gegen 30 Prozent gestiegen ist. Kein anderes Land hat eine solche Rosskur durchgeführt.

Diese Politik weiterzuführen, wäre Irrsinn, denn sie hat nicht zu einer Verminderung der Staatsschulden geführt. Im Gegenteil: Griechenland hat heute Schulden in der Höhe von rund 320 Milliarden Euro. «Und wir müssen begreifen, dass ein Teil der griechischen Schulden gestrichen werden muss. Dieses Geld wird niemals zurückfliessen», wie Helmut Schmidt in der «Zeit» schreibt.

Schuldenschnitt und Mini-Marshallplan

Der hoch angesehene Ex-Bundeskanzler sagt auch klar, welcher Weg aus der Krise führen würde: «Was wir in der gegenwärtigen Situation am dringendsten brauchen, ist ein europäisches Investitionsprogramm in zweistelliger Milliardenhöhe.» Mit anderen Worten: Griechenland kann nur mit einem Schuldenschnitt und einem Mini-Marshallplan wieder auf die Beine kommen.

In seinem Buch «Der globale Minotaurus» kommt Yanis Varoufakis zu ähnlichen Schlüssen. Er analysiert darin die Entwicklung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Und übrigens: Varoufakis ist ein anerkannter Wissenschaftler, der an mehreren Universitäten – unter anderem in Cambridge – gelehrt hat.

Er denkt in der angelsächsischen Tradition der Ökonomie. Diese unterscheidet strikt zwischen Betriebs- und Volkswirtschaft. Will heissen: Länder verhalten sich wirtschaftlich nach anderen Gesetzmässigkeiten als Unternehmen. Eurozone und die USA befinden sich nicht in einem Wettbewerb um Marktanteile wie beispielsweise Coca-Cola und Pepsi. Das Gesetz des komparativen Wettbewerbsvorteils besagt vielmehr, dass Handel zwischen den Länder zu mehr Wohlstand für alle führt.

Zerstörerischer Exportwahn der Deutschen

Der komparative Wettbewerbsvorteil funktioniert jedoch nur dann, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden. Die wichtigste dieser Regeln ist, dass kein Land dauerhaft massive Exportüberschüsse zulasten der anderen Ländern erwirtschaften darf. Genau dies macht Deutschland, und zwar in wachsendem Ausmass.

Der Exportwahn der Deutschen geht zulasten der anderen Mitglieder der Eurozone. Insgesamt sind in Euroland seit der Krise mehr als sechs Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. In Deutschland sind jedoch rund 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden.

Für Varoufakis ist klar, dass diese wirtschaftlichen Ungleichgewichte auch zu einer politischen Gefahr werden müssen. Er stellt deshalb fest, dass die wichtigste Ursache der Krise übersehen wird: «Das Fehlen eines Mechanismus für das Recycling von Überschüssen innerhalb der Eurozone.»

Mit dieser These ist Varoufakis kein Exot, im Gegenteil, er befindet sich im Mainstream. Ob IWF, US-Regierung oder Harvard: Heerscharen von Ökonomen – nicht wenige mit dem Nobelpreis geadelt – beknien Deutschland seit Jahren, von ihrem Exportwahn zu lassen.

In der angelsächsischen Presse wird deshalb Tsipras und Varoufakis viel mehr Verständnis entgegengebracht als in der deutschen. In der «New York Times» richtet der redaktionelle Kommentar einen Appell an die Eurozone und den IWF, den Griechen endlich eine faire Chance einzuräumen und die Schuldscheine zu zerreissen. Der Kolumnist Paul Krugman – er hat für seine Arbeiten über den komparativen Vorteil den Nobelpreis erhalten – fordert die Griechen auf, Nein zu stimmen.

In der «Financial Times» wirft Gideon Rachman, zuständig für die Geopolitik, der EU unverantwortliches Handeln vor. Er schreibt: «Indem sie Griechenland und andere EU-Länder in ein gescheitertes wirtschaftliches Experiment sperrt – den Euro – zerstört die EU derzeit mutwillig Wohlstand, Stabilität und die europäische Solidarität.»

