Beat Kappeler: Halt die Klappe! © Bedag

Beat Kappeler: Halt die Klappe!

Beat Kappeler trinkt nicht mehr Milchsuppe

Christian Müller / 28. Mai 2013 - Der prominente Finanzmarkt-Kommentator der NZZaS schimpft über internationale Organisationen – und schweigt zur Macht der Konzerne.

Beat Kappeler, langjähriger Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (1977-92), seit 1999 Doctor h.c., sprich: der Ehre wegen, zur Zeit prominentester Finanz-Kommentator der NZZ am Sonntag, macht neu auf nationalkonservativ und wird zur Kassandra. Weil der Westen die Marktwirtschaft abzuschaffen im Begriffe sei, empfiehlt er den Jungen auszuwandern.

Ein Kurzporträt mit Übertreibungen?

In der NZZ am Sonntag vom 12. Mai beklagt Kappeler zunehmende Eingriffe in die «nationalen Belange» durch die OECD, durch den Europarat, durch die Weltbank, durch den Weltdachverband der Gewerkschaften und durch den Weltwährungsfonds IWF. Auch das Völkerrecht kriegt eins ab. Es gäbe zwar zwingende Regeln, schreibt er, «doch nicht jede politische Korrektheit darf sich ins Gewand zwingenden Völkerrechts kleiden. Dieses verlangt nicht ein mildes Strafrecht, lasche Asylregeln oder was sich Ethikdozenten noch alles ausdenken.» «Man muss Einmischungen in nationale Belange zurückweisen und sie in einem offiziellen Brief aus den Verträgen ausnehmen – in Strassburg, in der OECD, im Währungsfonds», ist seine wörtliche Empfehlung. «Halt die Klappe», ruft er abschliessend den Angesprochenen zu.

Nur: Beat Kappeler erwähnt mit keinem Wort, dass viele Probleme, nicht zuletzt jene des Finanzmarktes, gerade darin begründet sind, dass es keine gültigen internationalen Regeln gibt. Die Finanz-Spekulanten etwa, die jeden Tag um die 4000 Milliarden von Dollars und Euros auf unserem Planeten herumschieben, nur um aus Währungsdifferenzen und gewieft inszenierten Kursschwankungen an den Aktienbörsen aus viel Geld noch mehr Geld zu machen, wehren sich bisher mit Erfolg gegen die Einführung einer Finanztransaktionssteuer in Höhe von 0,5 Promille – 50 Rappen auf 1000 Franken! Sie verweisen darauf, dass eine solche Steuer keinen Sinn mache, weil sie – Mangels globalen Regeln – leicht zu umgehen sei! Und die einzelnen Finanzplätze müssten konkurrenzfähig bleiben, argumentieren sie. Wir Normalbürger dagegen, die in der Welt der realen Wirtschaft leben, zahlen für jeden Nagel und jede Schraube im Do-it-yoursef-Laden 8 Prozent Mehrwertsteuern – volle 8 Franken auf 100 Franken! In einigen anderen Ländern sogar über 20 Prozent!

«Wie Funktionäre von internationalen Organisationen nach Macht streben» war der Titel der Philippika gegen die internationalen Organisationen. Gut gebrüllt, Löwe, könnte man rufen. Und was meint Kappeler zur Macht der internationalen Konzerne, die die nationalstaatlichen Gesetze schon seit langem austricksen? Beat Kappeler schweigt dazu höflich.

Doppelt genäht hält besser...

Aber zwei Wochen später doppelt Kappeler bereits nach. In der NZZ am Sonntag vom 26. Mai schreibt er schon im Titel: «Der Europäische Gerichtshof ist ein fachlich schlechtes Gericht.» Wörtlich sagt er: «Als der Euro wegen der griechischen, irischen, portugiesischen Krise auseinanderzubrechen drohte, griff die Euro-Gruppe zu Hilfspaketen und ab 2013 zum Hilfsfonds ESM von 500 Mrd. €. Doch in der Verfassung der EU, im Lissabonner Vertrag, steht klar das Wort 'verboten' für jede Hilfe an Mitgliedsländer (Art. 125). Die einzige Ausnahme wird sogar ausdrücklich erwähnt, nämlich Katastrophen, die nicht vom Zutun der Länder herrühren. Griechenland und die anderen Hilfsbezüger ritten sich jedoch aus freien Stücken und aus eigenem Versagen heraus in ihre Krise. – Was aber entschied der EuGH im letzten November? Es ist alles rechtens.»

