Eine Anleitung des PR-Büros Farner auch zum Schreiben von Leserbriefen © ringier

Ungefilterte PR auf den Leserbriefseiten der NZZ

Urs P. Gasche / 17. Aug 2018 - Lobbys versuchten schon immer, Leserbrief-Seiten für ihre Zwecke zu missbrauchen. Die NZZ verlangt keine Interessen-Deklaration.

Die Leserbrief-Seiten in Zeitungen werden von der Leserschaft überdurchschnittlich viel beachtet. Deshalb versuchen Lobbyisten, ihre Interessen dort – als Leserbriefe getarnt – zu verbreiten. Das geschieht schon, seit es Leserbrief-Seiten gibt.

Es kann legitim sein, dass die von einem Artikel betroffene Firma, Branche oder politische Partei ihren Standpunkt in einem Leserbrief zur Kenntnis bringt. Nur soll die Leserschaft erfahren, aus welcher Ecke ein Leserbrief kommt. Diese Transparenz ist nicht nur im redaktionellen Teil einer Zeitung geboten, sondern auch bei den Leserbriefen.

Denn Texte von Lobbys und Interessenvertretern sind meistens von PR-Spezialisten raffiniert formuliert, damit sie, teilweise mit exotischen Beispielen von Einzelfällen, gewollte Emotionen wecken und durch Auslassungen und Wortwahl eine gewollte Schönfärberei oder Irreführung bewirken.

Bei Kampagnen verbreiten grosse PR-Firmen wie die «Farner Consulting» im oben abgebildeten Beispiel zur Propagierung der Fortpflanzungsmedizin dazu sogar Anleitungen für alle an der Kampagne Beteiligten, einschliesslich beauftragte Leserbrief-Schreiberinnen und -schreiber.

Beispiel NZZ

Selbst eine seriöse Zeitung wie die NZZ gibt sich jedoch keine Mühe, um die PR-Streu vom Weizen zu trennen und PR-Leserbriefe entsprechend transparent mit einer Quellenangabe zu markieren.

Ein Beispiel: Am 9. August veröffentlichte die NZZ den längeren Leserbrief einer «Andrea Fahrni-Külling, Aarberg». Diese machte sachfremde Vergleiche und schürte Ängste, um dagegen Stimmung zu machen, dass Grossverteiler wie die Migros künftig bestimmte rezeptfreie Medikamente günstiger als Apotheken verkaufen dürfen.

Nur wer sich im Gesundheitsmarkt auskennt, merkte schnell, dass dieser Leserbrief in der Küche der Apotheker-Lobby zubereitet sein musste.

Ein Klick ins Internet ergab, dass Andrea Fahrni-Külling Projektleiterin ist bei der IFAK DATA AG, die sich für berufspolitische Interessen der unabhängigen Apotheken einsetzt. Auf die Frage von Infosperber, weshalb sie ihre beruflichen Interessen nicht angegeben habe, antwortete Fahrni-Külling: «Unser Präsident hat ebenfalls einen Leserbrief zum Artikel geschrieben, welcher aber nicht publiziert wurde. Vielleicht werden Leserbriefe eher veröffentlicht, wenn sie von Privatpersonen stammen als jene von Vereinigungen?» Abgesehen davon hätten alle Menschen «irgendwie» Interessenverbindungen, «auch Journalisten».

Schliesslich ging die Infosperber-Frage an die NZZ: «Warum gibt die NZZ Interessenbindungen der [Leserbrief-]Schreibenden nicht an, wenn diese direkt mit dem behandelten Thema zu tun haben?»

Die Antwort der NZZ:

«Frau Fahrni hatte Ihre berufliche Position nicht angegeben, und wir können aus Kapazitätsgründen nicht alle Leserbriefschreibenden auf mögliche Interessenbindungen kontrollieren.»

Erstaunlich: Bei Einsendungen via E-Mail an leserbriefe@nzz.ch würde eine automatische Rückmail genügen, mit der die Einsender aufgefordert werden, allfällige Interessen zum behandelten Thema anzugeben. Gleichzeitig könnte die NZZ die Identität der Schreibenden überprüfen. Falls ein Leserbrief so formuliert ist, wie es kaum eine unbeteiligte Leserin tun würde, drängt sich eine kurze Rückfrage umso mehr auf.

Aber nicht einmal dafür reichen die «Kapazitäten» bei der NZZ aus. Lieber nimmt die NZZ in Kauf, dass die Leserschaft über die PR- und Lobby-Herkunft eines Leserbriefs häufig nicht informiert wird.