Merkels fataler Fehler

Warum sind die Deutschen trotzdem nicht bereit nachzugeben? Das hat zwei Gründe. Zum einen hat die Kanzlerin im Mai 2010 einen fatalen Fehler gemacht. Anstatt auf die Ökonomen zu hören, die ihr schon damals zu einem raschen Schuldenschnitt für Griechenland geraten haben, hat sie den Griechen ein Hilfspaket gewährt und gleichzeitig ihren Wählern versprochen, das Geld würde auf Heller und Pfennig zurückbezahlt werden.

Mit anderen Worten: Angela Merkel hat getreu der Devise der schwäbischen Hausfrau gehandelt. Die Griechen werden jetzt ihr Haus in Ordnung bringen, und alles wird gut. Ein Detail hat sie dabei unterschlagen: Die Hilfe ist keineswegs den Griechen zugute gekommen. Das Geld wurde nicht in griechische Strassen oder Unternehmen investiert. Es wurde fast vollkommen dazu verwendet, die Banken zu befriedigen. Anders ausgedrückt: Aus privaten Schulden wurden öffentliche Schulden.

Merkels Rechnung ist nicht aufgegangen. Die unter der Fuchtel der Troika durchgesetzte Austeritätspolitik war ein Desaster. Das Haus wurde nicht in Ordnung gebracht. Im Gegenteil: Griechenland wurde erst Recht zum Chaoten. Auch die Geldpolitik der EZB konnte daran nichts ändern. Die Kanzlerin steht daher vor einem Scherbenhaufen: Sie müsste eingestehen, dass sie rund 70 Milliarden Euro sinnlos verbraten hat.

Der zweite Grund liegt im Wesen des Ordoliberalismus. Anders als die Angelsachsen akzeptiert die Mehrheit der deutschen Ökonomen die Trennung von Betriebs- und Volkswirtschaft nicht. Sie können daher auch nichts Schlimmes darin erkennen, dass die deutschen Exporte Jahr für Jahr zunehmen. Darin sehen sie einzig den Erfolg der Reformen, die mit der Agenda 2010 durchgeführt worden sind. Deshalb wiederholen sie gebetsmühlenartig: Macht ebenfalls ein solches Fitnessprogramm – und alles wird gut.

Über ihre Exporterfolge lassen die Deutschen – mit Ausnahme von wenigen besonnenen Leuten wie Helmut Schmidt – nicht mit sich reden. Sie sind ihnen noch heiliger als der Fussballweltmeister-Titel. Varoufakis hingegen stellt genau diese Export-fixierte Politik in Frage und verstösst damit gegen ein Tabu. Dafür muss er nun büssen.

Weitere Konflikte sind absehbar

So wie es aussieht, werden sich Merkel und Schäuble wohl durchsetzen. Es könnte sich allerdings um einen Pyrrhus-Sieg handeln. Mit einem Grexit würde man zwar die widerborstigen Griechen los. Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in Europa hingegen bleiben.

Deshalb sind weitere Konflikte absehbar. Ob die Spanier angesichts einer Arbeitslosenquote von deutlich über 20 Prozent noch lange das Gefühl haben werden, tatsächlich auf einem guten Weg zu sein, wird sich spätestens bei den Wahlen im September zeigen. In Italien ist die EU-kritische «Fünf-Sterne»-Bewegung weiter auf dem Vormarsch. Und dass Frankreich auch nächstes Jahr die Maastricht-Kriterien nicht erfüllen wird, darauf können Sie jetzt schon viel Geld wetten.

Kommt dazu, dass Deutschland mit seinem kompromisslosen Kurs gegen Griechenland alte Wunden aufreisst, Wunden, die noch lange nicht verheilt sind. Oder wie Helmut Schmidt sich ausdrückt: «Die Deutschen haben noch für viele Generationen Auschwitz im Gepäck.»

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Dieser Beitrag ist auf watson.ch erschienen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Philipp Löpfe war früher stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «Cash» und Chefredaktor des «Tages-Anzeiger». Heute ist er Wirtschaftsredaktor von «Watson.ch».

