kontertext: Lob des Gratis-Journalismus

Guy Krneta © Ayse Yavas
Guy Krneta / 12. Mai 2019 - Die Kultur wird wesentlich von Freiwilligen getragen. Warum sollte das im Journalismus nicht auch der Fall sein?

Wir leben in journalistischen Pionierzeiten. Die Finanzierungsmodelle brechen ein, der Journalismus emanzipiert sich von der Werbewirtschaft, Schreibende sind in der Lage, sich direkt an ihr Publikum zu wenden. Gleichzeitig nehmen Interessensgruppen vermehrt mit pseudojournalistischen Methoden Einfluss auf die Öffentlichkeit. Noch weiss niemand, wie der Journalismus der Zukunft aussieht und vor allem: Wie er sich finanziert. Aber es gibt ein paar bemerkenswerte Entwicklungen, die in Zukunft eine Rolle spielen könnten. Eine davon ist die unbezahlte Freiwilligenarbeit. Die Kultur kennt das System seit je. Ohne Freiwillige gäbe es keine Bibliotheken und kaum Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen. Und ohne spielfreudige Laien hätten die Profis einen schweren (noch schwereren) Stand. Warum soll die Freiwilligenarbeit nicht auch dem Journalismus gute Dienste erweisen?

Journalistische Freiwilligenarbeit

Etliche journalistische Online-Portale werden heute ausschliesslich oder hauptsächlich durch Freiwilligenarbeit betrieben. Prominente Beispiele sind Journal21, Infosperber oder das Berner Journal B (es könnten zahlreiche andere genannt werden). Alle drei sind ungefähr gleichzeitig entstanden, vor acht Jahren, und leben von viel Gratis-Arbeit von pensionierten Journalist*innen und Kulturschaffenden. Es sind professionelle Seiten, die sich an die ethischen und handwerklichen Regeln des Journalismus halten und also beispielsweise vom Presserat gerügt werden könnten. Dass für Journal21 mehrheitlich ehemalige Festangestellte arbeiten und für Infosperber tendenziell die Freien und früheren Chefs, ist wohl Zufall. Vielleicht hängt es auch von den Netzwerken einzelner Personen ab, um die herum die Plattformen entstanden sind. Journal B wiederum startete mit einer bezahlten Redaktion von vier Personen, die nach neun Monaten, mangels weiterer Finanzmittel, entlassen wurde. Seither funktioniert die Seite beachtlich im Milizsystem. Es fällt auf, dass die besser dotierten Plattformen wie zentralplus, die frühere TagesWoche oder die Republik es bisher nicht geschafft haben, sich durch journalistische Freiwilligenarbeit zu ergänzen. Vielleicht ist es schwieriger, Leute für Gratisarbeit zu gewinnen, wenn erst mal ein bisschen Geld da ist. Vielleicht haben es die Plattformen bisher auch nicht versucht und gewollt.

Gratis und bezahlt

Dass es nicht unproblematisch ist, wenn es im gleichen Medium bezahlte und unbezahlte Arbeit gibt, weiss auch Willi Egloff. Egloff ist Mitgründer von Radio RaBe und Journal B. Das Thema sei immer wieder in den verschiedenen Phasen diskutiert worden. Als Radio RaBe vor fünfundzwanzig Jahren entstand, habe man bewusst auf Gratisarbeit gesetzt, allfällige Einnahmen für bezahlte Sendungen flossen in den gemeinschaftlichen Topf. Die Sendungsverantwortlichen mussten gar eine «Abgeltungsleistung» erbringen, um Sendungen produzieren zu dürfen. Die «Abgeltungsleistung» besteht nach wie vor und beträgt zehn bis zwanzig Franken pro Monat. Wer sich über die eigene Sendung hinaus fürs Gesamtmedium engagiert, dem wird sie nach einem Punktesystem ganz oder teilweise erlassen. So entstehe auch die grössere Identifikation mit dem Sender, erklärt Michael Spahr, Redaktor bei «RaBe Info», dem journalistischen Flaggschiff. Rund 200 Freiwillige sorgten für regelmässige Sendungen, in fünfzehn bis zwanzig Sprachen. Zu den Freiwilligen kämen Leute aus Beschäftigungsprogrammen, pensionierte Radioleute und unbezahlte Praktikant*innen. Acht bis zehn Personen werden mittlerweile für ihre Tätigkeit in den Bereichen PR, Fundraising, Event, Technik, IT, Musikredaktion und Programmkoordination entschädigt. Eine Redaktion von vier Journalist*innen teilt die 200 Stellenprozente für «RaBe Info». Jeder Ausbauschritt sei mit Diskussionen verbunden gewesen, was warum entschädigt werde, erzählt Egloff.

