Donald Trump Xi Jinping USA China © Wikimedia Commons

Donald Trump zu Besuch in China, 2017, u.a. mit Xi Jinping

«Ein Glas ist schnell zerbrochen»

Peter G. Achten / 04. Okt 2018 - Sino-amerikanischer Handelskrieg: Neue Qualität seit Anfang Oktober. Wie lange wird er dauern? Wer profitiert? Wer verliert?

Nur drei Monate vor dem 40. Jahrestag des Beginns der chinesischen Wirtschaftsreform hat US-Präsident Trump die Schraube im Handelskrieg nochmals angezogen. Weitere chinesische Güter im Wert von 200 Milliarden Dollar werden mit Strafzöllen belegt. Peking konterte umgehend mit Strafzöllen auf amerikanische Importwaren im Werte von 60 Milliarden Dollar. Trump drohte zusätzlich, die verbleibenden chinesischen Waren im Wert von 260 Milliarden Dollar bald mit Strafzöllen zu belegen, falls China nicht einlenke.

Lehrbuch

Der Handelskrieg zwischen der weltweit grössten und zweitgrössten Volkswirtschaft wird Folgen haben, die allerdings schwer abzuschätzen sind. Zu Beginn der industriellen Revolution vor über zweihundert Jahren haben die Ökonomen Adam Smith und David Ricardo den freien Handel als Quelle des allgemeinen Wohlstandes beschrieben. Weniger Handel bedeutet so nach Lehrbuch etwa geringeres Produktivitätswachstum, weniger Wirtschaftsaktivitäten, verzerrte Preise, mehr Ineffizienz, geringere Nachfrage und Abnahme der Investitionen.

China verliert

Rein rechnerisch wird China beim Handelskrieg mit Amerika mehr leiden. So hat das Reich der Mitte im vergangenen Jahr Waren im Werte von 500 Milliarden Dollar nach Amerika exportiert, während die USA nur Waren im Werte von 130 Milliarden Dollar nach China sandte. Oder anders herum: Chinas Exporte nach den USA machten 19 Prozent aller chinesischen Exporte aus. Die amerikanischen Exporte nach China dagegen beliefen sich lediglich auf 8 Prozent. Obwohl China seit wenigen Jahren daran ist, sein Entwicklungsmodell zu verändern, weg von der Werkhalle der Welt hin zur nächsten Stufe der Wertschöpfung und hin zu Dienstleistungen und zu Konsum, spielt der Handel mit 20 Prozent des Brutto-Inlandprodukts noch immer eine überragende Rolle.

Gift

Es wird viele Verlierer geben, nicht zuletzt die Weltwirtschaft mit einem möglicherweise geringeren Wachstum. Die Unsicherheiten sind Gift für Neuinvestitionen. Doch China wird wegen der nach wie vor bestehenden Handelsabhängigkeit wohl mehr unter dem Konflikt leiden als Amerika. Doch auch in den USA gibt es Verlierer, zumal im Agrarsektor mit den Soya- und Weizenbauern im Mittleren Westen. Sie müssen jetzt neue Märkte suchen. Das allerdings wird schwierig, weil wegen des sino-amerikanischen Handelsdisputs die gut eingespielten und funktionierenden globalen Lieferketten zum Teil unterbrochen sind und restrukturiert werden müssen. Firmen weltweit und besonders in China werden gezwungen, zu diversifizieren und die Produktion zu verlagern, zum Beispiel von China nach Vietnam, Kambodscha, Indonesien, Bangla Desh, Pakistan oder Mexiko. Nicht aber in die USA. Chinesische Firmen wiederum, die bislang abhängig von amerikanischer IT-Technologie waren, werden sich nach neuen, billigeren Lieferanten umsehen. Mit andern Worten, es wird ein neuer asiatischer Handelsblock entstehen mit China und Indien im Mittelpunkt.

Pragmatisches Entwicklungsmodell

China wird sich unter Druck der Situation wie so oft pragmatisch anpassen und wohl die ins Stocken geratenen Wirtschaftsreformen neu lancieren. Rechtzeitig zum 40. Jahrestag des Beginns der Wirtschaftsreform nach dem sowjetisch geprägten Anfangsjahren (1949-58), dem Grossen Sprung nach vorn (1958-61) mit der katastrophalen Hungersnot und den Jahren des Chaos unter der von Mao entfachten Grossen Proletarischen Kulturrevolution (1966-76). Anfang Dezember 1978 nämlich hat der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping, damals für China und die Welt völlig überraschend, die Wirtschaftsreform mit einem pragmatischen Entwicklungsmodell ermöglicht. Es wurde zum erfolgreichsten Modell in der Geschichte der Menschheit.

