Ausschnitt der bezahlten Seite in der Sonntags-Zeitung vom 8. September 2019 © tamedia

Ausschnitt der bezahlten Seite in der Sonntags-Zeitung vom 8. September 2019

SoZ verbreitet mit Steuergeldern bezahlte Mythen und Märchen

Urs P. Gasche / 09. Sep 2019 - Das war gewollt: Viele Leserinnen und Leser beachteten nicht, dass die Fleischlobby die ganze Seite der Sonntags-Zeitung zahlte.

Die meisten Leute lesen zuerst die grossen Titel und Untertitel und dann vielleicht den ganzen Artikel. Sie sind es nicht gewohnt, zuerst das Kleingedruckte am obersten Zeitungsrand zu lesen, wo in der Regel das Datum, der Name der Zeitung und manchmal die Seitenzahl stehen und nur selten «Sponsored» und «Tamedia Commercial Publishing».

Sofern die ganze Aufmachung der Seite auf den ersten Blick identisch scheint wie eine redaktionelle Seite, wird allzu leicht übersehen, dass der ganze Inhalt bezahlte Werbung ist. Das ist Absicht, sonst würde die Zeitung ein auffällig anderes Layout vorschreiben – mit dem Risiko, dass dann Inserenten solche Seiten nicht mehr so gut zahlen würden.

Ein Beispiel dieser in Kauf genommenen Täuschung der Leserschaft liefert die Sonntags-Zeitung vom 8. September 2019.

Unter den attraktiven Titelzeilen «Mythen und Märchen auf dem Teller: Um die Ernährung ranken sich allerhand Irrtümer und Halbwahrheiten. Wir räumen mit den 13 häufigsten Food-Märchen auf» folgte nicht etwa eine Recherche der Redaktion, sondern ein bezahltes Inserat der Organisation der Fleischlobby Proviande, deren Aufgabe es ist, den Absatz von Schweizer Fleisch zu fördern. Der Bund subventioniert die Proviande-Fleischwerbung mit mehreren Millionen Steuergeldern. Indirekt subventioniert der Bund damit die unsägliche Vermischung von Werbung und unabhängiger Information in grossen Zeitungen. Am wenigsten stört dies die «Bauernpartei» SVP, die sonst gerne gegen zu viel Staat und Bürokratie wettert.

Auf der bezahlten Seite zitiert Proviande jeweils ohne genaue Quellenangabe eine Studie, die meist von einer Lobby finanziert wurde, und stellt «Mythen und Märchen» beispielsweise wie folgt richtig:

  • «Bei denjenigen, die mehr rotes Fleisch assen als empfohlen, reduzierte sich das Risiko eines frühen Todes um 25 Prozent. Ausserdem erlitten die Mehr-Esser 22 Prozent weniger Herzattacken.»
  • «Die Rindfleischproduktion ist nicht schuld an den negativen Klimaauswirkungen. In der von der Milchwirtschaft geprägten Schweizer Landwirtschaft sind Fleisch und andere tierische Nahrungsmittel verknüpft ... Milch Käse, Butter und auch Eier gibt es nicht ohne Fleisch.»
  • «Hormone und Antibiotika zur Leistungsförderung sind in der Schweiz seit 1999 verboten. Das wird vom Bund kontrolliert.»
  • «Die Tierhaltung in der Schweiz ist besser als im Ausland.»
  • «Fleischfett macht massvoll genossen weder schlank noch dick, hat im Körper aber eine sättigende Wirkung. Gut zu wissen: Tierische Fette stehen den pflanzlichen in nichts nach.»
  • «Selbst bei einem Zuckerverzehr von 120 Gramm täglich kommt es nicht zu einem Defizit.»

Es ist zu befürchten, dass die Behörden des Bundes den Verbrauch von Antibiotika, die Tierhaltung und das verwendete Futter in grossen Ställen etwa gleich kontrollieren wie den Inhalt der Fleischwerbung, die der Bund mit Steuergeldern subventioniert.

Sonntags-Zeitung vom 8.9.2019: Die linke Seite ist bezahlt, die rechte ist redaktionell. Copyright Tamedia.