Konkurrenz zu den Freien?

Ob mit Freiwilligenarbeit nicht die Arbeit der freien Journalist*innen konkurrenziert werde, wurde Urs P. Gasche zu Anfang öfters gefragt. Gasche ist Initiant und Gründer von Infosperber. Er hatte daraufhin ein ganzes Argumentarium ausgearbeitet, warum das nicht der Fall sei. Infosperber publiziere, «was andere übersehen». 80 Prozent der Texte könnten wegen ihres Inhalts oder ihrer Form in keinem anderen Medium erscheinen, ist Gasche überzeugt. In begrenztem Mass schaffe Infosperber vielmehr Verdienstmöglichkeiten für Freie. Fast 300'000 Franken würden heute an Spendengeldern aufgetrieben. Sämtliches Geld fliesse in den Journalismus. Die Kriterien sind klar und einleuchtend: Journalist*innen im Erwerbsalter werden entschädigt, Pensionierte schreiben gratis. Schliesslich wurde die Freiwilligenarbeit stark ausgeweitet: Pensionierte verschiedener Berufe kümmern sich heute um Buchhaltung, Grafik, Marketing, Korrektorat und Übersetzungen.

Freiwilligen-Journalismus

Welche Vor- und Nachteile Freiwilligen-Journalismus habe, wollte ich von Gasche, Spahr und Egloff wissen. – Viele Journalist*innen schätzten die inhaltlichen und formalen Freiheiten, die sie bei Verlagen nicht hätten, sagt Gasche. Als ergänzendes Medium gebe es bei Infosperber keinen Pflichtstoff, die Inhalte würden von den Autor*innen bestimmt. – Auch Egloff lobt die Themenbreite, die durch unterschiedlichste Autor*innen entstehe. Damit verbunden sei jedoch fehlende Konstanz. Und noch einen Aspekt erwähnt Egloff mit Blick auf Journal B, für das auch aktiv politische Menschen schreiben: Die grosse Nähe mancher Schreibenden zu ihren Themen. So wüssten sie zwar vieles, seien aber zu befangen, um es schreiben zu können. Gerade bei der Lokalberichterstattung – dem Kerngebiet von Journal B – wünscht sich Egloff bezahlte, unabhängige Journalist*innen. – Und wie wird mit Beiträgen verfahren, die den handwerklichen oder medien-ethischen Ansprüchen nicht genügen? Spahr erzählt von einer Sendung, welche erst nach einiger Zeit von der ebenfalls freiwilligen (und daher nicht allzu häufig tagenden) Programmkommission abgesetzt worden sei. Die Sendung habe sich auf dubiose, verschwörungstheoretische Quellen gestützt. Die Absetzung habe dann einigen Wirbel verursacht. Schwierig könne es allenfalls auch bei fremdsprachigen Sendungen werden, die man mangels Sprachkenntnissen selber nicht verstehe und bei denen man also rundum den Verantwortlichen vertrauen müsse.

Interessant wäre hochzurechnen, mit welchem Geldwert Freiwilligenarbeit bei einzelnen Medien beziffert werden könnte, wenn sie denn bezahlt werden müsste. Gerade im Hinblick auf die Diskussionen um direkte Medienförderung wären solche Zahlen vielleicht hilfreich. Um beim Beispiel von Radio RaBe zu bleiben: Werden die 600'000 Franken, die aus Serafe-Gebühren stammen, durch Freiwilligenarbeit verdoppelt, verdreifacht, verixfacht?

