Milliarden-Projekt ITER in Südfrankreich: Fusions-Forschungs-Reaktor im Bau (Februar 2020) © iter

Milliarden-Projekt ITER in Südfrankreich: Fusions-Forschungs-Reaktor im Bau (Februar 2020)

Bundesrat propagiert Klimaschutz durch zukünftige AKW

Kurt Marti / 03. Jul 2020 - Der Bundesrat will in den nächsten Jahren den Euratom-Beitrag massiv erhöhen und damit in ferner Zukunft das Klima schützen.

Trotz Atomausstieg propagiert der Bundesrat die «Dekarbonisierung» beziehungsweise den Klimaschutz durch zukünftige Atomkraftwerke und will dafür in den nächsten sieben Jahren das Euratom-Programm (siehe Kasten unten) der Europäischen Union mit über 400 Millionen Franken unterstützen.

Laut seiner Botschaft vom 20. Mai 2020 ist das Ziel des Euratom-Programms (2021-2027), «die Forschungs- und Bildungstätigkeiten im Nuklearbereich weiterzuführen, um die kontinuierliche Verbesserung der nuklearen Sicherheit und des Strahlenschutzes zu fördern und zur nachhaltigen, sicheren und effizienten Dekarbonisierung des Energiesystems beizutragen». Dabei seien «Synergien (…) mit dem Cluster Klima, Energie und Mobilität vorgesehen».

Österreich und Luxemburg dagegen

Mit diesem Bekenntnis übernimmt der Bundesrat die Position der EU-Kommission, die das Milliarden-Programm der Euratom als Effort für den Klimaschutz propagiert, wie Infosperber bereits früher berichtete (EU-Atomforschung: Schluss mit Schweizer Subventionen).

Anders als die Schweiz stemmen sich Österreich und Luxemburg gegen diesen atomaren Klimaschutz. Die österreichische Bundesregierung lehnt «die Verbindung zwischen Nuklearenergie und der Schaffung eines klimaneutralen Energiesystems (…) grundsätzlich ab». In der Atomenergie sieht sie «weder ein sicheres noch ein nachhaltiges Konzept». Eine Klimastrategie der EU könne «nur mit nachhaltigen Konzepten verfolgt werden».

Euratom-Programm kostet 8,5 Milliarden Euro

Das Programm der Europäischen Atomgemeinschaft für Forschungs- und Ausbildungsmassnahmen im Atombereich (Euratom-Programm) umfasst die beiden Bereiche Atomspaltung (Fission) und Atomverschmelzung (Fusion). Zusammen sollen sie gemäss Vorschlag der EU-Kommission von 2021 bis 2027 rund 8,5 Milliarden Euro verschlingen, davon 2,4 Milliarden das Atomspaltungs-Programm und 6,1 Milliarden Euro das Fusions-Programm ITER (Internationaler thermonuklearer Versuchsreaktor) in Südfrankreich. Die EU-Kommission fordert «ein starkes Euratom-Programm», damit Europa in «die erste Riege der Stromerzeugung aus Kernkraft aufsteigen» und «seine technologische Führungsposition» behalten könne.

Bundesrat erhöht von 250 auf 410 Millionen Franken

Laut der Botschaft des Bundesrats soll die Schweiz das Euratom-Programm in den nächsten sieben Jahren mit rund 410 Millionen Franken aus der Bundeskasse subventionieren. Das Vorläufer-Programm 2014 - 2020 verschlang rund 250 Millionen Franken. Der Bundesrat erhöht also den Schweizer Beitrag für die europäische Atomforschung um 64 Prozent.

Davon sollen laut der bundesrätlichen Botschaft rund 130 Millionen in das Atomspaltungs-Programm fliessen. Dabei geht es unter anderem um die «Entwicklung neuer Reaktortypen», wie es in der Botschaft heisst, obwohl die Schweiz den Atomausstieg beschlossen hat.

280 Millionen sind für die Entwicklung von zukünftigen Fusions-Reaktoren vorgesehen, die der Bundesrat als «eine nachhaltige Lösung für den Energiebedarf einer umweltbewussten, CO2-neutralen Gesellschaft» anpreist, die aber erst «in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts» zum Einsatz kommen soll.

Bisher über eine Milliarde Franken

Diese Zukunfts-Hoffnung des Bundesrats erstaunt, denn bis 2050 sollte gemäss Energiestrategie der CO2-Ausstoss ohnehin gleich Null sein. Wofür es dann die Fusions-Reaktoren noch braucht, sagt der Bundesrat nicht. Abgesehen davon, ob bis dann die Fusions-Technologie bereit sein wird.