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Dazu Kurt Marti auf Infosperber:

Bürgerliche mästen die fetten Fleischbarone, 2.12.2016

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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7 Meinungen

Schon gestern hab ich mich darüber geärgert - so sehr, dass ich mir überlegt habe, die Printausgabe des Tagi abzubestellen. Das geht nun also gar nicht!
Géraldine Johnson, am 09. September 2019 um 13:10 Uhr
Vielen Dank für den wichtigen Hinweis! Die Medien (Generalisierung bewusst) werden immer raffinierter. Um so wichtiger Berichterstattung wie durch InfoSperber. Wann wird es endlich um den Menschen und nicht nur um Macht + Gewinn gehen? Markus Scheuring, NR-Kandidat Integrale Politik
Markus Scheuring, am 09. September 2019 um 13:23 Uhr
Ich hab den PR-Artikel auch gelesen. In diesem Fall gilt «die Liesl kennt man am Geläut». Kommt allerdings häufig vor. Ich erinnere an den TV-Spot «Schweizer Fleisch alles andere ist Beilage». Das einzig was stimmt ist die Aussage zur Tierhaltung. Mindestens auf dem Papier werden Antibiotika und Hormone kontrolliert. Der Rest kann als Fake-News abgebucht werden.
Mich ärgert am meisten, dass diese ganze Fleischwerbung vom Bund subventioniert wird.
Jürg Schmid, am 09. September 2019 um 15:10 Uhr
Ähnliche ganze Werbe-Seiten gibt's von Mazda, mit einer dümmlichen Geschichte.
Da gibt's nur eins : Leserbriefe schreiben - werden zwar meistens nicht publiziert.

Ein weiterer Ärgernis :
Heute gibt's in einer Paarbeziehung Personen mit ungleichen Namen. Pro Zeitungs-Abo gibt's aber nur ein mögliches Login. Auf Anfrage hiess es, man solle doch so viel Vertrauen haben und sein Login mit den anderen HH-Mitgliedern austauschen.
Dies im 21.Jahrhundert und in Anbetracht der IT-Sicherheit !
Jean-Pierre Guenter, am 10. September 2019 um 15:40 Uhr
Empfehlung: Ggogle den Begriff «Die Propagana-Matrix». Das werden Dir die Augen sowas von geöffnet...!
René Lütold, am 18. September 2019 um 11:19 Uhr
Was mich ebenfalls stört, ist die Werbung in 20Minuten. Da inserieren staatsnahe Betriebe wie die SBB, die VBZ, die SWISS, die Swisscom oder die ZKB. Damit alimentieren sie eigentlich nur die Publireportagen für die Unterhaltungsindustrie - wer muss schon informiert werden, dass Rapperin Y mit Instagram-Influencer X geflirtet hat? - und die Politpropaganda für die SVP. Von keiner anderen Partei werden die Themenagenda so oft bearbeitet und PolitikerInnen so oft befragt. Die Journalistinnen hecheln den Pressemitteilungen der SVP regelrecht hinterher. Warum sollen wir Bürger*innen, die bei diesen Betrieben einkaufen, über einen Aufpreis solche Schleichwerbung noch mitfinanzieren? Das rückt im übrigen auch Firmen wie die Migros, Coop, Dosenbach, Möbel Pfister etc. in ein schales Licht. So etwas wie Ethik scheint nicht mehr vorhanden zu sein.
Thomas Läubli, am 21. September 2019 um 14:06 Uhr
Ich gehöre zu den Lesern, die am 8.9.19 in der Sonntagszeitung lasen und zuerst glaubten, einen seriösen Artikel zu lesen.
Mit einem Minimum an kritischem Verstand, über den ich am Sonntagmorgen verfüge, merkte ich aber zunehmend, dass der Text „Mythen und Märchen auf dem Teller“ einer Verar...ung gleichkommt. Dies ist mir letztmals vor 30 Jahren passiert, als ich einen Text von „Dianetics» zu lesen begann, bis ich merkte, dass Scientology dahinter steckt.

Verheimlichen, was die Leute essen, vertuschen, wen sie wählen, verschleiern der Quelle, von der sie lesen, … die Palette der zum Teil staatlich gesponserten Voklsverblendern ist gross. Die Enttäuschung auch.
Reagieren kann der Normalo bloss dadurch, dass er seinen Konsum steuert.

Sonntagszeitungs-Abo, unsere Zeit ist gekommen, Abschied zu nehmen!
Daniel Weibel, am 25. September 2019 um 07:06 Uhr

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