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19 Meinungen

Was heisst da, Herr Loepfe, «Mini-Marshallplan"? Die Marshall-Hilfe, bestehend aus Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren betrug 5,2 % des deutschen Bruttosozialproduktes von 1952, die bisherigen Kredithilfen an Griechenland - Realhilfen an die sozial Schwachen wären vielleicht besser gewesen - machten 185% der Wirtschaftsleistung aus, also bereits 36 Marshall-Pläne! Genau so wie der zum Teil enorme Schaden, der mit der Entwicklungshilfe an die heutigen «Flüchtlingsländer» in diversen Ländern angerichtet wurde, was auch dem Afrikakenner und IS-Mitarbeiter Al Imfeld dann und wann aufgefallen ist. Und ideologiegemäss möchte Schröder wieder mal 20 Milliarden «Geld anderer Leute» verteilen. Mit Auschwitz muss da nun wirklich keiner kommen, wobei immerhin die jüdischen Ueberlebenden mit dem Geld in der Regel was anfangen konnten, eine Bekannte von mir hat davon sogar als deutsch-jüdische Studentin seinerzeit einen Porsche gekauft. So gut geht es den Griechen leider nicht. Sicher ist, dass die vielen hundert Milliarden dem Land mehr geschadet als genützt haben, wobei objektiv die Frage zu stellen ist, wer bei solchen Geschichten eigentlich ausgenützt wird. Selbstverständlich sind Alkoholiker und Drögeler und Leute, die mit Geld nicht umgehen können, immer auch Opfer, da haben Sie wohl recht.

PS. Dass Infosperberpublizisten gelegentlich am IWF Kritik übten, war wohl nicht in jeder Hinsicht daneben. «Gut gemeint» war nie eine ökonomische Qualifikation.
Pirmin Meier, am 01. Juli 2015 um 12:20 Uhr
Mir platzt bald der Kragen … !

… „Was wir in der gegenwärtigen Situation am dringendsten brauchen, ist ein europäisches Investitionsprogramm in zweistelliger Milliardenhöhe.» Mit anderen Worten: Griechenland kann nur mit einem Schuldenschnitt und einem Mini-Marshallplan wieder auf die Beine kommen „ ...

Das sagt der prominenteste deutsche Sozialdemokrat H. Schmidt.

Unglaublich ! … wir reden hier nicht über ein Drittweltland, nein über eines, (bis zur erschlichene Einführung des Euros, dies schon Grund genug um das misstrauen hoch zu halten), wohlhabendes, modernes, stabiles europäisches Land !
Wenn das nicht eine Schade ist, dann weiss ich nicht wie man dies sonst noch bezeichnen sollte.

Und Fazit daraus: Zocker sollen weiterhin Geld (ohne jegliche Garantie), zum „weiter Zocken“ bekommen sonst … fällt halt das fehlkonstrukt Europa auseinander !
Ein schönes Signal an alle (dumme) Staaten die sich an die Spielregeln halten / hielten.
Also Leute lebt auf breitem Fuss, ignoriert alle Vereinbarungen und Verpflichtungen, schmeisst mit Geld um euch, jemand springt dann schon helfend ein wenn’s schief geht !

Eben, wie gesagt … unglaublich !!!
Frau Carmey Bruderer, am 01. Juli 2015 um 14:31 Uhr
"STRASSBURG (dpa-AFX) - Das geplante Referendum in Griechenland erfüllt nach Ansicht des Europarats nicht die üblichen internationalen Standards. Es sei problematisch, dass die Abstimmung so kurzfristig angesetzt worden sei, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Dies lasse den Stimmberechtigten zu wenig Zeit, sich richtig zu informieren. Zudem sei die Frage nicht sehr klar formuliert.» Diese Auffassung vertrat ich übrigens in infosperberforen seit Ankündigung des sog. Referendums. Der Europarat ist übrigens keine Institution der Europäischen Union. Zu seinen vergleichsweise hochqualifizierten Mitgliedern gehörte der Schweizer Politiker Andy Gross.
Pirmin Meier, am 01. Juli 2015 um 20:26 Uhr
Ich bitte Sie, in www.tagesanzeiger.ch das Interview mit dem griechischen Professor Ioannis Zelepos zu lesen, warum es ihm und unzähligen anderen Griechen gar nicht möglich ist zu stimmen. Und natürlich kennt er Griechenland besser als Stieglitz, Gysi und andere Ideologen. Er kann aber nicht stimmen, weil dies nur je in seiner Heimatinsel möglich wäre, in die zu reisen ihm beruflich derzeit nicht möglich ist. Usw.
Pirmin Meier, am 01. Juli 2015 um 21:15 Uhr
@Meier. Sie sollten die Bundestagsdebatte anhören und insbesondere die letzten Minuten der Intervention Gabriels überdenken.

