kontertext: Wie man Rassismus weisswäscht. Ein Lehrstück

Alfred Schlienger © as
Alfred Schlienger / 22. Aug 2018 - Leider ist es nicht einfach eine Lokalposse. Sondern das Ergebnis systematischer Aufwiegelung – auch am ungeeigneten Objekt.

Der Anlass erscheint auf den ersten Blick vergleichsweise harmlos: Die lokale Guggemusig «Negro-Rhygass» feiert dieser Tage ihr 60-jähriges Bestehen mit einem Fest in der Kleinbasler Öffentlichkeit. Ein 24-jähriger Medizinstudent kommt per Zufall daran vorbei und erschrickt vor allem über das Logo der Gruppierung. Es zeigt die karikaturenhafte Figur eines Pauke schlagenden Schwarzen im Bastrock und mit Knochen im Haar – wie ein Menschenfresser.

Auch den Vereinsnamen findet der junge Mann nicht mehr ganz zeitgemäss und meldet sich deshalb bei 20 Minuten. Dort wird der Student so wiedergegeben: «Er glaube nicht, dass es vom Verein rassistisch gemeint ist. ‹Aber es ist einfach nicht reflektiert. Gerade bei einer Veranstaltung im multikulturellen Kleinbasel kann ich das nicht verstehen.› ‹Letztes Jahr wurde die Basler Fasnacht zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Ich glaube nicht, dass die Unesco Freude daran hätte.›» So weit, so sensibel und reflektiert.

Medien – dankbar für jeden Shitstorm

Nun ergiesst sich in den sozialen Medien ein Shitstorm über den Musikverein, der zur (vorübergehenden) Schliessung seiner Website führt. Die Lokalmedien greifen das Thema dankbar auf und lancieren einen Gegen-Shitstorm, an vorderster Front die Basler Zeitung mit dem sichtlichen Bemühen, die Gegnerschaft jeglicher politischen Korrektheit sowie die eingefleischten Fasnächtler auf den Plan zu rufen. Die «Krone» auf die «Debatte» setzt Noch-Chefredaktor Markus Somm mit seinem Wochenkommentar unter dem Titel «Intoleranz im Namen der Toleranz».

Es ist einer der ganz seltenen Somm-Beiträge, die sich in diesen acht Jahren überhaupt mit einem lokalen Thema befassen. Und es ist vor allem ein Paradebeispiel für die Somm-Technik des Auslassens, Verschiebens, Verhetzens und des Rundumschlags.

Die Techniken des Auslassens, Verschiebens, Verhetzens

  • Somm erwähnt das unsägliche Logo natürlich mit keiner Silbe, sondern fokussiert überausführlich einzig und allein auf den «Negro»-Namen, der nicht rassistisch motiviert sei – was der Medizinstudent ja selber schon betont hat.
  • Gleichzeitig nutzt Somm seine Attacke für eine erschreckend pauschalisierende Verunglimpfung an die Adresse all dieser «privilegierten und verwöhnten Jugendlichen und Studenten», die nichts Gescheiteres zu tun hätten, als die Welt zu verbessern. Das übliche Intellektuellen-Bashing des studierten Historikers und Industriellenerben, der eben mehr dem nationalkonservativen Gedankengut und seinem mächtigen Geldgeber verpflichtet ist.
  • Dann greift Somm zur ganz fetten kriegerischen Keule und erklärt die kritischen Einwände für einen sensibleren sprachlichen Umgang mit Minderheiten und Benachteiligten generell zu – man höre und staune – «Neutronenbomben», die «sich selbst in die Luft sprengen. Wann hören wir das erste Mal einen Jugendlichen, der seinen Kollegen als Faschisten verhöhnt, weil er das Velo nicht abgeschlossen hat?» – Wie bitte? Können Sie uns diese martialische Rhetorik und die ganz spezielle Verbindung, die Sie da herstellen, etwas genauer erklären, Herr Chefredaktor?
  • Somms populistischer Aufwisch gipfelt im Fazit, die politische Korrektheit sei ganz generell «eine Seuche geworden. Wenn wir (sic!) sie nicht aufhalten, drohen uns Verlust und Untergang.» – Geht’s noch etwas apokalyptischer? Und wer das anders sieht als Herr Somm, hat nicht nur eine andere Meinung, sondern beteiligt sich offenbar gleich an der Verbreitung einer Seuche? Ist also ein Volksschädling? Woran nur erinnert uns das so fatal?

