Zu klein für die Welt, zu gross für die Schweiz?

Stephan Russ-Mohl © European Journalism Observatory EJO
Stephan Russ-Mohl / 29. Apr 2014 - Die Medienvielfalt ist gefährdet wie nie zuvor. Die Kleinen haben gegen die Grossen der Branche vermutlich keine Chance.

Grossorganisationen, öffentlich finanzierte zumal, entfalten ein Eigenleben und eine Eigendynamik – auch dann, wenn man sie «eigentlich» nicht mehr braucht. Als erster hat dies Cyril Northcote Parkinson am Beispiel der britischen Marine auf den Punkt gebracht: Nach dem ersten Weltkrieg schrumpfte die Flotte des Vereinigten Königreichs, gleichzeitig wuchs die Truppe der Hafenarbeiter, welche die Schiffe versorgten, und der Wasserkopf der Admiralität – letzterer sogar überproportional.

Auch andere Bürokratien sind von Parkinsons «Gesetz» und obendrein von Zielverschiebung bedroht – vor allem dann, wenn sie sich, wie die öffentlichen Rundfunkanstalten in Europa, im Wesentlichen selbst kontrollieren. Die Kontrollgremien sind oftmals mit Parlamentariern bestückt, die ihrerseits davon abhängig sind, dass das Fernsehen positiv über sie berichtet.

Sie betrachten den Rundfunk als ihr liebstes Spielzeug und nicht so sehr als einen wuchernden Apparat, den es in Schranken zu weisen gälte. In Deutschland hat immerhin soeben das Bundesverfassungsgericht ein kleines Zeichen gesetzt und dafür gesorgt, dass im Rundfunkrat des ZDF ein paar Politiker weniger sitzen.

Zeitgleich haben wir in Lugano anlässlich des 10. Geburtstags des European Journalism Observatory einen Seminarzyklus veranstaltet, um im Gespräch mit internationalen Experten die Zukunftschancen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Radios auszuloten. Mit beteiligt waren der Tessiner Journalistenverband und CORSI, die Kooperative, die den öffentlichen Rundfunk in der italienischen Schweiz trägt.

Abschluss und Höhepunkt der Veranstaltungs-Serie war ein Streitgespräch zwischen dem Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), Roger de Weck, und dem Finanzier Tito Tettamanti, der seit Jahren auch im Zeitungsgeschäft mitmischt. Tettamanti verblüffte seine Zuhörer zunächst mit einem ganz simplen Trick: Er zog das Schweizer Fernsehprogramm des Vortags aus der Sacco-Tasche, verlas es – und stellte anschliessend die nicht ganz unberechtigte Frage, was denn daran nun wirklich «service public» sei… De Weck konterte, indem er vor allem auf die vielfältigen Kulturleistungen verwies, die ohne SRG nicht erbracht würden.

Ansonsten haben sich im Verlauf des Zyklus drei Einsichten herauskristallisiert, die ich für mitteilenswert halte: Erstens sind alle triftigen Gründe, die dereinst in Europa zu der Entscheidung geführt haben, den Rundfunk öffentlich und nicht privatwirtschaftlich zu organisieren, durch die Digitalisierung und das Internet obsolet geworden. Man muss von Grund auf neu nachdenken, welche Rolle ein öffentlicher Rundfunk, der zwangsläufig mehr und mehr zu einem öffentlichen Internet-Anbieter wird, spielen soll.

Zweitens gilt es, genau hinzuschauen – und hier konnte Roger de Weck Punkte sammeln: Dort, wo es im Sender eine entsprechende Kultur des Service public, des «öffentlichen Dienstes» im Wortsinn des Dienens gibt, bleibt er ein wichtiger Kulturträger, ein Instrument der nationalen Integration und auch des Minderheitenschutzes. In der Schweiz und wohl auch weiterhin in Grossbritannien (trotz mancherlei Krisen, durch die die BBC getorkelt ist), gibt es solch eine Kultur. In anderen Ländern, zum Beispiel in Italien, ist die Tendenz der Politiker und Programmacher, die RAI als Selbstbedienungsladen zu betrachten, sehr viel ausgeprägter. Dass selbst in Deutschland und Grossbritannien Rundfunkintendanten mehr verdienen als der britische Premierminister oder die deutsche Bundeskanzlerin, dürfte ein weiteres Indiz dafür sein, wie es um die Mentalität des Dienens bestellt ist – der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her.

Drittens ist in der Schweiz die SRG ein Gigant, im weltweiten Wettbewerb dagegen eine kleine Sprotte im Haifischbecken. Möglicherweise sind die öffentlichen Rundfunkanstalten – selbst Kolosse wie die BBC, die ARD und das ZDF – viel zu klein, um sich den eigentlichen Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu stellen: Es gälte zu verhindern, dass Giganten wie Google und Facebook auf ihren Märkten immer mehr zu Monopolisten werden, unser aller Privatleben ausforschen und obendrein zunehmend als Schleusenwärter agieren, die mit ihren Algorithmen fernsteuern, was jeder einzelne von uns über die Welt erfährt.

Andererseits sind BBC, ARD und ZDF, aber auch die SRG mit all ihren Gebührenmilliarden zu gross, als dass sich kleinere Wettbewerber aus der Verlagsbranche, die sich privat finanzieren müssen, im Internet mit eigenen multimedialen Angeboten gegen sie behaupten könnten. Für die Schweiz heisst das, dass ausser der SRG wohl nur die Tamedia und vielleicht noch Ringier eine Chance haben, im beinharten Online-Wettbewerb zu überleben. Für die NZZ sehe ich eine Chance, wenn es ihr gelingt, eng mit ausländischen Titeln wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Presse in Wien zu kooperieren.

Die Medienvielfalt ist gefährdet wie nie zuvor. Die Schaffhauser Nachrichten, La Regione und Le Temps haben gegen die Grossen der Branche, auch gegen die SRG und ihre Ableger in der Romandie und im Tessin, vermutlich keine Chance.

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Diesen Beitrag haben wir von der Internetseite des European Journalism Observatory EJO übernommen.

Erstveröffentlichung in der Werbewoche vom 17. April 2014

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Stephan Russ-Mohl ist Direktor des European Journalism Observatory EJO und Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano.

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Eine Meinung

Wo tatsächlich ein nicht eigenfinanzierbarer 'service public' erbracht wird, kann eine öffentliche (Mit-)Finanzierung ja angebracht sein. Aber bestimmt nicht mit dieser ausgesprochen unsozialen Finanzierung über Kopf- bzw. Familiensteuern - die erst noch durch deren seperate Erhebung via eine so ineffiziente wie überflüssige Organisation zusätzlich aufgebläht werden. Was im öffentlichen Interesse ist, soll auch über öffentliche Mittel finanziert werden. Also aus dem allgemeinen Steuertopf! (...oder aber gar nicht ;0)
Th. Brunner, am 30. April 2014 um 13:16 Uhr

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