Nicht nur Handelskrieg

Hinter dem Handelskrieg verbergen sich grössere, weitreichendere Konflikte. Nach US-Präsident Trump geht es derzeit nicht nur um den bilateralen Handel, sondern auch um Investitions-, Technologieaustausch und mehr: «China versucht, die amerikanische Wirtschaft zu unterminieren sowie unsere Interessen und unsere Werte anzugreifen». Chinas Staatsmedien wiederum unterstellen Trump seit einigen Monaten, wohl nicht ganz zu Unrecht, eine versteckte Agenda: Ziel der amerikanischen Handels- und Investitions-Restriktionen sei es, Chinas Fortschritt zu hemmen und Chinas globale Rolle zu verhindern.

Wendepunkt

Chinas Aussenminister Wang Yi brachte es Ende September an der UNO-Vollversammlung in New York auf den Punkt: «Ein Glas ist schnell zerbrochen, aber schwierig zu reparieren.» Die bilateralen Beziehungen mit den USA, so Wang, stünden an einem Wendepunkt. Washington müsse wählen, ob Peking Partner oder Rivale sei. An einem Empfang zum chinesischen Nationalfeiertag am 1. Oktober in Washington sagte Chinas Botschafter Cui Tiankai, die USA und China stünden vor einer «historischen Wahl»: «China hat seine Wahl bereits getroffen. Wir bekennen uns zu den Prinzipien ‹kein Konflikt›, ‹keine Konfrontation›, ‹gegenseitiger Respekt› und ‹Win-Win-Zusammenarbeit› mit den USA.

Pax Americana – Pax Sinica

Präsident Donald Trump wird – um nicht nur als schlitzohriger Deal-Maker, sondern auch als verantwortungsvoller Politiker in die Geschichte einzugehen – die seit dem II. Weltkrieg herrschende Pax Americana den neuen historischen Umständen einer wieder auflebenden Pax Sinica anpassen müssen. Ansonsten könnte der sino-amerikanische Handelskrieg noch zwanzig Jahre dauern, wie Jack Ma Yun, der Vorsitzende der mächtigen Alibaba Group Holding, voraussagt. Mit nicht vorersehbaren Folgen für Amerika, China und die Welt.

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Keine

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4 Meinungen

Herr Achten, Sie schreiben einleitend: » Zu Beginn der industriellen Revolution vor über zweihundert Jahren haben die Ökonomen Adam Smith und David Ricardo den freien Handel als Quelle des allgemeinen Wohlstandes beschrieben.»
Vor 200 Jahren war England auf dem besten Weg zur Weltherrschaft, mit eben den von Ihnen rekapitulierten neoliberalen kapitalistischen Mechanismen, einem Raubbausystem, dessen Resultate wir kennen. Das soll nun im «Sino-amerikanischen Handelskrieg» weitergeführt werden? China liefert Waren (nicht Waffen!) für 500 Milliarden nach den USA, die USA Waffen für 130 Milliarden nach China. Wofür werden die Chinesen diese Waffen wohl brauchen? Ich vermute die chinesischen Denk- und Handlungsweisen werden sich nicht mehr an den Rezepten von Smith und Ricardo orientieren. Ob das die USA (nach Trump) noch rechtzeitig merken werden? Die USA seien ja gegenüber China hoch verschuldet, habe ich kürzlich auch gelesen.«China versucht, die amerikanische Wirtschaft zu unterminieren sowie unsere Interessen und unsere Werte anzugreifen», so Trump. Was wir uns 2018 unter diesen «Werten» vorstellen sollen, müsste Trump uns und den Chinesen klar machen.
Walter Schenk, am 04. Oktober 2018 um 12:37 Uhr
Der sino-amerikanische Handelskonflikt wird ein – solange sich die USA nicht in eine kooperative Weltordnung einzufügen verstehen, ein globaler Wachstumshemmer sein - allerdings mit dem Vorschlaghammer - und mehr als nur ein Glas zerbrechen. Angesichts der Ressourcenstreitereien, dem vorläufig und noch lange bestehenden demografischen Problem sowie mit der Klimaeskalation wäre ein verlangsamtes weltwirtschaftliches Wachstum nicht falsch. Allerdings müsste es sehr differenziert und nicht in einer Konfliktatmosphäre ablaufen. Ich befürchte, die China-USA- Problematik werde bald (2030?) von der Klimaeskalation endgültig eingeholt, welche dannzumal viel und Jahrhunderte langes Elend über die Welt bringen wird und hoffentlich in kooperativer, solidarischer Weise erlitten werden kann. Die Anzeichen für ein gemeinsames Ertragen der Klimakatastrophen sind heute – gemessen an den konkreten Taten der einzelnen Staaten - jedoch keineswegs günstig.
Andreas Speich
Andreas Speich, am 04. Oktober 2018 um 12:54 Uhr
Das exponentiell wachsende Geld- und Kreditsystem mit seiner Geldschöpfung aus dem Nichts seit mindestens 1694 hat die Menschheit nicht nur mit exponentieller Geschwindigkeit aus dem Mittelalter geführt, sondern es steht aktuell vor dem finalen Wendepunkt, an dem die Menschheit entweder begreift, dass sie zwingend eine Geldreform braucht und alle exponentiellen Wachstumskurven drehen muss oder es wird zu Kriegen und Katastrophen kommen.