Ob man in Athen mitstimmen kann ist vielleicht weniger relevant als die eigentliche Fragestellung ? Da geht es doch immerhin um die Überlebensfrage !

Warum haben Sie auf die Metapher von Alexander keine Antwort gefunden ? Der war doch auch so etwas wie ein Grieche. Damals gab es allerdings Europa erst in der Form einer Kuh, welche aus unerfindlichen Gründen, möglicherweise von Schleppern eingebracht, aus den Wassern des östlichen Mittelmeeres auftauchte.
Josef Hunkeler, am 01. Juli 2015 um 21:32 Uhr
Ich sage es ihnen wie es aussieht. Wir haben es hier, mit einer «Abwegige & Seltsame» Mentalität zu tun. Kaum war der Euro 2002 in Ellas eingeführt, kam irgend einer (oder alle ?) zur krumme Idee dass es von nun an permanent „Manna vom Himmel“ regnen wird.
„Saus und braus“ war von da an die Devise, es wurde auf pump gebaut, gekauft, gegessen, getrunken, verteilt (höhere Renten, die höchsten in der EU, früh Pensionierungen schon ab 53 gefeiert, usw.), der Beamten Apparat (ohne aufgaben Nota bene), wurde künstlich aufgebläht, diese Leute wieder früh verrentet, usw. … und «gezahlt» hat das alles die EU.
Nun ist das Geld alle, (immerhin hat man es auf stolze 320 Milliarden gebracht (das soll doch einer nachmachen !), das grosse erwachen ist auch da, wie auch die Rechnung.
Nun sucht man mit allen erlaubte und unerlaubte Tricks und Strategien sich so billig wie möglich und ohne etwas tun zu müssen … sich aus der Affäre zu ziehen.

Um Mitleid zu erzeugen zeigen die Medien auf allen TV Kanäle die arme Rentner (hat es denn auch noch andere Leute in Griechenland ?), die welkes Gemüse nach markt Schluss vom Boden auflesen oder beim bereits seit Stunden geleerten Bank Automat noch Schlange stehen.
Zu Hause aber unter der Matratze hortet das clevere Volk (man hat es ausgerechnet), Ca. 30 Milliarden Euro !

Wenn alle Staaten sich so benommen hätten, was wäre dann Heute aus Europa geworden ?
Frau Carmey Bruderer, am 02. Juli 2015 um 01:36 Uhr
"Stimmt er am Sonntag ab?» Wurde ein entlassener griechischer Banker, er verdiente keine 20 000 Euro jährlich, von einem Schweizer Journalisten gefragt. Sagt er «Ja» zu neuen Sparmassnahmen? Oder «Nein» – und somit Ja zum Euro-Ausstieg? «Diese Abstimmung ist bedeutungslos», sagte er. «Die Politiker werden jedes Resultat so auslegen, dass sie ungestraft weiterwursteln können.» Selber wird er nun dank Personenfreizügigkeit in der Schweiz Stelle suchen, was angesichts der griechischen Kunden nicht aussichtslos sein muss, wiewohl auch bei uns Entlassungsdruck herrscht. Klar ist, dass nicht nur der Druck auf den Franken, auch Einwanderungsdruck massiv zunehmen wird unbeschadet der Masseneinwanderungsinitiative, deren Durchsetzung kaum zur Debatte steht.