Und gegen Schluss seiner Breitseite gegen Europa erklärt Kappeler wörtlich: «Es war ein Fangerfolg der EU, alle bisherigen bilateralen Abkommen aneinanderzuhängen. Wenn eines gekündigt wird, sollen alle fallen. Man darf dies bei den neuen Abkommen nicht eingehen, bei den Diensten, bei Bank- und Steuerfragen, bei Erweiterungen im Balkan, bei Strom oder Landwirtschaft. Gerade darum darf es kein Gesamtabkommen geben, das definitiv als Paket gälte. Eine im wehleidigen Medientreiben zum 'Alleingang' übersehene Tatsache steuert dem entgegen: Die EU ist in diesen neuen Abkommen meist der Bittsteller oder Profiteur, nicht die Schweiz.» – Wie bitte? Die EU der Schweiz gegenüber als Bittsteller? Die EU hat 500 Millionen Einwohner, die Schweiz gerade deren acht, von denen ausserdem über eine Million Bürger eines EU-Landes sind...

Aber Kappeler äussert sich nicht mehr nur auf 45g leichtem, billigem Zeitungspapier. Jetzt doziert er auch auf doppelt so schwerem Edelmatt, gesponsert von einer Schweizer Privatbank: im «Schweizer Monat». Da spricht er von den «Tätern» in Brüssel und schiesst sogar gegen die EU-Statistik («Die Eurostatistiker geben Zahlen über EU-weite-Preis-, Wachstums- und Arbeitslosenraten bekannt. Das ist eine offizielle Lüge, ganz einfach deshalb, weil es Europa als einheitlichen Staat nicht gibt.» (Kleine Gegenfrage: Wie steht es mit Statistiken zur Schweiz? Darf es auch hier keine Arbeitslosen-Zahlen geben, weil sie von Kanton zu Kanton differieren?)

Und was meint Kappeler mit «der Bürger»?

Dafür lobt Kappeler die grossen Ratingagenturen und empfiehlt «einfache» Anlagestrategien: «Meine Anlagestrategie war und ist einfach: sie setzt auf situativ, real und fungibel» – um dies dann weiter unten auszudeutschen: «Der Bürger muss heute jederzeit bereit sein, aus bestehenden Investments auszusteigen und in andere Währungsräume und Länder auszuweichen.» – Der einfache Angestellte, der froh darüber ist, im Verlaufe der Jahre ein paar tausend Franken angespart haben zu können, wird ihm für diesen Ratschlag sicher dankbar sein.

Als Schlusswort hat sich Kappeler dabei Folgendes ausgedacht: «Junge Leute in Europa müssen sich heute beide Optionen offenhalten: voice und exit. In extremis bleibt nur die Auswanderung. Und dabei zeigt sich: die wichtigste Investition, um woanders ein neues Leben aufzubauen, ist jene in das eigene Humankapital. Denn dieses Kapital kann einem niemand nehmen.»

Jetzt wissen wir wenigstens, dass Beat Kappeler neben Deutsch und Französisch auch Englisch spricht – und sogar ein paar Wörter Latein versteht. Vor allem aber auch, dass er sich gut verkaufen kann: Negative Prognosen und Kassandra-Rufe haben nämlich, das weiss auch Beat Kappeler, einen gewaltigen Vorteil. Kommt es nämlich gut, interessiert sich niemand mehr für den alten Quatsch. Kommt es aber tatsächlich schlecht, können sich ihre Autoren auf die Brust klopfen: Ich habe es immer gesagt!