    Und das alles im Diskurs über Toleranz, Intoleranz und Meinungsfreiheit.

Die Schädlingsbekämpfer in den Kommentarspalten

In den Kommentarspalten der Basler Zeitung – ihrem einzigen «Geschäftsmodell» – blühen denn die Schädlingsbekämpfer auch richtig auf und konkretisieren schnell und gern alle Bezüge, die Somm mit seiner Blocher-BaZ anbietet. Da kann man losdreschen auf alles Linke, Grüne, Feministische, auf Armutsbetroffene, Ausländer und Minderheiten aller Art. Hier geht die Saat auf, die dieses Kampfblatt in acht Jahren systematisch gestreut hat. Die Gemeinde der «Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!»-Brüller hyperventiliert wie im Rausch. Es ist der angestachelte, ganz «normale» Alltags-Rassismus, den die Blocher-BaZ regelmässig bewirtschaftet.

Nichts zu den Schweizer Menschenzoos

Erstaunlich auch, dass der Historiker Somm den offensichtlichsten Bezug zur «Negro»-Karikatur völlig ausser Acht lässt. Zur Zeit der Erstgründung der Guggemusig «Negro-Rhygass» im Jahr 1927 war es in Basel durchaus üblich, dass im Zoo sogenannte Völkerschauen aus Afrika und anderen Weltteilen durchgeführt wurden, zwischen 1879 und 1935 ganze 21 Mal. Wikipedia schreibt zu diesen Menschenzoo-Anlässen, die es in verschiedenen europäischen Städten gab: «Die Völkerschauen entsprachen meist nicht der Wirklichkeit und der wahren Lebensweise der Völker, sondern vielmehr einem Abbild der europäischen Klischees zu den fremden Menschen. Völkerschauen haben so wohl nicht unwesentlich zu einer Verfestigung rassistischer Haltungen beigetragen. Es handelte sich oft um eine erniedrigende Darstellung fremder Kulturen.»

Nicht alle rassistischen Phänomene entspringen einer kalten, menschenverachtenden Bösartigkeit. Oft ist es auch Gedankenlosigkeit, naive Neugier, unreflektierte Gewohnheit und Tradition – oder vermeintlicher Humor. Umso mehr lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

«Seuche» politische Korrektheit?

Solche Menschenzoos sind heute selbstverständlich völlig undenkbar. Ist ihr Verschwinden eine reine Ausgeburt der «Seuche» politische Korrektheit? – Erst in den 90er Jahren wurden diese seltsamen Phänomene auch wissenschaftlich und publizistisch aufgearbeitet, in Basel durch Balthasar Staehelin (Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879–1935. Basler Afrika Bibliographien, Basel 1993), in Zürich durch Rea Brändle (Wildfremd, hautnah. Völkerschauen und ihre Schauplätze in Zürich 1880–1960. Rotpunktverlag, Zürich 1995, erweiterte Neuauflage 2013). Die Neuauflage des gut dokumentierten Bildbandes von Rea Brändle ist in der NZZ und im Tages-Anzeiger eingehend besprochen worden. Der BaZ-Chef hätte also davon wissen können – wenn es ihn interessiert hätte.

Aufwiegelung statt Aufklärung

Aber Somms Geschäft ist eben nicht die Aufklärung, sondern die Aufwiegelung. Er bereitet mit seinem Kampfblatt den Boden, dass sich auch gemässigte Menschen irreleiten lassen. Als ginge es in diesem Fall um den Erhalt der Basler Fasnacht. Es kam, wie medial herbeigeschrieben, zu einem Solidaritätsumzug für die Guggemusig «Negro-Rhygass» im Speziellen und die ganze Fasnachts-Tradition im Allgemeinen – und im gleichen Atemzug gegen all diese nervigen Vertreter der politischen Korrektheit. «S isch Dradition», war auf einem Plakat im Umzug zu lesen, «e schwarze Ma uf wyssem Grund. Und wär schlächt dänggt derbyy, dä isch e bleede Hund.» Sauglatt.