Denn die Fusions-Forschung dauert nun schon über ein halbes Jahrhundert an. Allein die Schweiz hat über eine Milliarde Franken dafür locker gemacht. Notabene, ohne eine einzige Kilowattstunde Strom zu produzieren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

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12 Meinungen

Unsere Regierung hält sich damit einmal mehr nicht an den Volkswillen, der für einen Atomausstieg votiert hat.

Demokratie ist ein schöner Traum.
Dr. med. Paul Steinmann, am 03. Juli 2020 um 10:00 Uhr
Wie ein Fähnchen im Wind... Unsere Politiker sind einfach unglaublich! p.s. In der Wüste Gobi wird ein Endlager gebaut.
René Lütold, am 03. Juli 2020 um 11:28 Uhr
Das ist ein ausgesprochen mutiger Entscheid des BR, der aber sachlogisch absolut korrekt ist. Es ist ausgesprochen wichtig, sich an der Weiterentwicklung der Technologien hin zur absolut sauberen Energiegewinnung zu beteiligen.

Damit besteht die Möglichkeit weg von fossilen Brennstoffen und hin zur Kerrnfusion (statt Kernspaltung) und Wasserstoff zu kommen. So besteht die Möglichkeit, die benötigte Energie sauber zu gewinnen. Wo sonst wollen den all die e-Auto-Fahrer denn den Strom für ihre ach so sauberen e-Mobile hernehmen?
Roland Hausin, am 03. Juli 2020 um 11:49 Uhr
Jetzt wird mir klar, warum gewisse Politiker die Solarstromproduzenten der Schweiz mit Gesetzen ausbremsen.

1. Wer dem Nachbarn Strom liefern will, muss die Stromleitung des Elektrizitätswerkes abbauen und eine eigene Leitung legen. (BKW und bei andern auch).

2. Stromverkauf an Nachbarn, welche nicht direkt am selben Grundstück andocken ist nicht zulässig.
Gilt: Schweizweit.

3. Schweizer Solarstrom wird gegenüber dem Ausland benachteiligt. BKW: Berechnet für die Vergütung des Graustroms den billigsten EU Markttarif den sie am Markt erhält.

4. Seit 2012 wurde im Kanton Bern der Einspeisetarif kontinuierlich gesenkt.

5. Eine Einmalvergütung wird im Jahr der Auszahlung voll steuerpflichtig und wird zu anderem Einkommen addiert.

Photovoltaik soll wahrscheinlich so lange verhindert werden, bis Atomstrom unweigerlich benötigt wird.

Die Grossindustrie will die Kontrolle und den Gewinn behalten, kann aber die Energiewende alleine nicht umsetzen, somit sind zentrale Grosskraftwerke für sie attraktiv.
Andreas Stämpfli, am 03. Juli 2020 um 13:37 Uhr
Im Infosperber kommen oft Atomgegner zu Wort. Nur muss man sich heute fragen, woher die grössere Gefahr kommt. Ich kann nicht mit gutem Gewissen eine Energieerzeugungsform verteufeln, die zwar ihre Probleme hat, aber heute unsere Winterversorgung sicherstellt und etwa fünf Mal weniger CO2 ausstösst als Photovoltaik ohne Speicher. Wind und Photovoltaik werden die Ablösung der AKWs vor deren Abschaltung nicht schaffen, Gaskraftwerke werden kommen, die noch schädlicher sind für das Klima. Also handelt der Bundesrat richtig, dass er die Option offenhält, alles andere wäre Dogma.
Hubert Kirrmann, am 03. Juli 2020 um 15:01 Uhr
Was wäre, wenn der SES mit der GPS gegen diese schräge Energieforschung des Bunds opponieren würde? Wir wollen keine neuen Schweizer AKWs.
Konrad Staudacher, am 03. Juli 2020 um 15:39 Uhr
Macht sehr wenig Sinn für die Schweiz. Eine Abkehr sollte möglichst komplett sein. Nur so kann man die Ressourcen vollständig frei machen. Sollte die Kernenergie aus irgendeinem Grund doch noch eine Option werden, kann man eine schlüsselfertige Anlage kaufen - ganz einfach! Der ganze Forschungsapparat ist und war schon immer eine Geldvernichtungsmaschine. Historisch gesehen war der Staat nie besonders effektiv. Auch aus ITER wird kaum je eine wirtschaftlich sinnvolle Anlage entstehen: wohl sehr gross, sehr lange Bauzeit, de facto niemals standardisierbar, für die privatwirtschaft absehbar nicht interessant.

