Presse jahrzehntelang gegen EU

Jürg Müller-Muralt © cc
Jürg Müller-Muralt / 25. Jun 2016 - Die britische Presse hat zuerst eine Karikatur der EU in die Köpfe gemeisselt und diese dann bekämpft.

Das britische Boulevardblatt «The Sun» schrieb zehn Tage vor der Brexit-Abstimmung: «Wenn wir in der EU bleiben, wird Britannien in wenigen Jahren von diesem erbarmungslos expandierenden und von Deutschland dominierten Bundesstaat verschlungen werden». Von diesem Würgegriff haben die Britinnen und Briten sich ja nun befreit. Das Zitat zeigt aber auch, dass die Brexit-Befürworter nicht gegen die real existierende Europäische Union gekämpft haben, sondern gegen eine im Wesentlichen von der Presse gezeichnete EU-Karikatur. Und gegen «ein Monster, das etwa so real ist wie jenes von Loch Ness», wie die «New York Times» schreibt.

Nur Anti-EU-Kost

Der Autor Martin Fletcher – eine Zeitlang Brüsseler Korrespondent der Londoner «Times» – hat sich zwei Tage vor der folgenschweren Abstimmung in seinem Beitrag für die NYT mit der Rolle der britischen Medien im Vorfeld des Referendums beschäftigt. Nicht nur während der Brexit-Debatte, sondern bereits seit Jahrzehnten habe die Mehrzahl der britischen Blätter, darunter die auflagestärksten, fast nur einseitige, tendenziöse Anti-EU-Kost serviert. Die Berichterstattung und die in den britischen Zeitungen veröffentlichten Geschichten aus Brüssel seien von einem in der Wolle gefärbten Nationalismus und einem historischen Überlegenheitsgefühl gekennzeichnet gewesen.

Am Anfang stand Boris Johnson

Am Anfang dieser jahrzehntelangen Pressekampagne steht gemäss Fletcher ein gewisser Boris Johnson, früherer Journalist, bis vor kurzem Londoner Stadtpräsident und Brexit-Wortführer. Johnson sei zwar einst von der «Times» wegen einer Zitatfälschung gefeuert worden, habe dann aber für den «Telegraph» von Brüssel aus berichtet. Seine Artikel waren zwar gemäss Fletcher farbig, mit der Realität hätten sie allerdings wenig zu tun gehabt. Doch den Chefs der übrigen Zeitungen gefielen Johnsons Artikel so gut, dass sie ihre Korrespondenten förmlich dazu drängten, ähnlich «phantasievolle Berichte» zu schreiben. Das Resultat dieser ausgiebigen Gehirnwäsche liegt nun vor.

Den Britinnen und Briten, die sich jetzt laut eigenem Verständnis vom Joch Brüssels befreit haben, bleibt der phantasievolle Boris Johnson erhalten. Sein flexibles Verhältnis zur Wahrheit ist wohl kein Hinderungsgrund, ihn zum Premierminister zu ernennen.

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5 Meinungen

Meines Erachtens sehr ausgewogen, wenn knapp mehr als die Hälfte der Medien die EU kritisierte. Ganz im Gegensatz zu unserer Medienlandschaft, wo einzig 2 Erzeugnisse von Dutzenden die Doktrin der EU und deren Handeln überhaupt kritisiert.

Sofern unsere Medien je etwas kritisierten, dann waren es Strategien der EU, weil sie scheiterten oder zu scheitern drohen. Nie aber kritisierten sie Grundsätze, Dogmen, Wertvorstellungen und Konzepte.

Wie lange noch akzeptieren Schweizerinnen und Schweizer dieses krass einseitige Infotainment?!
Allbert Eisenring, am 25. Juni 2016 um 18:43 Uhr
Die EU scheitert offenbar daran, dass die Leute die verzerrte Karikatur, die ihre Gegner von ihr zeichnen, für die Realität halten. Die beiden Vorschreibenden sind gute Beispiele dafür. Die ihr zugeschriebene Macht hat die EU nicht (eben ein superföderalistischer Staatenbund, kein Bundesstaat), gerade deshalb wohl ist sie so krisenanfällig und fehlerhaft. Eine willkommene Projektionsfläche für unfähige nationale Politiker und brandgefährliche Rechts-Populisten. Die Brexitkampagne hat uns mit Cameron, Johnson und Farage 3 Musterbeispiele davon gezeigt. Viel Spass und Erfolg mit solchen Figuren in der neuen 'nationalen Souveränität' . . .
Rolf Zimmermann, am 26. Juni 2016 um 16:44 Uhr
Vielleicht scheitern wir alle vor allem daran, dass wir keine echten Demokraten nach Lehrbuch sind und das vielleicht auch nie sein können. Auch Sie, Herr Zimmermann scheinen Ihre Sicht und Schlussfolgerungen als den anderen überlegen zu sehen.
Meines Erachtens erzeugt allerdings genau diese elitäre Haltung den zunehmend grösseren Frust bei Menschen mit konträrer Meinung – vor allem, wenn sie dazu noch mit weniger Intelligenz ausgestattet sind, als z. B. die EU-Oberen.
Ein echter Demokrat geht jedoch nicht so arrogant mit Menschen um, die anderer Meinung sind – egal aus welchen Beweggründen diese konträren Meinungen entstanden sein mögen.
Wir alle können uns wohl ewig lange streiten, wer «Recht» hat, was objektiv ist und was wirklich real ist – einig sind wir uns jedoch wohl sicher über die Realität, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind. Und da niemand wirklich wissen kann, wer «richtiger» liegt, sollte man doch selbstredend Menschen mit anderer Meinung nicht dümmlich hinstellen, respektive herablassend behandeln.
Allbert Eisenring, am 26. Juni 2016 um 20:16 Uhr
Red. Wir haben die Meinungseinträge von Christof Aepli gelöscht, weil sich Herr Aepli mit einer falschen Adresse bei uns registriert hat.
Urs P. Gasche, am 27. Juni 2016 um 09:02 Uhr
Zwischen Meinung und Verbitterung kann man aber unterscheiden, Herr Eisenring. Was Herr Farage dem Parlament zu verstehen gab heute, deute ich als Verbitterung und Schadenfreude, nicht als Meinung. Herr Johnson hat Dinge versprochen, die er wieder korrigiert hat. Für mich ist das nicht Meinung, sondern Werbung. Wenn Herr Cameron die Verantwortung für eine wirtschaftliche Verschlechterung auf den Wähler abschiebt, weil er so entschieden habe, dann ist das in meinen Augen auch keine Meinung, sondern ein Trick. Zur Meinung zu gelangen ist nicht so einfach.
Christian Strahm, am 28. Juni 2016 um 21:59 Uhr

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