Vom gut schweizerischen Geist der Kappeler Milchsuppe ist bei Beat Kappeler nichts mehr zu spüren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Zum Gespräch mit Beat Kappeler im "Schweizer Monat" (Sonderthema 10)
Beat Kappelers Kommentar in der NZZaS vom 12.5.2013
Beat Kappelers Kommentar in der NZZaS vom 26.5.2013

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5 Meinungen

Kappeler war schon: grüner mit autoaversionen, gegen weiteres Wachstum, maschinenstürmer, für massive Reduktion der Arbeitszeit, euroturbo etc. Usw. Wer trägt mal all die Zitate zusammen?
ruedi meier, am 28. Mai 2013 um 13:09 Uhr
Was soll ich davon halten? Eigentlich wurde in den letzten 10 Jahren die Demokratie beinahe auf Null reduziert. Der Gessler-Hut heisst jetzt Money, Money, Money, egal wenn wegen dem einen oder anderen Deal noch ein paar tausend Kinder mehr verhungern am anderen Ende der Welt. Und dies Wissentlich. Ein Verbrecher musst Du sein mit vielen Millionen, oder jemand der Gefälligkeitsgutachten ausstellt, und dann ist es egal ob man aus Lybien oder China oder sonst woher kommt, sofort wird man eingebürgert. Die wahren Asylsuchenden, die Armen, Kranken, Verstossenen, werden auf brutalste Art ausgeschafft. Was ist mit unserem Verfassungsschutz? Warum schützt er die Demokratie nicht? Wurden diese Beamten gekauft? Erpresst? Bedroht? Warum reagiert der Verfassungsschutz nicht darauf, dass über 5 Ecken stinkfrech unser Land manipulativ über eine Scheindemokratie von den 300 reichsten Grosskonzernen regiert wird, welche sich in den Händen von ca. 13 bis 15 Grossfamilien befinden? Welche ca. 94% des Weltkapitales in den Händen halten? Warum tut niemand was? Warum reagiert der Bundesrat nicht? Sie haben ihr Geld, 7.8 Milliarden, auf Schweizer Konten, aber wir haben ja gar nichts davon. Jeder siebte in der Schweiz ist unter der Armutsgrenze. Die Messwerte in Gstaad, Davos und St. Moritz von Kokainrückständen in den Abwässern übertreffen manche Grossstadt. Und dies sind die Orte der Grosskonzernreichen, in Gstaad sind 170 Privatflugzeuge immatrikuliert. Unser Land wurde verkauft an die Oligarchien. A New World Order sagte damals G. Bush. Er redete nicht von einer Order der Ethik, Moral, Menschlichkeit und Demokratie, sondern von der Order der Oligarchien, welche sich sogar erdreisten unsere Behörden zu missbrauchen. Wen wundert es da dass es immer mehr soziale Gewalt gibt. Auch wenn sie Amokläufer, Terroristen, Vandalismen, Chaoten, oder wie auch immer genannt werden, von nichts kommt nichts. Der Vorfall von Bern ist wie alles eine Folge von Ursache und Wirkung. Wenn sich Menschen mit nicht geringer Anzahl von den eigenen Behörden im Stich gelassen fühlen, dann hat dies Gründe. Ich zitiere den Weltweit bekannten Autor Marshall Rosenberg aus dem Buch «Die gewaltfreie Kommunikation": Wer zu lange eine gute Entwicklung aufhält, braucht sich nicht zu wundern wenn dies einen gewalttätigen Aufstand nach sich zieht. Es ist Zeit für den Schweizer aufzuwachen. Wir brauchen die Oligarchien nicht, aber sie brauchen uns, denn wir haben viel zu bieten, wir haben mehr zu bieten als nur Geld. Wir haben Identität, Geschichte, Technologie vom feinsten, Innovation, Inspiration, Fleiss, Ehrgeiz, eine gesunde Starrköpfigkeit, soziales Denken und Handeln, vielseitige Spiritualität, einen Ethos und viele gute Werte für die es sich lohnt ein zu stehen. Raus mit den Arbeitsplatzkillern welche mit dem horten von Kapital, welches sie so dem Fluss entziehen, Arbeitsplätze vernichten. Raus aus unserem Land mit den Oligarchien. Sie tun ja nichts, sie sind die wahren Faulen, sie zocken uns nur ab. Es sind immer andere welche für sie die wahre Arbeit machen.
Beatus Gubler, am 28. Mai 2013 um 20:09 Uhr
Wendehals Kappeler - oder ist er etwa einfach lernfähig? Seine Breitseiten kann ich jedenfalls voll unterstützen: die internationalen Organisationen - und da schliesse ich die EU ganz sicher mit ein - haben mit ganz wenigen Ausnahmen eine deutlich negative Wirkung auf die Schweiz. Dass Kappeler dabei manchmal auch etwas zu «medientauglich» daherkommt, sei ihm verziehen. Für die Schweiz bleibt so oder so nur eins: Niklaus von Flüe's Rat zum Zaun!