@Hunkeler. Ich orientiere mich nicht durch das Fernsehen. Dass Sigmar Gabriel noch ein recht glaubwürdiger Politiker ist, müssen Sie mir nicht extra erklären. So wenig wie dass man mit Kommunisten zwar über Philosophie noch gut diskutieren kann, sicher aber nicht über Oekonomie, hier liegt ein Rückstand von 170 Jahren vor und ein unendlicher Schaden für die Menschheit. @Frau Bruderer, selbst wenn Sie die Sachen vielleicht etwas einfach erklären, ist zumindest Ihre Perspektive wohl richtig.

PS. Am Konzil von Konstanz 1415 wurde die griechische Delegation noch ernster genommen als im heutigen Europa, damals kluge besonnene Leute!
Pirmin Meier, am 02. Juli 2015 um 06:57 Uhr
@Bruderer. Ich wollte Sie mit dem «Z"-Wort keineswegs beleidigen, wie das offenbar Herr Meier glaubt. Schliesslich haben Sie sich ja vor ein paar Wochen selbst so in eine Diskussion eingebracht.

Was die inhaltliche Diskussion betrifft, wird es wohl genügen, die nächste Woche abzuwarten. Ich stelle bloss fest, dass das Vokabular in der deutschsprachigen Presse seit etwa einem Monat stark verhärtet wurde und unschöne «beleidigende» (?) Kommentare von Herrn Djisselblom bis Frau Lagarde offenbar zum diplomatischen Stil in der EU hochgeschaukelt wurden.

Tatsache ist, dass diese Krise nicht von Tsipras und Co gemacht wurde, aber auch, dass die Vorgehensweise dieser Regierung nur bedingt den Gepflogenheiten der EU-Funktionäre entspricht.

Tatsache ist aber auch, dass diese Krise mit den Vorschlägen der EU/IWF nicht gelöst werden kann.

Ob die Delegierten am Konzil von Konstanz über eine entsprechende demokratische Legitimierung verfügten, entzieht sich meines Wissens. Man könnte ja vielleicht auch den Patriarchen von Athen oder die Mönche von Athos nach Brüssel zitieren, um die notwendigen Steuermittel aufzutreiben.
Josef Hunkeler, am 02. Juli 2015 um 08:54 Uhr
Die Frage nach der demokratischen Legitimation von Konzilsunterhändler Manuel Chrysoloras, der übrigens in Konstanz verstarb, der wohl gebildetste Grieche vor der türkischen Unterjochung, ist für das Jahr 1415 wirklich daneben, diese Art Legitimation existierte damals selbst als Fragestellung noch nicht. Es war aber vor dem Wiener Kongress (1851) und dem Kongress in Westfalen (1648) die wohl wichtigste internationale Versammlung mit legitimem Ziel einer internationalen Ordnung. (Beim Wiener Kongress wahr das Niveau vielleicht höher als heute in der EU, wo ebenfalls Demokratiedefizit herrscht.) Sicher scheint, dass Chrysoloras die Reise nach Konstanz nicht auf Pump machte. Die dringende Frage der demokratischen Legitimation betrifft die EU-Behörden einschliesslich der Gerichtshöfe und selbstverständlich auch Zsypras` Abstimmung ohne stimmende Struktur, also im Putin-Stil. Die Krise kann gar nicht gelöst werden, es genügt die Einstellung weiterer Zahlungen und die Einstellung der Ausbeutung Unbeteiligter. Es stimmt auch nicht, wie Constantin Seibt schreibt heute im Tagi, dass bei der EU nur nach «Austerity» gehandelt und alles zu Tode gespart werde. Dass fast niemand mit Geld zurechnungsfähig umgehen kann bleibt einer der wichtigsten Gründe, warum die Schweiz draussen bleiben muss. Bei uns gelten immerhin schon «nur» 500 Millionen Defizit mit Recht als viel und unverantwortlich, wer 500-Milliarden-Schuldenschneebälle zulässt, ist und bleibt wohl nicht verantwortungsfähig.
Pirmin Meier, am 02. Juli 2015 um 09:27 Uhr
PS. Der Wiener Kongress war natürlich 1815, 1851 war Verschreiber. Meisterdiplomat Talleyrand holte für Verlierernation FR das Maximum heraus, er war klar fähiger als Zsipras.
Pirmin Meier, am 02. Juli 2015 um 09:29 Uhr
Im Gegensatz zu Frankreich 1815 ist Griechenland 2015 offenbar nicht gross genug «not to fail». Hellas-Bashing ist gegenwärtig offenbar ziemlich risikofrei.