Knapp 800 Fasnächtler fanden sich zum Umzug ein, eine recht bescheidene Zahl angesichts von über 18'000 aktiven Fasnächtlern – und doch irgendwie erschreckend. Und da auch in Neonazi-Foren zum Marsch gegen politische Korrektheit aufgerufen wurde, gesellte sich, wie die TagesWoche berichtete, auch eine Gruppe von Rechtsextremen dazu mit einschlägigen T-Shirts des Neonazi-Labels H84U und mit grossen «Fight Antifa»-Aufschriften oder der Zahl «88» für «Heil Hitler» auf der Brust.

Auf der Wettsteinbrücke bringen 50 Gegendemonstranten mit zwei Transparenten – «Racism by Tradition» und «Mit rassistischen Traditionen brechen» – den Umzug kurz zum Stoppen, ziehen sich aber bald wieder zurück. Sie werden von den Rechtsradikalen aber bis zur Genossenschaftsbeiz «Hirscheneck» verfolgt und angepöbelt. Ein Polizeiaufgebot muss das Lokal schützen.

Das Kind mit dem Bade ausschütten?

Woher kommt dieses aggressive Eifern gegen jegliche politische Korrektheit, gegen einen reflektierten Umgang mit tendenziell rassistischen Gewohnheiten und Traditionen? Dass es im Namen der politischen Korrektheit auch zu Übertreibungen und Seltsamkeiten kommt, geschenkt. Muss man deshalb das Kind mit dem Bade ausschütten? Dass man Behinderte nicht mehr als Krüppel verunglimpft, Frauen nicht als Weiber herabmindert, Afrikaner nicht als Neger und Hottentotten – ist das wirklich ein Rückschritt auf dem Weg zu zivilisierten Umgangsformen?

Und: Warum stammen die meisten rechtskräftig Verurteilten wegen Rassismus-Verstössen aus dem engsten SVP-Umfeld? Und warum werden sie von Blocher, Köppel, Somm und Adlaten regelmässig verharmlost und in Schutz genommen? «Drohen uns», wie Somm schreibt, «Verlust und Untergang», wenn wir in der Öffentlichkeit etwas kontrollierter kommunizieren und nicht nur unserem ungefilterten Selbstausdruck frönen, sondern mit ein bisschen Empathie auch einbeziehen, wie ein Bild, eine Redewendung, ein Witz bei einem Betroffenen ankommen kann?

Das Ziel: Die Ausweitung der Kampfzone

Es geht Blocher, Köppel, Somm & Konsorten eben genau um diese Ausweitung der Kampfzone. Man soll unter einem letztlich intoleranten Verständnis von Meinungsfreiheit wieder alles sagen können, was uns auch weit hinter die Errungenschaften der Aufklärung zurückkatapultieren kann. Die zügellose Meinungsäusserungsfreiheit wird zum grössten aller Werte hochstilisiert. «Das darf dumm sein, falsch, beleidigend, schlimm, unerträglich oder eben auch mutig und klug», wie der Chefredaktor in seinem jüngsten Wochenkommentar schreibt.

Ist Verhetzung klug? Ist sie mutig? Für eine Zeitung ist das angebotene Somm-Spektrum jedenfalls nicht unbedingt der geeignete Zufallsgenerator für seriösen Journalismus.

Ich weiss nicht, wie Somm in seinem Innersten tickt. Ich weiss nicht, ob er selber manchmal rassistische Anwandlungen hat. Man kann einfach feststellen, dass er mit seinen publizierten Äusserungen Menschen immer wieder dazu animiert, ihre (politische) Sau rauszulassen, auf wessen Kosten auch immer.

