WellenbergNein

Wellenberg Nein: Die Atomaufsicht Ensi ignoriert den Volkswillen und zwei kritische Gutachten © srf

«Die Sicherheitsbehörden haben allesamt versagt»

Kurt Marti /  Zwei Experten üben harte Kritik an der Atomaufsicht Ensi und zweifeln an dessen Fähigkeiten zur Prüfung radioaktiver Lager.

«Die Nagra und das Ensi wussten in diesem Prozess nicht die Spreu vom Weizen zu trennen. Die KNE blieb auf halber Strecke stehen. Einzig externe, unabhängige Fachleute und Experten zeigten die Grenzen auf. Die Sicherheitsbehörden haben allesamt versagt!»

So lautet das vernichtende Urteil der beiden Experten Marcos Buser und Walter Wildi vor allem zur Arbeit des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), aber auch der Nationalen Genossenschaft zur Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) und der Kommission für nukleare Entsorgung (KNE; ab 2012 EGT) in Bezug auf die Standortsuche für ein radioaktives Lager im Wellenberg (siehe Link unten).

Die Meinung von Buser und Wildi hat Gewicht: Der Geologe und Nuklearexperte Buser war beispielsweise Mitglied der Eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit KNS (2008 – 2012) und der Genfer Geologieprofessor Wildi präsidierte die Eidgenössische Expertengruppe «Entsorgungskonzepte für radioaktive Abfälle» (1999 – 2001) und von 2002 bis 2007 die Eidgenössische Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen (KSA/ab 2007 KNS).

Ensi ignoriert Studien zweier Professoren

Das Nidwaldner Volk hatte mehrmals ein radioaktives Lager im Wellenberg bachab geschickt, letztmals im Jahr 2002. Überraschenderweise schlug die Nagra im Jahr 2011 den Wellenberg erneut als möglichen Standort vor, obwohl laut Buser und Wildi seither «keine neuen geologischen Felduntersuchungen» durchgeführt wurden. Rückendeckung bekam die Nagra von der Atomaufsicht Ensi, welche zwei kritische Gutachten von unabhängigen Experten in den Wind schlug und damit der Atomlobby zudiente.

Einer der beiden kritischen Experten war Jan Mosar, Geologieprofessor an der Universität Fribourg. Er veröffentlichte 2010 eine Studie zum Wellenberg und kam zu folgendem Schluss: « Es ist also schwierig oder sogar unmöglich, zum Standortgebiet Wellenberg genügend genaue Aussagen zur Geometrie der tektonischen Strukturen zu machen.» Dies habe zur Folge, «dass bei einer Gesamtbewertung der Standort wahrscheinlich als ungeeignet eingestuft werden müsste.» Mosars Folgerung standen laut Buser und Wildi «im Gegensatz zur bisherigen Annahme, dass die Erdbeben die vorgesehene Lagerzone unbehelligt lassen».

«Ein gesunder Kerl, auch wenn er tot ist»

Ein Jahr später liess das Ensi Mosars Kritik mit folgender Bewertung abblitzen: «Der Expertenbericht von Professor Mosar beschränkt sich auf die Aspekte Tektonik und Seismizität. Bei einer Gesamtbewertung der Eignung des Standortgebietes müssten aber alle im Sachplanverfahren SGT geforderten 13 sicherheitstechnischen Kriterien bewertet werden, was im vorliegenden Expertenbericht nicht erfolgte.»

Buser und Wildi kommentieren: «Zwar leidet der Patient an einem Herzstillstand, aber die Lungen, die Leber und die Nieren sind noch intakt; kurz, ein gesunder Kerl, auch wenn er bereits tot ist.» Dass eine Sicherheitsbewertung nicht so aussehen kann, ist offenbar keinem der zuständigen Geologen des ENSI in den Sinn gekommen. Selbst über die Einschätzungen der eigenen Expertenkommission KNE hätte das Ensi übergangen. Die KNE hatte den Wellenberg als «deutlich weniger geeignet» als die anderen Standortgebiete in der Nordschweiz eingestuft.

Auch Geophysik-Professor redet Klartext

Im Jahr 2014 bestätigte im Auftrag des Kantons Nidwalden ein weiterer unabhängiger Experte die Kritik von Mosar, nämlich Gerhard Jentzsch, Professor für Geophysik an der Universität Bonn. Aus Sicht der Tektonik sei der Wellenberg ein «ungünstiger Standort für die Lagerung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen». Dies habe zur Folge, «dass bei einer Gesamtbewertung der Standort wahrscheinlich als ungeeignet eingestuft werden müsste», sodass der Wellenberg «im Rahmen der Etappe 2 des Sachplanes Geologische Tiefenlager zurückgestellt beziehungsweise sogar ganz ausgeschlossen werden muss.»

Im März 2014 war vom Ensi nur die altbekannte Leier zu hören: Das Nidwaldner Gutachten beschränke sich Aspekte der Tektonik. Bei einer Gesamtbewertung seien «aber zwingend alle 13 sicherheitstechnischen Kriterien, die im Sachplan definiert wurden, zu bewerten».

Ensi als Fachinstanz «am falschen Platz»

Im Januar 2015 bröckelte der Beton: Die Nagra schwenkte auf die Kritik der beiden unabhängigen Experten ein und gab bekannt, dass der Wellenberg «zurückgestellt» werde und reichte die entsprechenden Vorschläge beim Ensi zur Prüfung ein. Buser und Wildi stellen das Ensi als Fachinstanz in Frage: «Denn, wer klare Ausschlusskriterien für die Sicherheit eines Tiefenlagers nicht zu identifizieren vermag, steht wohl am falschen Platz.»

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Geschäftsleiter, Redaktor und Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Zum Infosperber-Dossier:

Ensi

Atomaufsichtsbehörde Ensi

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi entscheidet darüber, ob AKWs noch sicher genug sind.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.