Aber vielleicht sollten sich die Griechen effektiv am damaligen Frankreich orientieren und den Nachfolger von Chrysolaras nach Brüssel schicken. Der müsste wohl auch nicht zwingend auf Pump reisen müssen.

Vgl. zu diesem Thema auch
https://de.wikipedia.org/wiki/Kostas_Karamanlis
Josef Hunkeler, am 02. Juli 2015 um 10:06 Uhr
@Pirmin Meier

Manchmal muss man die dinge doch aufs wesentliche „reduzieren“, denn sonst verzettelt man sich nur in den Details.
@ Josef Hunkeler
Bin keineswegs beleidigt, etwas Zickig zu sein gehört zu meiner Art denken.

Die Griechische Tragödie

Wenn die Angelegenheit nicht so ernst wäre könnte man belustigt dem treiben zuschauen, mitfiebern und raten „welcher Zug“ als nächster kommt, wer die Nase wieder vorn hat. Diese unnötige Abstimmung ist wieder so ein Zug, ein Teil davon um wieder Zeit zu gewinnen. Und es wirkt !
Brüssel zeigt dauernd milde und erneute bereitschaft zu Hilfe.
Unbestritten ist aber dass die beide Jungs schlaue (moderne) Kerle sind die vermutlich ein neuer Wind in die Politik einbringen wollten, dies aber (eventuell aus Verzweiflung ?) mit nicht ganz redliche mitteln zu tun versuchen.
Unbestritten ist auch dass Griechenland mit den tausenden von Inseln nicht einfach zu regieren ist. Jeder ist im fernen Kos, Simi oder Patmos sein eigener Herr. Athen ist weit weg und verlangt dummerweise Steuern. Auf diesen Inseln fragt man sich indes „für was“ soll man Geld nach Athen senden … und tut es daher auch nicht.
Auch die viele Beamten vor ort sind teil der Strategie, eingetrieben für Athen wird nichts. Ausnahmen gibt es immer.

Und so kommt es dass andere (die in Brüssel in der Zwickmühle sitzen), denen weiter unter die Arme greifen müssen.
Ich sage aber: Zu unrecht, raus aus dem Euro und basta, das wäre das beste !
Frau Carmey Bruderer, am 02. Juli 2015 um 10:55 Uhr
@Bruderer. Besten Dank für Ihre Stellungnahme. Ich wäre schon fast auf der schwarzen Liste des Infosperbers gelandet.

Was die Analyse der griechischen Verhandlungstaktik betrifft, sehen wir die Welt wohl ziemlich aus demselben Winkel.

Andererseits glaube ich aber auch, dass im internationalen Finanzcasino nicht nur die Spieler alle Lasten tragen sollten, sondern dass auch diejenigen, welche diese Spieler mit z.T. unlauteren Mitteln in den Ruin treiben, einen Teil der Kosten tragen sollten.

Meine Erfahrung zeigt, dass insbesondere der IWF Medizin verschreibt, welche keiner der Hauptaktionäre je selber schlucken würde. Wenn man nach der Behandlung kränker als zuvor ist, scheint es legitim, den Arzt zu wechseln.

Die Griechen haben die Reputation sehr gewiefte Unterhändler zu sein. Dazu haben die meisten dieser Leute auch Erfahrungen aus US-business-schools und dürften im Euro-Pocker nur schwer hinter's Licht zu führen sein. Wenn sich diese Leute also «naiv» oder «kindisch» benehmen, so dürfte das Methode haben. Das könnte auch der Steuerparadies Experte Junker wissen.