«Man mag sie einfach nicht»

Diese Bewirtschaftung von Ressentiments und Ausgrenzungslüsten in der Bevölkerung erinnert an ein tendenziell faschistoides Muster. Bei einem seiner frühesten Auftritte vor einem grossen Publikum im Foyer des Theaters Basel sagte Somm über Muslime wörtlich: «Man mag sie einfach nicht.» Das hat mich zu tiefst erschreckt. Und dieser Schrecken ist bis heute nicht verflogen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Alfred Schlienger, Theater- und Filmkritiker, u.a. für die NZZ; ehem. Prof. für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule; Mitbegründer der Bürgerplattform RettetBasel!; lebt in Basel.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion und Koordination), Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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7 Meinungen

Geschichte und halbintellektuelle Empörung des Tages berühren sich am Nergro aus der Rhygasse. Kürzlich schenkte ich meiner Enkelin eine „Bäbeli“ zu ihrem ersten Geburtstag. Beim Aussuchen und Entscheiden, welches Püppchen nun das richtige ist für Giulia, blieb ich an einer schwarzen Puppe hängen. Ich sah meine Schwester, Giulias Tante, vor bald 70 Jahren mit ihrem Negerbäbi spielen. Dieses Negerbäbi genoss bei meiner Schwester den höchsten Wert unter all den Bäbis. Entsprechend stand das Negerbäbi auch bei mir in höchsten Ehren. Das ist es! Dachte ich. Ein Stück Geschichte auferstehen lassen, ein Funke aus meiner Kindheit neu beleben, der kleinen Giulia einen Augenblick ihrer Vorfahren mitgeben, das begeisterte mich. Weiter erinnerte ich mich an mein Negertanti. Meine Tante war Missionarin bei den Negern im damaligen Tanganika. Viele Briefe und Fotos erreichten uns von der Missionsstation. Unser Negertanti war begeistert von ihrer Arbeit und den ihr anvertrauten Kindern, Jugentlichen und Ewachsenen. Sie vermittelte der Landbevölkerung den Umgang mit der Nähmaschine und dem Gemüseanbau. Meine erste Reisetasche, geflochten aus Palmenblätter entstammte der Hanwerkskunst von Ifakara. Dass Idi Amin und Bokassa mutmasslich Kaniballen waren, erfuhr ich Jahre später. Mir wird klar: Der Negro von der Rhygasse ist ein Zeitzeuge, sehr authentisch. Das Negerbäbi habe ich nicht gekauft, ich will mich nicht rechtfertigen. Giulia schloss ein anderes Bäbeli ins Herz.
Peter Geissmann, am 22. August 2018 um 13:47 Uhr
Ein exzellenter, wenn auch sehr betrüblicher Artikel.

Es ist mir wichtig anzumerken, dass Sie Herrn Somm immer noch viel zu viel zugestehen, wenn Sie ihn als einen Verteidiger/Verfechter der Meinungsäusserungsfreiheit ausgeben, wie hier:

"Die zügellose Meinungsäusserungsfreiheit wird zum grössten aller Werte hochstilisiert. «Das darf dumm sein, falsch, beleidigend, schlimm, unerträglich oder eben auch mutig und klug», wie der Chefredaktor in seinem jüngsten Wochenkommentar schreibt."

Herr Somm weiss nicht, was logisches/konsistentes Argumentieren ist. Denn was anderes hat denn der Medizinstudent getan als seine Meinung zu einer Sache geäussert? Absolut nichts! Der Student äusserte, was er empfindet und was seine Ansicht ist. Wenn nun aber Herr Somm nicht einfach nur seine Meinung in der Sache äussert, sondern den Studenten (verbal) angreift und - entscheidend - dafür plädiert, dass der Student seine Meinung nicht äussert, ja nicht äussern darf, dann ist Herr Somm gerade kein (!) Verteidiger der Meinungsäusserungsfreiheit und kein Verfechter dafür, dass alle Menschen ihre Ansichten äussern dürfen.

Der egozentrisch-denkende Mensch merkt nicht (bzw. will nicht nicht merken), dass er nichts mit der Verteidigung der Meinungsfreiheit am Hut hat, wenn er nur auf die Äusserung seiner Meinung (sowie jener seiner Gleichgesinnten) pocht. Die Verteidigung dieses Rechts beginnt erst gerade dort, wo eine Meinung geäussert wird, die einem widerstrebt bzw. die eigene in Frage stellt.
Stan Kurz, am 22. August 2018 um 15:43 Uhr
Sorry, aber im erwähnten Artikel der BaZ steht was anderes.