Diese Erkenntnis ist unabhängig von jeder Ideologie und Partei.

Wir Menschen werden nur dann die nächsthöhere Evolutionsstufe erklimmen können, wenn wir dieses Problem lösen - am besten gewaltlos und friedlich.

Nicht Rivalen, sondern Partner müssen wir werden in einer globalen, menschlichen Welt, einer Menschheitsfamilie. Auch gegenüber der Natur. China bekennt sich bereits zu den Prinzipien ‹kein Konflikt›, ‹keine Konfrontation›, ‹gegenseitiger Respekt› und ‹Win-Win-Zusammenarbeit.
Was macht die restliche Welt? Die USA? Europa? Die Schweiz?

Deshalb setzt sich
https://www.friedenskraft.ch/
für die Gewaltlosigkeit und für das UNO-Gewaltverbot ein.

Auch an der Frage einer dringend notwendigen Geldreform mit Schaffung von «ehrlichem Geld», welches das Wachstum abbremst, werden wir nicht vorbei kommen.
Paul Steinmann, am 05. Oktober 2018 um 08:21 Uhr
Die Schlussfolgerung mit dem gebrochenen Glas ist zweifellos richtig.

Die vorangehende Diskussion enthält aber einiges an Unklarheiten.

Adam Smith's Comparative Advantage ging vom Austausch bestehender Güter aus und implizierte notwendigerweise eine (monetäres) Handelsgleichgewicht. Win-win ist hier bei Definition vorgegeben.

Weder hat Adam Smith viel über die dynamischen Folgen dieses Modells gesprochen, noch die Konsequenzen diskutiert, wenn ein Land glaubt, einen Komparativen Vorteil im Dollardrucken zu haben. In der Zeit des Vietnamkrieges ärgerten wir uns darüber, dass Europa über das US-Handelsdefizit die Ressourcen für den Krieg lieferte ...

Was die Kosten der handelsmindernden Zölle betrifft, ist es auch rechnerisch nicht so klar, dass China die Rechnung bezahlen wird. Chappatte hat hier doch sehr schön aufgezeigt, dass es schliesslich der US-Konsument ist, der diese Zollmauer finanziert.

Trump hofft natürlich darauf, dass diese Kostenfolge erst nach den «mid-terms» spürbar wird. Die US-Wähler scheinen naiv genug, das auch so zu leben. «Augen zu und Trump wählen» ist offenbar die Devise.

Solange dies nur die anderen (in der Theorie «kleinen") Länder wie Europa's Exportmeister betrifft, mag das zutreffen. Ein kleiner Preisprofit (Terms-of-trade) mag in dieser Übung sogar herausschauen. Bei einem grossen Partner wie China dürfte diese Rechnung nicht aufgehen. Chappatte hat hier sicher das bessere Gespür für die aktuellen Realitäten.
Josef Hunkeler, am 06. Oktober 2018 um 10:29 Uhr

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