Ich sehe auch die ISS sehr kritisch. Wenn die Lebenszeit der Raumstation erreicht ist, sollte man auch da aussteigen. Räumen und alles klar machen für den Wiedereintritt in die Atmosphäre.
Alessandro Meier, am 03. Juli 2020 um 15:42 Uhr
Das Volk hat ja gesagt zum Abschalten der Uralt-Reaktoren, deren Technik vor über siebzig Jahren entwickelt wurde.
Das Volk hat nie ja gesagt zur Verhinderung der Forschung in der Kerntechnik.
Die Kernabfälle der Altreaktoren in der Erde zu verlochen und tausenden von kommenden Generationen zu überlassen, wäre grobfahrlässig und verantwortungslos.
Dass mit innovativen Reaktorkonzepten die vorhandenen Kernabfälle der Altreaktoren in ein paar hundert Jahren nutzbringend entsorgt werden können, wusste man bereits vor fünfzig Jahren.
Ueli Feller, am 03. Juli 2020 um 22:49 Uhr
Die Nutzung von Kohlenwasserstoff-Verbindungen (KW-V) hat von Natur aus so viele Vorteile gegenüber Alternativen Stoffen, nur schon wegen der hohen Energiedichte u. einfachen Speicherung.
Es sind nur die KW-V aus fossilen Quellen zunehmend zu vermeiden.
KW-V können mit Mikroalgen gewonnen werden. Das nötige CO2 kommt aus Meerwasser, weil es aus der Luft direkt zu separieren noch viel zu unwirtschaftlich ist und Landpflnazen viel mehr Fläche brauchen.
Bei el. Energie ist ein smartes Netz u. die Einspeisung aus Wind u. Sonne, in u. aus Speichern und über weite Strecken mit HGÜ-Ltg. das Lösungskonzept.
Siehe die Ltg. NorGer u. NorNed. Dabei wird der in Ned u. Ger erzeugte Überschuss-Strom direkt von norweg. Verbrauchern abgenommen. Da laufen dann norweg. Speicherkraftwerke nicht.

Die 2,4 Mrd.€ für Fission sind wohl hauptsächlich für die militärische Nutzung der Atommacht Frankreich vorgesehen. Zivile AKW sollen nur das Plutonium erzeuegen. Mit Frankreich ist die EU eine Atommacht. Die ca. 300 franz. Atombomben genügen den sog. «atomaren Winter» auszulösen.
Fusionsanlagen wären gigantische Megabauwerke, Klumpenrisiken, die wieder nur in der Verfügungsgewalt von Oligopolisten wären.
Ludwig Pirkl, am 04. Juli 2020 um 00:10 Uhr
(..) - (Zitat): Die Kernabfälle der Altreaktoren in der Erde zu verlochen und tausenden von kommenden Generationen zu überlassen, wäre grobfahrlässig und verantwortungslos (Zitatende) - (..)




Pardon, - dazu ein von beteiligten Profiteuren ungern vernommener Einwand. - Die   >Genossenschaft Zeit-Fragen>  in Zürich berichtet in 2012, 2015, 2016, 2019 über eine Verwendung von radioaktivem Abfall der Kernkraftwerke u. a. als willkommener, preiswerter Rohstoff in der Waffenproduktion mit wirkmächtigem Ergebnis. - Daraus abzuleiten ist m. E. eine massiv zunehmende lukrative Auftragslage für eine Krankheitsindustrie , und das über etliche Jahrzehnte. -
Gustav - Adolf Siebrasse, am 11. Juli 2020 um 20:22 Uhr
Ich erlaube mir die folgende Lektüre zu empfehlen:
https://www.oekom.de/buch/revolution-fuer-das-klima-9783962381882
Hanspeter Gysin, am 25. Juli 2020 um 19:24 Uhr
@Hubert Kirrmann
Unabhängig von aller Polemik, Kernspaltungsreaktoren lassen sich nicht wirtschaftlich betreiben. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Auch wenn es gelingt Reaktoren mit einer höheren Effizienz zu bauen, die Grundproblematik bleibt bestehen.
Nur in Staaten welche den Bau und den Betrieb von AKW's stark subventionieren werden diese noch gebaut.
Christoph Speiser, am 29. Juli 2020 um 23:19 Uhr

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