Verstoss gegen Ethik-Kodex des PR-Verbands

Vor vier Jahren war es noch die NZZ, die den Fall von Bundesrat Ueli Maurer aufgriff und kritisierte. Als Vorsteher des Verteidigungsdepartements hatte Maurer seinen vielen Angestellten vorgeschrieben, sie dürften Leserbriefe (damals vor allem zum Propagieren des Gripenkaufs) ausschliesslich mit «Vorname, Nachname und Wohnort» unterzeichnen und keinesfalls transparent machen, dass sie beim Verteidigungsdepartement arbeiten.

Rika Brademann, Mitglied des Ehrenrats des «Schweizerischen Public Relations Verband» SPRV, hatte die vom Bundesrat verordnete Intransparenz als «unsauber» und «unethisch» beanstandet: «Es sollte für Leserinnen und Leser transparent sein, wenn ein Leserbriefschreiber ein Produkt oder ein Anliegen seines Arbeitgebers verteidigt.» Auch laut Bernhard Müller, damals ebenfalls Mitglied des Ehrenrats des PR-Verbands, sind verdeckte Leserbriefe von Angestellten von Verbandsmitgliedern laut Ehrenkodex nicht erlaubt.

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4 Meinungen

Meine letzten 4 Leserbriefe für die NZZ, wovon keiner im Auftrag von Farner oder irgendwem geschrieben, wurden nicht gedruckt, bin bekanntlich ein völlig unpolitischer und auch unbekannter Autor, der sich dafür dann und wann bei Infosperber einklickt, keineswegs mit dem Bedürfnis, hier nur «Gleichgesinnte» zu finden.
Pirmin Meier, am 17. August 2018 um 11:45 Uhr
"Selbst eine seriöse Zeitung wie die NZZ...» Lieber infosperber, wenn das was Hr. Gasche schildert, von einer seriösen Zeitung wie die NZZ praktiziert wird, was tun denn die unseriösen? Kann infosperber uns solche nennen?
Ich habe das NZZ Abonnement gekündigt, weil ich die NZZ nicht mehr als sehr seriöse Zeitung betrachte.
Walter Schenk, am 17. August 2018 um 11:54 Uhr
Dies und der Artikel v. U.P. Gasche (18.02.2018,) «Die NZZ akzeptiert immer mehr Schleichwerbung» belegt, dass offenbar die NZZ in Gesundheitsfragen weniger seriös arbeitet als was die Leserschaft aufgrund ihres Rufes mit Recht erwartet. Die Verwischung von unterschwelliger Werbung, «content marketing» und unabhängiger journalistischer Arbeit, die auf Daten und Faktern beruht, betrifft nicht nur die Leserbriefspalte, sondern auch die Tribünen, Kommentare oft als Editorials wahrgenommen, beispielsweise der «Gastbeitrag» des österreichischen Public Health Professor Michael Kunze, NZZ 15.04.2017, der professoral Werbung macht für Snus und E-zigaretten. (Replik unserseits NZZ 26.04.2017, «Effektive Tabakprävention") . Neuestes Beispiel, das man als Schleichwerbung verdächtigen muss : Simon Hehli: «Schweizer sind so gesund wie nochz nie» NZZ, 11.08.2018 : Die kurative Medizin wird für die gestiegene Lebenserwartung gepriesen. Ohne jedoch auf die erschreckend zugenommenen Nichtübetragbare Krankheiten, noch auf die 10 000 jährlichen Tabaktoten einzugehen, welche mit einem Werbeverbot für Tabak und Nikotin drastisch vermindert werden könnten. Und dass die offizielle Raucherquote von 25 % nicht der Realität entspricht, wird nicht erwähnt. Denn das könnte ja die parlamentarische Gewissheit trüben, dass Werbeverbote bei uns nicht nötig sind, da ja hierzulande alles zum besten steht, und die WHO-rahmenkonvention zur Tabakkontrolle getrost ignoriert werden darf ! Rainer M. Kaelin
Rainer M. Kaelin, am 17. August 2018 um 15:52 Uhr
Solch «orientierte» Leserbriefe gab es schon früher. In unserem Amt in Bern hat unser Pressebeauftragter verschiedene solcher «Leserbriefe» eruiert, welche übrigens weit gestreut, in Zeitungen in mehreren Landesteilen erschienen. Wir haben dann den betroffenen Autoren geraten, sich etwas zurückzuhalten. Als PR-Gag könnte das einen Bumerang-Effekt haben.

Die in «seriösen» Artikeln eingebettete Produktwerbung wurde schon in den 80er Jahren voll professionell betrieben. In unserer Nachbarschaft gab es schon 1983 eine Agentur, welche sich auf dieses Geschäft spezialisiert hatte.

Immerhin entsprachen diese Texte damals noch einer gewissen Realität. In dieser Beziehung ist man in der «Fake-News» Zeit offenbar weniger zimperlich.
Josef Hunkeler, am 19. August 2018 um 10:56 Uhr

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