Und zu Beatus Gubler: Ihre Ansichten in Ehren, aber Sie sollten nicht zu x-beliebigen Beiträgen Ihre (leider immer sehr ähnlichen) Kassandrarufe verbreiten...
Patrick Hafner, am 29. Mai 2013 um 01:21 Uhr
Guten Tag Herr Hafner. Ich bedaure es nicht, dass ich ihr Bedürfnis nach anderer Schreibweise nicht erfülle. Denn es wird solange gerufen, bis gehört wird, bis die Missstände angegangen werden. Ich bin wie Sie ein Lernender, und ich bin Dumm, und bemühe mich, jeden Tag ein wenig weniger Dumm zu werden. Halten Sie es auch so? Wenn Sie rufen, und sie sind nicht erfolgreich, geben Sie dann auf und rufen das was andere hören wollen? Oder bleiben sie dran, egal wie lange andere weghören? So lernen wir alle. Und ich bin nicht da, Sie zu unterhalten mit dem was Sie gerne hören möchten, schliesslich nötigt Sie ja niemand meine Texte zu lesen. Aber dass Sie so reagieren wie Sie es hier tun, bedeutet schlichtweg, dass das was ich geschrieben habe, was ihnen missfällt, auch etwas damit zu tun hat was in Ihnen drin ist. Darüber rate ich Ihnen mal nach zu sinnen. Vielleicht sind Sie ja auch ein Lernender. So sagte Gandhi doch: Sei Du derjenige, den Du Dir für die Welt wünschen würdest. Übrigens, würden Sie meine Texte jeweils zu ende lesen, so könnten Sie erkennen, das es nicht Kassandrarufe sind. Kassandrarufe sind ungehörte Rufe auf welche keine Vorschläge für bessere Alternativen folgen. Wer jedoch meine Texte zu Ende liest, und untereinander verknüpft, vor dessen Auge entsteht ein ganz anderes Bild. Nicht ein Rufen, sondern ein aufzeigen ist es, den Finger in die Wunde unseres Landes halten, und darauf folgt, wie man diese Wunde in etwas besseres umwandeln könnte. Das geschieht in meinen Texten. Zum Vorteile aller, auch zu ihrem Vorteile. Mit Kassandrarufen hat dies nichts, aber auch gar nichts zu tun. Doch bei manchem geht der Gaul durch, wenn er nur schon an die Wunde unseres Landes denkt, und dies so, das ihm nur noch als Fluchtweg in ein besseres Gefühl die Kritik des Schreibers übrigbleibt. Und wer nur Unterhaltung sucht, welche ihm gute Gefühle macht, sollte nicht im Infosperber lesen. Mit freundlichen Grüssen Beatus Gubler
Beatus Gubler, am 29. Mai 2013 um 19:58 Uhr
Beat Kappeler trifft den Nagel – einmal mehr – in beiden hier angesprochenen Kolumnen der NZZ aS auf den Kopf, und Christian Müller haut mit seiner Kritik zum x-ten Mal ins Leere, haut eben so daneben wie Beatus Gubler in seinem Kommentar. Während Beat Kappeler zu Recht die fehlende Legitimation der internationalen Organisationen sowie die mangelnde Differenziertheit ihrer Rügen und Empfehlungen anprangert, verherrlicht Christian Müller diese Organisationen. Dass wir Schweizer überhaupt in Betracht ziehen, dass der europäische Gerichtshof letztinstanzlich über die Verträge zwischen der EU und der Schweiz wachen soll, ist eine Riesendummheit bzw. ein Skandal. Selbstverständlich freuen sich darüber die Internationalsozialisten, denn sie wollen die Nationalstaaten, vor allem die Schweiz überwinden. Nur absolute Dummköpfe bemühen sich um die Abschaffung der Schweiz, die wohl wie keine andere Regulierungseinheit auf diesem Planeten Freiheit, Wohlstand und Sicherheit für eine maximale Anzahl ihrer Einwohner ermöglicht hatte.
Hans Neukomm, am 25. Oktober 2013 um 15:13 Uhr

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