Pokémon GO auf dem Smartphone © cc Darren Mark Domirez

Pokémon GO auf dem Smartphone

Pikachu real im Park jagen

Heinz Moser / 15. Jul 2016 - Der Hype um das neue Smartphonespiel Pokémon GO ist riesig. Und dabei ist es ein Abklatsch der 90er Jahre.

In den 90er Jahren waren die Pokémons ein Hit im Kinderzimmer. Die Videospiele und die Sammelkarten mit den knuddligen kleinen Monstern mit ihren künstlichen Gestalten trafen den Nerv der Kinder. Der Siegeszug des damaligen Nintendo Game Boy verdankt sich nicht zuletzt dem Pokémon-Spiel: Hier schlüpfen die Gamer in die Rolle von Trainern, welche Pokémons fangen und danach trainieren. Sie kämpfen dann mit ihren Pokémons gegen die Teams anderer Trainer. So sollten in speziellen Pokémon-Arenen zahlreiche Orden errungen werden, um die Besten der regionalen Liga herauszufordern und zu besiegen. Gleichzeitig versuchen die Spieler, alle im Spiel existierenden Pokémon zu fangen und zu katalogisieren. Sammelkarten mit Pokémons waren unter den damaligen Kindern ausserordentlich beliebt.

Auch die Eltern waren mit dem Pokémon-Spiel ihrer Sprösslinge zufrieden. Denn die harmonisch gestaltete Welt von Pokémon wurde nicht zuletzt als Alternative zu gewalthaltigen Computerspielen gesehen und passte viel besser ins Kinderzimmer.

Doch nach dem Jahr 2000 legte sich das Interesse an den Pokémons. Unter Jugendlichen galten sie nur noch als «Kinderkram». Umso erstaunlicher ist es, dass nun fast 15 Jahre später der Pokémon-Boom aufs Neue grassiert.

Pokémon ein Riesenthema für die Presse

«Blick am Abend» klärt seine Leserinnen und Leser über das neue Pokémon-GO-Spiel auf, obwohl es in der Schweiz noch gar nicht erhältlich ist und titelt: «So funktioniert die Schweizer Pokémon-GO-Szene.» Etwas Neid steckt auch dahinter. Denn nach den USA und Australien soll es schon diese Woche in Neuseeland und Deutschland ein offizielles Pokémon-GO-Release geben, nicht aber in der Schweiz.

Doch was steckt dahinter, dass ein Uralt-Spiel aus den 90er Jahren plötzlich als Aufreger von der gesamten Weltpresse diskutiert wird? Hier nur einige Schlagzeilen: «Nintendos Pokémon GO: Die Magie der Monster» (Spiegel Online); «Riesenhype: ‘Pokémon GO’ wird nun öfter gesucht als Pornos» (derStandard.at); «Pokémon GO: Der Mega-Hype verrät alles über meine Generation»; «IT'S A MONSTER. Brits have gone crazy for Pokémon GO» (The SUN); «What is really behind the Pokémon GO craze» (The Washington Post).

Was den Hype um Pokémon-GO ausmacht

Die virale Verbreitung des auf Android und dem iPhone erhältlichen Spiels zeigt auf, dass hier ein Nerv der Zeit getroffen wurde. Die Antwort der «Washington Post» auf die Frage, was hinter dem Hype steckt, bringt einige der Gründe auf den Punkt:

«Das Spiel ist vielleicht die erste reale Erfolgsstory der Nutzung von Technologien der Augmented Reality, welche die digitale und die reale Welt miteinander vermischt. Der kombinierte Effekt enthält etwas von Vogelbeobachtung, von Geocaching, und von Trophäenjagd – alles mit einer starken Dosis von Nostagie aus der Mitte der 90er Jahre».

«Augmented Reality» ist denn auch das Stichwort, welches das grösste Interesse erzeugt. Der Begriff bezieht sich auf eine Erweiterung der Realität, indem in die reale Welt zusätzliche digital produzierte Informationen eingeblendet werden. So können Navigationssysteme zusätzliche Informationen zum Verkehr auf der Windschutzscheibe darstellen. Oder Computernutzer können mithilfe einer Augmented Reality-App Kleidungsstücke virtuell anprobieren.

Allerdings sind Situationen im Alltag noch selten, wo Augmented Reality eingesetzt wird. Da ist die Pokémon-GO App ein gefragter Beleg für die Massentauglichkeit von solchen Anwendungen. Schliesslich passt Pokémon-GO von seiner Konzeption her ganz genau auf das Konzept der Augmented Reality. So fordert die Website von Pokémon GO die Spieler auf:

«Reise mit Pokémon GO für iPhone und Android-Geräte zwischen der echten Welt und der virtuellen Welt der Pokémon hin und her! Mit Pokémon GO kannst du in einer völlig neuen Welt nach Pokémon suchen – und zwar in deiner eigenen! Pokémon GO basiert auf der 'Real World Gaming'-Plattform von Niantic und verwendet echte Standorte, um Spieler dazu zu ermutigen, überall in der echten Welt auf die Suche nach Pokémon zu gehen.»

Und es sind nicht nur Kinder und Jugendliche welche Pokémon GO für sich entdecken. Die Generation der Dreissigjährigen ist nach Bildern aus der USA genauso vom Pokémon-Virus angesteckt. Denn sie war es, die vor 20 Jahren auf ihren Game Boys die Pokémons entdeckt hatte und nun neugierig die neue Version damit vergleicht.

Der Markt der Computerspiele wird revolutioniert

Damit wird aber eine Revolution des Computerspielmarktes eingeläutet, deren Tragweite noch gar nicht absehbar ist. In Zukunft werden Computerspiele nicht mehr in künstlichen Bildschirmlandschaften stattfinden, sondern in Zwischenwelten, die Elemente der realen und der virtuellen Welt gleichzeitig umfassen. Das traditionelle Computerspiel, das in den künstlichen Welten von Spielkonsolen oder von PC Bildschirmen stattfand, hat ausgedient. Spiele werden in Zukunft immer mehr mobil mit Hilfe des Smartphones in solchen «Zwischenwelten» gespielt.

Für die Firma Nintendo und den für Pokémon GO verantwortlichen Spielehersteller Niantic ist dies eine grosse Chance, den Markt der Computerspiele aufzumischen und auf eine neue Weise – mit Apps statt ganzen Spielkonsolen – die Marktführerschaft bei der zukünftigen Spielewelt einzufordern. Das zeigt sich auch an der Börse, wo die Nintendo Aktie letzte Woche insgesamt um 59 Prozent zulegte – natürlich allein wegen Pokémon.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

2 Meinungen

Ich habe es schon drüben bei Journal 21 geschrieben: Niantic ist eine Ausgründung von Google, nicht von Nintendo. Und deren erster Hit «Ingress» bediente sich ebenfalls bereits der erweiterten Realität (augmented reality) als Spieleprinzip. Recherche?
Michael Gisiger, am 15. Juli 2016 um 10:46 Uhr
"Brot und Spiele» eben. Das haben schon die Alten Römer dem Volk vor die Füsse geworfen. Und es hat immer funktioniert. Erstaunlich! Sehr erstaunlich! Aber offenbar Homo Sapiens-tauglich.
Ruth Obrist, am 16. Juli 2016 um 23:43 Uhr

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