Freiwilligen-Journalismus als Ergänzung

Der Freiwilligen-Journalismus wird das Finanzierungsproblem des Journalismus nicht lösen. Er kann im Zusammenspiel mit Spenden, Stiftungsgeldern und öffentlicher Förderung eine Rolle spielen. Einem Medium wird Glaubwürdigkeit und Identität verliehen, wenn Pensionierte ihr Wissen und ihre Netzwerke weiterhin zur Verfügung stellen, wenn Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden freizügig das Wort erteilt wird. Die Plätze dafür sind in anderen Medien knapp geworden. Es könnte eine Herausforderung für die Medien der Zukunft werden, Systeme zu entwickeln, die Festangestellte, Freie, Freiwillige und Stimmen aus der Community klug verbinden.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Guy Krneta, geboren in Bern, lebt als freier Autor in Basel. Er schreibt Theaterstücke und Spoken-Word-Texte. Krneta ist Mitinitiant der Aktion Rettet-Basel. Dieser Beitrag wurde in Freiwilligenarbeit verfasst. Der Autor ist zwar professionell, aber nicht Journalist, und unterstützt mit seiner Arbeit das unabhängige Online-Medium Infosperber.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Matthias Zehnder.

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3 Meinungen

Eine gute Idee finde ich das, sofern nur ausgebildete Profis eingebunden sind. Ich bin, respektive war, seit 54 Jahren schreibender Journalist und Fotoreporter. Als ich nach 20 Jahren Selbständigkeit das Pensionsalter 65 erreicht hatte, spürte ich nichts. Keine Feier, kein Absturz, keine Euphorie – einfach nichts. Der Virus Journalismus ist so tief in meinen Genen, dass er nicht mehr daraus entfernt werden kann. Der Grund ist einfach und banal. Ich wurde als sehr neugieriges Kind geboren, das alles wissen und alles können wollte. Diese Neugier hat mich zum Journalismus getrieben. Leider wurde ich ein Opfer der wirtschaftlichen Entwicklung der Medien und wie viele Berufskolleginnen und -Kollegen bin ich heute auf soziale Unterstützung angewiesen. Wie schön war es damals im Zeitalter der analogen Fotografie, als ich dem «Stern» ein Schwarzweiss-Foto für 700 DM verkaufen konnte oder einer Werbeagentur ein Farbfoto für 1200 Franken. Von Zeitungen und Zeitschriften wurden Farbfotos mit 200 bis 300 Franken entschädigt. Heute sind ein Zehntel davon die Regel. Für Null und Nichts zu arbeiten bin ich mir (privat) gewohnt, aber meine technische Infrastruktur ist nicht gratis zu haben (iMac, iBook, iPhone, Scanner, Drucker, Kameras, Objektive, Blitzgeräte, Stative usw.) Sie müssen versichert, bewirtschaftet, unterhalten und hie und da repariert oder ersetzt werden. Das kann und darf nicht gratis sein. Also ganz kostenlos geht es halt einfach nicht. Billig ist okay, gratis aber nicht.
Felix von Wartburg, am 13. Mai 2019 um 03:11 Uhr
Nichts gegen die kluge Verbindung von Festen, Freien, Freiwilligen und gelegentlichen Stimmen. Allerdings: wir alten, pensionierten GratisarbeiterInnEn leben von der Vergangenheit, von den Pensionen und Renten, und die ehemaligen Chefs leben besser davon als das ehemalige Fussvolk. Nur: die nächste Generation wird nicht von der Vergangenheit leben können, wenn sie so alt sein werden wie wir jetzt sind. Ihr Projektdasein ist jetzt schon prekär. In den meisten Fällen jedenfalls.
Felix Schneider, am 14. Mai 2019 um 17:15 Uhr
@Felix Schneider: Ja, so ist es. Der Pensioniertenjournalismus wird auch eine Übergangserscheinung sein. Aber vermutlich gibt es nächstens nur noch nur Übergangserscheinungen, oder wie es Rainer Stadler mal im Gespräch formuliert hat, der Journalismus wird so ein bisschen zum «Bretterbudenbusiness».
Guy Krneta, am 17. Mai 2019 um 12:55 Uhr

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