https://bazonline.ch/basel/stadt/intoleranz-im-namen-der-toleranz/story/28965820
Peter Herzog, am 23. August 2018 um 08:00 Uhr
@Stan Kurz. Haben Sie Somms Buch über Marignano gelesen? Klar hätte er über Kardinal Schiner weit besser recherchieren müssen, aber immerhin eine geistige Leistung, wie ich sei bei den Konter-Text-Autoren bisher über ihre gute Gesinnung hinaus noch kaum wahrgenommen habe. Wäre noch gespannt, was Sarah Wagenknecht über den Basler Fasnachtsrassismus denkt, wohl: Solche Sorgen sollte man haben!
Pirmin Meier, am 23. August 2018 um 11:31 Uhr
@Herzog: Was anderes als was? Die Textstellen, die Alfred Schlinget zitiert, finde ich alle wieder und seine Interpretation ist schlüssig begründet.
Markus Mauchle, am 23. August 2018 um 17:30 Uhr
Schlienger fragt rethorisch, warum es immer wieder jene gibt, die sich in der Öffentlichkeit unkontrolliert ausdrücken. Er setzt hier wie selbstverständlich den Rahmen, und es wäre gut beraten, diesen selber zu reflektieren. Der indirekt Angesprochene wird sich fragen, was sich dieser Schlienger eigentlich herausnimmt, hier in einem Herrschaftsdiskurs den (moralischen) Tarif durchzugeben. Aber Schlienger hat wenigstens zugegeben, dass es auch um Kontrolle geht. Und heutiger Stand der Forschung ist es, dass der Meinungskorridor auch in den sogenannten Demokratien massgeblich enger geworden ist.

Schlienger setzt sich moralisch auf das höhere Ross und es lässt sich fragen, ob er damit seine Argumente nicht gleich in flagranti entwertet. Denn er unterstellt immer wieder seinem Gegenüber, es sei tendenziell rassistisch, also minderwertig, obwohl seine Gründe nicht das hergeben, was er behauptet.

Die Farbcodierungen der Menschen haben sich in Europa über die Jahrhunderte geändert, Schwarzbuben und die 'schwarzen' herzöglichen Sforza waren keineswegs minder. Achille Mdembe zeigt auf, wie mit der Industrialisierung schwarz minderwertig wurde und dass somit 'schwarz' ein gebräuchlicher Ausdruck für unteres, minderes gebräuchlich wurde. Es ist nicht weiter wunderlich, oder gar rassistisch, dass sich in den 1930er Jahren eine Musikkapelle im minderen Teil von Basel sich als schwarz apostrophierte. Soviel Kontextwissen vermag aber Schlienger nicht aufbringen.
Andreas Hagenbach, am 24. August 2018 um 10:38 Uhr
Gerade erst war in einer bekannten Schweizerzeitung über Lynchjustiz an den Schwarzen in den USA zu lesen. Dies geschah noch im 20. Jh. In vielen Filmen wurden die Schwarzen dümmlich und unterwürfig dargestellt. Die Guggemusig tritt während der Fasnachtszeit auf; da kann man sich unter dem Schutz der Satire natürlich mehr erlauben. Trotzdem unterstütze ich die Ausführungen des Medizinstudenten, die er ja sehr anständig und reflektiert, im Gegensatz zum Artikel in der Basler Zeitung, vorgebracht hat. Den Namen der Guggemusig finde ich sehr grenzwertig. Anders beurteile ich die Karikatur mit der Pauke. Dies ist eine Beleidigung der vielen Opfer und der Schwarzen allgemein. Nach diesen historischen Erfahrungen und auch wegen des neu aufkommenden Rassismus gehört diese Darstellung nicht in die heutige Zeit. Die Wortwahl Somms ist nicht zu entschuldigen. Es scheint, dass er bewusst einen Shitstrom einleiten wollte. Alfred Schlienger ist zu danken. Zu hoffen ist, dass die Basler Zeitung sich in ihren Artikeln über Israelkritik und Antisemitismus ebenfalls für mehr Meinungsfreiheit und Toleranz einsetzt. Dies erkennt man z.B. weniger, wenn Herr Klein die Kompetenz des Nahostexperten Michael Lüders mit einem beleidigenden Vergleich ins Lächerliche zieht.
Martin Kaufmann, am 24. August 2018 um 18:03 Uhr

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