Von wegen Abzocke. Die Steuerparadiese Irland, Malta, britische Inseln ... leben ja auch etwas von der Gunst Brüsselscher Toleranz und dass die Queen der grösste Subventionsempfänger der für Frankreich erfundenen Landwirtschaftssubventionen sein soll, gehört auch irgendwie in dieses Kapitel.
Josef Hunkeler, am 02. Juli 2015 um 11:15 Uhr
@Josef Hunkeler. Wenn «sich kindisch benehmen» Teil des Verhandlungspokers ist, ergänzte dazu der Komikerklassiker Karl Valentin: «Unter dem Vorwand, ein Schwein zu sein, benahm er sich wie ein Schwein.» Aber im Ernst, glaube unterdessen von Ihnen besser verstanden worden zu sein: Wenn ich an einen grossen griechischen Unterhändler in Konstanz 1415 erinnere und an Talleyrand 1815 im Wiener Kongress, geht es nicht um Bildungsblüten, sondern um ein alternatives und langfristiges Bekenntnis zu Europa, zu dem Griechenland gehört, einschliesslich des Namens, der auch aus dem Griechischen stammt. Was in letzter Zeit abläuft, ist vielfach massivste Unterschreitung von Standards, wie sie sich doch dann und wann angedeutet haben. Es stimmt tatsächlich, dass Talleyrand und Machiavelli (ganz anders als sein Ruf) von Politik wirklich was verstanden haben. Zur Entlastung der heutigen Schwätzerkultur muss man allerdings die moderne Mediengesellschaft mit einbedenken, die stets sofortige Stellungnahmen erwartet. Dass Königin Elizabeth II. seit 1951 noch nie ein Presseinterview gegeben hat, nötigt einem unterdessen Achtung ab, wiewohl natürlich ein Premier offensiver kommunizieren muss.

PS. Noch an @Löpfe: Glaube nicht, dass Sie in letzter Zeit den Originaltext von «Weg zur Knechtschaft» von Hayek gelesen haben, wo es um den Etatismus ging, u.a. bei Kommunismus, NS u. Faschismus, mit Versuchungen im heute, übersetzt von Eva Röpke. Hayeks Liberalismus hatte durchaus eine ethische Grundlage.
Pirmin Meier, am 02. Juli 2015 um 11:54 Uhr
@ Josef Hunkeler

... Eher lande ich auf den Index !
Unter uns gesagt ein Paar meiner Post wurden schon «schwuppsediwupp» von der Redaktion gelöscht. Vielleicht doch zu Recht, ... manchmal habe ich meine Schnauze nicht ganz im griff.
Zum Rest des Textes gebe ich ihnen zu 100 % recht. Es ist so wie sie sagen. Wenn wir nicht aufpassen, (und das tun die wenigsten), verfallen wir sehr schnell den Versuchungen und sitzen in irgend einer Schuldenfalle, und ein anderer (meist Bank, Investor, Spekulant), haben den Profit.
Die Systeme sind halt Heute so aufgestellt.
Ich für mich habe es gelernt „mich da raus zu halten“, … z.B. nur so viel auszugeben wie es in der Kasse hat … es ist aber verdammt schwer !
Frau Carmey Bruderer, am 02. Juli 2015 um 14:27 Uhr
Der Exportwahn der Deutschen (die Schweizer sind da ähnlich) ist ein Problem, das ist schon so. Man müsste aber auch klar sagen, dass dieser Exportwahn nur eine Spielform eines allgemeinen Wachstumswahns ist. Wachstum um jeden Preis, auch wenn wir selbst all das Zeugs, das wir produzieren, gar nicht mehr selbst konsumieren können.

Es kann aber unmöglich die Lösung sein, nun einfach noch mehr überflüssigen Mist zu konsumieren, bloss damit die Produktionsseite auf vollen Touren laufen kann. Also muss der Verzicht auf ständige Exportüberschüsse durch einen Verzicht auf ständiges Wirtschaftswachstum realisiert werden. Die Mainstream-Ökonomie hat noch keine Ahnung, wie das gehen könnte. Es wäre höchste Zeit, die Denkanstrengungen in diese Richtung zu lenken!
Daniel Heierli, am 02. Juli 2015 um 15:19 Uhr
@Heierli

schön, dass sie zum Artikel von @Löpfe zurückführen. Es macht heute (unbesehen vom Ferienanfang im Kt. Bern) Sinn, vom Gchär um die -zig oder -dert aufgeworfenen Milliarden der EU «für» Griechenland zurückzutreten, bzw. sie vielleicht als Preis für einen Ansatz zu der Exportüberschuss Regulation, wie sie @Löpfe beschreibt, zu betrachten. Das der nicht einfach sein kann, hängt in meiner Amateursicht damit zusammen, dass diese Überschüsse nicht skalar sind, sondern weitere Dimensionen habe, ich denk mal gerade an deren technologische «Stufe». Beispiel Schweiz: Unsere Leistungsbilanz mit Agrarprodukten auszugleichen liegt nun wirklich nicht mehr drin, es mit industrieller (Primär-)Produktion zu tun wird immer schwieriger, sog. Higtech, aktuell Produkte der 3. und 4. industriellen Revolutionsphase, da sehe ich Chancen. und in geeigneten mixed Cocktails! Zurück zum Allgemeinen: Wer will den Output unserer Denkfabriken steuern oder deren Export, so er in unserem Land anfällt? Was doch wohl nötig wäre, wollten wir den «Überschuss» (nun wieder als Skalar betrachtet) bei einer schwarzen Null, oder meinetwegen konstant halten? Welche ökonomische Disziplin spreche ich da als Amateur an? Referenzen willkommen!
Daniel Bürgi, am 02. Juli 2015 um 17:33 Uhr
@Heierli - Bürgi. Die Wachstumsdebatte muss geführt werden. Ansätze dazu gäbe es in brauchbaren Büchern von Infosperberredaktoren Gasche und Guggenbühl, wiewohl letzterer neulich mit dem Postulat 100% Erbschaftssteuer an seinem eigenen sonst vernünftigen Ruf geritzt hat. Sowas würde auch in Griechenland die Probleme nicht lösen. Auch können die gegen 400 Milliarden sinnloser Kredite für Griechenland, eine bankenbezogene Pseudo-Marhallhilfe ohne Effizienz, teuerungsbereinigt 36 Marshall-Pläne und noch dazu eine sinnlose informelle Reparationsleistung für den 2. Weltkrieg, nichts kompensieren und kein Problem lösen. Das Sinnlose muss als das Sinnlose bezeichnet werden, sonst ist keine Besserung möglich. Vom Output unserer Denkfabriken ist mir noch nichts aufgefallen. Einsteins wichtigste Forschungen, in Bern 1905, erfolgten in der Freizeit bei einem Arbeitspensum als Patentamtsbeamter von 48 Stunden ohne staatliche Forschungsinvestition.
Pirmin Meier, am 03. Juli 2015 um 11:35 Uhr
Der Irrsinn geht weiter, die Griechische „Spieler“ haben diese Partie gewonnen. Selbstbewusst machen sie sich auf den Weg nach Brüssel. Dort werden sie ja gar nicht erwartet aber macht nichts denn innert 48 Stunden wollen sie die Früchte dieser Pilgerfahrt nach Hause tragen …
Europa steht mit dem Rücken an der Wand. Wenn man Martin Schultz zuhört erfährt man seine totale Desorientierung. Die Türen stehen weiterhin offen … sagt der arme Mann, dies mit fast weinerliche Stimme.
Merkel wird alles tun damit „Europa mitsamt Euro“ … nicht scheitert. Als Verliererin will sie auf keinen Fall in die Geschichte eingehen.
Im Hintergrund ist dann nur ein bisschen Gebell hörbar. Gebissen wird in Brüssel nicht mehr, und die EZB wird spätestens Dienstag den Geld Hahn wieder aufdrehen im Namen der … „humanitäre Verpflichtungen gegenüber dem hungernden Griechischen Volk“ ….

Also ich muss schon sagen das Wort Demut ist bei denen da unten unbekannt. So wie es tönt sollten sich eher die 18 Euro Staaten, (die dummerweise geholfen haben, „tant pis pour eux“ …), schämen und gefälligst sofort entschuldigen für den angestellten Schlamassel.

Manchmal lohnt es sich Poker zu spielen wenn man es so gut beherrscht !

Irgendeiner lacht sich ins fäustlein … Wetten ?
Frau Carmey Bruderer, am 06. Juli 2015 um 00:56 Uhr

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